rolfradolfski 05.07.2009, 16:35 Uhr 63 54

Mädchen vom 3. Juli

Ich suche dich.

Nach der Arbeit laufe ich gerne zu Fuß nach hause. Meistens bin ich mit meinen Gedanken noch nicht in der "echten Welt da draußen" angekommen. Ich trödle und glotze durch Fensterscheiben randvoll mit billiger Kleidung und Regenschirmen, bis ich aufwache und mir bewusst wird, was ich da so intensiv betrachte. Häufig habe ich auch noch Musik auf den Ohren und wenn Sommer ist wie jetzt, dann dehne ich die Zeit, will gar nicht erst ankommen.

Auf meinem langen Weg nach Hause, in einer kleinen Seitenstraße voll türkischer Reisebüros und Juwelieren mit Regenbogenfahnen in der Auslage, kam neulich ein Auto neben mir zum stehen. Ein Fenster wurde heruntergelassen. Ich blickte mich um; kein Mensch weit und breit. Also stellte ich mich darauf ein jemanden den Weg zu erklären oder einfach so einen Faustschlag ins Gesicht zu bekommen - je nach dem. Ich drehte mich um und sah in das Autofenster, mitten in ein sympathisch lächelndes Frauengesicht Anfang 20. Sie hatte langes, braunes Haar und einen gepflegten schwarzen Golf. Glück gehabt, war mein erster Gedanke.

Für einen Augenblick lächelte sie mich einfach nur an und dann fragte sie mich unvermittelt: "Willst du mitfahren?"
"Wie? Ich?" Ich sah mich um aber niemand war sonst da.
"Wohin fährst du denn" wollte ich von ihr wissen.
Erst mal an die Sache rantasten, dachte ich mir. Erst einmal alle Karten offen auf den Tisch legen.
"Zum Sendlinger Tor", sagte sie überraschenderweise, denn das war genau die Richtung, in die ich jeden Tag unterwegs war.

Ich muss sie ziemlich lange einfach nur angeglotzt haben, so wie ich sonst in Schaufenster glotze. Sie jedoch lächelte nur auf eine frische, Wrigleys Spearminthafte Art, was mich für kurze Zeit glauben ließ, sie sei in ein Forschungsprojekt verwickelt, in dem bewiesen werden soll, wie leicht vergleichsweise Männer in die Autos wildfremder Frauen steigen. Mein zweiter Gedanke war, dass sie mich kennen müsse, weil sie ja anscheinend wusste, wohin ich unterwegs bin. Ich war völlig verwirrt. Ja, sie gefiel mir, aber sie war nicht der Typ Frau, der sich sonst für mich interessierte. Komisch das Ganze, irgendwie toll aber komisch, dachte ich. Und dann?



Dann stieg ich einfach zu ihr ins Auto, obwohl ich mir gerade sicher war, es müsse eine Verwechslung vorliegen. Ich sehe wohl aus wie ihr Bekannter aus der Botanik-Lerngruppe, der auch zufälligerweise am Sendlinger Tor wohnt , oder vielleicht wie der Typ, mit dem sie immer mal wieder was am laufen hatte, wenn sie am Wochenende betrunken durch die Kneipen am Gärtnerplatzviertel zog. Aber egal, dachte ich. Man muss die Feste feiern, wie sie fallen.
So startete sie geschmeidig ihren Golf, legte die langgliedrige Hand um den Schaltknüppel und wir fuhren los.

Der Innenraum des Wagens war blitzsauber. Auch ihr graues, schulterloses Kleid sah aus wie frisch aus der Reinigung. Augenblicklich kam ich mir wie ein Eindringling vor, überlegte kurz ob ich mir unauffälligerweise den Dreck unter den Fingernägeln entfernen sollte. Zudem traute ich mich nicht meine alte, verschmutzte Umhängetasche auf dem sauberen Boden abzustellen. Ich behielt sie deshalb auf dem Schoß und glaubte dadurch auszusehen wie eine alte Frau aus Niederbayern, die am Stachus auf die U-Bahn wartet.

Wir passierten Straßen, die ich in- und auswendig kenne. Den, an bessere Zeiten erinnernden Coiffeur Maestro San Giovanni und den verrückten Laden voll mit Geweihen und Geweihmöbeln und dann den kleinen Milchladen, wo mir einmal ein Mädchen einen Kuchen geschenkt hatte. Das alles draußen wirkte wie durch eine Glasglocke für mich. Eine Glasglocke, die ich mir mit einer wildfremden Frau teilte. Denn sie hatte kein einziges Wort zu mir gesagt seit ich in ihren Wagen eingestiegen war und ich wusste auch nicht wie ich am höflichsten fragen sollte aus welchem Grund sie mich mitgenommen hatte. Vielleicht wollte sie mich vergewaltigen? Oder sie gehört zur Organmafia und bringt mich in ein düsteres Hotel, wo schon zwei Kaukasen auf mich warten und mir mit der Rückseite einer Pistole eins über die Rübe ziehen wollen. Oder aber sie wollte eine Fahrkostenbeteiligung einfordern, sobald ich aussteige. Vielleicht verdiente sie sich ja auf diese Weise etwas Geld zum Studium hinzu.

