emel 30.11.-0001, 00:00 Uhr 123 74

Musikfaschismus

Was steckt hinter der Intoleranz, wenn es um einige Musiker und Musikstile geht? Der selbstanalytische Versuch einer "untypischen" Türkin.

Ich erinnere mich: Als ich mit 15 Jahren versuchte, mit meiner
R'n B-&-Hip-Hop-beladenen Musikvorliebe einen Schwenker Richtung "Rockmusik" zu machen, musste ich mir von einem Mädchen (zu der ich damals aufsah und der ich imponieren wollte, denn sie kam aus Istanbul) anhören, dass Red Hot Chili Peppers keine Rockmusik machen. "Das ist kein Rock. Das ist Pop." Gott, wie peinlich! Ich fühlte mich ertappt. Ich gehörte in ihren Augen zu den Leuten, die keine Ahnung haben, was Musik überhaupt ist. Mit 15 Jahren ist man wahrscheinlich auch noch nicht soweit. Aber jene Situation von vor sieben Jahren blieb mir immer im Hinterkopf.

Nicht weil auf die Suche nach der "richtigen" Rockmusik ging. Sondern weil mir bewusst wurde, dass es etwas jenseits des allgemeingültigen, öffentlichen Geschmacks geben musste. Etwas, das nicht jeder kannte und denjenigen, der es kannte, zu etwas Besonderem machte. Aber wo sollte ich danach suchen?

Ich habe keine Eltern mit einer Plattensammlung aus den 70ern. Keine Beatles, kein Pink Floyd oder Kool & The Gang. Meine Eltern hören noch heute türkische Klassik und Volksmusik. Da ich diese Musik damals als Jugendliche nicht mit meinem Umfeld in Einklang bringen konnte, fragte ich mich selber durchs Leben.

Ich fand die Antwort (man glaubt es kaum) im Deutschunterricht auf dem Gymnasium: "Apocalypse Now". Ein Film, der mir eine völlig neue Dimension des Klangs offenbarte. In der Anfangsszene mit der Palmenreihe habe ich das erste Mal eine Gitarre gehört, wie ich sie vorher noch nie gekannt habe. So frei. Die Melodie schwebte über den Bäumen, waberte mit der heißen, napalmhaltigen Luft des Dschungels. Und dann kam diese Stimme aus dem Nichts und verkündete mit der Explosion das Ende: "The End" von The Doors war das erste Lied, das mich bewusst berührte.

Seitdem war mir klar, dass Musik sehr stark mit der eigenen Persönlichkeit und ihrer entsprechenden Lebensphase verbunden ist. Ich war auf der Suche. The Doors kamen und nahmen mich mit. Und ich habe denen das abgekauft, die ganze Sache mit den "Pforten der Wahrnehmung" und so. Sie öffneten mir Augen und Ohren und gaben mir den Mut, meinen Ohren viel mehr zuzutrauen.

Ich stehe noch heute zu meiner R'n B-Vergangenheit. Lieder wie "Sleeping im my bed" von Dru Hill, "Tell me what you want" von Mase oder "Home alone" von R. Kelly werden nicht so einfach wiederkehren. Selbst in der R'n B-Szene selber sind in den letzten Jahren solche Burner eher ausgeblieben. Dennoch höre ich mir bei Gelegenheit auch die neuen Sachen an. Denn auch hier lautet die Devise: "Wissen ist Macht."

Seitdem ich mich in den letzten Jahren intensiv in die Indie-Szene begeben habe, ist mir eine besondere Grundhaltung aufgefallen. Die Leute, mit denen ich mich umgab, hatten Probleme mit vielen Stilrichtungen und Interpreten. "Geh bloß weg mit Black Eyed Peas! Die sind scheiße, besonders seitdem diese Bratz dabei ist." Oder "Electro? Itze, itze, oder was? Wo ist denn da die selbstgemachte Musik?" Oder "Dieser R'n B-Scheiß ist Kinderkacke. Bling bling & Wackel den Arsch. Alles dumm wie Brot." "Sophia" ja, "Phantom Planet" nein! "The Strokes" ja, "Beatsteaks" nein! "Adam Green" ja, "Robbie Williams" nein!

