Malique 16.03.2011, 01:59 Uhr 3 3

"Mach doch mal was Schönes!",

sagt sie und geht.

Es gibt wenig Menschen, die nach außen schielen können. Ich kann das. Wenn ich den Blick nicht fokussiere, führt mein linkes Auge scheinbar ein Eigenleben. Das sieht einigermaßen bescheuert aus. So sitze ich vor dem Bildschirm. Irgend ein Film flimmert. Worum es geht, bekomme ich schon lange nicht mehr mit. Die letzten Tage hängen mir noch so in den Knochen, daß es mir schwerfällt, den Kopf gerade zu halten. Es würde mich nicht wundern, wenn ein Sabberfaden den Weg Richtung Schulter suchte. Na, so schlimm ist es dann doch nicht. Vorsichtshalber steht jedoch der Eimer neben dem Stuhl. Eine alte Vorsichtsmaßnahme seit ich es mal bei einer Party in der achten oder neunten Klasse nicht mehr rechtzeitig auf's Klo schaffte und statt in die Schüssel auf den geschlossenen Deckel kotzte. Danach schlief ich eine Runde auf dem Duschvorleger. Als ich wieder aufwachte, hatten die Mädels schon alles gründlich sauber gemacht. Ich glaube, ich habe mich nie dafür bedankt.

Es klopft an der Tür, ich schrecke auf, murmele ein "Herein!". Sie betritt den Raum und setzt sich neben mich. Sie mustert mich eine Weile von der Seite. Das ist mir unangenehm und ich ziehe mir die Kapuze demonstrativ weit ins Gesicht. Auf die Frage, was ich so alles in letzter Zeit getrieben hätte, bekomme ich nur ein 'Weiß nicht.' heraus. Ich fühle mich wie ein Kaninchen vor der Schlange, verharrend in totaler Schockstarre. Doch eigentlich gibt es da so viel, was ich sagen, ja schreien möchte! Stattdessen nur unangenehme Stille. In Gedanken bin ich bei den Erlebnissen der letzten Tage: der pumpende Bass, die wogende Menge, jeder für sich. Lichtblitze brennen sich in meine Netzhaut, ich verliere mich, gehe auf im tanzenden Mob. Die Zeit verrinnt. Die Erinnerungen werden bruchstückhafter: Ich stehe im Klo, es riecht nach Ficken, ich schniefe irgendwas von der Rückseite meines Telefons. Ich würge, während mir der Schweiß von der Nase tropft. Da ist noch jemand. Er sagt, ich sei charmant, leider 'ne Hete, aber charmant. Dann drückt er mir einen Kuss auf die Wange - ich fühle mich geschmeichelt. Bevor ich mir darüber den Kopf zerbrechen kann, ob ich nicht ein bißchen schwul werden sollte, wiedereintauchen in die wabernde Masse. Es wird hell und irgendwann wieder dunkel, langsam tut mir der Rücken so weh, daß ich kaum noch stehen kann. Ich verlassse den Amüsiertempel.

