schimmern 22.04.2008, 21:53 Uhr 54 59

Mama. Mutter. Nichts.

Ich bin Zaungast. Wie immer. Alle Fenster wirken warm, wenn man draußen steht.

Ich bin auf dem Weg nach Hause. Ein bisschen betrunken. Es ist einer dieser Abende, wo mich Alkohol nicht fröhlich sondern nur traurig und ein bisschen melancholisch gemacht hat. Unter fadenscheinigen Gründen habe ich die Party verlassen, ich mochte nicht noch mehr trinken und trauriger werden, ich konnte den Lärm nicht mehr ertragen. Es ist Winter, und ich laufe durch die Siedlung, die auf dem Weg liegt. Es ist noch nicht besonders spät, ein paar Fenster sind noch beleuchtet. Von weitem sieht das aus wie flüssiger Honig, das Licht flüstert mir ein „Willkommen“ zu, und ich bleibe stehen. Wie so oft.

Ich sehe Lichterketten, brennende Kerzen, eine Familie, einladende Gemütlichkeit. Sie unterhalten sich, lachen, prosten sich zu. Es ist kurz vor Weinachten, da sitzt man gern beieinander. Ich bin Zaungast. Wie immer. Alle Fenster wirken warm, wenn man draußen steht. Ich stehe da, und die bittere Kälte kriecht mir unter meine Klamotten, frisst sich in mich rein, und mir ist das nur recht so. Ich hoffe, das die Kälte irgendwann meine Traurigkeit besiegt, ich wünsche mir den Schmerz von beinahe erfrorenen Händen und Füßen, damit ich überhaupt etwas fühle, etwas anderes empfinde, als Neid.

Ich bin neidisch. Das, was sich mir zeigt, hinter dieser Glasscheibe, wünsche ich mir selber. So sehr, dass ich manchmal die Wände hochlaufen könnte. Aber ich weiß, dass mir diese Welt verschlossen ist. Eine Frau steht auf, und sieht mich vor dem Fenster stehen. Mit einem unwilligen Kopfschütteln zieht sie die Gardinen zu. Ich gehe nur ein kleines Stück weiter, und lehne mich an eine Häuserwand. Die Nacht ist wirklich eisig kalt, kalt aber sternenklar. Ich starre in den Nachthimmel, und unwillkürlich murmele ich stumm ein einziges Wort.

Mama.

Ich schließe die Augen und habe für einen Moment ein Bild von dir im Kopf, so klar und unbewegt wie die Oberfläche eines einsamen Sees. Ich versuche genauer hinzusehen, aber da verschwimmst du, so als hätte jemand eine handvoll großer Steine ins Wasser geworfen. Du warst schon immer wie Wasser, das mir durch die Finger rinnt. Du warst immer schneller verschwunden, als ich meinen Durst an dir stillen konnte. Ich weiß nicht mal mehr, welche Farbe deine Augen haben. Ob sie überhaupt noch eine Farbe haben. Ich habe dich vor zehn Jahren zum letzten Mal gesehen. Das war kurz nachdem ich dich im Gefängnis besuchen durfte. Damals ist es dir recht gut gegangen, du warst clean und hattest feste Vorstellungen davon, was werden soll wenn du endlich entlassen wirst.
Zu diesen Plänen gehörte ich dazu, aber nur eine kurze Zeit lang. Aus denen ist nichts geworden. Das halbe Jahr in dem ich Kontakt zu dir hatte, ist immer noch in mir drin. All die Briefe, voller Versprechungen, voller „Ich liebe dich“.

Wenn ich das heute lese, zerbröselt mein Herz wie eine handvoll Flips.

Du konntest mich nicht lieben, dafür kanntest du mich zu wenig. Und ich dich. Die ersten vier Jahre meines Lebens, die ich bei dir verbracht habe, trugen nicht dazu bei, mir ein gutes Bild von dir in den Kopf zu setzen. Wo fing das an, Mama? Bei den Männern, mit denen du für einen Cola-Korn hinter die Disco gegangen bist?

Ich sehe dich immer noch im Türrahmen stehen, in Dessous, auf einen der vielen netten Onkel warten, die uns so zahlreich besuchten. Mittlerweile weiß ich, wozu du so angezogen warst, wenn Besuch kam. Ich weiß auch, warum du manchmal so schlimme Schmerzen hattest, warum es dir mal blendend und mal beschissen ging, Das wechselte mehrmals am Tag. Du warst schwach, so furchtbar schwach. Du hast uns nicht geholfen, wenn unser Stiefvater, dieses Ding das du geheiratet hast, auf uns losgegangen ist. Aus lächerlichen Anlässen hat er das getan. Wenn wir heimlich Brot gegessen haben. Wenn wir zu laut fahren, und das die netten Onkel die bei dir im Schlafzimmer waren, gestört hat.

