Mein Vater
Die Familie schiebt sich gratulierend an meiner Großmutter vorbei, Komplimente werden gereicht wie schale Brötchen. Dann suchen alle das Buffet.
Wir halten auf dem Parkplatz vor dem kahlen, grauen Haus. Mein Vater parkt den Wagen, er steigt aus, meine Mutter und ich auch, und wir betreten das Gebäude, stehen im Eingangsbereich des Pensionistenheims.
Die Frau hinter dem Schalter grüßt uns nicht, oder nur sehr leise. Eine alte Frau im Rollstuhl hält eine Zeitung falsch herum, die daneben redet ununterbrochen auf sie ein. Die mit der Zeitung hört nicht hin.
Auf der anderen Seite ist der Aufenthaltsraum, in dem sich nie jemand aufhält. Die meisten nehmen die Mahlzeiten auf ihren Zimmern ein, alleine. Es läuft höchstens der Fernseher.
Der scharfe Geruch, der aus dem WC strömt, lässt sich nicht ignorieren, es stinkt, und es ist selten anders. Eine Putzfrau zieht Wasserkübel und Wischmob durch die Toilettentür.
Wir gehen weiter Richtung Betten-Station. Auf dem dunkelblauen Plastikboden quietschen unsere Schuhe, sonst ist nur die Stille laut. Links und rechts Türen mit den Namen der dahinter Wohnenden, man hört keinen Laut von der anderen Seite. Eine altersschwache Frau irrt herum, sie sucht etwas, ihren Namen vielleicht, oder ihr Heim.
Die Tür der B-Station hat einen elektronischen Mechanismus, damit altersschwache Frauen wie sie nicht so leicht verloren gehen, wir drücken den roten Knopf, dann geht die Türe auf. Wir schieben die alte Frau durch, betreten hinter ihr die Betten-Station. Ein weiterer Aufenthaltsraum, tatsächlich sitzen hier sogar drei Frauen an einem Tisch, die eine steht gerade auf und greift nach ihrem Gehwagen.
Mein Vater sagt freundlich "Guten Tag", aber seine Begrüßung erreicht die drei Frauen nicht, sie starren ihn an, er könnte auch eine weiße Wand sein. Mein Vater grüßt immer.
Der Mief von Fäkalien und Urin ist hier der Souverän über sämtliche Gerüche, Fenster werden kaum aufgemacht. Das ist der Ort, an dem man nicht mehr dagegen ankämpft, gegen Verstinkung und Versumpfung. Hier lässt man sich gehen.
An beiden Seiten des Ganges wieder Türen, die meisten stehen offen. Dahinter Zimmer mit Kleiderkästen, Bad, Tisch mit Sesseln, und jeweils zwei Kranken-Betten. Zuweilen liegt eine drin, oder einer, dann sehen wir rasch weg und gehen schneller.
Das Zimmer meiner Großmutter liegt ganz am Ende. Ihre Zimmergenossin ist vor ein paar Tagen gestorben.
"Sie ist schon vorbereitet.", sagt die Pflegerin, als wir ankommen, und präsentiert die Großmutter im Rollstuhl, eine dicke, fette und sehr azurblaue Schleife liegt in ihren Händen. Mein Vater macht ihr Komplimente - das Kleid, die Frisur, und erst recht die Schleife. "Gut siehst du aus, Mutter!"
Er streichelt ihre Wange und der erfreute Ausdruck in ihrem Gesicht macht mein Herz warm.
Mein Vater übernimmt die Hebel des Rollstuhls, es geht zurück zum Wagen. Frau mit Gehwagen, Türknopf, Mief, die Frau am Empfang.
Mein Vater hebt die Großmutter ins Auto. Dann den Rollstuhl in den Kofferraum - geübte Handgriffe: Rückbank, Lehne - alles nach einem bewährten Konzept. Das eine nach vorne drücken, das andere nach hinten ziehen, klappen, drehen, einrosten lassen, hochschieben, hineinlegen. Meine Mutter erzählt der Großmutter vom Wetter. Die Sonne scheint.
Dann fahren wir los, die Großmutter sitzt hinten, neben mir, sie möchte wissen, wohin die Fahrt geht.
"Zu deiner Geburtstagsfeier.", sagt mein Vater.
An der großen Tafel sind wir bestens positioniert, der Rollstuhl und die Großmutter klemmen zwischen dem Tisch und ein paar riesenhaften Blumentöpfen, die vor dem Fenster stehen. Die Familie schiebt sich in Audienzgrüppchen an der Großmutter vorbei, Komplimente werden gereicht wie schale Brötchen und falsches Lächeln. Manche schauen drein, als wollten sie eher meinem Vater kondolieren, als der Großmutter gratulieren.
Danach suchen sie hoffnungsfroh nach dem Buffet.
"Bis ihr nicht alle gratuliert haben, wird hier nicht gegessen.", knurrt mein Vater, er teilt das den Kellnerinnen mit, Essen bitte erst später. Dann setzt er sein freundlichstes Gesicht auf und schüttelt weiter Hände, küsst Wangen.
Der Verwandtschaftszug erklärt sich irgendwann für angekommen und beendet, alles setzt sich, nun nach getaner Pflicht erwartet man endlich die Belohnung - das Essen. Natürlich hat man auf ein reichhaltiges Buffet gehofft, weil jenes in der endlosen Möglichkeit des Nachschlags von keinem Gourmet-Gericht zu übertreffen ist. Allerdings man gibt sich auch mit dem ausgiebigen Menü zufrieden, solange die Großmutter zahlt. Oder mein Vater.
