lilko 30.11.-0001, 00:00 Uhr 90 88

One-morning-lay

Er hat mir Rühreier gemacht. Ich die Wohnung geputzt. Er in meiner Nase gebohrt. Ich seine Wand mit Kaffee angespuckt. Und dann hatten wir Sex.

Das mit den One-morning-lays fing an, als ich das erste Mal betrunken auf seinem grauen Sofa einschlief, während er - in eine Graswolke gehüllt - ein selbstgeschriebenes Lied sang, den Wischmopp als Mikrophon in den Händen schwingend. Als ich erwachte, lag ich in seinem Bett, die Nase an seiner rechten, wohlriechenden Achselhöhle. Er schnarchte lieblich. Ich steckte ihm zusammengerolltes Zigarettenpapier ins Ohr. Dann legte ich mich probeweise auf ihn. "One-morning-lay" nuschelte er verschlafen und bierfahnenbegleitet in mein Gesicht. "Was?" nuschelte ich ihn imitierend zurück.

Und dann verstand ich. Wir hatten keinen One-night-stand. Schließlich schien die Sommersonne wohltuend durch die weißen Ikearollläden, die Vögel zwitscherten und der Geruch von thüringer Klößen wehte durch das offene Fenster. Und wir standen auch nicht, ganz im Gegenteil, wir lagen harmonisch in- und übereinander gewickelt in seinem kaffeebefleckten Bett, das Blut staute sich- wenn überhaupt- in unseren Fingerspitzen, mit denen wir uns freundschaftlich die Ohrläppchen massierten. Dann verprügelten wir uns ein bisschen und nur zum Spaß, um wach zu werden, er gewann und ich mußte mich ergeben in die Küche trollen, um Pizza, Kaffee und Wodka anzurichten.

Die Tage und Wochen vergingen mit Scrubsguckerei, Bettwäschengekaufe und gepflegten Besäufnissen. Gelegentlich besuchten wir gemeinsam die örtlichen Kneipen und Tanzhallen, und dann und wann kam es vor, dass wir beide, zusammengerollt wie zwei Katzen, arm in arm einschliefen, den schlechten Zigaretten- und Alkoholatem des anderen in der Nase. Schöner konnte es gar nicht sein. Wir standen nicht, wir lagen, rieben unsere Nasen einander, schliefen immer nackter, bis auch die letzten Hüllen fielen, denn der Sommer war warm und die Heizung an, um uns eine Ausrede zu gewähren, weshalb die konservative Kleiderordnung, die Pygamas und geblümte Nachthemden vorschrieb, nicht beachtet werrden konnte. Wir drehten uns an den Brustwarzen und gelegentlich kam es zu Reibereien, wenn meine stopplige Beinbehaarung an seinem Steißbein und zugleich an seinen Nerven kratzte. Immer wieder fand ich mich des Nachts im Badezimmer wieder, um mir des lieben Friedens Willen und ganz wie das brave Weib mit dem Rasierer seines Mitbewohners die Haut zu glätten.

Sonst waren wir friedlich und das Youtubegeplärre durfte gegelegentlich von französischen Chansons abgelöst werden, der Gleichberechtigung wegen. Wir redeten auch. Über mich ( "Du bist so attraktiv wie eine Salatgurke") und ihn ( "Ich mag deine Fettpolster, Dickerchen") und bekundeten somit, wie außerordentlich attraktiv wir uns eigentlich fanden.

An einem dieser wodkadurchtränkten Abende, an denen wir uns vor Lachen biegend selbstgemachte Video anschauten, fragt er mich plötzlich: " Wollen wir ein bisschen rummachen?"
Ich tat es als Spaß ab und antwortete: "Ja, klar. Toll. Ich rauch nur meine Zigarette zu Ende."
"Ja. Lass dir Zeit. "
Und dann ging alles sehr schnell.

Die Zigarette war kaum in die blaue Keramiktasse versenkt worden, da lag ich schon auf dem Bett, seine Lippen auf den meinen, sein Gemächt, das plötzlich stehen konnte, auf meinem Bauchnabel und mein BH auf dem Lampenschirm. Wenn er mich nicht küsste, küsste ich ihn, gelegentlich bissen wir uns auch und lachten dabei. Ich kam und er auch und er sagte, er habe noch nie mit einer so schönen Salatgurke geschlafen. Danke, Dickerchen, sagte ich.

Dann schliefen wir ein, Wange an Wange. Ein schlechtes Gewissen hatten wir auch am nächsten Morgen nicht, ganz im Gegenteil, wir waren immer noch spitz wie zwei Pudel und frühstückten uns beinahe gegenseitig. Ein schlechtes Gewissen wäre auch außerordentlich fehl am Platz gewesen, schließlich hatte ich keinen Freund, wegen dem mein nur spärlich vorhandenes moralisches Bewusstsein hätte leiden können, seine Freundin nannte sich Musik und war technisch nicht entwickelt genug, um Eifersucht zu empfinden. Nur gelegentlich drängte sie sich dröhnend zwischen uns, um ihr Revier zu markieren, aber tragisch war das nicht, ich und Musik, wir verstanden uns schon.

Und doch - dann und wann - schlich sich bei ihm und mir doch Unbehagen ein, man las es ja oft genug in den Zeitschriften der zahnärztlichen Wartezimmer: Wenn gute Freunde geschlechtlichen Umgang pflegen, geht die zwischenmenschliche Beziehung irgendwann flöten und man findet sich einsam und verlassen in einer Entzugsklinik wieder. Kennt man ja alles. Also nahmen wir uns feierlich das Versprechen ab, die Freundschaft über das körperliche Verlangen zu stellen und die Night-Stands nur gelegentlich in unsere Morning-Lays zu integrieren.

Jetzt sind 27 Jahre vergangen. Salatgurke und Dickerchen immer noch befreundet. Musik nicht eifersüchtig und das moralische Bewusstsein trotz Ehemann nur leicht belastet.
Die Rühreier werden immer besser.

88

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90 Antworten

Kommentare

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    hehe super gut!

    06.03.2011, 13:12 von missbutterfly400
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    love it^^ simply great...

    14.11.2009, 02:26 von blacksheeppaintspink
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    sehr schwach. eine pseudo vom-leben-gelernt-neon-aussage aufgebläht mit etwas halbherzigen humor und so trotzig wie ein vanillejoghurt. fazit: langweilliger moralischer rattenfänger (damit entrüstete oder begeisterte leser schön auf den text anspringen). sorry, nicht mein ding.

    22.10.2009, 12:50 von Federico
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    Ich will Fotos sehen, vielleicht kenn ich ihn.
    LOL

    18.08.2009, 15:38 von fernwehmaedel
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    sehr schön, hatte das auch bis alles vorbei war ^^ aber der text ist toll :D

    21.06.2009, 10:31 von againstallodds
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    Toll!

    11.06.2009, 01:23 von Licht.Blick
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    deine art zu schreiben ist wunderbar :)
    und ich mag eure dialoge sher, salatgurke und so :D

    02.06.2009, 12:25 von bleuet
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    *hach, wie toll*

    kurz, knackig, rotzig und vielleicht stimmt es ja tatsächlich?!?! schick...


    28.05.2009, 18:23 von Julietta_verdi
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    Leicht cool , der Shit

    11.05.2009, 16:57 von Dina-Lisa
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