Du bist nie müde geworden, den Nachbarn zu erzählen, dass wir nur Pirat spielen und ich deswegen eine Augenklappe trage. Mal links, mal rechts. Das kam ganz darauf an, welches meiner Augen schlimmer aussah. Zwei Augenklappen wären sehr auffällig gewesen, auch wenn sie mich blind gemacht hätten und ich all das nicht hätte mit ansehen müssen. Ob ich rausgehen durfte, hing davon ab, wie schnell meine Veilchen verheilten. Ich denke an den Gestank in unserer Wohnung. Der Kühlschrank, der wenig Essbares aufwies, weil fast alles, was sich darin befand, verrottete. So wie du, von Innen.

Die beiden Rottweiler, die alles zuschissen, weil sie nie stubenrein wurden. Einmal, als ich nachts wegen einem Gewitter in das Bett meines großen Bruders flüchtete, und das Ding, das du geheiratet hast, mich erwischte, trat ich auf der Flucht vor ihm in Hundescheiße. Angst vor Gewitter war verboten, Tränen waren verboten, überhaupt einen Mucks von sich geben war verboten. All das trieb uns das Ding mit Gürteln und anderen Hilfsmitteln aus. Ein für alle Mal. Ich weine noch immer kaum. Du hast uns nie geholfen, standst immer nur weinend in der Tür. Kaum oder gar nicht bekleidet. Die Schreie vom Heroin in deinem Kopf übertönte immer das Schreien deiner Kinder.

Ich kann gut verstehen, dass du davor flüchtest. Vor mir flüchtest. Vor all den Fragen, die ich dir gerne stellen würde. Ich habe eine ganze Bibliothek in meinem Kopf, große Regale, gestopft voll mit Fragen auf die ich keine Antwort habe, und auf die ich auch niemals eine Antwort bekomme. Immer, wenn deine Vergangenheit droht, dich einzuholen wirst du rückfällig. Du schlitterst von Entzug zu Entzug, von Mann zu Mann, von Kind zu Kind.
Wie dein geschundener Körper noch immer schwanger werden kann, ist mir ein Rätsel.
Du bekommst Kind um Kind, immer in der Hoffnung, dass dann alles besser werden würde. Dir ist nicht bewusst, dass nicht alle deiner Kinder so werden wie ich, die irgendwie mit allem klarkommt. Zehn Kinder sind es bisher, und du bist grade mal Mitte vierzig.

Das eines von ihnen schon selbst einen Drogenentzug machen musste, weil es mit all den Erinnerungen in seinem Kopf nicht leben konnte. Nur berauscht leben konnte. Manchmal wünsche ich mir, dass es so was wie Aceton gegen die Erinnerung gibt. Man wischt einfach alles weg, wie bröckelnden Nagellack, und mit etwas Glück wird einem auch ein bisschen schwummerig dabei.

Zu Weihnachte hasse ich dich am allermeisten. Das Fest an sich bedeutet mir wenig, ich kann nur die ganzen glücklichen Familien in der Innenstadt nicht ertragen. Ich fühle mich beobachtet, ausgelacht. „Schau nur, wir sind alles was du nicht sein wirst.“ Aber auch ich bin alles was du niemals sein wirst. Ich bin mit ein paar Schrammen davon gekommen, aufgeschürfte Knie. Ein paar Narben. Aber nur wenig offene Wunden. Ich flüchte mich nicht in häufig wechselnde Männerbekanntschaften. Ich bekomme keine Kinder, in der Hoffnung endlich eine richtige Familie zu haben. Ich weiß doch nicht mal, was das bedeutet. Ich nehme keine Drogen. Ich führe mein eigenes, selbstbestimmtes Leben.

