Mariki 01.04.2008, 15:18 Uhr 106 44

„Nein, danke, ich trinke nichts!“

Vom Leben ohne Alkohol.

Der Gesellschaft, oder vielleicht auch nur dem Teil, in dem ich mich bewege, fällt es schwer, zu akzeptieren, wenn jemand keinen Alkohol trinkt. Dafür muss man dann schon einen Grund haben, einen plausiblen, man muss am Vortag so viel getrunken haben, dass man ins Taxi gekotzt hat, man muss Mormone oder zumindest schwanger sein, Ausnahmen gibt es nur für die Fahrer, die „armen Schweine, die alle nach hause bringen müssen“.
Ich bin immer der Fahrer. Ich trinke nie.

Angefangen hat es, als ich 15 war und mit meinen Eltern auf dem verschneiten Balkon mit einem Glas Sekt auf das neue Jahr angestoßen habe, 1998 war gerade mal ein paar Minuten alt, als ich die erste allergische Reaktion meines Lebens bekam. Mir wurde innerhalb von Sekunden heiß und schlecht, meine Augen brannten, mein Gesicht und mein Hals waren von roten Flecken überzogen, und verschwommene Punkte schoben sich in mein Blickfeld. Ich begann zu zittern und überlegte noch, ob es so war, betrunken zu sein. Ich hatte zuvor schon manchmal Alkohol stibitzt, von der Sommerbowle im Garten oder vom Opa-Bier auf dem Faschingsball, aber noch nie hatte ich mich dabei gefühlt, als hätte mir gerade jemand einen Betonblock auf den Kopf geworfen. Ich war wie gelähmt, und es dauerte eine halbe Stunde, bis ich wieder normal atmen konnte. Zwei Monate später stellte eine gelangweilte Ärztin eine „Allergie auf Alkohol in Verbindung mit Zitrus“ fest. Sekt mit Orangensaft war von da an tabu.

Alkohol wurde für mich zum Feind, zum Verbotenen, von dem man weiß, dass es einem nicht gut tut, auf das man aber trotzdem neugierig ist. Zwei Jahre lang wollte ich mich nicht damit abfinden, nichts trinken zu können, und versuchte es immer wieder, zuerst mit Alkopops, dann mit Wein, mit Likör, Flügerl, Rüscherl, Bier, sogar Bailey’s und Batida – alles ohne Zitrus, aber es half nichts, mein Körper wollte das Zeug nicht in sich haben, ob mit Zitrus oder ohne, er protestierte stets wütend, und so wurde ich für immer trocken. Am Anfang war es schwer, gegen den Stempel zu kämpfen, der mir aufgedrückt wurde, denn die, die nichts saufen, gelten schnell als langweilig, steif und uncool. Ich wollte auch nicht rauchen, also war ich gleich doppelt uncool, und das freiwillig, unfassbar. „Auf Alkohol kann man überhaupt nicht allergisch sein“, lallte man mir ins Ohr, und: „Stell dich nicht so an.“ Aber ich blieb trotzig, stemmte mich dem Gruppenzwang entgegen und wurde von einigen Leuten in meinem Leben befreit, die sich nicht mit jemandem abgeben wollten, der nicht auf den allwochenendlichen Vollrausch aus war. Ich lernte, sie nicht zu vermissen. Und wenn ich mit meinen Freunden unterwegs war, merkte man nur bei einem Blick auf die Getränke, wer von uns nüchtern sein musste. Denn was die sonstigen Merkmale betrifft, bin ich beim Weggehen von einem Betrunkenen nicht zu unterscheiden. Das wurde mir auch zum Verhängnis, als zwei Polizisten mir den Autoschlüssel wegnahmen, als ich alle nach hause bringen wollte. „Sie fahren heute nicht mehr“, sagte der Uniformierte, „Sie sind viel zu betrunken, junge Dame.“ Ich hatte als Einzige den ganzen Abend nur Cola getrunken.

