hib 30.11.-0001, 00:00 Uhr 37 76

Lust auf Leben?

Was wäre, wenn ich meiner Tochter die Welt einmal herumdrehen und ihr alles erzählen würde. Was wäre denn, wenn sie die Wahl hätte, ob sie mehr will.

Meine Tochter ist jetzt knapp vier Monate alt. Das ist eine Jahreszeit mit Schnee oder eine mit Sonne. Das sind zwei Drittel eines gut gemeinten Praktikums. Das sind etwa 120 Mal Einschlafen, wenn man an den Wochenenden zu Hause bleibt. Das ist einmal Schmetterlingssterben einer frischen Liebe. Das ist ein Konzert, bei dem man lieber die Karte ganz früh gekauft hat. Das reicht genau dafür, um sagen zu können, man wäre da gewesen.

Was wäre nun, wenn ich ihr die Welt einmal herumdrehen und alles erzählen würde. Was wäre denn, wenn sie die Wahl hätte, ob sie mehr will. Und was würde ich überhaupt sagen. Ein Versuch.

Liebe Emma.
Das ist übrigens dein Name. Wir tragen alle so ein paar Buchstaben mit uns herum und mit der Zeit werden sie uns lieb. Sie sind die äußerste Oberfläche der Hülle, in die wir uns füllen. Man kann uns damit zum Essen rufen. Oder uns aus dem Haus jagen. Du hast auch noch einen Nachnamen, der mit W anfängt. Aber den brauchst du eigentlich nur, um in der Schule als letzte aufgerufen zu werden. Zur Liebe kommen wir später.

Die Welt, auf der du lebst ist fast rund und voller Wasser und schwebt in einem Raum, der noch ein wenig nach Gott riecht. Das Wasser wird langsam immer mehr, weil wir es gern warm und nicht die richtigen Füße haben, einen Schritt oder zwei zurück zu machen. Dem Raum und dem Gott macht das scheinbar nichts aus.

Gott sitzt im Himmel und schaut in die andere Richtung.

Der Himmel. Das ist die blaue Fläche über dir, die manchmal auch grau ist wegen den weißen Wolken und wegen den dunkleren voller Bindfadenregen. Er ist die Decke, an die dein Kopf niemals stoßen wird. Aber er ist eigentlich nicht blau. Eigentlich hat er keine Farbe und man kann auch nichts mit dem Finger hinein schreiben. Die Wolken sind auch nicht weiß oder grau und sie haben nicht die Form eines Hasen und sehen auch nicht wie ein Drachen aus. Was du als Farbe wahrnimmst, ist in Wirklichkeit nur der Teil des Lichts, der nirgends dazu gepasst hat. Und was da schimmert sind allein deine Gedanken. Die sind allerdings unendlich.

Es gibt wesentlich mehr Menschen auf dieser Welt, als du bisher kennst. Nicht alle haben die gleiche Farbe und nicht alle haben das Herz an der richtigen Stelle. Aber ganz sicher mehr als man glaubt. Du erkennst sie daran, dass sie manchmal ohne Kopf herum laufen. Natürlich kenne ich nicht alle und werde wahrscheinlich auch nicht mehr alle kennen lernen. Aber ich schreibe dir Geschichten auf zu denen, die ich kennen gelernt habe. Oder dich ich mir selbst vorgestellt habe.

Diese Menschen, von denen ich gerade erzählt habe, machen manchmal Dinge, die man nicht erklären kann. Diese Dinge kannst du höchstens mit dem Herzen sehen oder dir gerade so vorstellen. Das nennen wir dann menschlich und erklären gern alles damit, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Außerdem kann man diese Dinge in gut und böse unterteilen, wenn man das will. Aber man muss es nicht. Man kann auch menschlich dazu sagen.

Die Menschen hassen sich gern gegenseitig. Mal mit ihren Körpern, mal mit scharfem oder schnellem Metall, mal kommt es ihnen nur über die Lippen. Das darf man nicht persönlich nehmen, weißt du. Wir denken dabei eigentlich nur an uns und was wir nicht machen können. Das können wir nämlich am besten. Eigentlich möchten wir nur geliebt werden, ohne wenn und aber. Das erkennt man auch daran, wie viele Liebeslieder es gibt und wie viele Menschen deren Texte singen können.