Du kannst mir nicht erzählen, dass du nicht wusstest, wie abhängig Heroin macht. Die 80er, das war nach Christiane F. Da wusste man Bescheid. Und überhaupt. Du hast Bescheid zu wissen, du hättest eine Verantwortung gehabt, uns gegenüber und auch dir gegenüber. Du kannst immer nur weglaufen, ich kann mich allem stellen. Ich schreibe alles auf, hefte ab und somit nimmst du nicht mehr soviel Platz in meinem Kopf ein. Ich bin aus mir selbst heraus stark geworden, du hast nur das flüchtige Versprechen von Heroin. Du gibst dir immer neue Namen, weil du mit deinem wirklichen nur schlechtes verbindest. Dein Gewissen muss dich doch irgendwann umbringen. Zehn Kinder, die du alle weder beschützen noch behalten oder erziehen kannst. Auch wenn du mir meine Fragen beantworten könntest, es würde nichts normal werden. Oder gut. Deine Lügen schmerzen mich noch immer, du kannst dir nicht vorstellen, was ich mir mit 14 für Hoffnungen gemacht habe. Nach all den Briefen. Damals, da wusste ich nicht mal alles, was mir deinetwegen passiert ist. Da war noch Verdrängung.
Ich hätte dich nicht gehasst, ich wäre dankbar gewesen, dafür dass ich endlich bei dir sein kann. Das du mich „Schneckchen“ nennst. Wir nie wieder über das Ding reden müssen. Oder über die Zeit in den verschiedenen Kinderheimen, besonders in dem ersten, das für mich nichts besser, aber vieles schlimmer gemacht hat. Ich sollte Zuflucht und Geborgenheit finden, in einem Kinderheim. Als endlich unseren Nachbarn die Zustände bei uns aufgefallen waren. Als die Polizei kam, und uns mitnahm.

Ich weiß nicht, wo du bist. Oder ob du noch lebst. Bekommt man Nachricht von irgendwem, wenn die Mutter stirbt? Ich trage nicht deinen Nachnamen, und deiner hat mit Sicherheit schon wieder gewechselt. Da wird schon niemand nach mir fragen. Diese Ungewissheit macht mich ganz komisch im Kopf. Ich hoffe, du lebst noch lange, Mama. Wenn du nicht am Heroin stirbst, dann an unseren Fragen.

Du bist nicht mutig genug, um sie ertragen zu können. Ich wünsche dir nicht den Tod, auch wenn der vielleicht das ewige Kinder-bekommen unterbricht, du sollst nicht noch mehr süchtige Kinder auf die Welt bringen. Aber ich wünsche dir ein Gewissen, das ungefiltert auf dich eindringt. Ganz ohne Drogen. Damit du mich vielleicht irgendwann suchst, und mir das alles von allein erklärst.

Ich vermisse auch eigentlich nicht dich, sondern eine Mutter, wie sie all meine Freunde haben. Eine, die sonntags anruft und fragt, wie es geht. Die umarmt, wenn man nach Hause kommt. Die nach Geborgenheit und Sicherheit duftet. Der man nicht egal ist. Eine Lovis. Wie bei „Ronja, die Räubertochter“. Eine Mutter, die wie eine Löwin um ihre Kinder kämpft. Ich wünschte, ich könnte voller Liebe an dich denken. Du aber bist wie ein Engel, an die ich nicht glaube.

All das geht mir durch den Kopf, als ich fast an der Backsteinmauer festfriere. Ich löse mich, endlich taub vor Kälte, gehe nach Hause und betrinke mich ganz furchtbar. Ich beschließe, nicht wieder an dich zu denken. Bis zum nächsten warmen Fenster, wenigstens. Es muss weitergehen.

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54 Antworten

Kommentare

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  • 1

    brauchst und musst du nicht.

    19.11.2011, 01:42 von schimmern
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    ich weine.

    18.11.2011, 22:35 von Buchliebhaberwichtel
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    Der Titel Mama.Mutter.Nichts hat mich dazu gebracht deinen Text zu lesen. Und ich finde ihn sehr ansprechend. Hab meine Mutter auch an eine Droge verloren. Am besten verstehe ich dich wenn du schreibst: Ich bin neidisch. Das, was sich mir zeigt, hinter dieser Glasscheibe, wünsche ich mir selber. So sehr, dass ich manchmal die Wände hochlaufen könnte Das Gefühl ist schrecklich und es kommt doch so oft vor, dass man sich praktisch immer die Frage stellt: "Warum kann ich nicht mit meiner ganzen Familie zusammen am Mittagstisch sitzen??"

    02.07.2009, 11:51 von InspektorClouseau
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    Ich mag dich.

