Patchouli und Kaulquappen
Von Leonie hörte ich zum ersten Mal diese vier Buchstaben, die mir wie ein großes Geheimnis vorkamen und die meine Jugend einläuten sollten. Punk.
Leonie war kein Mädchen, nach dem sich die Jungs umdrehten. Sie war groß und das, was man kräftig nennt. Alles an ihr schien ein bisschen schwabbelig, sie war das erste Mädchen in der Klasse, die ihren BH nicht trug, weil sie sich damit erwachsen fühlte, sondern weil es notwendig war, ihre Wange zierte ein großer Leberfleck, aus dem lange, schwarze Haare wuchsen und unter ihrem Pulli lebte eine Ratte, die Arschloch hieß. Mit vierzehn hat sie mir erzählt, dass sie in einen Jungen verliebt ist und dass sie alles mit ihm gemacht hat, nur geschlafen hat sie nicht mit ihm. Und dass sie sich nicht mehr gewaschen hat seither. Das glaubte ich ihr sogar, denn sie roch noch ranziger als sonst.
Sie lachte laut und dröhnend, riss derbe Witze und schlug auch mal zu, wenn ihr danach war. Sie war das größte Mädchen der Klasse, größer selbst als die Jungs und stärker auch. Beim Armdrücken hatte keiner von ihnen eine Chance. Und während die anderen Mädchen in der großen Pause sicht mit Gummihüpfen die Zeit vertrieben, klauten wir bei Penny Süßigkeiten. Doch wenn sie am Klavier saß und sang, dann konnte man nicht glauben, dass das derselbe Mensch war, dieselben Hände, die einem so kräftig auf den Rücken schlagen konnte, dass einem die Spucke wegblieb, tanzten flink über die Tasten und ihre Stimme, die sonst nur für Obszönitäten aller Art zuständig war, war so warm, so tief, mir liefen jedes Mal kleine Schauer über den Rücken und ich verdrückte einige Tränen, denn ich wollte nicht, dass sie mich weinen sieht.
Leonie war es, die zum ersten Mal in meiner Gegenwart diese vier Buchstaben aussprach, die mir wie ein großes Geheimnis vorkamen und die meine Jugend einläuten sollten. Punk. Sie war es auch, die mich zu meinem ersten Punkkonzert mitschleppte.
Zur gleichen Zeit hatte ich großen Ärger mit meiner Mutter wegen meiner Krötenzucht. Ich hatte mitten im Garten ein kleines Biotop angelegt. Eine alte Badewanne, die seit Jahren in der Scheune vor sich hinstaubte, hatte ich mit der Sackkarre mitten unter den Lieblingskastanienbaum meiner Mutter gekarrt, Wasser eingelassen und ein paar Wochen gewartet, bis die ersten Algen wuchsen. Dann pilgerte ich zu einem Tümpel im Wald, packte einen Klumpen Kröteneier in einen Gefrierbeutel und setzte sie in meinem Biotop aus. Mein Experiment begann ein bisschen zu stinken mit der Zeit und das war der Grund, weshalb meine Mutter ärgerlich wurde, denn sie wollte partout nicht einsehen, dass der beste Platz für mein Experiment unter ihrem Baum sein musste. Jedenfalls herrschte deshalb eine schlechte Grundstimmung und als ich ein Loch in meine beste Jeans riss und ihr erklärte, dass ich jetzt Punk war und am Wochenende ein Konzert besuchen werde, war der Ärger perfekt. Meine Mutter fand, dass ich zu jung war um drogensüchtig zu werden und verbot mir aus dem Haus zu gehen.
Klassisch pubertär ging ich natürlich trotzdem hin. Wir hatten uns extra spät auf den Weg gemacht, aber extra spät ist immer noch zu früh, das war meine erste Lektion als Punk. Aufgeregt schritt ich hinter Leonie die Treppen ins Juze hinunter, das im Keller des örtlichen Vereinssporthauses angesiedelt war. Die ursprünglich nackten Betonwände waren mit buntem Graffiti übermalt und auf den alten Sofas lagen zwei Jungs mit bunten Haaren und schliefen. Auf einem Podest bauten gerade ein paar Leute Instrumente auf, ansonsten war niemand da. Leonie umarmte alle und stellte mich vor. Sie kannte Jungs, die in einer richtigen Band spielten. Und ich kannte jetzt auch Jungs, die in einer richtigen Band spielten. Gleichgültig sagte ich Hallo.
