frl_smilla 16.11.2009, 23:49 Uhr 34 38

Nachtgedanken

Die Nachtbahn kotzt mich an der Nachthaltestelle aus zurück ins dunkle Leben.

Es ist Mittwoch oder Montag oder Dienstag, ich habe es vergessen. Der Tag ist vorbei, von der Nacht erlegt, irgendwo auf der anderen Seite der Welt verschwunden. Vielleicht hat House einen Patienten gerettet oder Jack Bauer hat eine der verzweifelten Hausfrauen aus Versehen erschossen oder das ZDF Montagskino zeigt wieder irgendwas mit Denzel Washington.

Links hohe Bürohäuser, hinter mir die hässliche U- und S-Bahn-Station. Ich habe immer die Wahl, ob ich rechts oder links an der Feuerwehrwache vorbeigehe, die Bedingungen sind die gleichen: Es ist dunkel, rechts herum begleiten mich die Schienen und ein Parkplatz, links herum sind Wohnhäuser näher. Oder Menschen. Vielleicht. Ich habe noch nie darauf geachtet.

Ich gehe einige hundert Schritte. Zehn Minuten im Durchschnitt. Manchmal renne ich. Weil das Lied im Player gerade passt. Weil die Energie noch nicht genug hat für heute. Manchmal gehe ich langsamer. Weil ein zauberhafter Gedanke nebenher schwebt und ich mich gemütlich mit ihm unterhalten möchte. Manchmal, weil ich hoffe, dass die dunkle Stadt in genau diesen zehn Minuten etwas nur für mich vom Himmel fallen lässt. Aber ich bin nicht Truman und der TÜV hat sicher dafür gesorgt, dass alles, was da oben hängt, niemals herunterfallen wird. Geprüft und besiegelt.

Heute. Die dreckigen Arbeitsklamotten. Das Buch im Rucksack, von mir heute besonders intensiv nicht weitergelesen. Stattdessen Blicke aus der achten Etage über die Gleise hinüber zum Wasser geschickt und das Leben mal für fünfzehn Minuten passieren lassen. Vorhin.

Ich überlege die ersten hundert Schritte, ob ich mir nach langer Zeit mal wieder ein bisschen Gedankenspinnerei erlauben soll. Verbotene Frucht im Garten des Zynismus. Evalike gesündigt und nicht Adam, aber zumindest den Geist gefickt. So ein bisschen. Schlimme Worte wie "eigentlich" und "Liebes Leben, ich möchte. ich hätte bitte gerne" spuckt das Seelchen in meinen Kopf von innen an die Pupillen. Denk nicht zu weit, es war viel die letzten Tage. Ratio. Der alte Gutmensch. Bügelt immer wieder alles sauber und glatt.

Es fängt an zu nieseln. Ein Vampir rennt an mir vorbei. Ist wohl zu spät zu einer Verabredung. Früher habe ich auf dem Weg noch eine geraucht. Ganz früher habe ich mir auf dunklen Wegen immer eine angesteckt, damit ich potentiellen Angreifern zur Not die Kippe ins Gesicht drücken kann.
Dinge, die wir machen, um am Leben zu bleiben. Lachen. Auch.

An der großen Kreuzung immer wieder der gleiche Gedanke. Zeig mir ein bekanntes Gesicht. Irgendeins. In den wenigen Autos, als Radfahrer, Fußgänger. Egal. Irgendwas, das mich Pause machen lässt. Das mich kurz innehalten lässt. Das dem Moment einen Sinn gibt. Aber der Sinn ist. Immer. Auch an der leeren Kreuzung. In den Wohnblöcken gegenüber vereinzelt Licht. Es ist unter der Woche oder Wochenende, ich habe es vergessen, die Menschen schlafen oder sind aus. Oder tot. Wer weiß das schon. Vielleicht stehen sie auch im Dunkeln am Fenster und glotzen die ganze Nacht auf die Kreuzung und denken sich: Leben, gib mir irgendwas. Einen Unfall. Ein bekanntes Gesicht.

Das Seelchen hat das Schmachten beendet und ich überquere den Zebrastreifen. Wenn das Lied passt, hüpfe ich im Takt. Die Bäume am Gehsteig sind immer schwer vom nassen Laub. Immer. Mitten in der Nacht, unweit der Kreuzung ist die Welt schon wieder in Stille versunken. Niemand ist hier unterwegs. Es ist ein mittelgroßes Wohnviertel hier, das Leben tobt woanders, in mir tobt aber gerade das, was einen ereilt, wenn man erschöpft ist, die Energie nun doch ihr Tagwerk erledigt hat und die Müdigkeit aber noch nicht eingecheckt hat. Wenn alles irgendwie schwebt. Kein Watteschweben. Ersticktes Schweben. Delirisch, ein bisschen. Sortiert von der Dunkelheit.

