Onestone 09.11.2010, 14:06 Uhr 50 50

Lebensabschnittsgefährtengesuche.

"Der Jan und ich, wir sehen das mit der Partnerschaft nicht so eng! Heutzutage muss man sich eben alle Möglichkeiten offen halten, gell Hasilein?"

Inga sitzt neben mir und kloppt nach ein paar angenehmen Gesprächsstunden in der Lieblingskneipe eben genau diesen Satz raus. Mein inneres Achtungsbarometer fällt von 9,37 innerhalb von Sekundenbruchteilen um gefühlte 8,37 Stufen ab.
Inga, Peter, Hans oder Marco, wie man sie auch nennen will. Ich bin umgeben von Menschen, die man an nichts mehr festmachen kann. Flexibilität nennen sie das in Bewerbungsanschreiben, ich nenne es stumpfsinnige, emotionale Feigheit.
Da begibt man sich Jahrelang auf das Schlachtfeld der Persönlichkeitsbildung, hat sich Eimer und Schäufelchen im Kindergarten klauen lassen, wurde auf dem Pausenhof verprügelt, hat ein halbes Leben damit verbracht, Erwartungen der lieben Eltern zu erfüllen und hat sich eine Identität erschaffen, die dem Grauen des Alltags standhalten kann. Soweit alles schön und gut, normal und nachvollziehbar. Das Problem an der Sache ist nur: Diese Identität darf keine Ecken und Kanten haben. Wir sind aalglatt, wenn es mit dem Job in Berlin mal eine Woche lang nicht mehr so rund läuft, tendieren wir schon zum Aufgeben und vollziehen übereilt einen "karrierefördernden Wohnortwechsel", auf der Zugfahrt zur Wohnungsbesichtigung pushen wir noch schnell mit einem entsprechenden Ratgeber unser Softskills.
Obgleich man diese Einstellung unter bestimmten Umständen als annehmbar und förderlich wahrzunehmen vermag, wird sie auch in einen Bereich übertragen, in dem dies unter keinen Umständen förderlich ist, in der Partnerschaft. Auch hier muss es immer besser, höher, weiter gehen, Glücksgefühle müssen sich bis zur Extase linear potentieren lassen können. Das Eine, das Tolle, das Begeisternde muss jetzt und sofort eintreten. "Zukunft" bedeutet "absehbarer Zeitraum", die Ungewissheit wird gescheut. Alles kontrollierbar. Zum Mitnehmen? Nein danke, ich lad's mir gerade hier auf's iPhone.

Zwar scheint es so, als sei Monogamie schon lange nicht mehr Zeitgeist, doch wie kommt es dann, dass selbst der größte Schürzenjäger irgendwann bodenständige Zweisamkeit herbeisehnt? Partnerschaft ist angewiesen auf eben diese Art der Festlegung, auf Ecken und Kanten. Die Reibung der Partner untereinander zeugt von ihrer Individualität und der Bereitschaft, sich selbst zu entwickeln und kredenzt dem Partner den nötigen Freiraum, eben dies zu tun. Funktioniert das, ist es gar nicht mehr nötig, seine eigene Individualität ad absurdum ins Extreme zu leiten, sondern das persönliche Selbstverständnis schließt diesen Wunschtraum ein. Diese Form der erstrebsamsten aller Partnerschaften gibt es selten, doch sie ist möglich, wenn das Einlassen aufeinander zugelassen wird. Schwierig? Ja! Machbar? Ja! Lebensabschnittsgefährten? Nein, verflucht!

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50 Antworten

Kommentare

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    Willkommen im 21sten Jahrhundert. Gefällt!

    16.08.2011, 03:05 von BlitzBlotzDonner..
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    himmel, wassn wort!

    07.02.2011, 21:58 von ich.lese.gern
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    ...warum beginnt man eine Beziehung, wenn man doch nicht einmal verliebt ist...?! <- X_x

    17.11.2010, 23:39 von EineBratze
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    Oh -- sehr interessant.
    Für mich (!) gilt nach wie vor der Grundsatz, auf den ich eines bewölkten Tages einmal selbst gekommen bin: "Liebe ist Gefühl, Entscheidung und Disziplin."

