AnnaEcke 30.11.-0001, 00:00 Uhr 40 66

Marina - Teil 1

Wenn Du nicht vertraust, steige nicht in den Zug!

Marina stand nun schon seit 37 Minuten am Hertener Hauptbahnhof. Herten. Schon immer warf sie Herten, Herne und Herford durcheinander. Selbst als sie sich nach über zwei Stunden Bahnfahrt bereits an den aufdringlichen Leberwurstgeruch gewöhnt hatte, der aus der Lederhandtasche der kleinen, freundlichen Oma, mit der sie das Abteil teilte, strömte, zog sie doch immer wieder seinen letzten Brief aus ihrer Manteltasche, um sich zu vergewissern.

Du nimmst um 11:31 Uhr den Regionalexpress ab Gleis 3, steigst um 14:55 Uhr in Paderborn um in den RegioCity ab Gleis 2 und steigst ebenfalls an Gleis 2 in Herten aus. Dort wirst Du warten. Du wirst nicht auf einer der schmutzigen Bänke Platz nehmen. Ich möchte, dass Du stehst.

So stand sie nun in Herten, nicht Herne, nicht Herford, spürte die bissigfeuchte Herbstluft ihre Beine entlang fegen und fragte sich, ob ihr Mantel oder ihre Haare nach Leberwurst rochen. Zu gerne hätte sie sich in die vorgehaltene Hand geatmet, um wenigstens ihren Atem zu überprüfen, aber sie hatte die Vermutung, dass er sie von einem der anderen Gleise vielleicht über Asphalt und Schienen hinweg beobachten könnte. Und sie wollte jetzt auf keinen Fall bei einer solch nervösen, unsicheren Geste von ihm gesehen werden, auch wenn oder vielleicht gerade weil sie sich darüber bewusst war, wie sehr er es genoss, sie zu verunsichern.

17:42 Uhr.

Es fiel ihr zunehmend schwerer, sich gerade zu halten. Sie sehnte sich nach entspanntem Rundrücken und Hängeschultern, riss sich aber - bemüht um eine feminine, grazile Haltung - doch gerne weiter zusammen.

Ihr Blick traf ihre Schuhspitzen. Eine Ballen- und Zehfolter in Form von schwarzen, hochhackigen Pumps, die sie sich ein kleines Vermögen hatte kosten lassen. "Deine Schuhe sind Deine Visitenkarte!", hatte ihre Mutter ihr schon früh mit auf den Weg gegeben. Zwar war Marina nicht sicher, ob dies tatsächlich der Wahrheit entsprach, aber momentan war sie gewillt, sich an jedem Ratschlag, der ihr ein wenig Sicherheit vorgaukeln konnte, festzuhalten. Sie hatte die Pumps erst vorgestern gekauft. In einem Geschäft, das sie vorher noch nie betreten hatte. Viel zu fein, viel zu teuer für ihr eher unterdurchschnittliches Kindergärtnerinnen-Einkommen. Aber in die Auslagen des stets ansprechend dekorierten Schaufensters hatte sie schon immer gerne einen interessierten Blick geworfen. Bereits mit dem ersten Schritt auf dem weichen, tannengrünen Teppich in Richtung der Ausstellungsregale war sie sich in ihren robusten Deichmann-Halbschuhen plump, gewöhnlich und fürchterlich fehl am Platze vorgekommen. Aber sie hatte die Schultern gestrafft, ihren Mut zusammengenommen und war zielstrebig auf die zierliche Verkäuferin mit den viel zu großen Creolenohrringen zugeschritten, um sich mit leiser, aber fester Stimme Beratung zu erbitten.

Pumps: Schwarz, elegant, acht bis zehn Zentimeter Absatz

hatte es in seinem letzten Brief geheißen.

Die Wahl war schließlich schnell getroffen. Noch vor Kurzem hätte sie sich nicht träumen lassen, dass sie für so etwas einmal ihren Dispo derart ausreizen würde. Aber es war ein gutes Gefühl. Es fühlte sich unvernünftig, nein, es fühlte sich verboten an.