    09.06.2009, 23:22 von Amphetamin
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    Liebe Schimmern,

    Dein Artikel Mama.Mutter.Nichts hat mich tief berührt. Du hast eine sehr große schriftstellerische Begabung. Deine Gefühle kenne ich sehr gut. Auch meine Mutter wollte mich nicht. Sie versuchte, mich abzutreiben. Später erfuhr ich aber auf anderem Wege etwas Mütterlichkeit, so dass ich die Wärme und Geborgenheit, das gehalten und gestillt werden, meiner eigenen Tochter zum Glück geben konnte. Und man kann es aufarbeiten, wenn man wenigstens Liebe kennen gelernt hat. Dein Satz "Ich bin Zaungast..." enthält so viel Wahrheit. Es stimmt, dass alle Fenster warm wirken, aber eben nur, wenn man draussen steht. Denn kann kann man die eigenen Wünsche und Sehnsüchte nach Geborgenheit und Liebe in das warme Licht hineinprojezieren. In so vielen Familien laufen in Wahrheit schlimme Dinge ab, dass ich manchmal glaube, es wäre für manche besser, in einem guten Heim oder in einer Pflegefamilie aufzuwachsen. Ich finde übrigens, dass Verzeihen irgendwann ganz von selber kommt und dann gar nicht "schwer" ist. Denn wer schon versucht zu verzeihen, wenn er noch nicht die Verletzungen in sich geheilt hat, der verleugnet sich selbst dabei, um sich den Eltern anzupassen. Deshalb ist verzeihen nicht "schwer", sondern oft der leichtere aber weniger wahre Weg. Denn meistens wird zwar den Eltern "verziehen", um die Beziehungen zu wahren, dafür werden die Verletzungen und Demütigungen aber später an die eigenen Kinder weiter gegeben, weil dies für die, die ihre verdrängte Wut und Verletzung an die eigenen Kinder weitergeben, eben LEICHTER ist und nicht schwerer. Oft ist es viel schwerer, den Eltern erstmal nicht zu verzeihen, sondern den Kontakt abzubrechen und zu seinem inneren Kind wirklich zu stehen und sich mit ihm zu solidarisieren. Das Verzeihen kommt dann ganz am Schluß von ganz allein. Dann ist es ein echtes Verzeihen und gar nicht schwer.

    26.01.2009, 13:35 von claudiamarie
    • 0

      @claudiamarie ...das bild mit den warmen fenstern stammt aus einem lied der band duesenjaeger, die es nicht mehr gibt. es heißt "draußen sein" und geht so:

      "auch der beste und längste traum
      ist irgendwann vorbei und alt
      und ohne ihn geht's weder vor noch zurück
      dein bein stellt dir ein bein
      eine schürfwunde vielleicht
      und ein platz zum pennen
      der zum schlafen einfach nicht reicht

      alle fenster wirken warm
      wenn man draußen steht
      und gardinen dir versprechen
      das es weitergeht
      alle fenster wirken warm
      wenn man draußen steht
      und maschinen dir versprechen
      das es weitergeht.

      was war das schon wieder?
      kein mitleid mit dem mitleid, no remorse
      es wird schon gehen
      aber wann?
      die alten sagen: zeit heilt! ("zeit heil")
      aber nicht doch, dankeschön, goodbye."

      nur zur erklärung. mal anhören!

      07.07.2009, 12:40 von schimmern
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    atemberaubend guter text.

    27.10.2008, 19:41 von einsamespitze
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  • 0

    Wahnsinn...

    28.08.2008, 22:03 von lubiloo
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    Zitat: "Ich vermisse auch eigentlich nicht dich, sondern eine Mutter, wie sie all meine Freunde haben. Eine, die sonntags anruft und fragt, wie es geht. Die umarmt, wenn man nach Hause kommt. Die nach Geborgenheit und Sicherheit duftet. Der man nicht egal ist."

    Mir geht es genau so. Hab meine Mutter nie kennengelernt. Sie war wie deine, Kind um Kind bekommen, fast alle in's Heim gesteckt, Männer wie Unterwäsche gewechselt (eine meiner mir unbekannten Schwestern hat mich aufgesucht und mir das erzählt), und mir als Baby den Arm ausgekugelt beim Anziehen. Meine Stiefmutter ist nicht viel besser, eine "Ich-hasse-dich-du-bist-mir-im-Weg" Frau. Ich habe stets bei Freunden geschlafen, deren Familie intakt ist, die Wärme genossen, die sie freigiebig teilten. Hoffentlich findest du auch eine solche, welche dich ohne Vorbehalt, mit offenen Armen willkommen heisst.

    11.07.2008, 19:51 von LeyluraLegbreaker
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