Mariki 19.05.2009, 21:12 Uhr 106 136

Monogamie = Monotonie?

Ich hab das mal ausgerechnet. Wir hatten schon 728 Mal Sex. Ungefähr.

Ich hab mir das mal überlegt. Wenn wir zwei Mal pro Woche Sex hatten in den letzten sieben Jahren – und das ist ein recht großzügig angelegter Schnitt –, dann ergibt das 728. 728! Ist ja schön, könnte ich mir jetzt denken, so oft Sex gehabt zu haben. Aber. Nur er und ich. Immer dieselben. Immer wir beide. Und die Monogamie.

Es ist doch so: Die Möglichkeiten der körperlichen Liebe sind beschränkt. Es gibt da ein gewisses Repertoire, mit einigen Varianten und manchmal überraschenden Elementen, aber im Prinzip liegt es in der Natur der Sache, dass man mit zwei Körpern nur eine gewisse Anzahl an Vereinigung zustande bringt. Oben, unten, hinten, vorne, im Stehen, im Sitzen, im Liegen, draußen und drinnen, in der Dusche, auf der Waschmaschine, hinter einer Hecke, unter Wasser, auf dem Schreibtisch. Das haben wir alles schon ausprobiert – 728 Mal ist immerhin eine ganze Menge an Gelegenheiten. Wir haben uns ein Standardprogramm zurechtgelegt, je nach Energiepegel aufgepeppt mit kleinen Besonderheiten, Früchte zum Beispiel, Joghurt, Eis, alles, was man lecken kann und will. Von überall an unseren Körpern.

Im Klartext: Es gibt nicht mehr viel Neues. Es lässt sich nicht leugnen, dass wir alles übereinander wissen, was der andere preisgeben will, wir beherrschen einander perfekt, wir küssen, drücken, streicheln richtig, wir sind eingespielt, eingefickt. Das ist schön. Aber. Das erschwert es auch, aus der Routine auszubrechen. Denn dass es ab einem gewissen Punkt eine Routine gibt, das lässt sich nicht schönreden. Nicht nach 728 Mal.

Natürlich sind da Grenzen, die wird nicht überschritten haben – noch nicht, wer weiß, vielleicht bringt unser 1000. Mal eine derartige Eintönigkeit, dass es uns überkommt, die letzten Tabus zu brechen. Womöglich kaufen wir dann doch die Leoparden-Look-Handschellen oder den Dildo, diese Spielzeughilfsmittel eröffnen wieder ganz neue Möglichkeiten. Aber. Im Moment sind wir uns selbst noch genug. Was mir beinahe wie ein Wunder erscheint. Nach 728 Mal.

Das erste halbe Jahr haben wir gevögelt wie die Glückseligen. Wir waren voller Hormone, voller Endorphine, voller Energie. Dann kam das Kuscheln dazu, es wurde geliefert mit der Liebe, die sich ihren Weg zwischen uns bahnte und uns ruhiger, zutraulicher, anhänglicher machte. Und von da an mussten wir auf der Hut sein, um nicht abzurutschen in die Selbstverständlichkeit, der die Sexlosigkeit folgt. Denn – packen wir die Wahrheit aus – in einer langjährigen Beziehung fickt man nicht ständig. Das wissen wir alle, nur verschweigen wir es gern. Aber. Es rückt einfach mehr und mehr in den Hintergrund, das Ficken, es verschwindet hinter dem Einander-zu-Lächeln, hinter dem Auf-die-Stirn-Küssen, dem Nebeneinander-Zähneputzen. Man muss es bewusst suchen, es hervorziehen, es wiederbeleben.

Ich bin mir sicher, absolut, dass alle, die länger als zwei Jahre mit jemandem zusammen sind und behaupten, sie würden bei jeder Gelegenheit über den anderen herfallen, lügen. Oder dass es kaum solche Gelegenheiten gibt. Bei einem Gespräch mit drei Freundinnen haben wir die Fakten auf den Tisch gelegt: Nicht eine von uns konnte nach einem, nach drei, nach fünf und nach sieben Jahren Liebe von einem Ich-werde-rattig-wenn-er-reinkommt-Liebesleben berichten. Im Gegenteil. Ich war von der nicht vorhandenen Häufigkeit unserer Sexstunden derart geschockt, dass ich mir noch am selben Tag ein kleines schwarzes Nachthemd gekauft habe. Eine minimale Veränderung nur. Aber. Wir hatten in dieser Woche vier Mal Sex. Es mag erbärmlich sein, dass ich das so genau weiß.

Aber. In der Monogamie bleibt das Liebesleben nun mal nicht von selbst. Man muss Energie investieren und Zeit. Man muss in Stimmung bringen und in Stimmung kommen, man darf nicht müde sein oder genervt, man muss den eigenen Körper akzeptabel finden und darf nicht an die wichtige Prüfung denken oder an den Streit mit dem Bruder gestern. Es gibt so viele Hürden, die der Sex überwinden muss.

Und dann, manchmal, ist er plötzlich verschwunden. Es gab Phasen, da haben wir überhaupt nicht miteinander geschlafen, weil das Leben uns niedergedrückt hat und wir unsere Kraft gebraucht haben, um standzuhalten, um weiterzugehen, um einander nicht zu verlieren. Wir konnten uns nur noch umarmen wie zwei Einsame, aber für Sex hatten wir nichts mehr übrig. Das hat unsere Statistik ziemlich ruiniert. Und es war schwer, wieder zurückzufinden zum feurigen Begehren, zum lustvollen Stöhnen, zum zufriedenen Seufzen.

