Männerklo
Was Frauen verpassen: Die nettesten Bekanntschaften macht man auf dem Männerklo.
_Mit guten Freunden kann man stundenlang schweigen und genießen. Es ist schön, wenn man weiß, dass sie da sind. Anders mit neuen Bekanntschaften: Nichts schlimmeres, als wenn man sich totgeredet hat, jeder händeringend nach einem Thema sucht, jede weitere Minute des Schweigens unerträglicher wird, die Rückkehr zur Normalität unmöglich. Man wartet auf den genialen Einfall, der die Situation noch retten kann und ergreift die Flucht nach vorn: Ich gehe aufs Klo.
„Gott sei dank.“, denke ich als ich das Männerklo betrete. Ich bin allein. Jetzt kommt es drauf an, flach durch den Mund zu atmen, bloß nicht der Versuchung erliegen, seine persönliche Ekelgrenze austarieren zu wollen. Schnell eines der fünf versifften Urinale ausgewählt, am liebsten die in der Ecke, breitbeinig in Position gehen, Reißverschluss elegant geöffnet und dann je nach Beschaffenheit lange suchen und umständlich rauskramen. Lässig mit der rechten Hand ins Urinal gehängt und schon kann es losgehen. Wenn man kann. Wenn man muss.
Ich muss nicht, ergo, ich kann nicht und ich will nicht. Aber sofort wieder zurück geht auch nicht, die neue Bekanntschaft kann ruhig einen Moment warten und sich ein neues Thema überlegen. Also einfach mal ein bisschen abhängen. „Das fetteste Ding im Land, hältst Du grad in der Hand.“, lese ich und fühle mich geschmeichelt. Manchmal kann man auf dem Männerklo nette Leute kennen lernen. Man tauscht sich kurz über dieses und jenes aus, hat vielleicht noch einen Tipp für den Abend auf Lager und schon ist man wieder verschwunden. Man kann übrigens Raucher und Nichtraucher am Urinal unterscheiden: Die Raucher halten ihn zwischen Zeige- und Mittelfinger, der Nichtraucher zwischen Daumen und Zeigefinger. Interessant und es stimmt!
Schrumms, geht die Tür auf, jemand kommt rein. Mit ihm kommt eine leichte Nervosität. Man darf sich nicht unter Druck setzen lassen. Für Männer ist es peinlich am Urinal zu stehen und Ladehemmungen zu haben. Zum Glück habe ich keine Ladehemmungen, ich muss einfach nicht.
Der Typ kommt rein, ausgerechnet einen Kopf größer als ich, ausgerechnet das Urinal neben mir in Beschlag nehmend und furchtbar fix mit Entblättern oder er kam schon mit offener Hose rein. Typ Bodybuilder, glänzende Arme, vermutlich Schweiß, vermutlich riecht er, aber ich will meine Ekelgrenze heute nicht testen. Ich atme flach durch den Mund.
Er hält jedenfalls sein Ding schon in der Hand, das war unübersehbar, und parkt sich ausgerechnet neben mich. Was für ein Kaliber. Ich schaue konzentriert in meine Schüssel und spüre seinen bohrenden Blick auf meiner Schulter. Ich beuge mich ein Stück vor, damit er mir nichts weggucken kann. Das Plätschern nebenan beginnt. In meiner Schüssel bleibt alles ruhig. Ich versuche hilflos die Situation zu ertragen.
Wieder geht die Tür auf. Zwei Kerle kommen lachend und ziemlich angetrunken rein: „Hältst Du meinen, halte ich Deinen.“, lallt der eine. Ich überlege schnell abzuschütteln und zu gehen, aber leider funktioniert die Spülung per Lichtschranke. Wäre ich vom Urinal weggegangen ohne vorher zu spülen, hätte der Bodybuilder ein glasklares Becken gesehen und vielleicht gedacht, ich hätte mir einen runterholen wollen. In mir steigt Hitze auf. Ich beschließe, lieber abzuwarten, bis er sich verzieht.
Es plätschert weiter. Im Augenwinkel sehe ich die beiden Angetrunkenen an ihren Hosen hantieren. Sie haben Probleme mit den Reißverschlüssen und fluchen. Ich starre geradeaus und traue mich nicht zur Seite zur sehen. „Hey ihr Schwuchteln!“, brüllt mein Nachbar. In der Hoffnung, er würde zu den Angetrunkenen rüberblicken, riskiere ich auch einen kurzen Blick. Tatsächlich befummeln sie sich gegenseitig an ihren Hosen. Noch mehr Hitze steigt in mir auf. Ich finde es diskriminierend die beiden als Schwuchteln zu bezeichnen. Aber ich sage besser nichts.
