Mariki 25.06.2008, 10:04 Uhr 94 85

Mich dünkt, die Alte spricht im Fieber

Oder: Warum meine Schule mir eigentlich einen Psychiater zahlen müsste.

Als ich 11 Jahre alt war und meine neue Schule zum ersten Mal betrat, erinnerten mich die langen, weißen Gänge, die in jedem Stockwerk so verirrend gleich aussahen, und die klinisch reine Atmosphäre an ein Krankenhaus. Ich hätte es besser wissen müssen. Aber ich war so behütet aufgewachsen, dass ich davor noch nie ein Irrenhaus von innen gesehen hatte.

Die Umstellung von der Volksschule auf dem Berg mit ihren muffigen Holztreppen, auf denen man die Fußabdrücke von Generationen von Schülern zu erkennen meinte, und meiner ungestümen Klasse mit acht Schülern, auf den unpersönlich-steifen Betrieb des Gymnasiums und die glatten, verfliesten Stufen ohne Profil war an sich schon wie ein Schubser in den kalten Fuschlsee. Ich war es gewohnt, den Norbert mit "Du, Herr Lehrer" anzureden, in den Pausen auf dem Spielplatz so hoch zu hutschen, dass die Schaukel sich beinahe überschlug, auf meiner Eselsbank ganz hinten zu sitzen und mir gelangweilt die Handflächen mit flüssigem Kleber zusammenzukleben. (Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit / Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln) Nun herrschte plötzlich ein vom schrillenden Pausenläuten begleitetes Kommen und Gehen von beeindruckend exzentrischen Gestalten aus dem österreichischen Beamtengruselkabinett, ihnen fehlten Haare, gleichfarbige Socken und Gutmütigkeit. Manche von ihnen musste ich gar in Musik-, Physik-, Turn- oder Zeichensälen suchen, wo sie wie wachsbleiche Kröten in tageslichtlosen Räumen hockten, auf den erlösenden Untergang der Welt warteten und dabei schwarz wurden. Innen.

Das erste meiner Gefühle war entblüffte Ungläubigkeit. Ein beschwipstes Kichern blubberte stets in meinem Bauch, ich war in einem Theater gelandet und hatte fast immer gute Plätze in der zweiten Reihe. Die Irreninsassen spielten ein Stück für uns, eine Mischung aus Komödie und Tragödie, einen Horrorfilm, ein Trashmovie, ein Psychodrama. (Allein der Vortrag macht des Redners Glück) Die Darsteller waren vor langer Zeit gecastet und in die Anstalt gebracht worden, manche hatten sich vermutlich hochgeschlafen, andere waren dazu zu hässlich, ihr Onkel kannte wahrscheinlich den Vater des Cousins der Bildungsministerin. Und dann gab es noch ein paar menschliche Wracks, die niemand mehr haben wollte, also stellte man sie auf die blank polierte Bühne meines Gymnasiums und hielt sich Augen und Ohren zu.

Der Reigen begann mit meinem Musiklehrer, der am liebsten in all seinen ohne Kleidung zugänglichen Körperöffnungen bohrte und das Gefundene genüsslich verzehrte, am liebsten mochte er Eiterpickel und Ohrenschmalz, mir persönlich wäre das ja zu bitter. (Was fasst mich für ein Wonnegraus!) Ich schrieb ein Gedicht über ihn in der Schülerzeitung, und obwohl ich seinen Namen nicht nannte, wurde ich zwei Stunden nach Erscheinen der Ausgabe zum Direktor zitiert, das war nichts Neues, dort war ich oft. Schon nach meinem dritten Besuch in dem Zimmer mit der widerlich-schwarzen Ledercouch hatte ich erkannt, dass es ein Leichtes war, den großen Mann mit der dunkelroten Nase an selbiger herumzuführen, weil sein Atem wahlweise nach Vogelbeerschnaps, Rotwein oder Mozartlikör roch und er sich nie erinnern konnte, dass es immer ich war, die vor ihm stand, immer dieselbe, er war zu betrunken, und dabei gab es unter den 800 Schülern nur eine mit meinem Vornamen. (Hier ist ein Saft, der eilig trunken macht) Unsere Schülerzeitung wurde nach dieser Ausgabe - es war die zweite - eingestellt. Ich vermute, mein Musiklehrer feierte das mit einem Nasenbärenfestmahl.