Es ist die Oberfläche, die viele stört. Dass alle dieses oder jenes Lied, diesen oder jenen Musiker kennen. Das senkt den Reiz. Adam Green war top, bis er plötzlich zum Sarah-Kuttner-Liebling wurde. Danach kannten ihn alle und für viele war er danach gestorben. Aber warum? Wir wissen doch alle, wie kurzlebig die Popkultur ist. Nach paar Monaten hat man ihn doch wieder "für sich".

Faschisten gibt es in jeder Szene. Die Hip Hopper sind auch nicht gerade die weltoffensten und die Heavy Metal-Leute machen allein optisch die Absenz ihrer Diskussionsbereitschaft deutlich. Es geht auch nicht darum, dass sich jeder lieb hat. Meine Frage lautet eher: Geht es in dieser Diskussion noch um die Qualität der Musik? Oder ist es ein bestimmter Lebensstil, der damit verbunden ist und den man verneint? Spielen da vielleicht sogar soziale Dinge eine Rolle, die die Haltung auslösen?

Bei R'n B denke ich immer an Türken, die sich im Club auf die Fresse hauen, weil sie dicke Eier beweisen wollen. Ist das gerechtfertigt von mir? Vor allem: Wenn es stimmt, dass man Musik sozial zuordnen kann, ist dann unser musikalischer Werdegang nicht in bestimmter Hinsicht determiniert? Spielt das soziokulturelle Umfeld, aus der man nicht so leicht ausbrechen kann, nicht eine signifikante Rolle?

Ich sage: Ja! Und der französische Soziologe Pierre Bourdieu würde folgendes hinzufügen: "Als Vermittlungsglied zwischen der Position oder Stellung innerhalb des sozialen Raumes und spezifischen Praktiken, Vorlieben usw. fungiert das, was ich Habitus nenne, das ist eine allgemeine Grundhaltung, eine Disposition gegenüber der Welt, die zu systematischen Stellungnahmen führt. Es gibt – und das ist meiner Meinung nach überraschend genug – einen Zusammenhang zwischen höchst disparaten Dingen: wie einer spricht, tanzt, lacht, liest, was er liest, was er mag, welche Bekannte und Freunde er hat usw. – all das ist eng miteinander verknüpft."

Seitdem ich mich von R'n B & Hip Hop ein wenig entfernt habe, habe ich kaum noch türkische Freunde. Das ist kein Witz! Mein türkisches Umfeld ist völlig abgestorben und im Gegenzug dazu finden mich viele Nicht-Türken "interessant", weil ich "nicht typisch Türkisch bin", denn ich höre ja kaum R'n B. Ich habe mich aber schon damals für Theater interessiert und habe Sachen von Thomas Mann und Max Frisch gelesen. Das eine bedingt das andere. Daher wird es auch nie einen Weg aus dem Musikfaschismus geben. Das wäre so, als würde man soziale Räume abschaffen.

Ich hasse zwar Robbie Williams, aber ich werde nie aufhören, mich mit jeglichen musikalischen Refreshments zuzudröhnen, denn diese Eigenschaft ist schlichtweg ein Teil meines Habitus.

Also: Die Energie bündeln und konstruktiv nutzen! Den Musikfaschismus als einen Katalysator verwenden! Denkt immer zuerst daran zu erkennen, wie ihr musikalisch gesehen zu dem geworden seid, der ihr seid und wen ihr vor euch stehen habt, um eine für beide Seiten effektiven Diskurs zustande zu bringen.

74

Diesen Text mochten auch

123 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    kann ich nachvollziehen, nur auf pro level. wer die "master of puppets" der "ride the lightning" vorzieht, ist ein plepp, wer gar die justice for all zur besten metallica machen will, mit dem red ich nie wieder. von diesen tests hab ich hunderte. wer testament gut findet, aber megadeth scheiße, wird ausgelacht. pech gehabt. daher sinds für mich auch weniger die genres oder bands, sondern die einzelwertungen. ich hör alle genres, aber nur wenige sachen.

    12.05.2011, 02:06 von Beatnick
    • 0

      @Beatnick niiiice!

