Zio 04.10.2008, 22:05 Uhr 157 196

Leidenschaft will geplant sein!

In siebeneinhalb Stunden seh ich dich wieder. Nach einer Woche nicht jugendfreier Tagträume. Dann gestehe ich.

Ich werde dir sagen, dass es toll ist, dass wir uns nach so vielen Jahren wiedergesehen haben und jetzt so eine schöne Freundschaft daraus entstanden ist, womit keiner von uns beiden gerechnet hätte (einvernehmliches Nicken und Lachen). Dann werde ich einen Schluck von meinem Bier nehmen, vielleicht auch drei, und dir sagen, dass du mir in der letzten Woche sehr gefehlt hast und ich deine Abwesenheit in der Stadt körperlich gespürt habe? und dass ich sehr oft an dich denken musste. Daraufhin baue ich eine bedeutungsschwangere künstlerische Pause ein und versuche wie ein Vamp zu gucken, gemischt mit mädchenhafter Unsicherheit. Wenn mir das gelingt und ich nicht anfange, nervös herumzublinzeln wie Hugh Grant immer, ist das die halbe Miete. Und dann?

BEST CASE:
Du siehst mich direkt und tief an, Zärtlichkeit und Begehren flackern in deinen Augen auf, du stellst dein Glas ab, nimmst mein Gesicht in beide Hände und statt etwas zu sagen, züngelst du einfach wild auf mich ein. Ich bin im Himmel. Wir gehen zu mir!

WORST CASE:
Du siehst mich an und deine Überraschung wäre nicht größer, wenn du morgen früh aufwachen würdest und dein Kopf wäre am Teppich festgenäht. Du stellst dein Glas ab, sagst "Scheisse" und fängst an, Entschuldigungen zu stammeln, dass du meine Gefühle nicht auf DIESE Art erwidern kannst.

--- Aber die zweite Option blende ich einfach aus. Hast du nicht schließlich von Ischia aus angerufen? Von deinem Urlaub aus?? Das bedeutet doch etwas. Ich muss dir gefehlt haben, auch wenn du über die neueste Stalking-Nachricht deiner Ex mit mir debattieren wolltest - und das keinen Aufschub duldete. Du wolltest es immerhin mit MIR debattieren. Und ich WILL in dich verliebt sein. Ich will, dass alles passt. Endlich mal, gottverdammt.

Also ran an die Vorbereitungen, denn wenn ich mich heute nach monatelanger Abstinenz wieder vor einem Mann ausziehe und alle Hemmungen fallen lasse, will ich, dass alles stimmt. Und du wirst auf allen Vieren hier herauskriechen - morgen früh.

Als erstes kommt der Dessous-Check. Ich stelle fest, dass ich über die letzten, sexuell komplett inaktiven Monate, ein respektables Repertoire an bequemen Baumwolltangas angesammelt habe, wie es sie bei H&M im Dreierpack gibt. Nicht gut. Ich wühle weiter und finde ein Set, das man "reizvoll" titulieren könnte: Klassiker, schwarz, Spitze. Obwohl ich Frauen in weißen Rippenunterhemden und Baumwollpanties am erotischsten finde, verlasse ich mich lieber auf das, was laut Umfragen bei Männern am meisten zieht. Ich wasche das Set lieber noch mal, keine Ahnung, wie lange es schon in der Schublade herumgammelt. Viel Zeit ist nicht, das Ding wird über der Heizung trocknen und notfalls zu Ende geföhnt.

Damit mein Arsch straffer, der Bauch flacher und meine Schultern definierter aussehen (in nunmehr sechs Stunden), rackere ich mich zu David Kirsch?s "Sound mind, sound body"-DVD eine Dreiviertelstunde lang halb ohnmächtig. Mein Schweiß tropft bei den Liegestützen aufs Laminat, ich finde Gefallen daran. Schönheitssaft. "Verbinden Sie Ihren Geist mit Ihrem Körper. Meine geistige Kraft wandert jetzt in den Bizeps. Dort wird sie eine Weile bleiben. Nicht nachlassen! Work off that lunch!" ermutigt mich David. Ich beschimpfe ihn als Arschloch, weil ich nicht mehr kann.

Jetzt die Badewannen-Orgie. Eine neue Klinge auf den Ladyshaver aufgesetzt, es gibt viel zu tun! Großflächiges Rasenmähen erfordert viel Zeit und Ausdauer. Ich schaffe es, mich nicht am Knie oder am Knöchel zu schneiden und bin stolz wie Bolle. Energisch streife ich die Massagehandschuhe über und beginne, mich keuchend von unten nach oben glattzurubbeln, schließlich will ich mich anfühlen wie Seide, nachher, wenns ans Eingemachte geht! Mit sündhaft teurer Sheabutter-Körpermilch aus dem Body Shop creme ich mich komplett ein und meine Arme fallen mir vor Erschöpfung fast ab. Und was macht ein Typ??? Rasiert sich das Gesicht und fertig. Woohoo, was ein Aufwand. Manchmal wünschte ich, meine Chromosomenkombination wäre eine andere geworden, dann hätte ich jetzt keinen Muskelkater in den Armen und würde mich auch nicht mit einem lächerlich großen Arsenal an Kosmetika in den Dispo stürzen.

