lilko 28.02.2008, 20:00 Uhr 66 66

Mein Freund, der Bär

Ich habe einen besten Freund. Aber bei Kristof ist das ein bisschen komplizierter.

Er wurde mein Freund, als er eines Abends bei meiner Großmutter auf dem Sofa saß und mich fragte, ob ich die wäre, die 12 Jahre zuvor nackt in einem Planschbecken saß und laut schrie. Die war ich und das war anscheinend sehr gut, denn er fragte mich, ob ich Lust hätte, an der Donau spazieren zu gehen. Ich hatte und wir redeten und spazierten und tranken die ganze Nacht und dann waren wir beste Freunde. Wir durchliefen mehrere Phasen in denen es sehr schön war, dass ausgerechnet wir beide beste Freunde waren. Ich hatte Liebeskummer, er fuhr mich auf seinem Fahrrad durch die Gegend, kaufte mir Chinanudeln, Zigaretten und Weißwein. Er schlief mit meiner Tante, und weil ihn das verunsicherte, redete ich viel mit ihm und als es im besser ging, tanzten wir jeden Abend in schäbigen Kneipen zu wilder Musik.

Ich trank und rauchte viel, Kristof zahlte. Ich sprach mit ihm und zauberte durch ein einziges Lächeln seine immer wiederkehrenden Depressionen weg. Dann erzählte er mir eines Abends, warum er manchmal depressiv war, warum er so gerne tanzte, warum er so gerne umarmt wurde und warum er nachts nicht schlafen konnte, bis in die Früh.
» Ich bin Autist« sagte Kristof, als ich gerade dabei war, mit dem Barkeeper zu flirten. Ich schmiss mein Weinglas um.
» Nur ein bisschen.«
Sein bärtiges, liebes Bärengesicht wurde rot und seine braunen Augen schauten ein bisschen schuldbewusst, als hätte er etwas Blödes gesagt.
»Oh.« sagte ich nur und dann fing ich an zu verstehen. Autisten haben ja auch immer so eine besondere Begabung und Kristof, der siebenundzwanzig ist und ein bisschen Kind geblieben, der hat eine besonders schöne abgekriegt. Kristof kann Musik machen, dass es still wird im Raum, dass Leute plötzlich anfangen zu lachen oder zu tanzen oder zu weinen oder einfach alles auf einmal.

Er kann gesamte Filmmusiken auswendig auf dem Klavier spielen. Stundenlang ohne Pause mit der Ziehharmonika eine Party in Schwung halten, mit der Gitarre Stücke komponieren, die man immer wieder hören will und er kann mit seiner Bärenstimme singen wie ein russischer Holzfäller und ein Opernsänger der Salzburger Elite gleichzeitig. Er spielt in sechs verschiedenen ungarischen Bands, zwei Theatern, einer Protestgruppe gegen die ungarische Politik (für den Background) und ca. dreiundzwanzig verschiedenen Kneipen. Jeder kennt Kristof und abgesehen von dem eifersüchtigen Jazzgitarristen aus dem sechsten Bezirk mag ihn auch jeder. Ich war stolz auf meinen Kristof. Nach Konzerten sprang ich auf die Bühne und wir tanzten einen improvisierten Tango zusammen. Wenn er in Kneipen spielte, war da immer ein zweiter Stuhl neben dem Piano, nur für mich. Und wenn er nichts zu tun hatte, rief er mich an, und wir setzten uns auf diverse Grünflächen und grölten Beatles- Lieder, bis die Rasensprenger angingen.

Jetzt bin ich wieder in Deutschland. Kristof rief mich jeden Tag an, erzählte mir von seiner Reittherapie, die im großen Spaß macht und von seiner platonischen Liebe, die erst siebzehn ist und jetzt nicht mehr mit ihm spricht, weil ihm das Lied, was sie komponiert hat, nicht gefiel. Er erzählt von neuen Liedern und von seiner Depression, die immer schlimmer wird. Weil ich eben die einzige bin, der er gerne Zigaretten kauft, mit der er auf einem Fahrrad fährt, die er noch nachts um drei belästigen kann, um sie zum Donauspaziergang zu überreden. Und - ich hatte es geahnt, aber verdrängt - weil Kristof mich mehr liebt als jeden anderen Menschen, den er kennt. Weil er mich so sehr liebt, dass er akzeptiert und verstanden hat, dass wir als beste Freunde zwar sehr gut harmonieren, nicht aber als zwei Liebende. Weil wir beide schwierige Menschen sind und weil ich einen Mann brauche, der weniger lieb zu mir ist. Klingt Scheiße, ist aber so.

Jetzt waren wir Skifahren, und ich habe Kristof von meinem neuen Freund erzählt. Den ich schrecklich liebe und mit dem ich hundert Kinder machen und nach Paris trampen will, mit dem das Ficken und das Reden Spaß macht und der meine Familie lustig findet. Kristof schluckt es runter, sagt nichts, fährt dann mit seinem Auto weg. Ich renne eine Stunde durch den beschneiten Tiroler Wald, eine Zigarette im Mund, obwohl ich doch nicht mehr rauchen wollte. Die Schneeflocken machen laut bämmbämm, wenn sie auf den Boden fallen und vier Wildschweine beobachten mich aus dem Gebüsch. Dann sehe ich sein kleines, hässliches, ungarisches Auto neben dem Feld stehen. Er lehnt an einem Zaun und weint.

» Bist du Lili?« fragt er leise in das Dunkel hinein.
Ich umarme ihn.
Kristof versteht immer noch, aber sein Herz, das pocht verdammt laut und ich habe ein wenig Angst, dass ich es nur schlimmer mache, aber ich kann nicht aufhören ihn zu umarmen. Als wir in München sind, streiten wir. Ich fühle mich unter Druck gesetzt, er sich vernachlässigt.

Wieder in Jena, erhalte ich einen zehn Seiten langen Brief von ihm, der zeigt, dass er mich auch als beste Freundin lieben kann, aber auch, dass er traurig ist. Jetzt ist eine Woche vergangen. Kein Anruf von Kristof, nichts. Er wartet, dass ich antworte. Am Sonntag werde ich ihm schreiben. Dass ich immer mit ihm Fahrrad fahren und schick essen gehen, wild tanzen und bescheuert in der Gegend rumsingen werde. Dass er der beste und einzige Klavierspieler ist, der mich verzaubern kann. Dass ich ihn eben anders liebe. Besonders eben.
Und ich werde hoffen, dass Kristof, der siebenundzwanzig und ein bisschen Autist und Musikmacher und ein Bär ist, mir das glauben kann.

66

Diesen Text mochten auch

66 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    Sei stolz und froh so jemanden als Freund zu haben!
    Jemand wie er ist sehr selten und auf wunderbare Weise besonders!

    20.05.2010, 16:09 von dedonne
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Schöner Text und erstaunlicher Mensch!

    01.03.2010, 14:00 von FAZ
    • Kommentar schreiben
  • 0

    schön geschrieben. ich finde nur das wort ficken passt echt nicht rein. ansonsten eine wunderbare geschichte, der nur noch ein schönes, passendes Ende fehlt.

    22.03.2009, 14:33 von lisaklein
    • Kommentar schreiben
  • 0

    wunderschöne Geschichte :)

    21.12.2008, 18:34 von couscous
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    wahnsinnig gut gelungener text!!! und eine traurige geschichte...

    12.06.2008, 12:01 von fraeulein.puenktchen
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    wunderschön und irgendwie doch traurig. vielen dank, dass ich das lesen durfte. hat gut getan

    21.05.2008, 21:16 von lenafliegt
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
Seite: 1 2 3 4 5 ... 7