zuckerlischen 06.10.2007, 16:58 Uhr 76 68

Niemand, der so ist

Es gibt niemanden, der ihn ersetzen kann, obwohl das natürlich total praktisch wäre.

Ich könnte mich einfach draußen mit ihm auf eine Decke legen und in den Himmel schauen, um die Vögel zu zählen, vor denen ich Angst habe. So, wie wir das auch immer gemacht haben. Einfach mit jemand anderem im Herbst Kastanien sammeln und im Sommer Muscheln am Strand. Aber ich glaube, ich möchte das überhaupt nicht.

Ich möchte weder mit einem anderen Mojito trinken, nachts an den Strand fahren oder beim Scrabble spielen auf der Terrasse Cornflakes essen. Das haben nur wir gemacht. Doch nun ist er nicht mehr da, hat sich für etwas anderes entschieden. Vieles hat sich seither verändert; keiner ruft mich mehr Lisl, oder kitzelt mich, an meinem meiner Meinung nach, viel zu dickem Bauch. Scrabble gerne zu spielen, geht nicht mehr.

Liebe? Liebe, die mir seitdem keiner geben kann. Und vor der ich mich sträube, wenn sie mir jemand anders, ein Niemand, zu geben versucht. Ich weiß nicht warum, ich würde es gerne wieder...lieben mit Haut und Haaren. "Liebe wird zu Schmerz über Nacht“, sang die beste Band der Welt, “und weder du, noch ich, haben je darüber nachgedacht." Das stimmt, es stimmt genau. Doch warum bei uns? Er hat mein Herz zerfetzt, ich glaube Teile davon kleben immer noch an dem blöden Apfelbäumchen, welches wir gemeinsam gepflanzt haben. Weit zurück liegt das. Nur die Erinnerungen sind da. Kommen jede Nacht wieder. Manchmal auch ganz überraschend, wenn ich etwas sehe, was uns verbunden hat oder ich versuche manches zu begreifen. Ich schlucke das Gefühl, dieses Bittere herunter. Wie ein heiße Kartoffel, da sie sonst meinen Mund zu sehr verbrennt. Doch verschwinden tut es nicht.

Erinnerungen können fliehen, tauchen aber wieder auf, aus dem Nichts, gewinnen an Gewicht und taumeln die Seele rauf und runter. Er hat eine andere, eine, die mich hoffentlich nie ersetzten wird. Nein, dass kann sie auch gar nicht. Woher soll sie wissen, dass er gerne Tomate mit Zwiebeln isst, weil Zwiebeln so schön scharf sind, und dass er in seinem Kaffee eigentlich gar nicht so viel Milch mag, dass er am Wochenende gerne Stunden im Bett liegt. Woher soll sie wissen, dass Mohnblumen seine Lieblingsblumen sind und er sich nur für seinen Verstand, nicht aber für sein Herz entschieden hat. Ich war doch immer sein Mädchen und jetzt ist es sie, die mit ihm einschlafen und aufwachen darf. Sie, der er nachts behutsam über die Stirn streichelt, wenn sie schlecht geträumt hat. Das waren doch ausschließlich Privilegien, die mir zustanden.

Natürlich könnte ich jetzt auch irgendwo mit jemand anderem einen Stern auf eine Wand sprühen, doch verdammt noch mal, ich will es nicht. Oder habe ich es mir schon zu sehr eingeredet? Es verletzt mich, ihn vergnügt mit ihr zu sehen. Sie anzusehen, sie ist glücklich. Wer ist das nicht in seiner Gegenwart? Er hat die Gabe, etwas auszustrahlen, was genau das ist, konnte ich noch nicht herausfinden. Vielleicht sind es seine Augen, in denen ich jedes Mal versinke, oder seine zerzausten Haare, seine Ohren, die so schön sind, als wären es gar keine echten. Vielleicht seine Zähne. Der eine, hat eine kleine Ecke verloren, als ihm Silvester, beim Sekt aus der Flasche trinken, ein Freund zu sehr auf die Schulter geklopft hat. Vielleicht die besondere Art, seine Art und meine Gedanken, an all das was wir zusammen erlebt haben. An all das, was er mir bedeutet.

