clara.tornova 05.06.2007, 15:58 Uhr 42 57

Mama liebt Sibylle

Als ich fünfzehn war, verliebte sich meine Mutter in ihre Psychologin.

Sie eröffnete meinem Vater, der ohnehin meistens geschäftlich unterwegs war, dass er nicht mehr nach Hause kommen müsse, denn jetzt zöge Sibylle bei uns ein, und so geschah es auch.

Sibylle war groß, dunkelhaarig und hübsch, führte nicht enden wollende Diskussionen über deutsche Zeitgeschichte und Perspektiven der Entwicklungsländer und brauchte für meinen Geschmack entschieden zu lange im Bad.

Weil sie Psychologin war, nahm Sibylle mich eines Tages beiseite und erklärte mir, dass das eine wundervolle und völlig natürliche Sache sei mit der Liebe unter Frauen. Der Ansicht war ich eigentlich auch, aber wenn es um meine Mutter ging, war das irgendwie etwas anderes. (Ich wollte sie nicht mit Sex in Verbindung bringen, egal mit wem, egal ob mit Frauen oder Männern.) Auch dass meine Mutter nicht vollständig lesbisch geworden sei, sondern sich in einen Menschen verliebt habe, der zufällig eine Frau sei, erklärte sie mir. Und dass ich natürlich weiterhin ihre Tochter bleiben würde, die sie, also meine Mutter, sehr liebe. Und letztendlich würden wir, Sibylle und ich, sicher gute Freundinnen werden. Ich schaute sie an und dachte: Sie ist hübsch, und sie ist klug, aber sie hat hier nichts zu suchen. Außerdem braucht sie zu lange im Bad.

Trotzdem wurde mir während des Gesprächs klar, dass die Tatsache, dass die neue Liebe meiner Mutter eine Frau war, mir viel weniger ausmachte als die Frage, was die anderen darüber dachten. Mit fünfzehn wollte ich wie alle sein, und das bereitete mir Mühe genug, lesbische Mama hin oder her.

In dem Dorf, in dem wir wohnten, hatte sich zwar bereits herumgesprochen, dass Scheidung nicht ausschließlich durch Tod erfolgen konnte, aber die Vorstellung von zwei Frauen unter einem Dach, mit allem, was dazugehört, ging dann doch zu weit. Die entwicklungspsychologischen Auswirkungen auf die Kinder - drei Mädchen - wollte man sich gar nicht erst genauer vorstellen. Meine Familie galt ohnehin schon als suspekt, der obskuren Geburtsorte meiner Eltern wegen: Sie waren außerhalb Baden-Württembergs geboren und wohnten sie erst seit vierzehn Jahren dort, waren also ganz klar nicht vertrauenswürdig. Ihre Berufe machten es nicht besser. Meine Mutter ist Historikerin und vom Dritten Reich besessen, dessen Rätsel sie bis heute zu entschlüsseln versucht. Ich traute mich selten, Freundinnen nach Hause zu bringen, weil bei uns ständig irgendein Auschwitz-Video lief. Was mein Vater machte, verstand keiner. Mit fünfzehn wollte ich wie alle sein.

Meinem Vater hatte ich zwar nicht viel zu sagen in der Zeit - wir wichen aus Verlegenheit auf politisch-ökonomische Themen aus, um nicht über meine Mathenoten sprechen zu müssen. (Meistens redete er, weil er sich besser auskannte.) Trotzdem war ich empört, denn das hatte er nicht verdient.
Mit der fristlosen Kündigung des Ehelebens ging er auf seine Weise um, indem er plötzlich anfing, in seiner Zweizimmerwohnung tropische Pflanzen in absurden Mengen zu züchten. Dabei war ihm scheinbar gleichgültig, dass das feuchtwarme Klima nicht so gut für seinen Hochleistungscomputer und die zahllosen elektrotechnischen Messinstrumente war, deren Sinn ich nie richtig zu erfassen vermocht hatte.

