Yangus 23.02.2009, 17:19 Uhr 206 234

"Natürlich hatte ich schon Sex!"

Warum versuchen die Leute krampfhaft sich so darzustellen, wie sie gerne wären?

Die meisten Menschen sind ziemlich gute Schauspieler. Ohne dass wir es unbedingt bewusst wahrnehmen, lernen wir ziemlich früh, dass die Außendarstellung eines Menschen darüber entscheidet, ob man akzeptiert, gemocht, respektiert, bewundert, geschmäht oder geachtet wird. Wieviel diese Außendarstellung mit der Realität zu tun hat, das spielt erst mal keine Rolle. Ehrlichkeit ist eine Dummheit, die einem im Wettbewerb um die Gunst der Mitmenschen einen klaren Wettbewerbsnachteil verschafft.

Schon in der Grundschule hatte ich eine Klassenkameradin, die tatsächlich behauptete, ALLE Gameboy-Spiele zu besitzen und damit ihre Mitschüler beeindruckte. Sie beharrte auch auf diesem Standpunkt, als ich sie in eine Diskussion darüber verwickeln wollte, wo in ihrem kleinen Kinderzimmer sie die ganzen Module denn aufbewahre. Ich habe auch gern etwas übertrieben, wenn ich meinen Freunden erzählt habe, wie viele Tore ich beim Fußballtraining erzielt habe und wie groß mein bisher größter blauer Fleck war.

Mit dem Alter werden die Menschen natürlich raffinierter, denn es gibt nichts peinlicheres, als bei einer erfundenen Selbstbeweihräucherung erwischt zu werden. Jungs behaupten ja gerne schon vorzeitig, dass sie schon mal Sex hatten. Manche sind sogar so dreist, dass sie einem Mädchen aus dem Freundeskreis die weibliche Hauptrolle dieser Geschichte geben. Sowas fliegt allerdings gerne auf und dann steht man natürlich ziemlich dumm da und muss sich künftig extra viel Mühe geben, einen guten Ruf zu kreieren. Ich habe das nicht getan. Also die Lüge mit dem Sex. Aber nicht, weil ich nicht wollte, dass die Leute was Falsches von mir denken oder weil ich supergut damit klargekommen bin, dass bei mir noch nix lief, sondern nur, weil mir die Vorstellung, als Lügner enttarnt zu werden, noch schlimmer vorkam als die, als Loser zu gelten.

Man muss sich absichern. Darf nur denjenigen Leuten solche Geschichten auftischen, welche die Wahrheit nicht kennen und auch keinen Grund haben, sie zu hinterfragen. Das sind meistens die meisten. Denn die Leute haben sich irgendwie stillschweigend auf diese Konvention geeinigt. Schließlich ist das für alle das Beste. Die anderen nicht hinterfragen und man wird auch selbst nicht hinterfragt. So kann man unbehelligt an seinem Selbstportrait pinseln. Der Preis ist jedoch, dass man seine Mitmenschen kaum noch wirklich kennt. Aber das ist es wohl wert.

Ich dachte immer, dass man nicht lügen und offen über seine Gefühle sprechen sollte. Das tue ich auch gerne. Allerdings muss ich feststellen, dass ich da zu einer, scheinbar immer weiter schrumpfenden, Minderheit gehöre. Denn wer offen über seine Gefühle spricht, der macht sich angreifbar. Souveränität ist das Gebot unserer Zeit. Gefühle machen einen unsouverän. Ich habe eine Handvoll Freunde, bei denen ich den Eindruck habe, dass sie mir gegenüber so offen und ehrlich sind wie umgekehrt und eine viel größere Hand voll von Freunden, mit denen ich eigentlich nur etwas umfangreicheren Smalltalk führe, wenn ich sie sehe. Ich dachte immer, dass diese Leute eben auch ihre wirklichen Freunde haben, mit welchen sie über ihre Lebensängste und Träume reden. Aber ich glaube mittlerweile, dass es viele Menschen gibt, die solche Dinge mit niemanden besprechen, weil sie keine Schwäche zeigen wollen. Teilweise nicht mal vor sich selbst.

