Orang 30.11.-0001, 00:00 Uhr 78 88

Lonely Planet hat mein Leben zerstört

Das nächste Mal fährst du länger weg. Du willst nicht mehr nur Urlaub machen. Du willst reisen.

Es fängt harmlos an. Mit einem Monat Urlaub in Thailand und einem Reiseführer von Lonely Planet. Kein Pauschalurlaub mehr. Das erste Mal auf eigene Faust ein Land erleben. Alleine, ohne vorher ein Hotel gebucht zu haben. Thailand macht es dir leicht. Thailand ist die Einstiegsdroge. Es ist schön, exotisch und unglaublich billig. Das Essen ist exzellent, die Menschen sind freundlich bis zum Erbrechen und die Landschaft atemberaubend schön. Thailand verfügt über eine geniale Backpacker-Infrarstruktur: komfortabel, sicher und trotzdem bleibt Raum für Abenteuer. Und wenn es nur die erste Extasy-Pille auf der Full-Moon-Party in Haad Rin ist.
Das nächste Mal fährst du länger weg. Du willst nicht mehr nur Urlaub machen. Du willst reisen. Zwei oder drei Monate in den Semesterferien. Vielleicht in die Nachbarländer Kambodscha, Laos und Myanmar oder nach Mittelamerika. Vom Essen bekommst du öfter Durchfall und der Transport ist härter, die Hotels dreckiger. Dafür triffst du in Klapperbussen auch nicht mehr eine Krankenschwester aus Hildesheim, sondern einen Typ aus Kanada, der seit einem Jahr durch Südostasien tourt oder einen Esoterik-Freak aus Israel, der die ganze Zeit von Indien erzählt, wo er zwei Monate in einem Ashram Yoga gelernt hat. Du siehst Orte, deren Magie dich in ihren Bann zieht: Angor Wat, Machu Picchu, den Lago Atitlan, die Maya-Pyramiden von Tulum oder die Tempel von Pagan.

Alles was daheim schwer ist, wird unterwegs leicht. Leute kennen lernen zum Beispiel. Du siehst jemand alleine mit einem Lonely Planet in der Hand und sprichst ihn an. Er freut sich. Er hält dich weder für schwul noch für irgendeinen Freak, der keine Freunde hat. Du tourst mit ihm die nächsten zwei Wochen durch ein Land, teilst mit ihm das Hotelzimmer, obwohl du zuhause schon einen Koller bekommst, wenn du länger als drei Stunden mit derselben Person in einem Raum bist. Dann tauscht ihr Email-Adressen aus. Vielleicht schreibst du ihm noch ein- oder zweimal, vielleicht auch nicht. Du hast ohnehin schon so viele Email-Adressen von irgendwelchen Menschen aus irgendwelchen Ländern, dass du längst den Überblick verloren hast.
Du triffst jeden Tag Menschen, deren Lebensentwürfe so komplett verschieden sind von allem, was du kennst. Typen, die ihr Geld mit drei Stunden Englisch-Unterrichten in Phnom Penh verdienen und den Rest des Tages Gras rauchen. Barbesitzer aus Frankreich, die die eine Hälfte des Jahres arbeiten und die andere durch die Welt reisen. Menschen, die nicht mehr zurückwollen, deren Lebensinhalt die Flucht geworden ist. Sie alle sehen so glücklich aus. Deine Wertevorstellungen geraten ins Wanken. Alles was du brauchst, um glücklich zu sein, ist ein Lonely Planet und eine Visa-Karte. Wozu tausende von Euro verdienen, wenn man mit zehn Euro am Tag leben kann wie ein kleiner König? Du hast eine der besten Zeiten deines Lebens. Du bist angefixt.

Nach drei Monaten kommst du zurück und stellst zu deinem Erstaunen fest, dass sich hier nichts verändert hat. Die Dinge, über die deine Freunde sprechen, sind dieselben wie vor drei Monaten. Aber sie erscheinen dir nichtig: Irgendjemand hat ein Praktikum bei irgendeinem Unternehmen, jemand einen besonders guten Fick am Wochenende oder ein Beziehungsproblem mit seiner Freundin. Das kann es nicht sein. Du hast in drei Monaten soviel erlebt wie sonst in drei Jahren. Du willst mehr vom Leben.
Es lässt dich nicht mehr los. Du gehst nur noch selten in die Uni. Das Studium zieht sich ewig hin, ist trocken, langweilig. Du willst leben, nicht funktionieren. Du willst nach Indien, Nepal oder Kolumbien. Du willst reisen für ein Jahr oder sogar zwei. Noch einmal arbeitest du, sparst Geld, um noch länger wegzufahren. Du machst es. Du brichst alle Zelte ab, verkaufst deine Möbel, exmatrikulierst dich und fährst los: ein Jahr Weltreise.