Manchmal rennen schwarzbeflügelte Wesen auf mich zu, und wenn ich mich ihnen zuwende, damit sie mich nicht umrennen, sind sie weg. Einer steht an der Ecke und wartet auf mich. Er wartet immer. Wenn ich die Ecke erreicht habe, ist er weg um an der nächsten Ecke wieder auf mich zu warten. Ein dummes Spiel, das ich noch nie toll fand. Aber ich muss immer grinsen. In der Dunkelheit passiert es immer. Alles. Und vieles fühlt sich gut und rund und richtig an, was am Tag von der Sonne gnadenlos in den Asphalt wegverbrannt wird.

Der kleine Supermarkt an der vorletzten Ecke. Den gibt es jetzt nicht mehr. Der wurde hundert Meter eine Spur größer wiedergeboren. Jetzt am Eck nur noch Bäckerei. Franz und Brötchen gibt es hier. Den Zuckerschock zum Mitnehmen, wenn der Tag mal zu schwer wird. Oder bei House doch mal einer stirbt. Oder Denzel Washington das mit dem Retten von Mensch und Tier und Welt doch nicht so raus hat.

Ich streife alles ab, je näher ich der Haustür komme. Vor der letzten Kreuzung. Da sind links hypermoderne Reihenhäuserblocks entstanden. Mit Penthäusern oben drauf. Mit Spielzeug im Garten und so Kletterhütten und schwarzen Audis in der Tiefgarage unter den Gärten und zwanzig Zentimeter neben der Eingangstür ist schon das bodentiefe Küchenfenster und ich frage mich, warum manche Menschen bereit sind, mit dem Licht auch gleich die ganze Stadt in ihr Leben zu lassen.
Manchmal, seltenst brennt noch Licht. Meist nur so ein Leselämpchen im Wohnzimmer. Dann gehe ich durchs Küchenfenster rein und schaue mich um.
Solange, bis alles von mir abfällt und ich ungefähr 53 Schritte weiter und vier Stockwerke müde unter das Dach klettere und dann Löcher durch das Dachfenster in die Nacht starre.

Und die Astronauten starren immer zurück.

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34 Antworten

Kommentare

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    Ich fasse es nicht, wie ich erste jetzt darauf stoße! Smilla, der Text ist für mich ein absoluter Kracher. Egal wie alt der ist. Ich les den mehrmals.
    Ich glaube bisher hat nur Koko mit seinen  Texten dieses "Klick" beim Lesen verursacht.
    (Vielleicht übetreibe ich. Aber ich finds voll gut.)

    Dinge, die wir machen, um am Leben zu bleiben. Lachen. Auch.

    19.05.2014, 22:03 von RAZim
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    Auch mit zeitlichem Abstand groß! und es ist wieder Herbst, wenn auch 4 Jahre später.

    Hab noch mal geliket, da ich mich unter den Bildchen vermisst habe.

    grüße aus einem anderen Universum!


    20.09.2013, 08:25 von RedSonja
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    liest sich wie aus einem Guss.
    Runde Ecken, schwarzes Licht..
    athmosphere-to-go

    30.12.2009, 16:41 von Kokomiko
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    Schöner Text (:

    13.12.2009, 01:52 von chrisderchris
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    Großartiger Text, wie ich finde. Dake für dieser Bereicherung an diesem ansonsten Trostlosen Samstag...

    29.11.2009, 00:53 von more_scar_than_skin
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    Freut mich sehr, mal doe Smoella uffe S1 zu sehn. Text ist solide, nett geschrieben. Stolpert aber wein wenig durch die Nacht wie die Protagonistin.

    Weiss nich, ob ich das jetzt gut finden soll.

    27.11.2009, 05:57 von quatzat
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    ich halte Auschau, halte mich fest.
    Geblendet von Türen, geblendet von Licht.
    Ganz zufällig fängt es an zu regnen und wird Nacht. Ganz zufällig bin ich auch hier. Gefangen in der leeren kühlen nassen Stadt. Satt Stadt.
    Ist es menschenleer. Stadt. Zirkus.[url=http://www.frauen-paradies.de]Shopping[/url] Nichts.
    Manchmal dunkel, manchmal hell. So ist sie, die Nacht die uns erhält.

    24.11.2009, 15:30 von SimiMimi
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      @[Benutzer gelöscht] Dem stimme ich auch zu.

      Und ich finde, Rayon hats noch sehr freundlich formuliert!!

      ...

      23.11.2009, 21:33 von Batida72
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