hib 05.04.2010, 12:05 Uhr 49 105

Moreen

Wir waren jung und wussten es nicht besser. Und trotzdem bleibt ein komisches Gefühl in der Gegend, in der eigentlich die Unschuld blühen sollte.

Braune lange Haare, braune große Augen, rote volle Lippen. So wie du haben tausend andere Mädchen zur gleichen Zeit auch ausgesehen. Aber ich habe eben neben dir gewohnt. Das haben wir nicht mal selbst entschieden, aber ich kann mich an keine Minute erinnern, in der das ein Problem war. Das hat uns damals nicht gestört, denn entschieden haben sowieso immer die anderen. Nein, im Gegenteil. Ich wollte auch nur dich kennen. Ich war froh, dass es so war, wie es war. Denn mit dir war es am schönsten. Du hast gleich im Nebenhaus gewohnt. In der Achtzehn. Ich in der Sechzehn. Der Weg zu dir war also nicht weit. Fünf Stockwerke nach unten, zehn Meter nach links und dann noch drei Schritte bis zu deinem Klingelknopf. Genug Zeit, sich auf dich zu freuen. Auf dich und auf die nächsten paar Stunden, die wir gemeinsam bunt malen.

Ich weiß gar nicht mehr, wann wir uns das erste Mal getroffen haben und was ich da gedacht oder gefühlt habe. Es ist aber auch egal. Denn wir waren gerade so alt, dass wir die Zeit als Freund begriffen haben. Ein Freund, der uns die Möglichkeit gibt, Spaß zu haben. Fußball zu spielen. Puppen an- und auszuziehen. Also du hast sie an- und ich sie ausgezogen. Wir haben mit hellen Stimmen geredet über Dinge, die man heute albern nennen würde. Und wir haben uns nichts dabei gedacht. Bei nichts. Wir haben einfach immer irgendwas Schönes gemacht. Wir haben auch mal Blutwurstschnitten gegessen in deinem Kinderzimmer, obwohl uns beiden schlecht davon geworden ist. Wir haben es für deine Mama getan. Wir hatte noch keine Ahnung, was ein Moment ist und warum die so wichtig sind. Uns hat der Nachmittag gehört, an den Wochenenden auch mal der Vormittag und als wir dann etwas älter waren auch der Abend. Bis die Stimmen unserer Mütter aus den Fenstern des Plattenbaus die Dunkelheit zerschnitten und uns getrennt haben für unerträglich lange Stunden bis zum nächsten Klingeln. "Kommst du raus?" Klar, was für eine blöde Frage. Ich konnte mir nichts Schöneres vorstellen. Das ist bis heute so geblieben.

Einmal, das weiß ich noch genau, hatten wir beide Ferien und haben zwei Wochen lang jeden Tag zusammen verbracht. Ich bin morgens aufgewacht und habe dich vermisst. Aber nicht so, wie ich dich heute vermisse. Es war das reine Gefühl. Es gab keine Hintergedanken. Keine versteckten Wünsche oder unsichtbare Ziellinien. Ich habe dich einfach so verdammt gern gehabt, ohne zu wissen warum. Und erst das Klingeln an unserer Tür hat mich erlöst. Einmal bist du nicht gekommen, das war ein Donnerstag glaube ich, in der zweiten Ferienwoche. Ich war so sehr daran gewöhnt, dich zu treffen. Ich war unruhig, flog auf einem ganzen Schwarm Hummeln durch mein Zimmer und wollte nicht mehr warten. Und obwohl es erst halb neun war und ich noch nicht mal gefrühstückt hatte, bin ich die Treppen runter geflogen und auf deinem Klingelknopf gelandet. Keine Antwort. Kein Fensterspalt breit offen. Du warst nicht da und das war das Schlimmste, das ich mir vorstellen konnte. Das ist heute nicht mehr so. Aber wenn ich mich daran erinnere, dann spüre ich die Angst vor dem Tag ohne dich in mir.

Ich wollte dich immer heiraten in der Zeit. Das war damals symbolisch gemeint und hieß so viel wie "Ich mag dich am meisten von all den anderen." Ich habe dir das nie gesagt. Warum auch. Wir waren ja praktisch zusammen, so wie man das heute nennen würde. Nur eben ohne Küsse. Nur mit Umarmungen, die nicht den Körper treffen sollten, sondern die sich direkt ums Herz herum geschlossen haben. Eigentlich schade, dass man diese Art der Berührung verlernt und erst wieder entdeckt, wenn man das eigene Kind in den Arm nimmt. Ich war auch nicht verliebt in dich. Wenn ich es von heute aus betrachte, dann war ich verliebt in uns beide. Wie wir gemeinsam zusammen waren. Von mir aus hätte das ewig so weiter gehen können. Leider ist das natürlich nicht so geblieben. Irgendwann kam, was immer kommt und alles musste sich verändern. Weil das eben einfach so ist. Wieder haben andere für uns entschieden. Und wir wurden größer. Mit unseren Körpern wuchsen auch die Ängste. Vor einem selbst. Voreinander. Vor allem. Und unsere Klingeln blieben immer öfter stumm. Wenn wir uns im Hof getroffen haben, waren nur noch unsere Blicke vertraut. Alles andere war außer Kontrolle geraten. Kein Stück passte mehr in seine alte Form. Und wir beide hörten auf zu reden. Ich hab dich vermisst, oft sogar. Aber immer wenn wir uns begegnet sind, habe ich plötzlich ein schönes Mädchen gesehen, mit dem ich nicht mehr sprechen konnte. Meine Unbeschwertheit wurde von einem weißen Hintergrundrauschen abgelöst, das mir immer reinredete. Wenn ich damals gewusst hätte, dass das nur eine kurze Phase ist, ich hätte niemals aufgehört, an unsere Freundschaft zu glauben. Ich weiß nicht, wie dir das ging. Aber da war was in deinem Blick. Wenn ich dich im Winter mit Schneebällen beschmissen habe, hast du mich traurig angeschaut. Als ich mit meinen Freunden laut über dich gelacht habe im Juli nach der Schule, da hast du bitterlich geweint. Und ich hab eigentlich gar nicht gewusst, warum ich das getan habe. Ich hatte dich gern. Und genau das war das Problem. Das ist es heute noch.