Irgendwann ist es egal, in welchem Land du gerade bist. Wichtig ist nur, dass dein Kopf frei ist, du nicht mehr an daheim denkst und wenn doch, dann nur mit einem Kopfschütteln. Dir wird immer klarer, dass bei uns daheim etwas schief läuft. Aus der Ferne siehst du Deutschland anders: es ist ein kaltes Land mit gestressten Menschen, die einen Tanz ums goldene Kalb aufführen. Die Angst regiert. Angst, seinen Job zu verlieren, Angst, keinen Job zu bekommen, Angst, alleine zu sein, Angst, zu wenig zu tun. Du bist in Ländern, in denen Menschen bettelarm sind und noch nie einen Computer gesehen haben. Sie alle sehen glücklicher aus als die Geschäftsmänner, Politiker und Praktikumsfetischisten. Du weißt: das ist naiv. Aber plötzlich verstehst du nicht mehr, was an Naivität falsch sein soll. Du erlebst Momente absoluten Glücks. Momente, in denen nichts anderes zählt als die Gegenwart. Momente, die erfüllt sind von der Schönheit der Natur und die der Menschen dieses Planeten. Sie sind das Realste, das du je in deinem Leben verspürt hast. Sie sind stärker als Argumente. Du beginnst, die Esoteriker zu verstehen, willst auch Yoga lernen oder meditieren.

Wenn du nach einem Jahr wieder zurückkommst, hast du das Verständnis für dein Land komplett verloren. Für die komplizierten, langwierigen politischen Prozesse, die Lügen der Staatsmänner, die Arroganz der Reichen, für die Notwendigkeiten von Studiengebühren, für Hartz IV und für das schlechte Wetter.
Und irgendwann ist es zu spät. Deine Frustrationsschwelle ist auf knapp über Null gesunken. Eine kleine persönliche Niederlage im Job oder an der Uni, eine Abfuhr von einer Frau, die dir gefällt, lässt dich wieder an die Droge denken. Drei Monate kellnern genügen und Du bist wieder in Thailand, Indien oder Guatemala und sie können dich alle mal kreuzweise. Du bekommst keinen Fuß mehr auf den Boden. Immer wieder fährst du weg. Deine Freunde haben längst alle einen Job und leben in festen Beziehungen. Du wirst einsam. Du beginnst zu hassen. Aber nicht mehr, weil du ein besseres Leben kennst, sondern nur noch, weil sie etwas haben, das du nicht hast. Alles was du besitzt, sind Erinnerungen und die Stempel in deinem Pass. Sie sind deine Orden. Du wirst unglücklich. Lonely Planet hat dein Leben zerstört.

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    Der Artikel spiegelt sicherlich die Probleme und Emotionen, die
    man nach einiger Zeit im Ausland bei der Rueckkehr erfaehrt, gut wider. Es ist bestimmt
    nicht einfach sich wieder einzufinden bzw. sich auch mit der Entscheidung zu
    befassen, ob man ein "geregeltes" Leben z.B. in Deutschland fuehrt,
    oder aber doch davon abkommt und ganz etwas anderes macht. Oftmals tut man sich
    gerade in der Anfangsphase in der “alten Heimat” schwer, denn obwohl man sich
    selbst durch die vielen Eindruecke oftmals stark veraendert hat, ist das Leben
    hier gleich geblieben. Je aelter man wird, desto mehr aendern sich aber auch
    die Lebensumstaende der Zurueckgebliebenen. Die einen haben schon Familie, die
    anderen gehen ganz in ihrem Job auf (oder auch nicht, aber arbeiten trotzdem 60
    Std die Woche). Man selbst kommt oftmals zurueck ohne Arbeit, ohne Beziehung
    und ohne Kinder und muss des oefteren erstmals bei Freunden oder den Eltern
    unterkommen. All das ist richtig und sicherlich auch fuer die meisten nicht
    einfach.



    Trotz all dem stimme ich dem Artikel nicht zu. Ich wuerde
    niemals auf meine Erlebnisse im Ausland verzichten wollen, denn sie haben mich zum dem Mensch
    gemacht, der ich mittlerweile bin und mit dem ich voll und ganz zufrieden bin.



    Ja, man trifft die ganzen Esoteriker und Dauerbackpacker auf
    Reisen, aber muss man denn unbedingt davon ausgehen, dass diese Menschen nicht
    gluecklich sind. Kann denn wirklich jeder nur gluecklich sein, der ein Haus,
    eine Familie und einen “
    sicheren” Job hat. Ich
    habe Menschen in jeder Lebenslagen, in jedem Alter beim Reisen getroffen und auch
    wenn diese sicherlich auch ihre Aufs- und Abs haben, scheinen sie dennoch nicht
    mehr oder weniger gluecklich, als all die die hier in Deutschland einem “normalen”
    Leben nachgehen
    à denn hier sind sicherlich auch nicht alle wirklich gluecklich mit ihrem
    Leben.



    Jeder Mensch muss seinen eigenen
    Lebensweg finden. Fuer den einen passt der Traveller Lebensweg und ist genau
    das was ihn gluecklich macht, dem anderen passt es nicht. Das jede Aktion im
    Leben Konsequenzen hat, sollten wir eigentlich auch alle wissen. Und man kann
    nunmal nicht alles haben und das ist auch ok so.



    Daher: Sei dir bewusst ueber deine
    Aktionen (ob du reist oder im Buero sitzt) denn nichts bleibt so wie es ist und
    die Zeit vergeht.