Die Liebe gibt es, weil mal jemand auf die Idee gekommen ist, es könnte sie geben. Seitdem träumen wir von ihr und hoffen, sie irgendwann aus uns heraus zu bekommen. Sie kann man schlecht beschreiben, weißt du. Vielleicht geht es so: Zu lieben heißt, dass man plötzlich alles versteht. Und dass der Rest so herrlich egal ist. Oder So: Die Liebe erkennst du daran, dass du eigentlich niemals weißt, wie sie wirklich aussieht, wo sie herkommt und wohin sie geht. Aber suche nicht nach ihr. Sie findet dich.

Dann gibt es da noch das Gegenteil von Liebe: den Hass. Ihn muss es geben, weil alles einen mächtigen Gegenspieler braucht. Und weil man doch sonst nicht merken würde, woran man gerade ist. Aber um ehrlich zu sein, kann ich noch heute manchmal die beiden nicht auseinander halten. Allgemein könnte man sagen: Es liegt alles so nah beieinander, dass es auf deinen Blickwinkel ankommt. Also Augen zu und durch den Wind.

Das Land in dem du geboren bist kennt fast die ganze Welt. Es heißt Deutschland, hat viel Geschichte geschrieben, hat eine Küste oben, kleine Berge unten und man kann sich seine Flagge leicht merken. Man kennt es für seine Dichter und Denker, aber auch für seine Richter und Henker. Viele Menschen die hier leben, mögen ihr Land nicht und wollen einfach nicht stolz darauf sein, hier zufällig geboren zu sein. Viele Menschen die hierher kommen, mögen immer noch das Land aus dem sie gekommen sind lieber und sind stolz darauf, da weggegangen zu sein. Es ist gut hier zu leben, weil man vor so wenigen Sachen Angst haben muss, wenn man ein wenig Mut übrig hat. Es wäre schön woanders zu leben, wenn dort eine längere Küste ist und die Nächte das ganze Jahr über warm.

Noch etwas ganz wichtiges. Du bist ein Mädchen. Das heißt du meinst es fast immer anders, als du es sagst. Das zu sagen ist wiederum nicht böse gemeint von mir. Verstehst du? Ich bin nämlich ein Junge und uns fehlt die Gabe, aus Gedanken zu lesen. Aber mach dir keine Sorgen. Du findest sicher eines Tages mal einen so schön, dass es dir egal ist, dass ihr so verschieden seid. Und tut es uns, die wir vor euch vergebens gesucht haben, gleich.

Außerdem gibt es noch. Autos, Metall auf Rädern, das sich hervorragend dazu eignet, im Sommer auf Parkplätzen an der Küste darin enge Nächte zu verbringen. Leider will die ganze Welt Auto fahren, was die Luft zu dick für unsere Lungen macht. Musik, ist Hören nach Gefühl. Es gibt beinahe so viele verschiedene Melodien wie Sterne. Bedenke das, wenn du dich mal fragst, warum das einem so wichtig ist. Blumen, bunt geblätterter Menschentrieb. Du wirst sie lieben, glaub mir. Auch wenn sie nur neben einer Tankstelle gewachsen sind. Macht, gefühlte Ohnmacht für die meisten, geliebte Kraft von wenigen. Sie steht dir dann im Weg, wenn dich einer als Gefahr für sein Glück sieht. Spätshops, Treibhaus für Großstadtnächte. Hier triffst du die, die nicht schlafen wollen oder können. Du kaufst sinnfreie und nutzlose Gaumenfreuden. Dann stößt du mit ihnen auf dem Bordstein an und ihr vergeht in die Nacht. Krieg, ist wenn Menschen sich ungerecht behandeln, die sich ungerecht behandelt fühlen. Ich kenne den Krieg nur aus den Büchern. Es kann aber sein, dass du ihn führen musst. Und wenn es nur gegen dich selbst ist. Geld, ist bleiernes Glück aus Metall oder Papier. Es wurde einmal erfunden, damit uns Recht geschieht. Heute bekommen wir von der Gerechtigkeit nicht genug und uns geschieht dafür zurecht viel Unrecht.

Von einer wichtigen Sache will ich dir noch etwas ausführlicher erzählen. Es geht um etwas, dass dir eines Tages das Leben retten wird. Es ist die Fähigkeit, sich an der Zukunft zu orientieren, anstatt sich von ihr schwindlig spielen zu lassen. Es ist die Gabe, in der Abenddämmerung einen Aufgang zu erkennen. Es ist die Kraft, sich selbst am eigenen Kragen aus den Kleidern zu ziehen. Es ist die Möglichkeit, in der Dunkelheit noch das kleinste Augenzwinkern zu sehen. Wenn dir dein Leben irgendwann so vorkommt, als wäre es nicht dein eigenes, dann hate dich daran. Es heißt Hoffnung und wird als einziges für immer bei dir bleiben.