Ich selbst bin allerdings auch nicht davor gefeit. In meiner Pubertät habe ich auf jeder Party jedem der es hören wollte meine ein bis zwei einigermaßen coolen Partystories aufgedrückt um den Eindruck zu schaffen ich sei übelst cool und mein Leben eine einzige Partyorgie und jeder Tag ein Fest. Denn das Leben meiner Schulkollegen war ja auch so und da wollte ich nicht abfallen. Und so erzählte jeder der Reihe nach seine coolen Geschichten.
"Krass Mann! Die Nadja schreibt mir andauernd so derbe SMS. Ich glaub mit der werd ich bald mal was starten - die ist mittlerweile echt geil." "Ach was. Die war mal geil - als ich was mit ihr hatte. Mit der habe ich damals das Kiffen angefangen." "Da warst doch schon 17! Als ich das erste mal was geraucht hab, war ich, glaub ich 15 oder so. Ich rauch jetzt aber nur noch Bong! Das kickt wenigstens ordentlich." " Ja ich auch. Und wenn schon ein Dübel, dann aber nur pur. Alles andere spür ich schon gar nicht mehr. Und dazu dann ein Track von Kruder & Dorfmeister." " Die hör ich schon gar nicht mehr. Die haben doch irgendwie ihren Reiz verloren..." Und so weiter und so fort...

Wenn ich im Totalsuff dann doch auch mal die weniger coolen Aspekte meines Lebens offenbart habe, dann habe ich mich am nächsten schwer geärgert. Aber nicht darüber, dass ich es getan habe, sondern darüber, dass ich der einzige war. Ich habe dann die Menschen beneidet, deren Leben anscheinend von solchen Aspekten verschont bleibt. Das war natürlich Schwachsinn. Viele Dinge werden einem erst mit einer gewissen Erfahrung klar. Nachdem man auch das dritte Praktikum größtenteils mit Kopieren und Internetsurfen verbracht hat, fängt man an sich zu fragen, wie das denn sein kann so ein Pech zu haben.

Denn alle Bekannte dürfen in ihren Praktika die Firmenstrategie neu bestimmen oder wenigstens eigene Projekte leiten. Nachdem man ein paar mal mit einer Frau intim gewesen ist, wird einem klar, dass man ein untalentierter Liebhaber ist. Denn der Sex dauert nicht mindestens zwei Stunden und findet auch nicht mindestens 10 mal die Woche statt. Die eigene Freundin verfällt nicht jedes Mal in eine Trance aus Lust und Orgasmen und bittet Gott nicht ständig um Erbarmen. Bei den eigenen Freunden ist das aber regelmäßig der Fall. Und wieso zum Teufel hat RTL eigentlich mit Abstand die besten Einschaltquoten in Millionenhöhe, wenn alle eigentlich "kaum noch fernsehen und wenn dann eigentlich nur Nachrichten oder mal ein bisschen Sport". Lieber Lesen sie ein gutes Buch oder machen Yoga.

Diese Geschichten ändern sich aber natürlich im Laufe der Jahre. Mit 12 kann man schon mal die Story bringen, dass man am Wochenende insgesamt 12 Mal gewichst hat. Mit 25 erzählt man lieber, dass man eigentlich so gut wie gar nicht mehr onaniert. Mit 15 bewundern einen die Kumpels vielleicht noch dafür, dass man seine Freundin dreist betrügt und kann das ruhig mal in die Runde schmeißen, aber mit 27 sollte man lieber verschweigen, dass man neulich mit seiner Kollegin geschlafen hat, weil im Freundeskreis mittlerweile Treue, Familie, feste Beziehungen, wahre Liebe und so was angesagt sind und der Thorsten, dass der eigenen Freundin nun mal erzählen müsste, da er sonst nicht ruhig schlafen könne.

Es ist schade, dass kaum noch jemand wirklich zu dem steht was er ist, was er macht, was er denkt. Und dieser Effekt verstärkt sich ja auch irgendwie selbst. Diejenigen, welche auch mal zugeben, dass der Sex meist nach 3 Minuten Missionarstellung vorbei ist, fühlen sich aufgrund der Reaktionen der Mitmenschen unbehaglich und passen sich an. Sie erzählen entweder gar nichts mehr oder übertreiben. Vielleicht sollte sie lieber gleich Schluss machen oder eine Affäre anfangen, denn die momentane Beziehung ist ja offensichtlich totlangweilig.

