Laylalila 05.06.2007, 16:21 Uhr 130 186

Lili und der Mann mit den roten Haaren

Wie meine Freundin Lili mit ihrer Beziehung abschloss, als sie noch gar nicht vorbei war

Als Lili nach zwei Monaten wieder nach London zurückkam und die Wohnungstür aufschloss, hatte sie einen hochroten Kopf und hielt in einer Hand deutsches Schwarzbrot, in der anderen einen großen, roten Lederkoffer. „Heißt das, du bleibst?“, fragte ich und stürmte durch den engen Flur auf sie zu. „Surely, surely“, sagte Lili und lachte.

Wir hatten uns seit fast einem Jahr dieses kleine Zimmer im Norden von London geteilt, wo sich Hochbett, Schrank, Tisch, Kommode und Küche aneinander drängten. Die Wohnung roch nach Sojabrot von Sainsbury’s und den Träumen, die man hat, wenn eine Stadt noch fremd ist.
Lili hatte vor zwei Monaten ihren Job als Nanny von zwei Kindern verloren, weil der irische Vater der Kinder sich von deren deutschen Mutter getrennt hatte, da er eine Affäre mit seiner Assistentin hatte, die erheblich jünger war als er. Die Mutter zog daraufhin nach Nordfrankreich, weil ihre Schwester dort lebte und Lili buchte ein Ticket in ihre Heimatstadt in Bayern. Dort traf sie nach sechs Wochen Sehnsucht und achtzehn Spätschichten in einer Bar auf jemanden, der jemanden in London kannte, der einen Vintage-Laden in Camden hatte. Und da war sie wieder. Mit fettigem Haar, müden Augen und einem Mund voller Geschichten.

Sie hatte einen Mann kennen gelernt und sie fühlte, sie würde ihn heiraten. Er hatte rote Haare, trug Birkenstock und backte sein eigenes Brot. Er sagte, sie sei schön und sie sagte, er sei faszinierend. Dann machten sie das Licht aus und schliefen miteinander. Immer und immer wieder. Und auch das fand Lili faszinierend, sagte sie, während ich Ofenkartoffeln mit Cheddar machte und mich über ihre Stimme freute.
Sie war mein umgekehrtes Spiegelbild. Sie hatte lange blonde Haare, blaue Augen, große Brüste. Sie trat nach einem Regen immer in die Pfütze, auf einem leeren Gehweg rannte sie in den Menschen, der auf sie zukam und wenn ich die Schere zeigte, zeigte sie das Papier. Sie war die erste Frau, die ich geküsst hatte und die erste, die mich tröstete, ohne zu sprechen.

Ich hatte sie so vermisst. Ich war mit leerem Bauch und vollem Kopf durch die Straßen dieser Stadt gezogen, hatte am Soho Square Zigaretten gedreht und sie mit einer Dose Cola light dem Penner an der Tubestation in Angel geschenkt.
„Er hat gesagt, er kommt mich bald besuchen. Nach seiner Radtour durch Deutschland. Und vielleicht will er auch herziehen.“ Die Radtour durch Deutschland irritierte mich, weil erst März war, doch ich sagte nichts und gab Lili mein Telefon, damit sie ihn anrufen konnte. Ich bemerkte erst später den schmalen Ring an ihrem Finger und begriff, dass es ernst war.

Sie packte ihren Koffer aus und schob ihn unter das Bett. Sie verteilte ihre Schuhe auf dem Fußboden und mit jedem Paar fiel mehr Leichtigkeit in die Wohnung. Lili klebte ein Foto von dem Mann mit den roten Haaren über ihr Kopfkissen an die Wand und küsste ihn morgens und abends, manchmal auch zwischendurch, auf den Mund.
So lebten wir ein paar Wochen, genossen das Englisch und das Sojabrot mit Humus, saßen im Bus zur Arbeit oben ganz vorne und wenn Stau war, sprangen auf der Oxford Street hinten aus ihm raus. Bis ich eines Tages nach Hause kam und schon beim Türöffnen ihre Tränen hörte.