Und zum Schluss. Reden wir über das vorläufige Ende. Es gibt eine Regel hier, die jeder befolgen muss. Egal ob er nicht will oder es viel zu früh muss. Es verbindet uns alle mit einem unsichtbaren Band, das um unseren Hals gelegt ist. Wir sind gekommen, von wo auch immer. Wir werden gehen, wohin der Weg uns führt. Den ersten Auftritt nennt man Geburt, den letzten Akt das Sterben. Je nach Charakter kann beides ein ganzes Leben lang dauern. Und wisse noch: Nichts von alldem, was du hier bekommst, kannst du mitnehmen, wenn du gehst. Kein Gold, kein Haus, keine Liebe. Vielleicht nimmst du meinen Rat an und nur die schönsten Augenblicke mit ins Grab. Ein Grab ist übrigens das letzte Bett, in dem du träumen wirst. Sieh zu, dass du bequem darin liegst. Soweit ich weiß kommt keiner die Kissen aufschütteln.

Liebe Emma. Du weißt nun alles und nichts. Und sicherlich war ich dir keine große Hilfe. Sicherlich denkst du jetzt, dass du sowieso alles selbst kennen lernen und erfahren musst. Wenn dem so ist, hab ich mein Ziel erreicht. Und wenn du mir blind vertraust ebenso. Ich hoffe ich hab dir ein wenig Lust gemacht auf das, was noch wartet. Und falls nicht. Hast du ja vielleicht Lust darauf, alles anders zu machen. Oder vielleicht sogar besser.

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37 Antworten

Kommentare

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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    ♥ So würde ich die Welt, manchmal, auch beschreiben.
    Schön & gut gemacht. Wie man bei diesem Text nur loben kann, lobe ich. :)

    Grüße. ♥

    17.05.2011, 19:38 von Voddi
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  • 0

    super schöner Text!
    Deine Tochter kann sich sicher glücklich schätzen, ein solches Papa-Exemplar zu haben.

    09.09.2010, 15:05 von justagirl
    • 0

      @justagirl das hoffe ich.

      09.09.2010, 15:26 von hib
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  • 0

    ein leseerlebnis der ganz besonderen sorte (:

    29.11.2009, 23:15 von bratpfanne
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    gefällt...

    04.06.2009, 16:24 von k_to_the_p
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    ich finde den text wirklich sehr schön. und um ehrlich zu sein teilweise auch für mich selbst hilfreich. ich hätte gerne so einen 'brief' von meinem vater bekommen. :)

    10.03.2009, 18:01 von lyzdeflourite
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  • 0

    Oh. Ein paar Worte nur, der Text ist ein kleines, wunderbares Werk, über das sich deine Tochter sehr freuen kann. So sehr, dass ihr Herz zerspringt, wie meines, wenn ich so etwas Schönes lese.

    Danke

    13.12.2008, 17:09 von kleinepiratin
    • 0

      @kleinepiratin Was für ein wunderschöner Text. Das Leben ist eben nur das Leben.

      ,,Je nach Charakter kann beides ein Leben dauern." uiuiui.

      Und Emma ist übrigens ein ganz toller kleiner Mädchenname.

      06.01.2009, 22:22 von Madame_Frosch
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  • 0

    unheimlich schön. und kein stück kitschig, so sehr man das auch vermuten will.

    12.11.2008, 01:08 von ciao.bella
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  • 0

    Sehr, sehr schön und ich musste über die Parallelen unserer Texte schmunzeln. Hoffen wir mal, dass sich unser Kinder die Welt in ihren Farben ausmalen dürfen :)

    14.10.2008, 14:57 von DerMannImMond
    • 0

      @DerMannImMond Na ja, erst muss er mal reden lernen, damit er auch fragen kann - oder meinst Du deine kleine vertseht "mzzzrnnii pfffrt" ? ;-)

      14.10.2008, 15:48 von DerMannImMond
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  • 0

    sehr schön,
    erinnert mich (vom stil und der art) ein bisschen an joostein garder- das orangenmädchen.
    kennst du das?
    die passage finde ich besonders gut gelungen:
    Es wurde einmal erfunden, damit uns Recht geschieht. Heute bekommen wir von der Gerechtigkeit nicht genug und uns geschieht dafür zurecht viel Unrecht.

    viele grüße

    10.07.2008, 21:56 von hanna123
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