„Lasst die Sauerei hier.“, ruft mein Nachbar wieder. Ich schmunzle. Er fängt an, mir sympathisch zu werden. Gar kein Neid auf sein Gehänge. „Hier sind Kinder!“ und schlägt mir auf die Schulter, „Nicht, Kleiner?“
Schon ist es wieder vorbei mit der Sympathie. In solch einer Situation ist es auch mit randvoller Blase unmöglich auch nur einen Tropfen herauszubekommen. In welchem Film bin ich hier? Wie geborgen ist da eine Kabine mit den komplett eingesauten Kloschüsseln. Vielleicht doch schnell Abtropfen und verschwinden?. „Unser Kleiner hat Ladehemmungen.“, brüllte der Bär, lacht und schlägt mir auf die Schulter, dass ich fast vorne überkippe. Der Stinkbär plätschert noch immer ins Bärenbecken.
Die beiden Schwuchteln fangen an zu Kichern. Sie hatten es endlich geschafft ihre Schwänze aus ihren Hosen zu pellen. „Sollen wir mal ein bisschen melken? Dann läuft es besser!“, lallt einer von ihnen. Wort- und regungslos versuche ich mein bestes Stück zu hypnotisieren. Ein paar Tropfen dürften doch wohl drin sein. In meinen Augenwinkeln versuche ich die beiden Perversen im Blickfeld zu behalten um notfalls, das Klo fluchartig verlassen zu können.
„Ja!“, poltert der Assibär, „zeigt dem Kleinen mal, wo der Hammer hängt“, und findet sich selber so komisch, dass er laut anfängt zu lachen. Ich gebe meine starre Haltung auf, zumal der Brutalobär immer unkontrollierter wird und ich befürchte, er könne sich, schlimmer noch mich, bald vollplätschern. Die beiden Prolltunten stimmen in das widerwärtige Gelächter ein. Ich gehe einen Schritt zurück und sehe sie vor mir stehen, mit offenen Hosen, Schwänze raushängend, sich krümmend vor hämischen Gegrunze.
Mit allem Mut trete ich noch einen Schritt zurück und ziehe entschlossen meinen Reißverschluss zu. Ich halte inne. Der Bär, die Schwuchteln starren auf meine Hose, reißen die Augen auf und verstummen plötzlich. Blankes Entsetzen in ihren Gesichtern. Dreimal höre ich das Geräusch von Schlucken. Dann spüre ich den Schmerz und schreie.

Kommentare
:D
20.08.2009, 20:41 von jimmie69sehr gut...
wirklich komisch :D
schmerzhaftes ende aber sonst entertainment pur :)
13.05.2009, 18:51 von saruschelDas erinnert mich an Samstag. Plötzlich stand ich im Männerklo und ich bin nochmal raus um zu schauen, ob ich im betrunkenen Zustand nicht verlaufen habe. Aber es ist war dem nicht so... da standen lauter Frauen herum. Fragwürdig... ^^
23.04.2009, 10:12 von donotdisturbAn den Abend bzw. Morgen hat die Security noch Leute eingesperrt im Klo, weil es überflutet war.
Ich stand vor der Tür habe abnormal lachen müssen.
War ein genialer Samstag. Schade.... erst wieder in einem Monat diese geniale Party!
Das Ende ist phantastisch:D
10.03.2009, 22:07 von apfel_saftWas auch schlimm ist, und in dem Text nicht vorkommt, sind die Toilettengrüßer. Das kennt doch sicher jeder: Man ist schon drin, dann kommt irgendein Typ rein, den man nicht gekennt und noch nie gesehen hat, und grüßt einen. Ich hab nichts gegen Höflichkeit, aber das geht mir irgendwie tierisch auf den Geist...
15.02.2009, 10:30 von FrostfingerEs gibt exakt eine Stelle im Text, die wirklich lustig ist:
13.02.2009, 22:45 von Tschoern„Hier sind Kinder!“ und schlägt mir auf die Schulter, „Nicht, Kleiner?“
Der Rest - joa... geht schon. Gewiss schon Schlechteres gelesen. Aber Besseres halt auch.
Einfach sehr lustig!
13.02.2009, 10:28 von die_katinkaIch lache immer nochxD
;)
11.02.2009, 17:02 von DancerDie Raucher halten ihn zwischen Zeige- und Mittelfinger, der Nichtraucher zwischen Daumen und Zeigefinger. Interessant und es stimmt!
09.02.2009, 20:20 von JoannaStarlette:-D um gottes willen,das sind so sachen,die ich mir ersparen wollte.
Wenn ich, Raucher, mir vorstelle, meine Penis beim Pinkeln zwischen Zeige- und Mittelfinger zu halten, wird mir schlecht. Ich weiß nicht, auf welchem Klo von welcher Kneipe du gewesen bist. Das muss ein schlimmer Schuppen gewesen sein. Nun ja.
09.02.2009, 02:03 von Verleben