Dieser Ab-und-zu-Sex in langen Liebesbeziehungen ist dann leider oft auch so schnell vorbei, wie er angefangen hat. Weil beide müde sind, der Wecker bald läutet, der Alltag so anstrengend war. Dann wird das Bedürfnis auf Sparflamme befriedigt, in der Missionarsstellung meistens, das ist gemütlich und nicht so aufwändig, ohne die Decke wäre es ja auch so kalt irgendwie, und jetzt noch mal aufstehen, ach nein. Natürlich ist Kuschelsex schön und angenehm und besser als gar kein Sex. Aber. An das glückselige Vögeln vom Beziehungsbeginn kommt er eben einfach nicht heran. Damit es sich noch mal so anfühlt wie damals, braucht es bewusstes Bemühen, Fantasie, Überraschungen.

Vielleicht haben wir nicht so oft Sex wie am Anfang, vielleicht auch nicht so oft wie die anderen oder wie wir es gern hätten. Aber. Wir haben noch Sex. Und er ist immer noch gut. Was ich erstaunlich finde nach 728 Mal. Ist doch wirklich langweilig, könnte ich jetzt denken, immer nur der eine, immer derselbe. Und doch, es überrascht mich selbst, will ich ihn noch immer, ich will ihn spüren, küssen, will den Duft an seiner Schläfe einatmen, ihn in mich hineinziehen, nicht loslassen, noch nicht, vielleicht nie. In diesen Momenten sind wir zu zweit in einem, uns umhüllt ein schillernder Kokon, den niemand durchdringen kann, schon gar nicht die Welt. Das kann überall sein, im Bett, in der Badewanne, im Auto, auf dem Küchentisch. Es zählt nicht, und auch nicht, ob es genügend Varianten gibt und ob wir das halbe Kamasutra durchspielen.

Die Monogamie liegt nicht in der Natur des Menschen, sagt meine Freundin Iris immer. Dabei ist sie ihrem Freund schon seit über fünf Jahren treu. Sie redet oft vom Fremdgehen, vom Fremdküssen, vom Fremdficken. Ich höre dann fasziniert zu und denke darüber nach, was ich tun würde, ob ich es tun würde. Ab und zu sehe ich einen, der mir gefällt, weil er groß ist oder blond, weil er mich angrinst oder weil gerade Montag ist, es gibt keinen Grund dafür, ich mag vielleicht sein Parfum, wenn ich ihm nah genug komme, oder ich will mich begehrt und geschmeichelt fühlen. Und fantasieren, was ich so alles tun könnte, oh, und wie es wäre. Bisher ist es noch nie dazu gekommen und ich halte mich selbst gern für vertrauenswürdig, für unfehlbar, für treu.

Ich bin es seit sieben Jahren. Das ist so verdammt kurz für das Leben und so verdammt lang für die Liebe. Denn eine Beziehung zu führen, ist hart, es ist anstrengend, es tut weh, es macht mich manchmal ganz wahnsinnig, weil ich dieses Band zwischen uns spüre, weil ich es nicht trennen kann und will, weil es mich zu ihm zieht, immer wieder. Er ist mein Spiegel und in seinen Augen kann ich sehen, was ich fühle, und deshalb gibt es Momente, da will ich nicht hinsehen, da reibt es mich auf. Wir sind so eng Haut an Haut, dass ich blaue Flecken bekomme innen drin, wenn ich mich an ihm stoße auf unserem Weg.

Aber. Dann küssen wir uns, er ist mir so vertraut und mir wird ein bisschen heiß, es fühlt sich gut an, so, nur er und ich. Und die Monogamie.

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106 Antworten

Kommentare

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  • 0

    als hättest du in meinen Kopf gesehen ;) ... wirklich fein geschrieben! Danke dafür!!

    21.09.2010, 15:24 von KathySonne
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    ich hätte gern noch weitergelesen.

    05.08.2010, 15:11 von raeucherlachs
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    toll, gefällt mir sehr gut !

    02.06.2010, 04:46 von ena.e
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    3 kommentare:

    - ich fand den text wirklich gut.

    - ich fand den kommentar von GIC ziemlich traurig, erstmal unabhängig davon ob er angebracht war oder nicht. kopf hoch, mann. sowas ist echt bitter.

    - ich dachte immer "frl_smilla" ist ein mann, wegen dem "tough guy" bild und der attitüde, die er - entschuldigung, sie - immer an den tag legt. haha.

    05.11.2009, 20:02 von Seraph-
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    Dieses "Aber." hat schon Stil...

    17.10.2009, 16:28 von Princehoney
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    Danke! Aus dem Text und der darüber entstandenen Diskussion konnte ich einiges gewinnen & lernen.

    10.08.2009, 01:47 von DerFredi
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    wow, ich mag den Text sehr! Du hast es genau auf den Punkt gebracht.

    03.07.2009, 18:18 von Sino
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    ich stimme dir sowas von zu.. absolut getroffen, absolut gut geschrieben, eine absolute empfehlung wert!

    26.06.2009, 12:58 von unicorna
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    "Ich bin es seit sieben Jahren. Das ist so verdammt kurz für das Leben und so verdammt lang für die Liebe. " -->mag den satz.

    ob die überschrift nun so stimmt oder man "monogamie" genauer definieren sollte, ist mal dahingestellt

    20.06.2009, 20:25 von lilla-lena
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