    Vielleicht bin ich auch neu-konservativ, wie man eine bestimmte Einstellung heute schimpft.

    17.11.2010, 14:32 von Cookiecutter
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    Oh, wahrscheinlich interpretiere ich das falsch, aber ein Lebensabschnittsgefährte ist nicht immer das was du hier niedergeschrieben hast.
    Ich meine, meine Eltern haben nie geheiratet, aber leben miteinander und lieben sich. Enge Beziehung, Eheleben-mäßig und auch die gleichen Bedingungen (wie verschieden diese auch von paar zu paar sein können).
    Lebensabschnittsgefährte, weil meine Mutter schon einen Mann hatte und das 13 Jahre lang. Dann kam mein Vater und das bis zum heutigen Tage. 'Offiziell' ist er ihr Lebensabschnittsgefährte. Das stört niemanden, daran gibt es auch nicht negatives auszusetzen.

    15.11.2010, 20:18 von soitis
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      @soitis Was ich meine ist die vorsätzliche Suche nach Lebenspartnern auf Zeit. Ansonsten, wie schon mehrfach erwähnt. Jedem das seine, ich stelle hier keinen Anspruch auf Musterlösung oder auf "die Wahrheit".

      17.11.2010, 14:38 von Onestone
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    Ich sehe das schon auch so. Aber das heißt doch nicht, dass das das objektiv Richtige ist. Leben und leben lassen...

    12.11.2010, 18:18 von Yangus
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    Guter Text, von daher gibt's meine Empfehlung - ich glaube, selten wurde dieses Thema treffender beschrieben.

    11.11.2010, 22:16 von MadElaine
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    Schön geschrieben.
    Inhalt gefällt mir auch.
    Doppelt jawohl also.

    11.11.2010, 19:25 von ohkathrina
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    Ich verstehe dein Problem nicht. Da will sich also jemand alle Möglichkeiten offenhalten- und verliert deine Achtung? Ich finde es nicht emotional feige, sich an niemanden zu binden- ich finde es emotional feige, sich an jemanden zu klammern, wenn man sich vielleicht viel lieber alle Möglichkeiten offenhalten will. Der, den ich heute liebe, betrügt mich vielleicht morgen, lässt einmal zu oft seine Socken liegen oder verspeist vor meinen Augen einen Hummer... und schon ist die Liebe dahin. Dann ist die Sache vorbei und der Typ war eben ein Lebensabschnittsgefährte- so what? Also ich bin pro Lebensabschnittsgefährten.

    11.11.2010, 19:05 von GloomyFox
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      @GloomyFox "Socken liegen lassen, verspeist vor meinen Augen einen Hummer, die Liebe dahin." zauberhaft.

      Wer das für Liebe hält, sollte sich lieber ein Hund anschaffen.

      11.11.2010, 19:12 von schauby
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      @schauby Hund statt Mann? Naja, da spricht doch nichts gegen...wobei ein Mann natürlich auch entscheidende Vorzüge dem Hund gegenüber hat.

      11.11.2010, 23:04 von GloomyFox
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      @GloomyFox Er sabbert eher selten...

      12.11.2010, 10:04 von sailor
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    Das Scheitern vom Wunsch nach unverbindlicher Bindung, bezieht sich im Wesentlichen auf das Unvermögen auf leichte und ebenso flüchtige Belohnungen zugunsten von mühsameren und bleibenden verzichten zu können.
    Es gibt Studien, die belegen, aus welchen genetischen und geprägten Faktoren und Defiziten heraus, bestimmte Charaktere geringe Aussichten darauf haben, Belohnunsgverzögerung, ferner Verzicht über eine messbare Grenze von bspw. Serototin-/Dopaminmangel und Cortisolausschüttung auszuhalten. Menschen, die bereits frühkindlich und wiederholt unter großem Stress, mangelndem Schutz und Vertrauen gelitten haben, haben anatomisch nachweislich eine unterentwickelte Struktur im Nucleus accumbens. dem Belohnungszentrum im Gehirn.

    Geduld, Zuversicht und innere Stärke sind Eigenschaften, die sich nicht herbeireden lassen, manchen hilft Erfahrung. Vorallem günstige.

    11.11.2010, 18:41 von schauby
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