NeonBlond 20.05.2007, 15:05 Uhr 80 87

Mensch

Ich erzähle dir jetzt mal etwas. Hör gut zu. Dass mir nachher keine dummen Fragen kommen. Kapiert?

Es gibt viele Menschen auf dieser herrlichen Welt. Es gibt dünne Menschen und etwas rundlichere, welche mit winzigen Sommersprossen über das ganze Gesicht verteilt und welche mit ganz dunklen, Schneewittchen-artigen Haaren, Menschen mit Bierbauch und Menschen, die zwei Meter groß sind. Frauen, Männer, Kinder. Alte, junge. Menschen, die Treppen herunterpoltern und andere, die auf Zehenspitzen ganz zart, ganz sacht' tapsen. Gemüsefrauen, die grüne Schürzen tragen und Postboten in ihren Uniformen. Schulbusfahrer und Omas mit Stahlhelm-Frisuren. Es gibt dahin tänzelnde Ballerinas und singende Radfahrer. Summende Radiomoderatoren mit Drei-Tage-Bart und Friseurinnen mit Kierkegaard im Bücherregal. Rennfahrer mit pink-weiß-grün-gestreiften
Socken und Astronauten mit roten Haaren. Ja, ab und an, gibt es auch Menschen mit einer großen, markanten Zahnlücke. Es gibt Anzugträger mit Aktenkoffern und Hippies mit bunten Stirnbändern. Auch Politiker mit Regenbogenfahnen soll es geben. Klempner mit dem grünen Daumen sicherlich ebenso. Und Boxer erst. Davon gibt es viele. Manchmal auch Lehrer mit grünen Sakkos und Künstler mit festem Arbeitsplatz. Es gibt Kinder, die Seifenblasen in die Welt pusten und Bankräuber, die einem Opa mit Hut einen Hunderter schenken.

Es gibt verrückte Zauberer in abgelegenen Kaschemmen und Wurstverkäufer mit großem Herzen. Es gibt Models mit gestilltem Hunger und Reisende mit undefiniertem Ziel. Sogar Rentner mit blauen Brillen wurden gesichtet. Auch das eine oder andere Mal ward so manchem ein Elektriker mit einem Pistazieneis in der rechten Hand zu Gesicht gekommen. Und diese Fußballspieler. So manch einer von dieser Gattung soll auch einen Bruder haben. Einige auch Nachbarn im dritten Stock. Nicht vergessen werden dürfen die Kinder an Karneval, die sich als kleine, bunte Marienkäfer verkleiden oder die genusssüchtige Toilettenfrau mit dem Silberblick. Da ist noch der Matrose mit dem Muttermal auf der rechten Schulter und die Messe-Hostess, die viel lieber Stewardess wäre. Der Hockeyspieler, der sich den Fuß gebrochen hat. Und hin und wieder kommt es vor, dass es einen Freund von einem Bekannten gibt, welcher der Cousin eines Nachbarns eines Bekannten ist. Ja, selbst Computerspezialisten mit Retrotapete wurden desöfteren vermerkt. Und Politessen, die nachts auf der Straße Lambada zu ''Strangers in the night'' tanzen. Es wurde auch schon von Zoo-Direktoren gesprochen, die auf die Jagd im Bayerischen Wald gehen und von 12-jährigen, die sich etwas heiß machen.

So mancher Brandenburger ist in Wirklichkeit ein Niedersachse und so manche graziöse Frau war mal ein pummeliger Mann mit Schnauzbart. Es gibt Menschen, die Tiere quälen und welche, die nicht mal ein Ei verspeisen. Es gibt taube Menschen und welche, die lernen sich mit ihnen zu verständigen. Einfach so. Oh ja, das gibt es. Es gibt gröhlende Mallorca-Urlauber und Kirschpastete-backende Hausfrauen mit Lockenwicklern im Haar.

Der ein oder andere legt sich auch mal zum Schlafen auf Bahnschienen, während der ein oder andere immer noch Viva Zwei und dieser nöhligen S. Kuttner und ''Modern Talking'' nachtrauert. Und so manches junge Mädchen heftet sich ein Poster an die Wand und küsst es jeden Abend, bevor es zu Bett geht und der ein oder andere Taxi-Fahrer aus Solingen war schon einmal in Soho. Es gibt Träumer und Visionäre. Und Dax-Konzerne. Auch Frauen mit Damenbart und Nasenkorrektur. Ebenso wie es Flötenspieler gibt, die nachts Kerzen anzünden und beten.

