sternenkind 03.03.2010, 17:39 Uhr 54 63

Kopfspeck

20 kg habe ich mal abgenommen. Ich war aber auch fett.

Vor knapp 5 Jahren habe ich mal 20kg abgenommen. Seitdem halte ich mein Gewicht mehr oder weniger gut. Ziemlich fett war ich damals. Eigentlich meine gesamte Jugend. Ich gehörte in der Schule zu den typischen Gestalten im Sportunterricht, die beim Wählen von Mannschaften immer bis zum Schluss auf der Bank saßen, und jedes Team versuchte mich geschickt nicht in sein Team zu bekommen. Irgendwer zog aber immer den kürzeren. Oder in meinem Falle: die fette Lange. Ätsch!

Es ist schon so kein Spaß, ein Teenie zu sein, aber noch schlimmer ist es, ein fetter Teenie zu sein. Alles kleidet sich bei H&M in die vermeintlich tollsten Klamotten ein, und du kannst nur hoffen, dass es in Größe 46 wenigstens irgendwas Ansehnliches gibt. Gibt es meistens nicht, und so begann ich irgendwann, mich in der Jungsabteilung einzukleiden. Super! So sah man mir also dann auch sofort an, was ich war: ein super Kumpel. Denn sind wir mal ehrlich: Dicke Mädchen sind tolle Kumpels. Die normalen Mädchen sehen neben einem immer noch eine Ecke besser aus, und die Jungs können mit dir wie mit einem normalen Menschen reden, weil da ja eh nichts laufen wird. Das ist beiden Seiten klar. Ungeknutscht bis ich 18 war.

Auch die 20er Hürde durchbrach ich in Jungsjeans. Allerdings gab es ab einem bestimmten Alter ja den Alkohol, mit dem sich die Jungs auch fette Mädchen schön trinken konnten. Sex hatte ich wohl, nur die Blicke am nächsten Morgen gruben sich auf alle Ewigkeit in mein Gedächtnis ein. Es wurde auch nie was Ernsthafteres aus irgendwas, und wenn ich mich mal verliebte und das auch äußerte, erntete ich höchst erstaunte Blicke. Aber du bist doch so ein super Kumpel. Mit dir kann man über alles reden. Und bei dir bleibt alles sicher. So ist das als dickes Mädchen.

Allerdings hat es auch wirklich einige Vorzüge, ein dickes Mädchen zu sein. Du hast das Vertrauen der gesamten Truppe. Das ist ein sehr schönes Gefühl. In meinem Fall entwickelte sich auch ein unglaublich guter Humor und vor allem die Art, den unschönen Dingen im Leben nicht zu viel Gewicht beizumessen (haha- Gewicht!!!). Man eignet sich eine gewisse Art von Gelassenheit an, die sich von den körperlichen Gegebenheiten auf die geistigen überträgt. Nicht Langsamkeit aufgrund zuviel Specks, sondern eben Gelassenheit und Ruhe.

Doch dann kam der Punkt, an dem ich das nicht mehr wollte. Natürlich war ein Kerl im Spiel und mein viel zu großes Herz. Es klappte mal wieder nicht, obwohl es so gut aussah. Und da hatte ich dann die Schnauze voll. Ich wollte nicht mehr das dicke Mädchen sein, mit dem man offensichtlich alles machen konnte, zu dem man sich aber offensichtlich nicht bekennen konnte. Irgendwie wollte ich auch nicht mehr alles auf meine Rettungsringe und den Hüftspeck schieben. Sauer war ich. Es war vorbei mit Gelassenheit. Ich suchte noch am selben Tag die einzigen Sneaker aus meinem Schrank, die einigermaßen taugten und begann zu walken. Zu Gehen. Zu Laufen. Walken, so ein richtig typischer, uncooler Sport für fette, übergewichtige Hausfrauen. War mir aber egal, denn ich hatte den Hass. Und so walkte ich mir 20kg vom Leib. Innerhalb von 5 Monaten. Es ging so leicht. Manchmal ärgere ich mich heute noch, dass ich meinen Fettarsch nicht früher hochbekommen hatte. Das hätte mir einiges erspart.