Schon ein paar Jahre zuvor war ich munter in das Fettnäpfchen meines Religionslehrers gesprungen, als er uns zwölfjährigen Bravo-Lesern erklärte, dass man vom Onanieren dumm wird. (Die Botschaft hör ich wohl / Allein mir fehlt der Glaube) In den kleinen Zettel, den ich zu meiner Maus werfen wollte, schrieb ich, dass genau das ihm wohl passiert sei. Dass ich nicht in der Lage war, zu zielen, konnte meine Turnlehrerin nur bestätigen - der Zettel landete auf dem Katheder, genau vor den Händen meines Religionslehrers. Nachdem er meine Mutter angerufen hatte, musste ich erneut zum Direktor, diesmal hatte er Kleine Feiglinge getrunken, die noch in seiner Schublade klirrten. Manchmal denke ich, dass es vielleicht in diesem Moment war, dass es am widerlichen Grinsen meines Religionslehrers lag und am glasigen Blick des Direktors, oder vielleicht war es auch nur meine angeborene Arroganz, die mich jegliche Ehrfurcht verlieren ließ. Ich weigerte mich standhaft, mich zu entschuldigen. Das war das zweite Gefühl meiner Schulzeit: ein völliger Mangel an Respekt vor Autoritätspersonen.

Sie bemühten sich nach Kräften, uns zu unterhalten. Meine Mathelehrerin war klein, rund und hatte wenig Haare, mein Chemielehrer, der nach eigenen Angaben bereits mehrmals knapp am Nobelpreis vorbeigeschrammt war, trug stets - und, wie ich glaube, mit voller Absicht - verschiedenfarbige Socken und wischte mit Vorliebe Salzsäure mit dem Tafeltuch auf, meine Physiklehrerin hatte einen einzigartigen, hochziehbaren Muskel in der Nase, der sie dazu befähigte, mich mit einem Miss-Piggy-Blick zu durchbohren, dabei fehlte mir nun mal das Gehirnareal, in dem das Verständnis für physikalische Prozesse abgespeichert war. (Grau, teurer Freund, ist alle Theorie) Sie nahm jedoch keine Rücksicht auf meine Invalidität.

Unsere Lateinlehrerin entwickelte sogar eigene Sprechchöre, Der senex ist ein alter Mann, der auch mit x kein Weib sein kann, sang sie, und zu: Woher kommen die Hunde? Unde! hüpfte sie auf und ab wie ein alternder Cheerleader mit Hängebrüsten. Meine Englischlehrerin trug eine Schicht Make-up im Gesicht so dick wie der Harnisch von Heinrich VIII., als ich ihrer ungeschminkten Doppelgängerin im Gemeinschaftsbad unseres Hotels in Cambridge begegnete, beschwerte sie sich, dass ich sie nicht grüßte - ich hatte sie nicht erkannt. (Der Casus macht mich lachen)

Erschöpft vom Theaterrummel war mein Geografielehrer, der sich nach etwa drei Jahren in unserer Klasse plötzlich weigerte, uns weiter zu unterrichten. Die ersten paar Stunden, in denen er nicht auftauchte, genossen wir die unerwartete Freiheit, nach einigen Wochen gingen wir ihn dann doch suchen. Ich kann euch nicht mehr sehen!, schrie er bei unserem Anblick, er saß gemütlich rauchend im Lehrerzimmer, Schleicht's euch! (Den Bösen sind sie los, die Bösen sind geblieben) Von da an kam er zwei Mal im Semester, teilte einen Test aus und sagte uns die Antworten an. Ich versuche seit meinem Schulabschluss mehr schlecht als recht, zu verbergen, dass ich von Geografie ungefähr so viel Ahnung habe wie von der Herstellung von Kernspintographen. Wobei das ja wiederum die Schuld meiner Physiklehrerin Miss Piggy ist.