So langsam trudelten die ersten Gäste ein, bis es plötzlich so voll war, dass die Leute dichtgedrängt standen. Überall bunte Haare oder kahlgeschorene Schädel oder eine Mischung aus beidem und ich nippte an meinem Bier und fühlte mich so cool wie noch nie in meinem Leben. Doch kaum spielte die Band die ersten Takte, überkam mich ein Brechreiz und ich rannte nach draußen und kotzte auf den Fußballplatz. Von dem Konzert hatte ich genug und ging nach Haus in mein Bett.
Leonie vermutete, dass es am Bier lag und so ließ ich beim nächsten Konzert das Bier weg und kotzte trotzdem. Es war immer das gleiche, kaum war der Raum voll und das Konzert begann, musste ich kotzen. Das war schrecklich, weil ich doch so gerne Punk sein wollte und ein Punk, der bei Punkmusik kotzen muss, ist kein Punk. Das stand fest.
Währenddessen wuchs mein Eierklumpen, die Kaulquappen schlüpften und schwammen munter umher. Dass mein Biotop inzwischen nicht nur unter dem Kastanienbaum stank, sondern im ganzen Garten, war die kleinere Sorge meiner Mutter. Gedanklich sah sie ihre Tochter bereits wie sie ihren Körper am Bahnhof Zoo verkaufte um ihre Heroinsucht zu finanzieren oder so etwas in dieser Richtung. Ich hatte allerdings wiederum andere Sorgen, denn bevor ich Drogen nehmen konnte, musste ich erst mal aufhören zu kotzen.
Die Kaulquappen hatten inzwischen Füße bekommen und sahen schon aus wie kleine Kröten, aber das interessierte mich nicht mehr. Leonie hatte eine Idee, ich sollte mich nach und nach an die Musik gewöhnen und das funktionierte wunderbar. Ich saß in ihrem Zimmer und sie legte eine CD nach der anderen ein, ohne dass ich auch nur ansatzweise mein Magen rebellierte. Bis sie ein Räucherstäbchen anzündete. Das ist Patchouli, sagte sie, und das riecht total geil. Ich rannte zum Klo. Es war also nicht die Musik, es war der Geruch. Nein, ich würde wohl nie cool werden, das musste ich bereits in jungen Jahren erkennen.
Irgendwann waren die Kröten plötzlich verschwunden und ich ließ das Wasser ab und karrte die Badewanne wieder in die Scheune und meine Mutter konnte abends wieder ungestört unter ihrem Baum sitzen. Bis zum folgenden Jahr, da kamen die Kröten zurück und quakten ungehalten, weil ihr Tümpel weg war.

Kommentare
He he he, ich musste direkt an das Jungendzentrum meiner Heimatstadt denken, es hiess ähnlich, direkt nebenan war ebenfalls ein Fußballplatz, bzw. Stadion, und es gab dort "Themen"abende, unter anderem auch sehr beliebte Punkpartys ! :D
03.02.2011, 20:14 von topfbluemchenJa, mit den Kaulquappen ist das immer so eine Sache...
25.02.2010, 19:15 von kaulquappenmassaker;)
suße geschichte
21.08.2008, 14:56 von schaefchen2Wie schön. =) Auch wenn es schon eine Millionen andere Empfehlungen gibt.. Ich schließ mich an.
23.02.2008, 13:48 von SchildkroetenpopelSelten so geschmunzelt.
yeah.
18.02.2008, 22:19 von Wie_ein_Schimmerein Punk, der bei Punkmusik kotzen muss, ist kein Punk. Das stand fest.
:D
Danke für diesen wundervollen Text. Wirklich ganz groß!
14.11.2007, 23:28 von krakeWaaah, ich hasse Patchouli! Ich hab mal im Internat mit einem Maedchen auf nem Zimmer gewohnt, die war auch der Meinung sie waere Punk und hat angefangen sich mit Patchouli einzuspruehen. Dabei hat sie mir erzaehlt, dass das fuer viele Menschen nach Tod, fuer jeden siebten aber anders riecht. Fuer sie roch es (angeblich) nach Blumen und Wiese und so. Und darunter musste ich dann leiden...
23.09.2007, 16:24 von wingedHerrlich, ich schmeiß mich weg vor Lachen und werde den Text sofort empfehlen :)
30.08.2007, 16:08 von schokosucht