Durchaus kann es auch unter gewissen Umständen passieren, dass eine Umweltaktivistin auf einen Gebrauchtwagenverkäufert trifft und diese sich verlieben. Es gibt Bräute, die an ihrem Hochzeitstag doch lieber den Schwager heiraten und Ärzte, die sich wünschen Golf-Profi zu sein. Es gibt Blonde, die sich ihre Haare grün färben und Musikhochschüler, die sich eine graue Tuba auf den Rücken tattöwieren lassen von einem Tattöwierer, der Orgel im Kirchverein spielt. Und man stelle sich vor: Es gibt auch Bettler, die früher ein Hausmädchen hatten und Pianisten, die sich auf ihrem Klavier eine Nase legen. Auch die ein oder anderen Bio-Studenten hat man gesehen: Mit der ''Wirtschaftswoche''-lesend in der U-Bahn.

Und erst die Frauen hintern den Glasscheiben in Düsseldorf und auf der Reeperbahn nachts um halb eins. So gibt es auch Menschen in Lederhosen, die ihre Weißwurst vor 12 im Biergarten zutzeln irgendwo im fernen Bayern und Clowns, die sich nachts in den Schlaf weinen.

Ja, auch Kellnerinnen mit Hochschulabschluss soll es geben und Typen, die die Freundin des besten Freundes schwängern und auch manche, die ihre favorisierte Band in großen Lettern auf einem T-Shirt spazieren führen. Manch einer hat hierfür einen Hund. Einen süßen, kleinen mit braunem Fell. Mit einem dämlichen Namen.

Und in einigen Fällen kann es vorkommen, dass eine schwarze Mama, einen schwarzen Papa kennenlernt und man sich zusammentut. So als Paar. ''Ich liebe dich, Schatz.'' - ''Oh, ich dich auch, mein Schatz.'' Und ab zur Kapelle oder auch nicht. Und wenn sich sich ganz doll lieb haben und die Natur ihnen gnädig und wohlwollend zugetan ist und sie den Wunsch verspüren oder manchmal das alles ganz überraschend kommt, dann kann es durchaus passieren, dass ein schwarzes Baby zur Welt kommt. Ein dunkelhäutiges Baby. Mit ganz viel Melanin, weißt du.

Und manchmal, das soll es auch geben, läuft eine ganz weiße Mama, die Straße entlang und sieht ihn: Den weißen Mann, der nicht mal auf einem weißen Pferd den Strand entlang reiten muss- nein, er kann es auch auf einem schwarzen tun- oder er fährt vielleicht im grünen Opel Vectra vorbei? Na, wer weiß das so genau. Und die weiße Mama sieht ihn und denkt: ''Ja, es ist Liebe.'' Und man traut sich oder man tut es nicht. Und wie es das Schicksal so will, kann es sein, dass die Natur erneut wohlwollend ist und man höre und staune: Es kommt ein weißes Baby zur Welt. In irgendeinem Krankenhaus dieser Welt. Vielleicht in dem drei Straßen weiter, in dem deine Tante Auguste am Steißbein operiert wurde, nachdem sie beim Gardinen-Aufhängen hinfiel und sich an dieser empfindlichen Partie unserer menschlichen Körpers eine kleine Verletzung zuzog? Na, das mag sein, aber wer weiß das schon so genau.

Und hin und wieder geht eine weiße Frau in eine Videothek, um sich dort eine DVD auszuleihen. Und sie wundert sich, warum die Videothek immer noch den Namen ''Videothek'' trägt und sie leiht sich dort einen Film aus. Nein, es muss nicht mal ''Die weiße Massai'' sein. Wer kommt denn auf so einen Unsinn? Es ist der neue Film mit Scarlett Johannson und ganz urplötzlich, man sagt aus heiterem Himmel, steht er vor ihr: Ein schöner Mann mit breiten Schultern und dieser auffälligen, grünen Jacke. Und sie verliebt sich. Gut möglich, dass er schwarz ist. Nein, nicht seine Seele. Seine Haut. Bloß seine Haut. Und sie verlieben sich. Und vielleicht trauen sie sich dieses Mal. Ja und die freundlich gestimmte, exaltierte Natur. Und vielleicht kommt der Storch und es ist ein Baby. Ein schwarz-weßes. Ein ganz süßes und die Familien stehen bei der weißen Mama am Bett, während der schwarze Papa das Neugeborene hält und weinen vor Freude, schluchzen, lachen, zücken Taschentücher. Oh, welch ein Tag.

