kink 30.11.-0001, 00:00 Uhr 107 75

„Nenn es nicht ficken. Es heißt Liebemachen…“

Eigentlich wollte ich auf dem Weg nach hause nur eine kurze Pause einlegen. Bis Du kamst.

Es ist 4 Uhr nachts. Ich sitze auf einer Parkbank in der Innenstadt. Es ist schwül, meine Gedanken vernebelt. Ich beobachte Dich. Allein bist Du nicht. Wenige Meter sitzt Du von mir entfernt auf einer anderen Bank. Der Zufall hat mich in diese Situation gebracht. Eigentlich wollte ich auf dem Weg nach hause nur eine kurze Pause einlegen, eine letzte Zigarette rauchen und mein abgestandenes Bier austrinken. Bis Du kamst.

Gut kann ich Euch erkennen im Schein der Laternen. Dich und Deine Begleiterin. Es wäre ein Leichtes für mich, Dir wenigstens für heute Nacht einen Strich durch die Rechnung zu machen. Ich bin zu nüchtern um zu handeln. Mir fehlt der Mut. Dafür bin ich zu betrunken um über der ganzen Situation zu stehen, einfach wegzugehen, Euch den Rücken zu kehren.

Stattdessen bleibe ich sitzen und beobachte Euer leidenschaftliches Geplänkel. Während ich mich nur wundern kann, dass eine der ineinander versunkenen Figuren schräg gegenüber auf der Bank der gleiche Mensch sein soll wie der, den ich vor wenigen Wochen kennengelernt habe, denkst Du wahrscheinlich nur an die folgenden ca. drei Stunden, die vor Dir und Deiner Abendbekanntschaft liegen. Angemeckert hast Du mich, weil ich viel zu vulgär sei: „Nenn es nicht ficken! Es heißt Liebemachen“. „Liebemachen“. Ich wünschte ich wäre wirklich zu vulgär und abgeklärt und hätte Deinen vielen Worten keinen Glauben geschenkt, wie ich es vorgab.

Noch vor gar nicht langer Zeit lag ich in Deinen Armen und war für einen kurzen Moment lang wirklich zufrieden. Du machtest den selben Eindruck, doch während ich Angst bekam, weil mir alles viel zu schnell ging, warst Du wahrscheinlich längst nicht mehr bei mir.

Und jetzt sitze ich hier und beobachte Dich aus dem Hintergrund. Du bemerkst mich nicht. Dafür kann ich erkennen, dass Eure Küsse zunehmend leidenschaftlicher werden.
Es ist ein merkwürdiges Gefühl Euch bei den intimen Dingen zuzusehen, die wir noch vor kurzem für wenige Tage geteilt haben und doch fühle ich mich irgendwie überlegen. Aufregend war es. Jetzt ist es irgendwie abtörnend. Ich bin nicht traurig, nicht wütend, vielleicht ein wenig enttäuscht. Vor allem aber bin ich interessiert und frage mich, ob Du bei ihr die gleiche Tour abziehen, ihr die gleichen Dinge erzählen wirst und warum es so schwierig für Dich zu sein scheint, einfach die Wahrheit zu sagen.

So kompliziert bin ich nicht. All meine Bemühungen, grade nicht wie ein gefühlsgesteuertes naives Mädchen zu wirken um Dir die Angst vor etwas mir Unbekanntem zu nehmen, scheinen umsonst gewesen zu sein. Dass meine Gefühle mich das ein oder andere Mal auf den Holzweg geführt haben, wusste ich bereits. Daher habe ich mich zurückgenommen, um zu sehen, was von Dir kommt. Mich nicht gemeldet, damit Du es tust. Worte nicht gesagt, um sie von Dir zu hören. Alles vergebens, denn von Dir kam viel, bis vor kurzem… Wahrscheinlich bin ich einfach die schlechtere Schauspielerin von uns beiden.

Während ich gedankenversunken da sitze, steht ihr langsam auf und bewegt Euch von Eurem lauschigen Plätzchen fort, in meine Richtung. Kurz überlege ich, ebenfalls von meiner Bank aufzustehen, damit Du mich nicht bemerkst.
Als Ihr Arm in Arm an mir vorbeigeht, siehst du mir direkt ins Gesicht. Erkennen tust Du mich aber erst auf dem zweiten Blick, welcher einen Anflug von Nervösität in Deinen Augen erkennen lässt. Für einen kleinen Moment stehst Du unter Schock. Erschrocken blickst du Dich nach mir um. Ich nicke Dir zu, sage kein Wort, lächle sanft. Deine Begleitung bekommt nichts von unserem Augenkontakt mit. Zu viel Alkohol heut Abend. Und auch Du tust so, als hättest du mich nicht erkannt, gehst einen Schritt schneller um zügig an Dein Ziel zu kommen.

In Gedanken wünsche ich Euch einen schönen Abend. Ich bin froh um die Gefühle, die ich mir bewahrt habe. Spaß haben kann ich auch so. Vielleicht ist die Wahrheit manchmal grausam, jedoch immer noch besser als jede Lüge. Nenn Du es einfach weiterhin Liebemachen…

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107 Antworten

Kommentare

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    "...doch während ich Angst bekam, weil mir alles viel zu schnell ging, warst Du wahrscheinlich längst nicht mehr bei mir." 

    This :)

    03.05.2016, 21:19 von DieCharlie
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    ließt sich gut runter. 

    02.08.2012, 18:40 von Wuuhuu
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    dafür hab ich keine worte, weiß nicht was ich sagen soll, weil alle "wow" 's und "toll" 's würden nicht reichen. noch nicht einmal "grandios".

    22.02.2012, 19:16 von wir_sommer_wiese
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      Ein schamerrötetes Dankeschön! Freut mich, dass der Text noch gelesen wird.

      22.02.2012, 22:17 von kink
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    Glanzvoll.

    19.02.2012, 21:40 von dieKobra
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    Ja. Ehrlichkeit hat jeder verdient. SIE und ER. Natürlich auch ein Frage des Timings und des Stils.

    07.05.2010, 20:59 von wannabewriter
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    ein wirklich sehr sehr "sympathischer" Text. Irgendwie kann ich das ganze sehr gut verstehen und dazu auch noch gut geschrieben, mehr davon! ;-)

    19.03.2010, 14:57 von DontPanic
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