Am Freitagabend hatte dann ein junger Bote vor ihrer Wohnungstür gestanden und ihr eine große, glänzende Schachtel in Flieder mit den Worten "Frau Marina Vogt?! Mit den besten Grüßen von Herrn Lohe!" und einer galant geschwungenen Handbewegung überreicht. Es verschlug ihr schlicht die Sprache. Der Bote lachte nur, tippte mit zwei Fingern zum Abschiedsgruß flüchtig an die eigene Stirn und nahm jeweils zwei Stufen auf einmal auf dem Weg nach unten zur Haustür.

Sie erhielt die Sms just in dem Moment, als sie die Wohnungstür hinter sich schloss.

Du wirst die Verpackung erst öffnen, wenn ich es Dir sage.

Ein Lachen fegte ihr über die Lippen. Sie mochte es, wenn er sie zum Warten anhielt, da es ihrem Naturell an und für sich ganz und gar nicht entsprach. So ließ er sie gegen ihre ureigensten Impulse steuern und selbst kleine Alltagshandlungen fühlten sich plötzlich anders an. In diesen Momenten spürte sie eine leise Erregung in sich. Und ein wenig Scham.

In der Nacht quälte sie sich Stunde um Stunde durch einen unruhigen Minutenschlaf. Immer wieder musste sie kurz die Augen öffnen, um einen Blick auf die schöne Verpackung zu werfen. Edel sah sie aus. Und sie lenkte sie sogar ein wenig ab von ihrer Angst, die sich unweigerlich in die pochende Vorfreude auf das kommende Wochenende mischte.

Claas. Er hatte ihr Fotos geschickt. Unzählige. Aber vielleicht waren das Bilder von irgendeinem anderen Mann?! Einem Mann, der nicht Claas hieß. Vielleicht war er aber auch der Mann auf den Bildern, hieß nur nicht Claas, sondern Thorsten oder Rupert?! Abrupt riss sie sich aus diesem Gedankengang. Schon seit Wochen schlichen sich solche und ähnliche Überlegungen wieder und wieder ein und ließen sie an das realistische Risiko denken, das Internetbekanntschaften durchaus mit sich bringen konnten.

Wenn Du nicht vertraust, steig nicht in den Zug!

Sie wollte in den Zug steigen, also würde sie vertrauen. Außerdem fühlte Claas sich schon lange nicht mehr wie eine Internetbekanntschaft an. Denn lediglich ihr Anfangskontakt hatte online stattgefunden. Claas hatte relativ unverzüglich auf einen klassischen Briefwechsel bestanden. Das hatte ihr gefallen. Denn durch die Briefe - da hatte man schließlich was in der Hand - fühlte sich der Kontakt verbindlicher, näher, wirklicher an.

Sie würde in diesen Zug steigen!

Als sich das Morgenlicht langsam durch ihre Vorhänge drängte, stand Marina schließlich auf, um den fliederfarbenen Schlafräuber auf die Anrichte in den Flur zu verbannen. Danach fiel sie trotz der feuchten Erregung zwischen ihren Beinen und dem Flattern in wohl jedem Muskel endlich kurz, aber tief in einen festen Schlaf.

Später, als sie aus der Dusche trat, wurde sie zunehmend unruhiger. Zwar vermutete sie, dass sich in der Schachtel die Kleidung befand, die er heute an ihr zu sehen wünschte, aber was, wenn dem nicht so war? Was, wenn er sie nur hatte täuschen wollen? Wenn er entgegen ihres bisherigen Umgangs miteinander erwartete, dass sie sicherheitshalber das richtige Outfit für dieses Wochenende bereits ausgewählt hatte? Wenn es ihm Freude bereitete, ihr im letzten Moment doch noch ein kleines Schnippchen zu schlagen, nur um ihr zu zeigen, dass sie sich niemals zu sicher sein dürfte? Vielleicht lag in der Schachtel nicht mehr als ein Schal, den er an ihr sehen mochte?