Belanglosigkeiten summen über den Köpfen der Tratschenden, zwei Onkel lachen laut, andernorts schwärmt die Tante meinem Vater vor, wie wunderbar die Großmutter heute aussieht. Und dass man sie ihr nicht ansieht, die neunzig Jahre Leben. Er nickt. Und sieht müde aus dabei.
Die Großmutter neben mir macht eine Miene, es könnte ein Lächeln sein, sie sieht mich an und fragt: "Wer sind denn diese Leute?"
Seit dem Schlaganfall klingen die Wörter oft so wie ihr Gesicht aussieht - leicht verzogen. Aber wie einen fremden Dialekt kann man auch lernen, ihr Nuscheln zu verstehen
Ich erkläre ihr: die Tante Mitzi hier, die Heidi-Oma dort, unterstelle ihr ab und an, einige der genannten Personen zu kennen. Ich plaudere munter vor mich hin.
Sie nickt und sieht dabei wie aus weiter Ferne in einen Raum voller fremder Menschen. Dann wird sie unruhig, zupft an meinem Hemd und zieht mich zu sich herab.
Sie muss auf die Toilette. Die Deutlichkeit mit der sie mir das zu verstehen gibt, spricht für die Dringlichkeit des Unternehmens.
Ich winke meinem Vater, er manövriert sie von hinter dem Tisch nach vorne, durch die Menge, das Essen wird noch warten müssen.
Wir heben den Rollstuhl über ein paar Treppen, schieben die Großmutter ins Klo.
Auf der Toilette. Mein Vater hat das schon dutzende Male gemacht, das weiß ich. Ich nicht. War noch nie mit der Großmutter am Klo, habe noch nie ihren Rock nach oben und die Strumpfhose nach unten geschoben. Die überdimensionale Unterhose ertastet, die ausgestopft ist mit ebenso riesenhaften Windeln, und dabei gehofft, dass sie bitte, bitte noch nicht voll sein möge. Mein Vater hält die Großmutter von vorne fest, während ich ziehe und zerre, um ihren intimsten Bereich herum, von der Seite irgendwie, muss berühren, was ich nicht einmal ansehen mag. Die Großmutter zappelt, mein Vater schiebt sie näher zur Klobrille, setzt sie drauf, dann ziehen wir uns zurück und schließen die Tür.
Mein Vater umarmt mich stumm, ich frage mich, wie er das alles fertig bringt, und was er dabei wohl fühlen und denken mag.
Als die Großmutter fertig ist, ziehen wir sie wieder an, dann zurück in den Rollstuhl und zur versammelten Verwandtschaft. Wo es aussieht, als würde die Großmutter lächeln, und mein Vater frohen Mutes sein. Wo sich alle nur nach der Vorspeise sehnen.
Wenn das Essen dann endlich kommt, wird mein Vater es kalt werden lassen, denn er wird die Großmutter füttern und dabei witzige Dinge zu ihr sagen, damit sie sich nicht dumm vorkommt. Ich werde daneben sitzen und meinen Vater ansehen, der mir den Hintern ausgewischt hat, als ich klein war, der seiner Mutter den Hintern ausgewischt hat, weil sie alt ist.
In seiner Hingabe entdecke ich meine eigene Angst - davor, dass er selbst einmal zu dem Vater wird, dem ich das Essen in den Mund schieben und auf der Toilette beistehen muss. Kann sein, ich werde auch witzige Dinge sagen, damit er sich nicht dumm vorkommt.
Ich fürchte mich vor der Grenzenlosigkeit.
Wahrscheinlich hat auch mein Vater Angst.

Kommentare
trifft.
08.12.2011, 19:53 von ma_ri*
14.05.2009, 00:59 von papaya234@[Benutzer gelöscht] traurig, das zu lesen. Auch wenn es spät kommt: Es tut mir leid für dich und ich hoffe, du kannst das Schicksal deiner Familie ertragen.
02.10.2010, 04:02 von Lanerasehr, sehr, sehr guter text.
11.09.2008, 16:29 von huepferder text hat mich sehr berührt mir aber auch angst gemacht vor dem was passieren wird wenn meine eltern alt werden
31.08.2008, 21:04 von roxWow. Der Text gefällt mir gut, so wie er geschrieben ist. Ich konnte das Ganze richtig vor mir sehen und musste dabei an meine eigenen Erfahrungen mit Uroma, Großtante und Pflegepraktikum im Krankenhaus denken.
30.08.2008, 16:02 von cocoakissEs ist nich nur die Angst, dass die eigenen Eltern so enden könnten, sondern man selbst vielleicht auch.
Ich finde es geschmacklos, wie du das Altenheim beschreibst. Es gibt sehr viele Einrichtungen, die nicht nach Fäkalien stinken ,in denen die Fenster geöffnet sind und die Senioren nicht verwahrlosen. Und dort Arbeiten Menschen, die sich die größte Mühe geben, aber deren Stationen gnadenlos unterbesetzt sind, und sie einfach nur das ihnen mögliche tun. Warum sucht ihr nicht einfach ein besseres Heim? Oder beschwert euch bei der Heimleitung? Aber das traut sich natürlich niemand, und deshalb ändert sich auch nichts.
29.08.2008, 17:11 von Nihilistinecht gelungener Text!
29.08.2008, 13:43 von krawallundremmidemmitraurigschön und sehr echt.angsteinflößend.
28.08.2008, 21:09 von schugelkoko