    Wenn man seinem Herzen folgt und nicht
    immer im Konditional denkt, hat man oftmals schon einen Schritt Richtung
    Gluecklichsein gemacht. Denn es ist immer einfach zu sagen, Wenn ich haette,
    dann waere… denn wer weiss das schon. 

    19.09.2013, 16:38 von Solly05
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    Ein wunderhübscher Text, inhaltlich sehr traurig, wo doch so viele meiner Freunde diesen Weg wählen.  

    Wer kopiert hier eigentlich von wem? 

    27.06.2012, 15:58 von OliverS
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    Ja und Nein zugleich. Fernweh dank Lonely Planet- Auf jeden Fall.
    Jedoch habe ich nach 9 Monaten Alltag in Ostafrika, mein Leben in Deutschland ganz anders schätzen gelernt. Die Art ins Leben hinein zu leben, finde ich afrikanisch viel attraktiver und irgendwie lebendiger. Man lebt im Jetzt. Ich plante nicht mehr als die Woche und mein Kalender nutze ich um mal das Datum nachzulesen. Der Bus fährt, wenn er fährt. Im Regen geht man nicht. Man wartet bis er aufhört, bis dahin steht das Leben still. Essen ist überall zu kaufen am Wegesrand und überall Kinder. Ja es war toll!
    ABER da ist noch mehr.
    Leider erlebte ich auch viel negatives im Alltag und bei meiner Arbeit, so dass ich tiefe Dankbarkeit für mein Leben in Deutschland empfinde. Es geht nicht um Geld und Wohlstand. Ich vermisste Moral, Demokratie, Vertrauen, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, einen Polizisten oder Arzt der nicht bestechlich ist, bzw. den man nicht bestechen muss um Hilfe zu bekommen.
    Nun bin ich dankbar wieder in Deutschland zu sein und Lonely Planet hat mich trotzdem fest Griff.
    Ich werde mich auch wieder treiben lassen, denn ich habe gerade erst einen minimalen Eindruck erlangen können.

    03.02.2011, 21:07 von anmor
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    wahnsinn!

    20.08.2010, 01:46 von Aerosmiths-Fan
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    Spricht mir so richtig aus dem Herzen!
    Ich bin jetzt gerade für ein Jahr Schulaustausch in Peru. Ich lebe in einer Stadt namens Chiclayo (600.000 Einwohner). Es ist einfach ein komplett anderes Leben und ich habe so extrem viel erlebt, dass ich es nie beschreiben werden kann.
    In 1 Monat werde ich wieder nach Hause nach Österreich in ein kleines Dorf mit 400 Einwohnern. Natúrlich freue ich mich auch schon wieder, aber 1 rangig bin ich nervös.
    Ich habe hier das Leben ohne Regeln kennen gelernt und es gefällt mir viel zu gut.
    Einmal mit dem Reisen begonnen, für immer abhängig sein!

    10.06.2010, 20:43 von SonnenTaenzer
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    ey dieser text is einfach sooooo geil ich hab schon ne weile drüber nachgedacht und das hat mir den letzten schuss gegeben du hast mich angefixt ;))

    26.04.2010, 18:54 von mOsquiiii
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    Ich mag deinen Text sehr, auch wenn ich nur bedingt zustimme!
    Ich hatte das Glück, ein ganzes Jahr in Costa Rica zu leben und damit meine ich nicht reisen, sondern wirklich leben: einkaufen gehen, kochen, arbeiten, tanzen, lachen, weinen..
    Und manchmal nervt es. Manchmal nervt Costa Rica und manchmal nervt Österreich. Und das ist normal so und gut so!
    Ich habe die Reisen zwischendurch (Guatemala, Nicaragua und Panama und natürlich innerhalb Costa Ricas) sehr genossen und bin trotzdem immer gerne nach Hause gekommen nach Costa Rica und nach Hause nach Österreich.
    Und der Alltag holt einen natürlich ein und die Sehnsucht kommt (jeweils die Sehnsucht nach dem, was man gerade nicht hat - Schnee und Berge oder Regenwald und weiße Strände) aber wenn man das Alltagsleben nicht hätte, könnte man das Reisen und diese Auszeit niemals so schätzen.

    19.04.2010, 15:09 von Verlchen
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    sehr sehr zynisch. hab hier einige von der sorte mensch getroffen, die die flucht vor sich selber mit rucksacktragen und tueten drehen verwechseln.
    bin seit 5 monaten in mittelamerika, auf die "bibel/LP" kann ich gut und gerne verzichten, aufs E auch, und ich freu mich aufs heimkommen und geniess die letzten 5 wochen.
    gruesse aus san jose

    16.03.2010, 04:44 von dieSonni
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    Du sprichst mir aus der Seele.... ;) Vielen Dank und viele Grüße aus Petersburg --> meine aktuelle Fluchtstation ;)

    12.05.2009, 14:48 von miss_alles_im_griff
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    sehr schoener artikel !!
    wenn man einmal angefangen hat die grosse weite welt zuerkunden laesst ein das fernweh nicht wieder los.....

    06.05.2009, 09:10 von Tik_tak
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