Sie eilte zum Kleiderschrank, schob kraftvoll die wuchtige Schiebetüre zur Seite und warf alle Kleider, alle Röcke, alle Blusen, einfach alles, was auch nur im Entferntesten dem Anlass angemessen erschien, mit unachtsamer Wucht auf das Bett, um eine erste Vorauswahl zu treffen. Wut auf sich selbst machte sich in ihr breit. Wie hatte sie sich nur blind darauf verlassen können, dass er ihr gleich ein komplettes Outfit zukommen lassen würde? Wie einfältig, wie naiv, wie unbedacht!

An alles hatte sie gedacht. Haartönung, Haarkur, Ganzkörperpeeling, Komplettrasur, Bodyöl, Mani- wie Pediküre. Aber an ihre Kleidung hatte sie tatsächlich keinen einzigen Gedanken verschwendet. Schließlich hatte er ihr vor einiger Zeit schon geschrieben, dass er es mochte, das Wie und das Wo und jedes kleine Detail eines Treffens - ihres Treffens - in alleiniger Eigenregie zu planen. Beispielhaft hatte er in diesem Zusammenhang die Wahl der Kleidung und des Parfums genannt. Beides würde er bestimmen wollen.

An ihr wollte er Tuscany von Aramis riechen, das hatte er sie früh wissen lassen. Sie hatte sich den Duft sofort gekauft und ihn seitdem stets getragen, um sich daran zu gewöhnen. Mit neuen Düften tat sie sich oft schwer.

Jetzt wühlte sie sich auf ihrem Bett mit harten, schnellen Bewegungen durch einen bunten Berg aus Baumwolle, Polyester und Viskose. Alles fasste sich falsch an, sah falsch aus. Mit Blick auf den altmodischen Wecker auf dem Nachttischchen geriet sie in Panik. Die Zeit wurde knapp, ihre Bewegungen wurden fahriger.

Inzwischen war Marina sich geradezu sicher, dass die Schachtel nicht ihr Outfit beherbergte. Oh ja, es würde zu ihm passen, eine kleine, gezielte Nachlässigkeit in seine Planungsakribie einfließen zu lassen, nur um sie so kurz vor knapp noch einmal durch und durch zu verunsichern.

Ob sie unter ihrem Mantel einfach nichts tragen sollte? Ihre Mundwinkel zuckten kurz allein bei der Vorstellung. Oder würde er das aufdringlich finden? Oder gar billig? Nein, ganz nackt unter dem Mantel war ausgeschlossen! Aber vielleicht einfach die schöne Spitzenwäsche, die ihr Daniel damals zu Weihnachten geschenkt hatte? Nein, das Dessousgeschenk eines anderen zu tragen, kam ihr eindeutig geschmacklos vor.

Ihr Handy piepste sie aus ihrem Gedankenkarussell heraus. Sie sprang mit einem Satz zum Nachtschränkchen, sah seinen Namen auf dem Display?

Öffne die Schachtel und kleide Dich an!

Sie stand schneller vor der Schachtel als sie hätte "Bitte, bitte lass es ein komplettes Outfit sein!" zu Ende denken können, löste den Deckel, warf ihn achtlos zu Seite, fingerte fahrig durch das zarte, schwarze Papier und bekam zuerst ein kleines, schwarzes Fast-Nichts zu fassen. Dann der dazu passende BH. Feinste, edle Spitze. Dann fand sie die Strümpfe, den Strapsgürtel. Sie musste kichern, denn so etwas hatte sie zuvor noch nie in den Händen gehalten. Sie fühlte sich allein schon beim Anblick der Wäsche ganz fremdartig verrucht. Unter einem kurzen, matt glänzenden Satinkleid lag eine CD auf dem Boden der Schachtel.

Ankleidemusik

las sie in den roten, schön geschwungenen Lettern einer wohl geübten Männerhandschrift.