Meine Turnlehrerin vertrat deutlich sichtbar das Motto Zurück zur Natur und trug zwei tote Meerschweinchen unter ihren Achseln eingeklemmt. Sie liebte es, uns vor dem Spiegel zu einer selbst erdachten Choreografie springen zu lassen, einmal lud sie einen Tänzer ein, der aussah wie ein Flipping Jesus. Wir mussten den beiden geschlagene zwei Stunden beim Kopulieren zu Musik auf dem harten Turnsaalboden zuschauen, immerhin passte sein Barthaar perfekt zu ihren Buschn. Dass meine Französischlehrerin gar nicht Französisch konnte, fiel mir recht schnell auf. Ihre Antwort auf die Frage: Frau Professor, was heißt das? war nämlich stets: Das müsst ihr nicht wissen. Zwei Wochen nach meiner schriftlichen Französischmatura fragten mich zwei Franzosen im Bus nach dem Weg, ich konnte keinen einzigen Satz sagen. Sie waren über mein hysterisches Lachen eindeutig not amused.

Die ersten zwei Jahre Biologie waren einigermaßen amüsant. Mein Lehrer ließ sich von allen mit Du, Wuzi oder Arschloch anreden, und jedes Mädchen, das einen kurzen Rock trug und sich auf seinen Schoß setzte, bekam einen Einser. Für die Jungs war das schwierig, aber wir hatten in unserer Klasse ohnehin nur zwei, der Rest bestand aus 19 zickigen, intriganten, stutenbissigen Mädchen in der Pubertät. Bei mir reichte es aus, dass ich ihn oft im Freibad traf und dort nur einen Bikini anhatte, dabei hatte ich in dem Alter noch nicht mal Titten - aber vielleicht war das ja ein weiterer Vorteil. Schmier dich mal ein, Wu, sagte ich jedes Mal, du stirbst noch an Hautkrebs. Nach zwei Jahren bekamen wir eine neue Biologielehrerin, die aussah wie ein explodiertes Reh. Wu war an Hautkrebs gestorben.

Aber über allen thronte die Königin der Verrückten, die unangefochtene Herrscherin über die Hölle, vor der selbst der Cerberus kuscht: meine Deutschlehrerin. Sie war hager, hatte lange, schwarz gefärbte Haare und das Gesicht, das sie verdiente - gelblich-weiß mit Bulldoggenlefzen und Tränensäcken so groß wie Russland, auch wenn ich nicht weiß, wo das liegt. Sie trug stets Kostüme, die so aussahen, als hätte sie sie aus dem Altkleidercontainer gestohlen, und war eine Goethe-Fetischistin. Wir trauten uns all die Jahre über nicht, ihr zu sagen, dass Goethe tot war. Wir hätten es tun sollen, sie wäre ihm vielleicht gefolgt. (Von hier ins ewige Ruhebett / und weiter keinen Schritt)

Bevor sie Lehrerin wurde, war sie jung und schön, eine Möchtegernschauspielerin ohne Talent, die auf den Bühnenbrettern unseres Klassenzimmers aufblühte wie ein Schimmelpilz, sie war alt und sie sprach im Fieber. Sie beherrschte alle Kniffe seelischer Grausamkeit und verließ die Klasse nur zufrieden, wenn sie mindestens einen zum Weinen gebracht hatte. Ich fürchtete mich nicht vor ihr, ich hatte eine Todesangst davor, so zu werden wie sie. Ihr Satz: Und wenn du einmal Deutschlehrerin wirst, hat mir mehr Alpträume beschert als Saw I, II und III zusammen. Sie hatte eine hoffnungslose Affäre mit dem verheirateten Direktor, es war erbärmlich, er hatte sie sich wohl schön getrunken. Sie ließ uns den kompletten Faust mit verteilten Rollen lesen, Egmont auf Video anschauen, die Wahlverwandtschaften auswendig lernen, und gegen unsere Leiden waren die des jungen Werther ein Dreck. Sie hat mir die Literatur vergällt, und das werde ich ihr nie verzeihen. Manchmal brannte ein Hass in mir, der das blubbernd-kindliche Kichern zu ersticken drohte.

