Neon-Polling
Die Kurzgeschichte erhob ihr Gesicht, öffnete träge die Augen und sah mich wässrig an.
Heute nacht platzte eine Kurzgeschichte in meine Wohnung und überquerte den Flurteppich, um sich fünf Minuten lang in meine Toilette zu übergeben. Ich stand auf, kochte einen Kamillentee, machte die Toilette sauber und setzte mich mit der Kurzgeschichte an einen Tisch. Ich musterte sie kurz. Besonders gut sah sie nicht aus, so frisch ausgekotzt.
"Warum kommst du ausgerechnet zu mir nach Hause und machst meine Toilette dreckig?", fragte ich sie und versuchte möglichst wenig Vorwurf in meine Stimme zu legen. Den mir geraubten Schlaf erwähnte ich erst gar nicht. Das Problem bei Kurzgeschichten ist ja, daß man ganz schnell der Spießer ist. Kurzgeschichten sind ja nicht nur originell. Sie sind Vertreter des Zeitgeistes und damit sogar hip! Das kann ich von mir beim besten Willen nicht behaupten. Die Kurzgeschichte schien mich nicht zu bemerken. Sie hatte sich ein Handtuch um den Hals gehängt, als käme sie gerade vom Tennis und nippte am viel zu heißen Kamillentee.
Auf Smalltalk kann ich im allgemeinen sowieso verzichten. Dieser Fall aber war anders. Was mir auffiel, war die Tatsache, daß diese Kurzgeschichte mir gar nichts zu erzählen hatte. Was war nur mit ihr passiert? Sie schien im Grunde leer zu sein. Regelrecht ausgesaugt.
Die Kurzgeschichte erhob ihr Gesicht, öffnete träge die Augen und sah mich wässrig an. "Du wunderst dich sicher, wieso ich hier nachts einfach so reinplatze und deine Toilette ruiniere", meinte sie, während ich mich wunderte, woher sie überhaupt den Schlüssel zu meiner Wohnung haben könnte. Daß sie nicht zuhören kann, wunderte mich weniger. Liegt ja nicht in ihrer Natur.
"Weißt du,", meinte sie "ich war eine Seite-1-Geschichte auf Neon.de" Ich kolkte anerkennend mit den Zähnen. "Jaja, da bilden sich viele was drauf ein. Auch ich wollte immer eine Seite-1-Geschichte sein." Sie schaute trübsinnig in ein imaginäres Lagerfeuer. "Lange hat mein Autor dazu gebraucht., bestimmt hundert mal hat er mich angefangen, umgetextet und neu gegliedert. Als ich dann perfekt war, stellte er mich online." Mehr als zwei Sätze am Stück schien die arme Kurzgeschichte nicht mehr formulieren zu können. Ihre Farbe ging immer mehr ins Durchsichtige und ihre Ohren waren schon komplett verschwunden.
"Aber was ist denn passiert?" Ich konnte nicht erkennen, was sie in diesen Zustand versetzt hatte. Die Kurzgeschichte zuckte zusammen, sah mich mit einigem Unverständnis an und fing an sich zu sammeln. "Nun ja, das übliche." meinte sie, "Zuerst wurden mir die Empfehlungen nur so in den Arsch geblasen. Zeitweise sogar im Minutentakt. Ich entwickelte eine Art Sucht nach immer mehr Empfehlungen." Chapeau, das waren ja drei Sätze am Stück. Kolk. "Parallel begann die Artikeldiskussion. Stück für Stück nahmen sie mich auseinander, zerfetzten mich, schnitten Stücke aus mir heraus und füllten mich weiterhin mit leeren Empfehlungen." Ein wenig schlecht wurde mir schon bei dieser Darstellung. Die Erscheinung der Kurzgeschichte wurde immer fahriger. "Bis schließlich nur noch diese Hülle von mir übrig blieb.", meinte sie mit einem Seufzer. Ich vermittelte ihr mein Bedauern, kam aber nicht umhin, sie zu fragen, warum sie ausgerechnet zu mir gekommen war. Sie sah mich an, öffnete den Mund, um mir zu antworten, und verschwand.

Kommentare
Oh. Das ist eine ganz hinreißend famose Abstraktion. Das ist wahrer Geist. Die Geschichte versinnbildlicht sich von selbst. Aus sich heraus. Autor und Geschichte sind eins. Untrennbar. Die Geschichte gibt ihr Bestes für Sein und Mühe des Erfinders.
30.09.2010, 23:14 von Siegel-7Eine Rezension kann niemals in dieses unauflösbare Verhältnis eindringen. Sie bleibt, was sie ist. Geschaffen. Als das Beste, was es gibt.
Vielmals Bravo!!
Dankeschön
*hehe ... toll ... gleich noch eine Empfehlung!
29.06.2009, 02:33 von freakyphaquiKritik humorvoll verpackt! Dennoch wird das Zerfetzen udn Zerbröseln im Internet kein Ende nehmen, im Gegenteil, es fängt jetzt erst an. Vorbei die Zeiten, als sich um gute Litaratur kilometerlange Schlangen vor Geschäften wanden (zumindest im Ostblock). Vobei die Zeit, als nur die Elite Zugang zu Lyrik und Prosa in Lederumschläge hatte. Jeder spielen heute auf dem Internetparkett Eigenkünstler oder Journalist,da sollte es sich nicht wundern, dass die anderen Kritiker spielen wollen.
08.04.2009, 09:20 von seelenfriedeEmpfehlung! =D
04.08.2008, 20:39 von Link17Wirklich gut, eig die beste, die ich bisher gelesen hab, weil es nichts als die ungeschminkte Wahrheit ist.
Gefällt mir auch stilistisch sehr gut.
P.S. Hast du das WC wieder rein bekommen? x)
.....auch ne sicht der dinge und vielleicht die seite fünf ?...
27.07.2008, 00:29 von CreamsicleEin Startseitentext über Startseitentexte. Wie ein Liebeslied über liebeslieder.
05.06.2008, 09:48 von DogtownBoyIch mag's, auch die nicht-persönlichkeit der "Kurzgeschichte".
Sie hat wohl nichts zu sagen. Hat sie einen bleibenden Eindruck hinterlassen?
22.05.2008, 20:54 von sabbelwasserschööön
21.05.2008, 19:48 von septemberkindAber :" ich kolkte anerkennend mit den Zähnen "
Hat da jemand Walter Moers (bzw . Hildegunst von Mythemez) gelesen ? *g*
eines fehlt diesem artikel noch, um wirklich gut zu sein.
20.05.2008, 19:51 von zuckerpuppeein kommentar von arthur_dent.