Doch als er mir in seiner neuen Wohnung seine riesige Tropenpflanzenzucht zeigte und stolz verkündete, er habe jede einzelne dieser Pflanzen als Setzling im Baumarkt erworben und selbst aufgezogen, fing ich vor Rührung zu heulen an.
„Na, na“, klopfte mir unbeholfen auf der Schulter herum. „Das musst du dir doch nicht so zu Herzen nehmen.“ Als ich mich beruhigt hatte, fragte er, ob ich die Mathearbeit schon zurückbekommen hätte.

Ich brauche nicht zu erwähnen, dass ich mich mit der Zeit an Sibylle gewöhnt habe, genauso wie an die Tatsache, dass meine Mutter sie liebt. Die beiden gehören zusammen, nichts scheint mir normaler. Nur mein Vater tut mir leid, weil er sich nach wie vor ausschließlich mit elektrotechnischen Messgeräten oder seinen Tropenpflanzen unterhält. Manchmal reden wir miteinander, über die gleichen Themen (oder über Ökonomisch-Politisches, um nicht über meine berufliche Zukunft sprechen zu müssen). Er wirkt seltsam verloren, immer noch.

Aber Mama und Sibylle sind ein prima Team. Mit viel selbstgebackenem Kuchen und noch mehr engagierter Gemeindearbeit haben sie es geschafft, das Klima im Ort auf eine Temperatur zu erwärmen, die man fast als freundliche Toleranz bezeichnen könnte. Eine großartige Leistung von den beiden. Mama und Sibylle.
Wenn sie nur nicht so lange im Bad brauchen würde.

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42 Antworten

Kommentare

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    mein papa liebt torsten....nach 25 jahren ehe mit mama...3 kinder-ich die jüngste mit 17 ...damals das ende.....mein papa liebt torsten..heute...das beste was uns passieren konnte..
    -wundervoll-

    01.10.2010, 20:35 von ShmiHimmelslaeufer
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    Sehr schön geschrieben, sehr schön zu lesen :-)

    ---> Empfehlung :-)

    27.01.2010, 19:03 von Nightingale
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    Richtig toll, jetzt weiß ich garnicht, was ich sagen soll...einfach nur schön geschrieben!

    05.03.2009, 22:13 von Singer_in_the_Rain
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    ja, ähnlich hab ichs auch erlebt. nur war ich damals 10. schön, dass es für dich und deine mutter so leicht war. das ist nicht ironisch sondern ernst gemeint. für mich wars verdammt schwierig ehrlich gesagt. im nachhinein tu ich immer so, als wärs einfach gewesen. aber eigentlich wars das ganz und gar nicht. ... vielleicht hätte ich mich damals mal mit sybille unterhalten sollen ;)

    sehr schön geschrieben!

    24.11.2008, 20:57 von justJune
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    Wenn du schon darauf anspielst, wie man mit 15 mit solchen Themen umgeht: Wie haben denn deine Freunde reagiert, als sie das erfahren haben? ich meine, war es denn wirklich so schlimm wie du dachtest?

    28.03.2008, 13:52 von Gradwanderung
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    haha. Herrlich. Vor allem die Reaktion auf die Pflanzen. Mach dir kein Kopp. Es gibt Männer, die nicht viel brauchen von anderen Menschen. Wer sagt überhaupt, dass Menschen besser sind als Pflanzen oder Maschinen?

    29.02.2008, 03:49 von palettentreter
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    Wunderschöne Geschichte. Kann mich den Komplimenten anschliessen!
    In meine Psychologin werde ich mich wohl nicht verlieben, sie ist doch schon ein wenig älter. Zum Glück! Oder Schade!

    21.11.2007, 17:08 von stesti
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    fantastischer Text!
    Kenn das mit der Mama genau so nur das meine Eltern da schon getrennt waren.
    Wirklich toll geschrieben. Danke für den offenen Text!

    21.10.2007, 12:27 von on.the.road.again
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  • 0

    hat mir auch gut gefallen...:)

    03.10.2007, 19:55 von Nanni86
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