Es ist ein Phänomen, das ich selbst nicht ganz verstehe. Aber wenn alle rund um mich besoffen sind, tauche ich in die Gruppe ein und lasse mich in den Rausch fallen, ich kann dann so laut lachen, wie ich will, ich kann Lieder mitgrölen und auf dem Tisch tanzen, ich kann dreckige Witze erzählen, die nur ich witzig finde, ich kann kreischen und brüllen oder sogar deprimiert sein und einen Weinkrampf bekommen – man verzeiht mir alles, weil der kollektive Rauschzustand den absoluten Wahnsinn erlaubt. Die anderen brauchen den Alkohol als Ausrede, ich brauche die anderen. Ich hüpfe auf der Münchner Wiesn bei „Anton aus Tirol“ auf der Bierbank, ich werfe mich bei „Dirty Dancing“ auf die Knie wie Enrique Iglesias, und ich küsse meine Freundinnen aus Spaß mit Zunge. Und niemanden stört es, alle lachen, rufen „Prost!“ und stoßen mit mir an, sie mit Bier, ich mit Apfelsaft.

Wenn ich neue Leute kennen lerne, sage ich selten, warum ich nichts trinke. Ich habe keine Lust auf Erklärungen und Rechtfertigungen meinerseits, mitleidige Blicke und verwundertes Augebrauenhochziehen ihrerseits. Das Gerücht, ich sei schwanger, ging schon oft um, öfter noch hieß es, ich sei fad und ungesellig. Manchmal weht mir auch eine weinerliche Bierstimme ins Gesicht, „Ich beneide dich, ich würde auch gern nichts trinken können“, höre ich dann, und: „Das Leben ist viel besser ohne Alkohol.“ Aha. Merkwürdig nur, dass die, die mir zu Beginn am meisten vorjammern, wie sehr sie Alkohol hassen, am Ende die Besoffensten sind, immer.
Bei denen, die mich kennen, ist Alkohol längst kein Thema mehr. Meine Freunde akzeptieren, dass ich nichts trinke, und drängen mich nie dazu, „doch wenigstens mal zu kosten“, im Gegenteil, sie ziehen mich einfach mit in die rauschigen Höhen und Tiefen – und sie brauchen mich, weil ich auf sie aufpasse, weil ich verhindere, dass sie besoffen Dummheiten machen, weil ich ihnen die Haare aus dem Gesicht halte, wenn sie kotzen, und weil ich sie am Ende alle einsammle und sicher nach hause bringe.

Meine Mutter sagt, ich wäre allergisch auf Alkohol, weil ich Angst habe, die Kontrolle zu verlieren. Sie kennt mich gut. Denn so sehr ich auch ausflippe, wenn ich auf einer Party oder in der Disco bin – die Kontrolle verliere ich niemals. Ich fliege nie im Vollrausch auf die Fresse, ich kotze nicht und ich finde immer nach hause. Es stimmt, dass ich den letzten Rest der Kontrolle nicht hergeben will. Vielleicht hätte ich Angst vor mir selbst, wenn ich betrunken wäre, ich wüsste nicht, was ich dann machen würde, wozu ich fähig wäre. Ich wäre mir selbst unheimlich. Und deshalb bin manchmal ich es, die die anderen beneidet. Um die Selbstvergessenheit, die Trance, mit der sie dem Leben entfliehen, für ein paar Stunden nur, für eine Nacht, um die Gnade des Blackouts, das die Erinnerung an den Abend zuvor löscht. Denn was immer ich auch tue, so sehr ich mich gehen lasse – ich bin mir dessen stets bewusst, ich tue es mit einer Absicht, die aus mir selbst kommt und nicht aus der Droge in meinem Blutkreislauf. Und ich kann es nie vergessen. Wenn ich nachts verzweifelte Nachrichten an Ex-Freunde schreibe oder vor allen Leuten mitten in der Nacht nackt in den See springe, habe ich dafür keine Entschuldigung, nicht einmal eine Ausrede, weil meine Taten so echt sind wie ich selbst und nicht vom Alkohol verzerrt wurden. Manchmal ist das ein Segen, manchmal ein Fluch.