Und einige Ecken weiter hat Frau Ying endbunden. Hausgeburt mit der evangelischen Hebamme, die nie gestillt hat: Ein gesundes Mädchen. Und Herr Ying streichelt über sein Köpfchen.

Und da hinten: Das deutsch-israelische Paar führt seine Drillinge im Wagen durch die Innenstadt spazieren. Winkt Herrn und Frau Öztürk und den beiden niedlichen Kindern mit den Lackschühchen und Schleifen im Haar und in den rosa Kleidchen.

So ist das nun mal. Es kommt, wie es kommt.

Und irgendwann wirst du vielleicht einen Text an einem sonnigen Tag in einem Land in der Mitte dieser kleinen Welt bei einer Internet-Seite mit dem Namen ''Neon'' lesen und ein neonblondes Mädchen mit ihrem Hintern als Profilfoto, welches wahrlich keine Philantropin ist, wird dir sagen, dass das alles keinen Unterschied macht. Denn, die schwarze Mama, der schwarze Papa. Die weiße Mama, der weiße Papa, die weiße Mama und der schwarze Papa und auch Herr und Frau Ying und das deutsch-israelische Paare und natürlich auch Herr und Frau Öztürk und die bezaubernden, und mit garantierter Gewissheit, anstrengenden Kinderchen. Ja, sie alle sind nichts als ein Geball aus Zellen. Ein bisschen Wasser, Haut und Knochen und das ein oder andere wichtige, was dieses Konstrukt mit dem Namen Mensch ausmacht.

Und irgendwann, ja, irgendwann, ist sowieso alles vorbei und die Maden und die Würmer und die Ratten werden sich nicht kümmern, ob sie nun an der weißen Mama, dem weißen Papa, der schwarzen Mama, dem schwarzen Papa, der weißen Mama, dem schwarzen Papa, dem deutsch-israelischem Paar, den Yings oder den Öztürks und den vielen Balgen herumnagen und ob dies in Australien, Russland oder Südafrika passiert. Schmecken wird es ihnen allemal. So ist das nun mal.

87

Diesen Text mochten auch

80 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Nur Bielefelder, die gibt es nicht...
    Hab ich mir sagen lassen ;-)
    (Jo, ich weiß, der hat jetzt sooooo nen Bart!)

    05.02.2011, 16:55 von topfbluemchen
    • Kommentar schreiben
  • 0

    hm neonblond, da hab ich doch mal einen guten text gelesen...
    und dann kommen aufzählungen, aufzählungen und aufzählungen. und dann, als ich denke "jetzt gehts los" isses auch schon wieder vorbei...
    und dann plötzlich, ach wie cool!
    kurz: der text gefällt mir=)

    21.04.2010, 13:41 von platinpaule
    • Kommentar schreiben
  • 0

    dankeeeeeeeeeeeeeeee.

    13.07.2009, 14:14 von NeonBlond
    • 0

      @NeonBlond verdammt ist das gut. oh verdammt das ist echt gut!
      die vielfältigkeit der menschheit.
      wir individium!
      ich liebe diesen text.
      gaaanz herrlich!

      31.01.2010, 13:11 von K.L.A.R.
    • Kommentar schreiben
  • 0

    super text, man kann nciht aufhören weil es so liebevoll beschreiben ist!
    einfach schön....

    danke ;)

    12.07.2009, 22:27 von wombatleinchen
    • Kommentar schreiben
  • 0

    mein absoluter Textliebling. Du bist genial!

    03.04.2009, 09:51 von sophi.sticated
    • Kommentar schreiben
  • 0

    deswegen lass ich mich verbrennen..

    27.03.2009, 21:18 von M.L.
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Ein wirklich super gelungener Text!

    04.12.2008, 19:41 von RegenbogenfarbenAlex
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Great! Keep on rockin...

    12.10.2008, 20:02 von NobodysFool
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ein nahezu perfekter text!
    Am Ende sind alle gleich... egal welche Hautfarbe, Religion oder auch Kontostand usw. ...

    27.08.2008, 18:54 von Kadorris
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Es ist so, wie im Lieblingsklischeefilm der fabelhaften Welt der Amelie, wo das rehäugige Mädchen den blinden Herren über die Straße führt.
    Der hat sich vielleicht gefreut!

    20.08.2008, 23:41 von Muetzenkind
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3 4 5 ... 8