Angesichts der Kälte in meinem Herzen stellt die aufkeimende Wärme des Frühjahrs geradezu eine Obszönität dar. Warum mußte das genau jetzt passieren? Alles turtelt und zwitschert: Frühling - die beschissenste Zeit, um allein zu sein. "Du mußt mal 'raus hier. Mach doch mal was Schönes!" sagt sie und ich stelle mir vor, wie sich meine Hände um ihren Hals schließen, bis sie keinen Ton mehr von sich gibt. "Wie kann ich Freude empfinden, wenn Du gerade mein Herz an die Schweine verfüttert hast!?" rufe ich ihr hinterher und schaffe es gerade noch, das Glas an die Wand zu werfen. Sie sagte mal, es sei viel einfacher, wenn ich sie haßte. Langsam bin ich soweit. Ich warte auf den Tag, an dem sie sagt, es sei alles ein riesen Fehler gewesen und ob wir nicht die Zeit zurück auf Anfang drehen wollten. Zuerst ziere ich mich ein wenig und tue so, als müsse ich darüber nachdenken. Später würde ich ihr gönnerhaft vergeben, dann heiße Küsse und unbeholfener wir-probieren's-nochmal-Sex. Scheiße, so eine lahme Story - viel zu wenig Drama! Sie ist schon wieder bei Ihrem neuen Streber. Ziellos streife ich durch die Wohnung auf der Suche nach Dingen, die ich noch nicht zerstört habe. Ich schaue mich um und bemerke, wie ich alles hier hasse - nicht erst seit gestern. Diese Tapeten, Möbel, Vorhänge und sonstigen Einrichtungsgegenstände: alles atmet und ist mit unserem Dunst behaftet. Jeder Raum wie eine getragene Schlangenhaut. Dann beginne ich, sinnlos Zeug aufzuhäufen, die besonders unbeliebten Stücke zuerst. Dämliche Bücher, die man mit einem Lächeln in Empfang nahm aber doch nie lesen wird. Häßliche Kleider, die ich an ihr noch nie mochte. Irgendwelche blöden Fotos, auf denen man ganz klar als Marsbewohner durchgehen würde. Darauf kommen Dinge, die nun keinen Sinn mehr haben, da sie aus ihrem zweisamen Kontext gerissen wurden. Dinge, die man in der Euphorie des ersten gemeinsamen Wohnabenteuers angeschafft hat. Wie ein Eichhörnchen auf der Suche nach Wintervorräten, durchstöbere ich die Zimmer und trage jedes Stück zum nach und nach wachsenden Haufen der Vergangenheiten. Stolz bewundere ich mein Werk eine Weile. Dann greife ich meine Jacke und ein bißchen Bargeld, schlüpfe in die Schuhe und mache mich daran, die Wohnung zu verlassen. Erst zünde ich mir jedoch eine Kippe an und ziehe mit Sprühöl eine Bahn zur Tür. Ich öffne sie und lasse beim Rausgehen den glühenden Stengel fallen. Verdammt cool sieht das aus, wie im Film. Nur beobachtet mich leider niemand. Es gibt ein fauchendes Geräusch, als sich das Öl entzündet. Ich trete hinaus in den Aufgang, schließe die Tür hinter mir und bleibe noch einen Moment stehen. Von drinnen ist nun immer deutlicher ein Knistern zu hören. Langsam gehe ich die Stufen hinunter, Rauchgeruch verteilt sich im Treppenhaus. Ich trete ins Freie und bleibe gedankenverloren vor dem Haus stehen. Das Bersten einer Glasscheibe holt mich nach geraumer Zeit wieder ins hier und jetzt zurück. Mein Blick schweift über die Fassade. Hinter unseren Fenstern kann man es unregelmäßig flackern sehen. Da wo das Glas nachgegeben hat, züngelt es munter die Außenwand hoch. Dies ist der Beginn eines sehr langen Spaziergangs.

"Mach doch mal was Schönes!" sagte sie zu mir. Leise erklingt eine Gitarre von irgendwoher. Lagerfeuer ist schön!

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3 Antworten

Kommentare

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    Und zwischendrin immer wieder Sätze die mich umhauen!!merci dafür!

    09.04.2014, 21:22 von madame_c_b
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      Hätte nicht gedacht, dass den alten Bums noch jemand liest. 

      31.08.2014, 15:01 von Malique
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    Ganz geil. Ich bevorzuge Demütigungen häßlichster Art (natürlich über Dritte zugeführt, ich stehe schließlich über den Dingen) oder roher körperlicher Gewalt als Handlung für meine Tagträume.

    Tatsächlich zerstört wird aber erstmal nur die körperliche Verfassung, was durchaus als befriedidgend empfunden werden kann. Trinken bis man seinen Namen von Perso ablesen muss, Rauchen bis zur völligen Überblähung der Lunge, tanzen in die totale Erschöpfung. Und da die Fähigkeit feste Nahrung aufzunehmen oder gar zu schlafen sich eh verpisst hat, muss man eigentlich nur noch zurückgelehnt warten bis Übelkeit und Gliederschmerzen das dumpfe Gefühl übertönen oder im günstigeren Fall nach Tagen, im schlimmsten Fall nach Wochen endlich in eine barmherzige Ohnmacht verhelfen. Bis dahin kann man von Glück sagen, wenn man einen Co-Zerstörungswilligen an seiner Seite hat, der das Level mitspielt.

    29.03.2011, 14:08 von somemightsay
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      @somemightsay Kommste das nächste mal mit?

      30.03.2011, 20:39 von Malique
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      @Malique Ich bin startklar.

      31.03.2011, 14:23 von somemightsay
    • 0

      @somemightsay Und ab dafür.

      01.04.2011, 16:30 von Malique
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