Ich weiß nicht, wie sich ein Leben auf der Jagd nach dem nächsten Rausch anfühlt. Vielleicht ist es wahr, dass man etwas, das man nie hatte, nicht vermissen kann. Mit der Zeit habe ich gelernt, die Vorteile zu sehen, mich zu freuen, dass ich nie mehr als 15 Euro am Abend für Getränke ausgeben muss, dass ich mich nicht draußen auf der nassen Straße übergebe und dass es mir am nächsten Tag nie so schlecht geht, dass ich nicht aus dem Bett komme. Mir fehlt nichts, wenn ich nicht trinke, und ich weiß, dass ich Alkohol schlicht und ergreifend nicht brauche. Manchmal ist es gut, dass ich nichts trinken kann, aber manchmal, zum Glück nur selten, ist es auch anstrengend. Dann, wenn ich nicht in der Stimmung bin, verrückt zu sein. Ich kann mir keine Spaßlaune antrinken, ich kann meinen Kummer nicht ertränken, und ich kann mir niemanden schön trinken. Wenn ich beim Weggehen Spaß haben will, muss ich ihn mir selber machen. Manchmal werde ich dabei müde und möchte nach hause, wenn ich fertig bin mit Tanzen, auf die Knie werfen und Küssen.
Aber bevor ich selbst ins Bett kann, muss ich noch alle nach hause fahren. Schließlich verlassen sie sich auf mich, das arme Schwein.

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Kommentare

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    Du sprichst mir aus der Seele. Ich trinke auch keinen Alkohol.
    Sehr schön geschriebener Text.

    23.12.2009, 17:45 von Systemerror
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    kurz gesagt: toller text, toll beschrieben :)

    18.12.2009, 19:16 von CyberShot
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    ich trinke auch aus prinzip so gut wie nie alkohol..ab und an vllt mal einen schluck..aber das wars dann auch schon..versteh die anderen nicht, die es direkt vermissen, wenn sie sich mal ne zeit lang (aus gesundheitlichen gründen o.ä.) nicht betrinken können/dürfen..
    zudem..spaßlaune antrinken..wenn man schlecht drauf ist hilft vllt am anfang der alkohol ein wenig drüber hinweg..aber anschließend wirkt es sich umso schlimmer aus und man wird noch deprimierter als davor! man kann sich nur mit guter laune noch mehr spaßlaune antrinken ;) schlechte laune bewirkt eher das gegenteil dabei..

    16.12.2009, 16:19 von IIR
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    Wow, du sprichst mir aus der Seele. Gut zu wissen, dass man nicht alleine ist.

    02.03.2009, 21:08 von Ausversehnsucht
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    02.03.2009, 21:07 von Ausversehnsucht
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    Sehr schöner Artikel!
    Ich persönlich finde es absolut faszinierend, dass man immer noch erklären muss, warum man keinen Alkohol trinkt und ein einfaches "Ich trinke nicht" -selten akzeptiert wird...

    16.02.2009, 19:51 von California-Sun
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    Dein Text gefällt mir sehr sehr gut. Und den Abschitt über den Verlust der Kontrolle den du befürchtest kann ich sehr gut nachfühlen. Ich bin auch ständig die jenige die nicht trinkt. Wohl auch aus eben dieser Angst die Kontrolle zu verlieren. LG Aja

    26.10.2008, 21:46 von Ajalana
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    "Aber ich blieb trotzig, stemmte mich dem Gruppenzwang entgegen und wurde von einigen Leuten in meinem Leben befreit, die sich nicht mit jemandem abgeben wollten, der nicht auf den allwochenendlichen Vollrausch aus war. Ich lernte, sie nicht zu vermissen."

    Willkommen in meinem Leben. Toller Text!

    22.06.2008, 22:13 von TNBM
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