Nach Hause gehen
Man war extra lang arbeiten. Aber irgendwann muss man doch los.
Durch die Tür hinaus auf die Straße, die schon halb im Dunklen liegt, durch die Lichtkreise der ersten Straßenlaternen hindurch, die jemand dumm angemacht hat. Vorbei an den Pennern, die den ganzen Tag vor den Supermärkten hart gearbeitet haben, die krumm vom Bitten durch die leeren Gänge schlurfen und sich aus Tetrapacks reinen Wein einschenken und einen Platz zum Pennen suchen, ja was denn sonst, sagt doch schon der Name. Vorbei an den Bäckern, die den Zucker vom Tag aus den Vitrinen wischen und den harten Kuchen von gestern in den Müll werfen oder neu auspreisen. Gegenüber des Hotels, in das die Gäste der Stadt einkehren wie Scheißhausfliegen in eine Kneipentoilette im Sommer gegen Mittag. Über die Bürgersteige, auf denen ausgebrannte Kippen, fettiges Papier und Pizzareste Spalier stehen für die müden Helden der Arbeit. Dort beginnt der Weg nach Hause, hier fängt alles an.
Durch die Nebenstraßen, mit den erleuchteten Zimmern, dem Stuck an der Decke und den großen Fenstern, an denen die Rotze der Stadtluft langsam trocknet. Vorbei an den vielen Geschichten in den Etagen der Mietshäuser, die einem am Arsch vorbei gehen. Durch dunkle Parks, in denen noch dunklere Schatten auf der Lauer liegen und leere Bierflaschen auf der Mauer stehen und volle Bierflaschen vom letzten Hemd bezahlt werden. An Hundescheiße vorbei, die auf ihren großen Auftritt wartet. An einem Einfältigen vorbei, der jeden Abend im Dunkeln wie ein Wahnsinniger in den Himmel schaukelt und sich wahrscheinlich auch noch einredet, es würde sich deshalb irgendwann was ändern. Auf Füßen gehen, die keinen Schritt mehr tun wollen, aber die Wissen, das Stillstand die schlimmste Todesart ist. Im Herzen einer Stadt, das so ruhig schlägt, obwohl es so viele jeden Tag brechen. Dort kann man das Ziel noch lang nicht sehen.
Zum Bahnhof hin, an dem die Menschen solange stehen, bis sie einer abholt oder die S-Bahn sie verschluckt mit ihren kleinen zahnlosen Mäulern aus Licht. Wo die Menschen nach Zügen rennen, die alle zehn Minuten kommen, als ginge es um ihr Leben. Wo die Menschen nach Zügen rennen, die alle zehn Minuten kommen, weil es um ihr Leben geht. Vorbei an den Bürohäusern, die da hängen im Schatten wie verlassene Bienenstöcke, weil der Schwarm beschlossen hat, dass es endlich genug ist. Unter den Kränen hindurch, die mit ihren Armen den schweren Abendhimmel tragen und die sich führerlos im auffrischenden Ostwind in die Nacht drehen. Gemeinsam mit einem Haufen Blätter, die sich solidarisieren und aus Mitleid eine Runde orientierungslos im Kreis fliegen, bevor sie sich in den Rinnstein fallen lassen. Da bekommt man den leisen Hauch einer Ahnung, wo das alles hinführt.
Im vollbesetzten Nahverkehr, der nur so heißt, weil man nah beieinander sitzt, obwohl man sich doch so fern ist, und er deshalb eigentlich Fernverkehr heißen müsste. Zwischen müden Augen, hängenden Lidern, leuchtenden Telefonen und undankbar vom Neonlicht angestrahlter weißer Haut über den Rollkragen und Ärmeln der Pullover und Jacken. Zwischen Menschen, die ihren Kopf in Zeitungen stecken und welchen, die das Schreien lieber in Bierflaschen versenken. Zwischen Menschen, die sich drängeln und schubsen, die sich nicht aussteigen lassen oder einsteigen, die einen Sitz Platz zwischen sich lassen, als wären alle mit einer dünnen Schicht Gift bestrichen. Zwischen Menschen, bei denen man nicht erkennen kann, ob sie sich vor anderen, oder andere vor sich selbst schützen wollen oder sollten. Zwischen Menschen, die ein wenig wie man selbst sind und die einen trotzdem allein lassen inmitten dieses Wahnsinns. Hier kann man schon erahnen, dass es nicht mehr weit ist.
Vorbei an den bunten Leuchtreklamen über den Läden im Erdgeschoss der Häuser, die alle irgendwas mit Fressen oder Trinken zu tun haben oder die ihren Friseurläden bescheuerte Namen geben wie Haarlekin oder Haaresbreite oder Haarem oder Haarspalterei oder Haarakiri oder Haar IV, das geht solang bis man kotzen will. Vorbei an den tausend blauen und roten Videotheken, die einen wertlose Lebenszeit kosten, weil so ein Film nicht die Welt kostet. Vorbei an Horden von betrunkenen 20jährigen, die aus der Provinz zu Besuch sind und glauben, dass eine Stadt nur dazu da ist, dass sie sich mal so richtig gehen lassen können, weil Mama und Papa sie gehen lassen haben, und man in Hauseingänge kotzen und pissen darf, ohne dass einem ein paar harte Berliner, die schon seit tausend Jahren hier im Kiez wohnen, dafür Herz und Schnauze polieren. Vorbei an kleinen alten Frauen mit großen Plastikbeuteln in beiden Händen, die an Ampeln stehen und selbst bei Grün nicht losgehen, weil sie kein Ziel mehr haben. An diesem Punkt des Weges ist es fast geschafft.