Während ich so dastehe und verdunste, fange ich an, die Begrüßung im Spiegel zu üben. Lächeln, nicht zu doll, sonst seh ich irre statt sexy aus.

"Hallo?" (gehaucht) - furchtbar 0190-mäßig, das geht einfach nicht.
"Hey!" (kurz, knackig, bei einer Silbe hört man das Zittern in der Stimme vielleicht am wenigsten) - kein Mensch sagt hey, nur die bei GZSZ, das geht auch nicht.
"Naaa?" (warm, raunend) - vielleicht.

Oh Gott, mein Gesicht ist so breit wie ein Tennisplatz. Verdammte Ostblock-Gesichter, sind immer so ausladend wie bei Anna Kournikova. Tennisplatzface, passt doch. War das heute morgen schon so oder bin ich paranoid??

Ich wuchte mich in einen Bademantel und prüfe nochmals den Inhalt meines Kühlschranks, den ich gestern schon mit Alkoholvorräten bestückt habe - alles, was das Herz begehrt, ist da. Überall in der Wohnung habe ich dezente Duftquellen aufgestellt, weil es immer ein wenig mufft, wenn man in die Wohnung kommt, warum weiß ich auch nicht so genau. Jetzt riecht alles penetrant nach synthetischer Vanille.

Die akribische Planung eines leidenschaftlichen Abends schließt natürlich die Musikauswahl mit ein. Ich streue hier und da unauffällig Sade in meine Playlist, weil Sade immer was reißt. Der Rest soll auch nicht zu aufdringlich erscheinen, ich verstecke Barry White zwischen diversen Lounge-Tracks.

Ich ziehe alle Register und zerre frisch gewaschene Bettwäsche aus meinem Schrank, um sie zu bügeln - mit Calvin Kleins "Eternity" im Bügelwasser. Zu dumm, dass der Duft sich sofort durch die Hitze verflüchtigt, dabei war die Grundidee so grandios! Ich kleckere den Rest des Pröbchens wie Weihwasser auf die Kissenbezüge und beziehe mit einem selbstzufriedenen Grinsen dass Bett frisch. Die Spielwiese. Mein Magen flirrt. Hab ich schon alles verlernt? Ich hoffe, Sex ist wie Fahrradfahren. Das hat man davon, wenn man sich für einen Mann aufhebt, den man WIRKLICH gut findet, statt einfach in Übung zu bleiben. Scheisse!

Kurz, nachdem ich aus dem Solarium raus bin, sagt mir die Uhr, dass du mich in einer halben Stunde abholst und wir unprätentiös zu meinem Lieblingsasiaten um die Ecke gehen, wo du mir von deinem Urlaub erzählen wirst und ich dich anbalzen werde.

Es ist soweit, ich mache dir mit einer schweißnassen Hand die Tür auf. "Naaaa?" hauche ich, aber der Nervositäts-Schleim in meinem Hals lässt mich metallisch klingen und zu allem Überfluss husten. Dieser Ball ging schon mal weit raus auf die Tribüne. Du umarmst mich und hebst mich vor Freude hoch wie mein Vater es früher mit mir gemacht hat, mit dem Unterschied, dass sich bei dir sofort meine Brustwarzen aufrichten. Wir gehen die paar Schritte zum Asiaten und du erzählst wie ein Wasserfall. Es ist mir recht, denn ich kriege keinen klaren Gedanken zusammen und fühle mich wie ein Kaninchen vor der Schlange. Die Art, wie du deine Lippen um deine Zigarette schließt, lässt meine Nippel wieder aufspringen - vor Neid auf die Zigarette. Mein Kopfkino ist aktiver denn je. Deine großen, warmen Hände, die in der Speisekarte blättern, will ich so schnell wie möglich an meinen Schenkeln fühlen.

"? alles in Ordnung?" fragst du und ich merke, dass ich auf deinen Mund gestarrt habe, ohne dir zuzuhören. "Hmäh?" ich erwache aus der Trance. "Du bist irgendwie so still. Was ist los?" Du forderst mich heraus. "Alllso?" fange ich an und stochere in der 14 mit Nudeln herum. "Ich? Ich machs kurz, weil ich es nicht mehr aushalte. Ich musste die ganze Woche viel an dich denken. SEHR viel!"