Lili lag auf dem Boden, ganz klein. Ihre Haare standen ab und ihr Lidstrich war gezogen bis zum Kinn. „Was ist denn los? Was ist passiert?“ Sie konnte nicht sprechen. Sie reichte mir ihr Handy. Da stand: „Liebe Lili! Ich habe mich verliebt. In Hamburg. Bitte sei nicht böse, denn ich bleibe erst einmal hier.“
„Was soll denn das heißen?“

Der Mann mit den roten Haaren hatte sich verliebt. Auf seinem Fahrrad war er aus Lilis Leben gefahren, ohne dass sie es verhindern konnte. Sie löschte seine Nummer und sie verbrannte sein Foto in dem Aschenbecher, den wir nie benutzen. Ich kochte wieder Ofenkartoffeln mit Cheddar und machte ihren Lieblingssalat. Geriebene Möhre, geriebener Apfel mit Balsamico und braunem Zucker. Sie aß nicht viel. Nicht an dem Abend und auch nicht danach. Wir schliefen in einem Bett, weil sie sich einsam fühlte ohne das Foto von dem Mann mit den roten Haaren über ihrem Kopfkissen.

Sie verkaufte den schmalen Ring irgendwo in der Nähe der Liverpool Street. Sie arbeitete mehr und gab ihr Geld bei Topshop aus. Sie schenkte mir viele kleine Dinge, weil sie Angst hatte, ich würde gehen, weil ich sagte, ich müsse weiterkommen in meinem Leben und ich wisse nicht, ob das hier ginge.
Sie kaufte mir alte Sportschuhe für ein paar Pfund, weil sie die gleichen hatte. Sie schminkte meine Augen dunkel und wir zogen nachts durch die Straßen Sohos.
Wenn wir einen Mann mit nach Hause nahmen, schlief ich oft in der Badewanne und wachte morgens neben einem pinkelnden Penis auf.

Lili vergaß den Mann mit den roten Haaren langsam. Sie sprach nicht mehr von ihm und wurde immer schöner, während er verblasste.

Dann saß sie neben mir in einem Internetcafe und wurde weiß. Sie starrte auf seinen Namen in ihrem Posteingang und ich tat es auch. „Ich kann es nicht lesen. Ich will nichts wissen über die Frau aus Hamburg.“ Die Tränen stiegen in ihre Augen und ihre Zähne bissen sich auf ihrer Unterlippe fest bis sie ganz rot war.
Ich las die email für sie. Sie konnte es nicht. Sie drehte sich um und hörte den Klicks zu, die ich machte. Ich las. „Liebe Lili! Warum meldest du dich nicht bei mir? Warum ist dein Handy immer abgeschaltet? Geht es dir gut?“, stand da. Er erzählte, dass er von Hamburg nach Berlin gefahren sei, aber dass er nicht verstehe, was alle an Berlin so toll fänden.

Das las ich laut vor. „Hamburg ist viel geiler. Ich liebe sie, diese Stadt. Ich habe mich so verliebt in Hamburg.“
Bei diesem Satz fuhr sie herum. Er habe einen Flug nach London gebucht, in zwei Tagen sei er da und er freue sich so, sie wieder zu sehen. Er liebe sie sehr und er hoffe, sie sei wohlauf.
„Ich habe mich verliebt. In Hamburg.“ Lilis Lippen klebten aneinander, als sie das sagte.
„O Gott.“ Er meinte die Stadt. Nicht eine andere Frau.
Jetzt würde er kommen. Und für Lili war er nicht mehr da.

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130 Antworten

Kommentare

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    Haha.... Scheiße....! :D Konnte mir das Lachen nicht verkneifen... :D

    26.05.2013, 21:17 von renaissance_girl
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    Wundervoll... aber der Erzähler tut mir irgendwie Leid

    04.09.2011, 21:20 von VonGruenwald
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    gut geschrieben!! Hat sie ihn wieder getroffen?

    10.08.2011, 18:44 von batelata
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    Schön. Vielleicht hab ich schwarze Humor, aber das Ende hat mich zum lachen gebracht!

    11.06.2011, 22:40 von Inselregen
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    sehr süß:)

    03.02.2011, 18:57 von lischen.mueller
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    heisst es nicht "er buk sein eigenes Brot" oder so in der Art? ;-)

    In Hamburg kann man sich ja auch nur verlieben...ich bin auch in Hambug verliebt, ganz besonders doll in den Blick auf die Binnenalster, wenn es dämmert, von der Eisenbahnbrücke aus auf die erleuchteten Häuserzeilen am Jungfernstieg *schmacht*

    15.11.2010, 22:03 von topfbluemchen
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    gut ich fande das ende jezt nicht sooo überraschend. Aber gut. :) die ganze geschichte war gut. :)

    24.10.2010, 12:57 von miss_anders.
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    erste Sahne! So viele lebhafte Bilder in meinem Kopf!

    29.09.2010, 20:02 von Pua
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    Grundgütiger!

    26.07.2009, 11:20 von darwin
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    Das ist so ein wuuuuundertoller Text. Ich bin total begeistert gerade :O

    03.07.2009, 21:50 von glam_scandalous
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