Irgendwann, als ich schon dachte ich könnte nicht mehr länger angestrengt aus dem Fenster schauen, fing sie an zu sprechen. Sie nahm dazu eine Zigarette in die Hand und gestikulierte mit einem Feuerzeug wild drauflos, als sie sagte:
"Weißt du, ich habe keine Ahnung, ob du mich erkennst. Ich dachte du tätest es, als du einfach so zu mir ins Auto gestiegen warst, aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher."
Sie aschte versehentlich auf ihre blitzeblanken Knie und wischte es wieder hastig mit zwei Fingern weg.
"Nein, leider weiß ich ganz und gar nicht wer du bist", sagte ich wahrheitsgemäß und war mir sicher, dass sie mir das übel nehmen würde.
Sie wandte mir kurz ihr Gesicht zu, dachte wahrscheinlich ich würde sie dann erkennen. Dem war aber nicht so.
"Wir arbeiten in der selben Firma", sagte sie, um mir weiterzuhelfen. "Ich bin in der Buchhaltung, aber du läufst ja immer durch die Gegend und schaust nicht links und nicht rechts". Sie lächelte wieder ihr Spearmint Lächeln und verrückterweise roch sie auch danach.
Ich grübelte noch einmal angestrengt, aber nein, ich hatte sie noch nie zuvor gesehen. Sie wäre mir ja aufgefallen mit ihrer distinguierten Stimme. Außerdem konnte sie vollständige Sätze formulieren, sie passte nicht an den Ort, an dem ich Tag für Tag gefangen war.

Verlegen fummelte ich mir einen Semmelkrümel vom Kragen und sah plötzlich, dass wir angekommen waren.
"Hier wären wir, hier sind wir" sagte sie und ich betrachtete noch einmal eingehend ihre gerade Nase, die hohe Stirn und den schmalen, volllippigen Mund.
"Danke fürs Mitnehmen", rief ich beim Aussteigen. "Wir können ja mal zusammen Mittagessen gehen!"
"Gerne", sagte sie lächelnd und fuhr davon. Und dann?



Leider ist es nie dazu gekommen. Das heißt ich bin erst gar nicht in ihr Auto gestiegen, denn ich stand völlig verwundert da, als sie mir erklärte, dass sie zum Sendlinger Tor fahren wolle. Ich fand sie hübsch und sympathisch und ich glaubte, mit dieser Frau in einem Auto gefangen, nur scheitern zu können. Herauszufinden, dass sie gar nicht so schön, die Situation nicht dazu arrangiert war mich kennen zu lernen, kurzum dass dieses Erlebnis mir nur Stoff für verbitterte Vorurteile liefern würde.

So sitze ich also hier und schreibe wie es hätte sein können, während ich an meinem Augustiner nippe und den Tabak, der auf dem ganzen Tisch verteilt ist, zusammen trage. Und alleine in meiner Küche sitzend verstehe ich, dass es falsch war gesagt zu haben "Nein danke, ich laufe lieber" und tippe in meinen Computer die Frage: Wenn du das hier lesen solltest, Mädchen mit dem schwarzen Golf vom 3. Juli, kannst du dann bitte noch einmal versuchen mich mitzunehmen?

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63 Antworten

Kommentare

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    Interessante Situation, locker und glaubwürdig geschrieben, aber ich muss auch sagen deine Zweifel einzusteigen sind jawohl mehr als verständlich,
    Ich meine das s etwas passiert dürfte den Lotto.Wahrscheinlichkeiten sehr nahe kommen .P

    23.07.2010, 11:40 von breitgefaechert
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  • 0

    Wow...ein Drama...ein richtiges Drama....ich bin zutiefst berührt. Der letzte Absatz unterstreicht nochmal alles. Wie aus einem Guss. Sprachlos.

    28.07.2009, 13:17 von Zeitraffer
    • 0

      @Zeitraffer tragikomisch, doch das versäumnis überwiegt! so schade ...

      wäre mir wohl auch passiert, so oder so ähnlich ;/

      aus fehlern lernen! so zumindest der vorsatz.

      23.08.2009, 20:46 von liebling_tine
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    Wirklich toller Text!

    23.07.2009, 17:52 von Muschelschill
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    Spritzig,intelligent, warmherzig kurzweilig, und dabei kein bisschen kitschig triefend vor Metaphern und abgehoben, wie die meisten anderen Texte hier.
    Super!!

    19.07.2009, 21:25 von gerneeinekatze
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  • 0

    ohje...das "nein danke, ich laufe lieber" ist für eine Frau wie ein Schlag in das Gesicht..aber denk dran man sieht sich immer 2 mal im Leben

    18.07.2009, 14:20 von mandalina
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    schade ich bin leider nur das mädchem vom 4 juli :D


    sehr schön geschrieben

    13.07.2009, 23:13 von minnimi
    • 0

      @minnimi Du hast eine 2. Chance verdient!
      Ich drücke dir die Daumen!!!
      Man sieht sich 2x im Leben...
      Aber das nächste mal: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

      18.07.2009, 11:19 von diamoon
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    Du Depp.


    Das ist alles was ich dazu sagen kann.



    Deshalb: Chapeau! :-)

    13.07.2009, 22:49 von Tashy
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  • 0

    Du Depp.


    Mehr kann ich dazu echt nicht sagen.


    Deshalb: Chapeau! :-)

    13.07.2009, 22:24 von Tashy
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Schöne und auch ausnahmsweise mal eine Schmunzelgeschichte. Aber wenn du sie wirklich finden willst, dieses Mädchen, dann suche auf jeden Fall auch woanders ^^

    13.07.2009, 16:49 von pinkness
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