---- bedeutungsschwangere Pause, ein leicht schmerzverzerrter Blick von mir----

"Oh?" sagst du und mein Magen sackt mir in die Knie. Dein Blick verrät Ratlosigkeit. Oh nein! Ich hab doch keinen Plan B. Schon rechne ich damit, dass du hastig bezahlst und aus der Situation flüchtest. Zu meiner Überraschung bestellst du uns stattdessen zwei weitere Weingläser, stößt mit mir auf meinen Mut an und sagst: "Du hast alles, wirklich ALLES was man sich von einer Frau nur wünschen kann - aber irgendwie ist bei mir leider nicht der Funken übergesprungen." In deinen Augen lese ich aufrichtiges Bedauern und gleichzeitig tiefe Zuneigung für mich. Dein Blick streichelt mich und es ist okay. Ich atme tief ein und wieder aus, ich kann dir nicht einmal böse sein, wie denn auch, bei der Größe, die du beweist. Während ich in mich hineinhorche, ob mein Herz gerade in sich zusammenfällt, stelle ich zu meiner wiederholten Überraschung fest, dass es wirklich okay für mich ist. Ich weiß, dass ich dich nicht verlieren werde.

Eine Stunde später schlendern wir zu meiner Haustür. Als wir uns im Schein der Laterne gegenüberstehen, fragst du mich, wie wir das künftig handhaben wollen und betonst, dass ich dir immer und sofort sagen soll, wenn du etwas sagst oder tust, was mich verletzt. Du bist wie Balsam. Ich sage einfach nur:
"Keine Ahnung, mal sehen! Aber ich glaube, es wird gut." Ich umarme dich zum Abschied.

Während ich den Schlüssel im Schloss drehe, steigt eine Zuversicht in mir auf, mit der ich nicht gerechnet hatte.

Ich kann es noch nicht wissen, dass du mein bester Freund sein wirst, mit dem ich auf meinem Balkon bis tief in die Nacht trinken und Geheimnisse über Männer und Frauen austauschen werde. Ich kann noch keine Ahnung davon haben, dass du einige Wochen später deine Stirn an meine legen und mich einfach weinen lassen wirst wegen eines anderen Typen. Noch kann ich nicht wissen, dass du bei mir übernachten wirst und mich in deinem starken Arm einschlafen lässt, wenn wenige Monate später meine Oma stirbt und ich mich schwach fühle.

Ich lächle in die Dunkelheit des Hausflurs. Etwas in mir weiß es doch.

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157 Antworten

Kommentare

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    Anfangs konnte ich mir einige mal das Grinsen nicht vergleichen. Schön dass es bei allen Frauen so ist. :) Ein wunderschön geschriebener und so vertrauter, wahrer Text. Danke!! 

    29.10.2012, 19:53 von spice.it.up
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    Einfach super
    Worst Case : gefällt mir besonders :-)

    12.08.2011, 22:06 von Kreusa
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    RAAASENMÄHEN!!! Hahaaaa, das ist der Knaller. Ach, Scheisse man muss ja wirklich diesen ganzen beknackten Aufwand betreiben, nur wehe man hat das mal nicht gemacht. Dann gibt es bestimmt die Gelegenheit :-). ("Sorry, geht nicht, ich hab nicht rasengemäht") Okay, nicht bestimmt, aber sehr wahrscheinlich nicht, wenn man perfekt vorbereitet ist.
    Deine Geschichte ist wunderschön, ich will aber trotzdem dass meinn nächstes Date nicht mein guter Freund wird, klar!? ;-)

    13.01.2011, 00:12 von Dischi
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    wuoah, toll!!!

    06.12.2010, 17:51 von GonzoPiez
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    schön!
    herzlichen glückwunhsc zu dem mut dich auf eine Freundschaft einzulassen und von deinen eigetlichen plänen abzuweichen,
    vielleicht ist das der schlüssel, sich selbst ein bisschen aufzugeben, damit alles besser wird... nur was ist ein bisschen?

    29.11.2010, 00:57 von Inion.Bearla
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    So soll es sein!

    23.11.2010, 20:02 von AnnaLea
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    Gefällt mir sehr gut!
    Besonders zu Beginn hat mich der Text immer wieder zum schmunzeln gebracht!

    10.11.2010, 13:30 von Leyla-Jade
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    Danke für den Artikel, er ist toll und liebevoll geschrieben. Ich finde meinen besten Freund und mich in vielen Punkten wieder. Manchmal ist so eine Freundschaft mehr wert als alles andere und meine gibt mir eine Menge und es hört sich so an als ob es bei dir genauso ist.

    03.11.2010, 22:48 von chontay
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    Oh, ist das schön!
    Und lustig! Und wunderbar und wahr!
    Unfasslich toll, Zio, herzlichen Glückwunsch!

    29.10.2010, 15:06 von LelainaPierce
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    WOW!

    24.10.2010, 15:00 von HappyEnd.
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