Bevor alles so komisch anders geworden war, hatten wir oft darüber geredet, zusammen ins Ferienlager zu fahren. Wir stellten uns das so schön vor. Jeden Tag rund um die Uhr zusammen. Keine Klingeln, keine Eltern, kein Hochkommen in der Dämmerung. Doch wie schon gesagt, uns kam das Leben dazwischen. Und so fuhr ich ohne dich ins Ferienlager. Lernte neue Freunde kennen. Ging baden. Ging verloren. Verliebte mich. Und vergaß dich völlig. Und als ich am ersten Abend nach meiner Rückkehr mit gebrochenem Herzen in meinem Zimmer saß und an ein anderes Mädchen mit braunen Augen, braunen Haaren und roten Lippen dachte, da kam meine Mutter in mein Zimmer und erzählte mir, dass du gestorben bist. Einfach so. Ich war jung, ich konnte nicht damit umgehen. Mein Herz war bereits gebrochen. Und so saß ich da, und beschloss, das nicht schlimm zu finden. Obwohl ich dich schrecklich vermisst hab. Man ist manches Mal so mutig als Kind, wenn man eigentlich schwach sein darf. Nur weil man wie die Großen sein will. Die Großen, die immer mehr zu Steinen werden mit den Jahren. Und so sah ich deine Mutter, die innerhalb weniger Wochen ihren halben Körper an den Schmerz verlor. Ich sah deinen Vater, der das Lachen an die Trauer verlor. Sie schauten mich an, jedes Mal, wenn ich im Hof mit unseren alten Freunden spielte. Und ich bekam kein Wort raus. Denn diese Sprache konnte ich noch nicht sprechen. Das ist bis heute schwierig. Ich weiß nicht einmal, wo dein Grab ist. Dabei würde ich dich so gern mal wieder besuchen. Aber ich traue mich nicht, deine Eltern zu fragen. Nach all der Zeit, in der ich nichts gesagt habe. Ein Schweigen kann mächtiger werden als der Tod.

Moreen. Ich hab dich nie wirklich gekannt. Weil wir damals noch gar nicht wussten, dass man irgendwie sein kann. Ich will dir nur sagen, dass ich dich vermisse. Dass ich das mit den Schneebällen damals nicht böse gemeint habe. Dass ich gern mit dir ins Ferienlager gefahren wäre, aber mich nicht getraut habe, dich zu fragen. Dass ich das heute bereue. Du fehlst mir. Ohne Hintergedanken. Ohne versteckte Ziellinie. Ich habe in den vergangenen Jahren oft an dich gedacht. Und das wird immer so bleiben. Ich weiß, man soll sich keine Vorwürfe machen. Wir waren jung und wussten es nicht besser. Woher auch. Und trotzdem bleibt ein komisches Gefühl in der Gegend, in der eigentlich die Unschuld blühen sollte. Denn dort wächst seit Jahren nichts mehr. Da ist nur ein großes Loch in der schwarzen Erde. Es tut mir leid.

105

Diesen Text mochten auch

49 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Wunderbar!
    erst so wunderschön und dann plötzlich traurig... (trotzdem noch wunderschön)
    Kloß im Hals, Tränen im Auge und das dringende Bedürfnis zu weinen.
    Ein sehr schöner Text

    22.07.2011, 23:01 von deluecksartist
    • Kommentar schreiben
  • 0

    wunderschön geschrieben & ich weiß genau was du meinst, ich habe selbst so einen besten freund.

    ich hoffe nur, dass unsere geschichte nicht mit einem 'es tut mir leid' endet.

    02.12.2010, 14:25 von redlipstick
    • Kommentar schreiben
  • 0

    wow, wirklich unglaublich schön.

    11.10.2010, 01:12 von snowwoman
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    wow. ich weine

    26.07.2010, 19:28 von KT_
    • 0

      @KT_ das habe ich auch.

      26.07.2010, 19:33 von hib
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ich muss sagen ich hab schon viel gelesen in meinem jungen Leben, aber so unglaublich gut war das Wenigste davon.

    11.05.2010, 15:50 von Sophie207
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Toll. Und traurig.

    "...spüre ich die Angst vor dem Tag ohne dich in mir. "

    07.05.2010, 16:33 von Simdi
    • Kommentar schreiben
  • 0

    dazu kann man eigentlich nur WOW sagen, echt super geschrieben..

    03.05.2010, 22:25 von brooder
    • Kommentar schreiben
  • 0

    sehr nah und sehr schön

    25.04.2010, 16:58 von nic.is.listen
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3 4 5 ... 5
  • Wie siehst du das, Stefan Bachmann?

    Jeden Mittwoch interviewen wir NEON-Fotografen oder Illustratoren. Auf unsere 10 Fragen dürfen sie uns nur mit Bildern antworten.

  • Die Trümmer­männer

    Millionen Syrer sind auf der Flucht. Doch was passiert mit denen, die blieben? In Aleppo versuchen ehemalige Kämpfer zu retten, was nicht mehr zu retten ist.

  • Durchs Wochenende mit … Lars

    Und, wie war dein Wochenende so? Jede Woche fotografiert ein NEON-Redakteur sein Wochenende mit dem Handy. Diesmal: Text-Praktikant Lars Weisbrod.