Das war das dritte Gefühl meiner Schulzeit: eisige Wut. Ich gehörte zu jenen unausstehlichen Schülern, die sich alles leisten können, weil sie nur gute Noten schreiben, und die das auch ausnützen, indem sie den Unterricht stören, sich ständig beschweren und sich nichts gefallen lassen. Ich zog gegen meine Deutschlehrerin in einen Krieg, den ich nicht gewinnen konnte. (Du bist noch nicht der Mann, den Teufel festzuhalten) Aber ich bin unendlich stolz darauf, dass keiner ihrer vielen Schüsse mich je tödlich getroffen hat. Zu meinem großen Vorteil kann ich außerdem den halben Faust zitieren und dabei extrem intellektuell wirken. Damit keiner merkt, dass ich nicht einmal die Hauptstadt von Estland kenne. (Allwissend bin ich nicht / Doch viel ist mir bewusst)

Wir waren ein leicht zu manipulierendes Publikum, wir tanzten, lernten, lachten und weinten auf Befehl, und weil unsere Klassengemeinschaft so schlecht war, schickte man uns eine Schulpsychologin, die uns Schaumstoffschläger gab, mit denen wir aufeinander eindreschen mussten, und fluchtartig das Klassenzimmer verließ, als 15 der 19 Mädchen schluchzend zusammenbrachen. Irgendwann redeten wir einfach mit niemandem mehr, weder miteinander noch mit den Lehrern. Das machte sich besonders bei mündlichen Prüfungen gut. Wir hielten durch bis zur Matura, wir wurden hart und lebenserfahren, bauten Schutzwälle um unsere Seelen, damit niemand mehr abschauen konnte, und waren nach acht langen Jahren endlich so frei, wie man es mit einem schweren Schulrucksack voller Erinnerungen sein kann. Mit meiner Allgemeinbildung war es danach nicht weit her (Da steh ich nun, ich armer Tor / Und bin so klug als wie zuvor), aber eins wusste ich mit Sicherheit: Mir konnte keiner so schnell was anhaben. Das war das letzte Gefühl meiner Schulzeit: ein gefestigtes Selbst-Bewusstsein. Ich hatte das Schlimmste schon gesehen, und dazu drei Stunden Goethes Iphigenie auf Taurus im Kleinen Festspielhaus.

Als ich drei Monate später zum ersten Mal meine neue Uni betrat, war ich nicht länger naiv. Ich erkannte das Irrenhaus sofort.

Aber das ist eine andere Geschichte.

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    phänomenaler schluss!

    11.05.2011, 23:06 von parabel
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    "Altkleidercontainer gestohlen, und war eine Goethe-Fetischistin. Wir trauten uns all die Jahre über nicht, ihr zu sagen, dass Goethe tot war. Wir hätten es tun sollen, sie wäre ihm vielleicht gefolgt. "
    hahaha zu witzig! und auch noch sowas von treffend! bei meiner deutschlehrerin ist es ähnlich...

    05.03.2010, 19:48 von bittersweetthing
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    wie immer, ein Hammer :)

    11.02.2010, 15:19 von sun-chan87
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    ich mag faust. geografie und ich stehen auf kriegsfuß miteinander.

    wahrlich amüsant und mit hohem identifikationspotential!

    18.01.2010, 17:36 von Ozelotte
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    unglaublich gut geschrieben..
    gefällt mir ;)
    (das zeigt einem zumindest, dass es noch schlimmere Schulen mit chaotischeren Lehrern als die eigene gibt xD)

    18.10.2009, 14:25 von IIR
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    Ich vermute, mein Musiklehrer feierte das mit einem Nasenbärenfestmahl.

    ^.^ juhu ich liebe dich für diesen satz! ein hoch auf die nasenbären.
    toller text, wahnsinnig kurzweilig zu lesen. und respekt für die faust-kenntnis. ich habe ihn gehasst...

    15.10.2009, 16:48 von MissCapulet
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    ein meisterwerk des charmes!

    besonders die sportlehrerin und die französischen wege-frager habens mir angetan! ich hab mich nicht mehr gekriegt!

    Danke für einen entspannenden Lach-Flash!

    05.10.2009, 18:16 von Jane_Roxy
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    Hmmm...Auch wenn ich in einer HAK war, so wars doch bei uns auch ähnlich...
    Wir hatten auch nur einen guten Lehrer (Deutsch) Aber der hat mir eine Schularbeit zum Thema "Die Rolle der Frau in der Gesellschaft" mit Sehr Gut bewertet, obwohl ich nur den STS Songtext "So Märchenprinz" wortwörtlich und kommentarlos hingeschrieben habe. Natürlich alles unter Anführungszeichen und im Dialekt. So einen Prof muss man erst nochmal finden...

    05.08.2009, 15:42 von zewasoftis
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