Sicherlich werde ich später einmal wieder lieben können. Und es wird bestimmt etwas kommen, aber es wird ihn nicht ersetzen können. Das ist auch gut so. Ich möchte niemanden, der ihn ersetzt, das ist eben nicht er. Man kann sich vielleicht ein neues Pferd kaufen, wenn das alte nicht mehr schnell genug ist, doch ihn, einen so wunderbaren Menschen kann man nicht kaufen. Ich möchte, dass all meine Gedanken und Erinnerungen immer bei mir sind und das werden sie, doch ich wünsche mir auch, dass jemand kommt, der mein Herz klaut und es nicht wieder hergibt.

Einfach richtig praktisch wäre es, ihn zu hassen. Für all den Kummer, den er mir bereitet, für all die schlaflosen Nächte, die ich hatte und habe und all diese vielen, vielen Bilder in meinem Kopf. Doch es funktioniert nicht. Dazu muss ich mich verändern, mein Leben noch einmal komplett umkrempeln und am liebsten aus unserer Stadt verschwinden. Doch auch das geht nicht. Ich möchte, dass er mich nicht mehr anruft, dass er mir nicht mehr schreibt und mich nie wieder nachts abholt, um am Strand zu spazieren. Er hat sie und wenn er mich will, dann soll er es doch sagen! Denn sonst verletzt es mich, es tut mir weh! Aua! Hört er?
Nein er hört nicht, er kann auch nicht mehr in mich hineinschauen, so wie früher, um mir jeden auch noch so verrückten Wunsch zu erfüllen. Nur ich, ich kann es noch.

Und das ist es, was schmerzt. Ich sehe, dass er mit ihr glücklich ist, dass er sie vor allem Unheil beschützen möchte und, dass es ihn traurig macht, dass ich nicht auch endlich wieder lachen kann. Aber es geht eben nicht. Also möge er sich bitte damit abfinden und mich ihn noch ein bisschen lieben lassen, damit ich ihn danach endlich hassen kann.

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76 Antworten

Kommentare

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    gott...mein gesicht ist gerade tränenüberströmt...
    wunderschöner Text, der mir so wahnsinnig aus der seele spricht...!

    09.01.2011, 01:09 von stella.filante.
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    ich mag deine texte.bin beeidruckt,wie gut du dieses gefühl in worte fassen konntest!

    26.05.2008, 19:45 von stare.at.the.sun
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    Ein wunderbarer Text und so wahr...Ich weiß immer noch wie er riecht... wie er sich anfühlt... wie er sich bewegt...ich will ihn auch nur noch ein kleines bisschen lieben, bevor ich anfange ihn zu hassen. Vielleicht kann ich den Punkt auch überspringen und er wird mir vorher noch gleichgültig...

    20.02.2008, 02:07 von Wabun
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    Menschen, die wir lieben verlassen uns nie ganz. Was ungemein bereichert und am Anfang vielleicht auch bloß weh tut. Aber wenn man nicht mehr das Gefühl hat, dass man sie ersetzten müsse, dann beginnt es wieder gut zu werden. schöner text.

    07.02.2008, 16:03 von flegoe
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    ich habe tränen in den augen. toller text. traurig und wahr.

    31.01.2008, 19:48 von Elfor
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    all diese fragen kommen mir irgendwie sehr bekannt vor... ich habe sie mir auch mal gestellt. man ist dann einfach echt so durcheinander.
    ich bin mir ziemlich sicher das du dieses wunderbare gefühl irgendwann wieder erleben wirst. bis dahin wünsch ich dir alles gute

    24.01.2008, 17:40 von jippie
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    genau davor habe ich angst ..... zudem denke ich manchmal es kommt wie in closer ich geh aus dem zimmer komm wieder rein und er sagt er liebt mich nicht mehr .... wenn soetwas passieren wuerde wuerde ich daran zerbrechen !!!!

    22.01.2008, 20:46 von volcom_verrueckt
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    der doofe Spruch "die Zeit heilt alle Wunden" stimmt wirklich, auch wenn du dir das jetzt noch nicht vorstellen kannst. Mir gehts genau wie dir und ich freu mich über jeden Tag, denn es wird tatsächlich immer leichter.

    18.01.2008, 23:35 von Loeffelbiskuit
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    Ablenkung hilft oft, gehe aus, unternehme was mit deinen Freunden... irgendwann tut es nicht mehr weh und du bist bereit neue Erfahrungen zu machen und jemand Neuen kennen zu lernen.

    13.01.2008, 19:36 von Pusteblume1985
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