Wobei es noch besser ist lieber gar nichts zu sagen, als sich mit falschen Tatsachen in ein besseres Licht zu rücken. Das macht aber nun mal überhaupt keinen Spaß. Vielleicht ist aber auch gar nichts falsches daran, nur die coolen Sachen zu offenbaren und die Uncoolen unter den Tisch fallen zu lassen. Ich erzähle jedem gerne von den neuen hippen Bands, die ich zur Zeit höre und verschweige selbstverständlich, dass ich mir immer noch gerne ne Dröhnung Kool Savas verpasse. Kool Savas ist ja schließlich so was von Hauptschulmucke. Ich kaufe jetzt auch ab und zu in einem Laden ein, der nur "global responsible" Fashion führt. Das ist zwar ein bisschen teurer, aber mir ist das wichtig. Dass ich den H&M-Schal "Made in Bangladesch" für 2EUR trotzdem gerne mitgenommen habe, erfährt man nur auf Anfrage.
Eine der vielen negativen Begleiterscheinung dieses Verhaltens ist, dass man sich nach und nach immer mehr selbst einschränkt. Man erschafft durch das selektive Bild, welches man von sich selbst vermittelt, einen Käfig. Zu Buckshot kann ich eigentlich nicht mitkommen. Hip-Hop finde ich doch schon relativ lange scheiße. Diese Kate Perry kann ich eigentlich nicht gut finden. Das ist doch dämlicher Kommerzpop. Coldplay sind doch so was von over. Mando Diao WAREN mal cool. Latte Macchiato trinkt mittlerweile auch meine Oma. Das studivz fand ich schon immer scheiße.

Die Leute verlieren mit der Zeit mehr und mehr ihre Unbefangenheit. Man legt sich in immer mehr Bereichen auf etwas fest und ist dann später zu stolz, zu bequem oder zu borniert, um noch mal die Perspektive zu wechseln oder neue Eindrücke zuzulassen. Es ist kaum möglich sich vorzustellen wie man einen Song, einen Film, ein Bild, ein Buch oder ein Kleidungsstück finden würde, wenn es isoliert wäre von den ganzen Konnotation, welche wir damit verbinden und welche nur aufgrund unserer Befangenheit entstanden sind.

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206 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    Super Text, finde mich häufig genug drin wieder.
    Hat mich wirklich zum Nachdenken angeregt...

    10.09.2013, 15:12 von Camillo19
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    Gefällt mir, erschreckt mich aber auch. 

    Ich habe mir irgendwann vorgenommen, mich nicht zu den Dingen zu äußern, die andere von sich geben, um sich besser da stehen zu lassen. Allerdings musste auch ich feststellen, dass das einsam macht. Wenn man sich nicht darauf einlässt, fällt man zurück und irgendwann komplett auf der Spur.

    Wenn die Zurückhaltung allerdings gegen die eigenen Prinzipien geht, wird es nicht nur anstrengend, sondern noch deprimierender. 

    Streitgespräche, die kein Thema haben, sondern sich um die Themenauswahl an sich drehen sind eben uninteressant. Dabei würde ich gerne öfter über Dinge diskutieren, die eigentlich offensichtlich sein sollten - doch da hat jeder andere Ansichten. 

    Gesprächsstoff ist da. Man muss nur noch den Mut haben, beim langweiligsten anzusetzen, um die tatsächliche Sichtweise der Menschen aus ihnen heraus zu kitzeln. 

    29.03.2013, 23:58 von Tedeka
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    Genau so ist es! Richtig getroffen... Perfekt! :)

    07.10.2011, 18:02 von Cenere
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    BAM!

    04.10.2011, 16:36 von Jusuff
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    Sehr gut und (leider) auch in vielen teilen zutreffend geschrieben, super

    24.07.2011, 17:20 von Kiwikaddy
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    Leider nur zu wahr, der Text...
    Ich glaube, jeder hat sich mal ne Weile von den endlosen Prahlereien beeindrucken lassen und kam sich selbst ziemlich öde vor.
    Aber irgendwann fällt auf, dass auch die "Coolen" einen Großteil ihrer Zeit mit ganz alltäglichen Beschäftigungen totschlagen.

    22.07.2011, 11:07 von GrueneNeune
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    Und mit der Zeit können die Menschen, mit denen man einmal alles teilen konnte, sich auch zu solchen entwickeln, bei denen man selbst pötzlich out ist, wenn man nichts Atemberaubendes mehr zu berichten hat. Es kann also nicht nur Filme und Songs treffen...und dann ist es besonders schmerzhaft.

    12.07.2011, 21:10 von regina_loves
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    find isch gut.
    das gehört doch alles zum leben dazu, das theater spielen.

    22.06.2011, 14:43 von Io_sono_Daphne
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    kompliziert wirds wenn manche verschiedene identitäten für verschiedene freundeskreise haben, da sind se dann sehr wandelbar mit ihren ansichten.

    von mir gibts ne empfehlung :)

    01.06.2011, 17:19 von zion_country
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  • Make some noise peeps!

    Prinz William und Kate Middleton lernen bei einem Besuch in Australien das DJ-Handwerk - und sie sind nicht allein. Eine Auswahl des Grauens.

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