      21.05.2011, 09:22 von ZitronenTee
    • Kommentar schreiben
  • 0

    tolles Teil :)

    12.05.2011, 01:49 von Essey
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Der selbstanalytische Versuch einer "untypischen" Türkin.



    autsch!

    09.05.2010, 21:44 von franzelfant
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Tjaaa - schwieriges Thema.
    Ich zählte ganz lange zu den "Musikfaschisten" und habe mich bis vor kurzem auch noch selbst so betitelt, bis ich gemerkt habe, dass ich es a) nicht bin und es b) totaler Humbuk ist. Als Kind hat mich mein Vater mit rock zugedröhnt, mein erstes "Wir sind Helden"-Konzert besuchte ich mit 14 und betrat so eine Epoche in der ich die ausschließlich die "Reklamation" und alle bisherigen B-Seiten rauf und runter hörte.
    Dann kamen "Fettes Brot" und "Fanta 4" dazu, ein bisschen Metallica, gelegentlich Rammstein und klassische Musik wurde auch immer cooler.
    Mit einem Bier intus liebe ich Schlager - grölen, tanzen, trinken.
    Vor einer Woche sagt jemand zu mir, dass es doch egal sei, welche Musik richtung, "hauptsache, es bewegt dich". Bewegen ist so schön vieldeutig und genau das ist es auch, was Musik zur Kunst macht. Vielseitig- und vieldeutigkeit. Abiturienten heulen genauso zu kitschigen "Das Beste"-Liedern wie Hauptschulabsolventen.
    Somit sei´s doch jedem gegönnt, die Musik zu hören, die ihn bewegt - einzig sehr ideologie-belastete Musik wird von mir sehr kritisch betrachtet.

    26.07.2009, 02:15 von jazzkoechin
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Für mich ist Musik so etwas wie Emotion, die entweder zu meiner jeweiligen Situation passt oder auch nicht. Wie die jeweiligen Musikrichtungen heißen ist mir egal. Entweder die Musik erreicht mich (positiv) auf emotionaler Ebene, oder sie ist mir egal, und, leider kommt das auch vor, gibt es auch welche, die mich deutlich aufregt, die ich mir keine Minute anhören will. Bei letzterem hoffe ich auf gegenseitige Toleranz insofern, dass man in der Öffentlichkeit zumindest Kopfhörer (z.B. in Bus und Bahn) benutzt.

    Früher habe ich mich für sehr tolerant gehalten, hatte auch kein Problem mit verschiedene Musikrichtungen klarzukommen ... aber da wusste ich noch nicht was später alles als Musik verkauft wird. Nein, meine Schmerzgrenze ist längst erreicht. Als ich in den 90ern aus meinem 12 qm großen Zimmer unterm Dach, die ich mir als Student gerade leisten konnte auszog, war der Grund eine 21 von 24 Stunden andauernde extreme, den Boden vibrieren lassende Geräuschbelästigung. Zwei damals 17jährige hatten die Zimmer nebenan gemietet, und von 8 Uhr morgens bis um 5 Uhr am nächsten Morgen ihre Anlage auf voller Lautstärke laufen. Erst dachte ich, die schreien sich dauernd gegenseitig an ... zeitweilig hörte es sich an wie ich mir eine Aggressionstherapie vorstelle ... und nach den ersten 2 schlaflosen Nächten war ich schon mit den Nerven am Ende. Die Bitten, die Musik mal leiser zu machen fruchteten ... für maximal 10 Minuten, bis dann der Boden wieder von dem Geschrei aus den Boxen vibrierte.
    Und ja, verdammt, seit dem bin ich intolerant in Sachen Musik. Nein, es ist nicht das, was meine Eltern damals „Schreimusik“ nannten, die meinten damit Rock, Pop, Metal, vor allem wenn eine E-Gitarre zu hören war. Nein, ich rede von aggressiven Geschrei und Gesabbel (mit mindestens 10 Wörtern pro Sekunde), das maximal mit so etwas wie ein wenig Rhythmus unterlegt ist. Jawohl, aus Sicht der mir nachfolgenden Generation mag ich damit keine Ahnung haben, aber ich habe eine Ahnung davon was mir bekommt oder nicht.
    Und ich finde darum geht es bei der Musik. Dass sie einem etwas sagt, dass man sie mag, dass man sie bewusst einsetzen kann, entsprechend zur aktuellen eigenen Stimmung oder auch nur zur Unterhaltung. Egal, was andere davon denken. Ich fühle mich nicht bemüßigt mich als Punk, als Rocker, das Goth oder sonst was zu verkleiden wenn ich mal den einen oder anderen Song aus der entsprechenden Richtung höre, genauso wenig ziehe ich mir Sachen aus den 80ern an wenn ich was aus der Zeit höre oder nehme sonstige Veränderungen an mir vor, oder gebe etwas auf die Meinung anderer zu der Musik die mir gefällt.