Raus aus der vollen Tram raus auf die Straße, in der sich die wenigen Aussteiger verstreuen als wären sie Salzkörner und in der sich nichts mehr regt außer dem Penner auf der Bank an der Ecke vor dem Dönerladen. Rein in die Einsamkeit einer Stadt, in der die Sonne untergegangen ist und die Menschen heimgegangen. Inmitten von Häusern die man jeden Abend von der gleichen Straßenseite aus sieht und von denen man sich auch vorstellen könnte, dass sie nur Kulissen sind für den eigenen Film im Kopf. Bis vor die Haustür, vor der man den Schlüssel nicht findet während in der Zwischenzeit von oben das Licht der flackernden Hausnummernlampe runterfällt und sich mit den Schatten um die Weltherrschaft streitet. Vor der man merkt, dass all die Dinge, die man morgens hier zurück gelassen hat, noch da liegen und warten, dass man sie wieder mit hoch nimmt. Den Hausflur lang, mit Zwischenstopp am Briefkasten, in dem Werbung liegt obwohl man mit schwarzem Edding einen Totenkopf an den Briefkasten gemalt hat, der KEINE WERBUNG EINWERFEN SONST SCHMERZHAFTER TOD sagt. Die Treppen hinauf, die einem wie eine Metapher vorkommen für das eigene Leben: steil, marode und wieder nicht gewischt. Vor die einzige Tür, zu der man wirklich einen Schlüssel hat, in einer Stadt, in der angeblich so viele Türen offen stehen für einen. Hier ist man fast am Ziel.
Nur noch rauf auf die Couch, Neoprenanzug an und in die blaue Lichtlagune des Fernsehers tauchen, obwohl in der Küche das Geschirr schimmelt und in den angrenzenden Stadtteilen drei Menschen darauf warten, dass man anruft. Dann ist man am Ziel. Wenn im Fernsehen eine Heimtiersendung läuft, in der sich eine Katze in den Schwanz beißt, und man sie beneidet um die Leidenschaft in ihrem Leben. Und man kurz die Augen schließt, um nicht mit ansehen zu müssen, wie man wieder dort angekommen ist, von wo man morgens geflohen ist.

Kommentare
Berlin.
22.09.2011, 21:31 von wortkotzeWortgewandt!
11.09.2011, 11:47 von ArcadiumLove it.
10.09.2011, 13:31 von Pinzepuarg überfrachtet. Um was geht es?
08.09.2011, 20:55 von KokomikoMir gefallen folgende Sätze besonders gut:
08.09.2011, 19:12 von topfbluemchen"und sich aus Tetrapacks reinen Wein einschenken..."
"an denen die Rotze der Stadtluft langsam trocknet."
"An Hundescheiße vorbei, die auf ihren großen Auftritt wartet." (der Wortwitz, "Auftritt" und so, ist der Knaller) ;D
Ansonsten sehr melancholisch. Top geschrieben; ich war sofort "drin" und dabei. Der letzte Satz ist sehr treffend, oft.
Mehr Empfehlungen als Kommentare sagt eigentlich alles...starker Text.
08.09.2011, 18:11 von Nextstationout@Nextstationout jo, es sagt etwas über Leute mit Zählschwäche ..17 :17 derzeit, viel mehr nicht.
08.09.2011, 18:28 von schaubyaber okay. überstilisiertes Großstadtmelancholieren, Herbst-herbei-schreiben und drin ersaufen kann auch eine Form von Genuß sein ..
es soll schönere Arten geben.
@schauby Mensch schauby mach doch nich IMMER ALLES kaputt :D Lass doch einfach ma so stehn, wies is :)
08.09.2011, 19:30 von NeverGrowUpGenial. Die Stimmung in den ersten vier Absätzen ist so atemberaubend. Ausgewogen, friedlich. Eigentlich kann ich gar keine Worte finden. Man hat das Gefühl, man steht neben sich selbst und betrachtet die Welt mit ganz anderen Augen.
08.09.2011, 17:16 von NeverGrowUpDu lässt so viele Bilder entstehen, die genau treffen, was ich mir manchmal denke! Das hier z.B.
Im vollbesetzten Nahverkehr, der nur so heißt, weil man nah beieinander sitzt, obwohl man sich doch so fern ist, und er deshalb eigentlich Fernverkehr heißen müsste
EIn Text, bei dem man wirklich richtig traurig ist, wenn die letzte Zeile gelesen ist, weil man sich so hineinvertieft hat.
@NeverGrowUp von wegen im Nahverkehr so fern. Was da manchmal für hirnverweste Kellergestalten aufdringlich mangelnden Nah- und Vollkontakt in fremder Gesellschaft nachholen wollen, kann auch das barmherzigste Mitgefühl- und vorallem Geruchsempfinden deutlich überstrapazieren.
08.09.2011, 18:05 von schaubyDer Autor hat in seinen süßen Kuschel- und Näheträumen öffentlicher Verkehrsmittel vermutlich eher an etwas mehr Liebreiz und Damenstöße äh Damenschoss gedacht.
@schauby ich fahr oft m10 durch fhain. wenn du einen siehst, der sehnsuchtsvoll den passagieren sein poesiealbum in die hand drückt, spricht mich einfach an. vielleich kommen wir ja zusammen.
08.09.2011, 19:52 von hibLeichtfüßig wie ein 9-Tonner.
08.09.2011, 15:13 von Jingeling89Macht mich jetzte nen bisschen depressiv.
Aber der Text ansich is tofte.
this shit is real ! find ich gut !!
08.09.2011, 13:55 von bananaaach ich mag das ja so melancholisch, ich finde es ist nicht schwermütig. bzw. es gibt tage, da fühlt man sich halt (ich mich) so oder ähnlich.
08.09.2011, 13:47 von Gluecksaktivistinmir gefallen eher gewisse abgedroschene wortspielerein nicht sonderlich....