Sie kicherte schon wieder. Das war schon fast zu perfekt.

Und wieder einmal wurde ihr bewusst, dass sie nicht hätte zweifeln müssen. Noch hatte er ihr Vertrauen kein einziges Mal missbraucht.

Schließlich stand sie in einem enganliegenden Kleid mit einem exakt stimmigen Dekolleté - dezent, aber nicht unauffällig - zu leichten Jazzklängen vor dem Spiegel, schlüpfte in die Pumps, drehte sich hin und drehte sich her. Sie fand sich schön. Sie fühlte sich schön. Und die Aufregung ließ ihre Augen strahlen, das wusste sie.

Jetzt stand auf dem Bahnsteig in Herten, nicht Herne, nicht Herford. Ob ihre Augen noch strahlen, wusste sie nicht.

18:03 Uhr.


Tags: Internetbekanntschaft
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    ...spürte die bissigfeuchte Herbstluft ihre Beine entlang fegen... "Bissigfeucht"? Komische Metapher, seltsames Wort. Ergibt keinen Sinn.

    Die Lektüre von Teil 1 beende ich mit der Entscheidung, weitere Teile nicht lesen zu wollen.

    20.05.2011, 07:03 von kaylorey
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    Spannend, gefällt mir gut!

    06.10.2010, 16:03 von Luanna
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    whow!

    21.09.2010, 12:15 von semperfidelis
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    Kickt !

    Ich wüsste gerne, wie sie aussieht. Das hätte mir die Bilder einfacher aufgebaut. Aber es hätte wohl zuviel Text in Anspruch genommen zu konturieren. Daher hatte ich schnell beschlossen, dass Sie dunkle Haare hat. Kurz. Kindergärtnerinnen haben meistens kurze Haare, weil praktischer. Da komme ich in Widerspruch, da für mich zur Rolle halblange Haare gehören. Dazu sollte sie über 30 sein, um nicht girly rüberzukommen, wenn die Party losgeht. Dass sie 2 mal kichern muss, weist mich leider darauf hin, dass sie jünger ist. Er muss älter sein, sonst wird er spätestens unglaubwürdig bis unfreiwillig komisch, wenn die Post abgeht. Und das dann rund zu bekommen, dürfte schwierig werden.
    Allerdings weiß ich ja, dass hier Genöhle ausbricht, wenn man zu lang schreibt. Und es hätte wohl allein eine halbe Seite gebraucht, sie halbwegs sichtbar aufzubauen.
    Daneben fehlte mir etwas Linie und Tiefe in der Psychodynamik. Dafür hätte man auf Labelpromo und Leberwurst verzichten können. Zu profan für den Set. Etwas surrealere Athmosphäre hätte mir hier besser gefallen. Auch andere Namen hätte ich passender gefunden. Marina und Claas.. das klingt nicht.
    Dennoch einer der wenigen Texte, die ich ohne Mühe und gespannt durchgelesen habe.
    Mal sehen, was der Knabe drauf hat.

    Sehr sexy. Hut ab. Danke, das macht Spaß :-)

    03.09.2010, 13:14 von Kokomiko
    • 0

      @Kokomiko Kindergärtnerinnen haben kurze Haare? Die haben vor allem ne dicke Kiste. Kindergärtnierinnen sind bei mir ganz unsexy besetzt. Aber vielleicht sind der Beruf und die unaufgeregten Vornamen extra?

      Und ich würde mir niemals ein Parfum diktieren lassen. Alles, aber kein Parfum.

      Habe den Text aber gerne gelesen.

      03.09.2010, 15:04 von B.tina
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    Zweiter Teil! Zweiter Teil!
    Wirklich wunderbar geschrieben.
    Sie weiß im Prinzip, dass sie alles für ihn tun würde und er sie unter Kontrolle hat, ändert jedoch nichts daran, dass sie in diesen Zug steigt.
    Fabelhaft.

    02.09.2010, 21:01 von frau_wachsmalstift
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