    23.06.2009, 13:38 von Cyro
    • Kommentar schreiben
  • 0

    wow! Dein Text ist echt tiefsinnig. Hätte nicht gedacht, dass sich jemand so intensiv damit beschäftigt, wie sich die Sozialisierung einer Person auf dessen Musikgeschmack auswirkt.Allerdings finde ich dein Urteil über Metalfans zu pauschal. Ich höre überwiegend Metal und Rock und ich denke nicht, dass ich oder mein Freundeskreis intolerant ist. Ich mag Metal, weil die Musik so direkt und unverblümt ehrlich ist.

    13.04.2009, 23:20 von smart_youngster
    • 0

      @smart_youngster Schöner Artikel. Ich werd´ mir doch erst mal die Diskussion durchlesen, bevor ich was schreib´.

      26.05.2009, 01:16 von Steifschulz
    • 0

      @Steifschulz Ein Freund sagte mal zu mir: "Du kannst dir zwar Jimi (Hendrix) anhören. Aber du hörst Jimi nicht verdammt!"
      Man muß doch einen gemeinsamen Nenner finden können. Wenn Freunde wegen eines unterschiedlichen Musikgeschmacks getrennte Wege gehen, hatten sie wohl doch nicht so viel gemeinsam, wie gedacht. Da hakt deine Argumentation gewaltig. Lassen sich soziale Gruppen einem Musikstil zuordnen? Nein. Ich kann mit Bushido was anfangen ohne real zu sein oder aus dem Milieu zu kommen. Das einzige was stimmt ist, dass dieser Musikfaschismus nie zu Ende sein wird und das ist auch gut so. Dieser Hass erscheint zwar nicht vernünftig, schafft aber auch ein, wenn auch vielleicht mit der Zeit vorübergehendes Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb dieser Gruppe. Genauso das Gleiche macht die gemeinsame Liebe zu einer Musikrichtung. Musik bringt Leute einander näher, weil jeder davon auf die eine oder andere Weise berührt wird. Wie weit diese Annäherung dann weiter vollzogen wird hat aber nichts mehr mit Musik zu tun.

      26.05.2009, 02:17 von Steifschulz
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Beatsteaks sind Mist.
    Doors sind der Wahnsinn.

    Glückwunsch, du bist auf dem richtigen Weg ^^

    02.03.2009, 20:15 von frl_smilla
    • Kommentar schreiben
  • 0

    du sprichst mir aus der seele

    02.03.2009, 20:06 von DrSteve
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Wirklich ein toller und interessanter Artikel!

    Teileise kamen mir die Situationen, die du beschrieben hast, ziemlich bekannt vor. Es passiert mir oft, dass ich Leuten von irgendwelchen Bands vorschwärme, woraufhin die entstetzt sind, was ich doch für Zeug höre, ich mir aber nur denken kann: "Deine Lieblingsband klingt doch genauso!"

    Ich finde es ebenso lächerlich, Band nur deshalb nicht zu hören, weil jeder sie kennt. Hauptsache, mir gefällt die Musik.

    Auch dein RHCP-Erlebnis kommt mir bekannt vor: Ich habe immer Probleme damit, Musikrichtungen einzuordnen...ich höre ja sehr gerne die Smiths, die sollen ja "Indie" sein - aber weiß irgendwer, was das eigentlich ist?

    :)

    23.02.2009, 21:26 von Singer_in_the_Rain
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3 4 5 ... 13