Nach 5 Monaten ging ich wieder vor die Tür, ergo: feiern. Ich traf Menschen, die ich so lange auf Abstand gehalten hatte. Ich hatte neue Jeans an, Größe 38. Der erste Abend auf der Tanzfläche war der Überwahnsinn. Meine alten Freunde schauten nicht schlecht, ich wurde am laufenden Meter angebaggert, bevor das übliche Resteficken anfing. WOW! Ich passte also nun in Größe 38, schien als Frau wahrgenommen zu werden. Als Frau! Und nicht mehr als dickes Mädchen. Erzähl mir keiner was von inneren Werten. Dass das ganz großer Mist ist, ist ja eigentlich klar, aber ich erfuhr es am eigenen Leib. Ich war ja kein unbeliebtes dickes Mädchen, kein typischer Ausenseiter. Ich hatte Freunde und Spaß am Leben. Aber es gab da eine unsichtbare Grenze, die keiner überschreiten wollte. Sich keiner zu überschreiten traute.

Und was änderte sich sonst? Eigentlich nicht besonders viel. Ich habe Schwangerschaftsstreifen an Stellen, an denen man unmöglich schwanger werden kann, meine Knie sind mehr als im Eimer. Zwischenzeitlich versuchte ich es mal mit normalem Joggen, aber das machen sie nicht mit, die zerstörten Knie. In meinem Kleiderschrank liegen ganz hinten immer noch die Hosen aus der Jungsabteilung, ich passe nur nicht mehr rein. Der Kumpeltyp bin ich nach wie vor, die Beweisführung dafür läuft aber mittlerweile auf einer anderen Ebene. Die Gelassenheit und das Vetrauen habe ich- Gott sei Dank- nicht abspecken können.

Und im Kopf? Da bin ich immer noch das dicke Mädchen. In meiner Wohnung hängt kein Spiegel, in dem ich mich komplett anschauen kann, weil ich das in den Umkleidekabinen immer noch nicht ertrage. Kurze Röcke kann ich nur an wirklich guten Tagen anziehen, und im Schwimmbad verschwinde ich immer ganz schnell im kaschierenden Nass. Manchmal ertappe ich mich beim Klamottenkauf dabei, doch etwas Größeres zu kaufen. Ich kann es mir nach wie vor nicht vorstellen, dass sich ein Kerl Händchen haltend mit mir sehen lassen will, dass sich wer freut, dass ich morgens nackt neben ihm aufwache. Beim Essen fühle ich mich immer beobachtet, frei nach dem Motto: "Schau mal, was die da alles in sich reinschaufelt."

Bekomme ich Komplimente über mein Aussehen, so nehme ich sie höflich entgegen, aber sie kommen nach wie vor nicht bei mir an. Ich bin doch das dicke Mädchen. Dicke Mädchen sehen nicht gut aus. Ein Junge versuchte es mal mit mir und der Beziehungskiste, und es scheiterte am dicken Mädchen in meinem Kopf. Er fand mich glaube ich echt toll, aber ich hielt ihn wirklich für wahnsinnig. Wie konnte er es mit mir fetten Ziege aushalten? Am Ende hielt er es nicht mehr mit dem dicken Mädchen in meinem Kopf aus.

Im Grunde genommen mangelt es mir nicht an Selbstbewusstsein. Vor Gruppen reden fällt mir nicht leicht, kostet mich aber auch nicht sonderlich viel Überwindung. Ich kann mich auf eine Bühne stellen und Theater oder Musik spielen, gar kein Problem. Wenn ich Sachen schreibe, nähe, zeichne dann kann ich dafür gerade stehen. Die finde ich gut und die kann ich gut. Das sind Sachen die ich tue. Doch für das was ich bin einzustehen, fällt mir wirklich schwer. Die Waage sagt mir, dass ich normal und schlank bin. Die Größenschildchen in den Klamotten ebenso, aber im Kopf sitzt der Speck nach wie vor hartnäckig. Und er nevt. Aber wie nimmt man im Kopf ab? Vielleicht ein neues Thema für eine Brigitte-Diät?

Niemals würde ich jemanden fragen: "Findest du mich eigentlich dick?" Ich mäkel auch nicht an mir rum, von wegen hier und da müsste mal was weg. Soll ja bei vielen Frauen häufiger auftreten, dieses Phänomen. Fishing for compliments ist nicht Kumpelstyle. Außerdem weiß ich ja, dass ich gut aussehe und es meistens auch bin. Theoretisch.... Früher versuchte ich den echten Speck zu kaschieren, heute kaschiere ich den Speck im Kopf. Ging und geht beides gerne mal in die Hose.

Ich möchte niemanden davon abhalten, seinen Speck loszuwerden. Es gibt sie, die wahrhaft leichten Momente. Es ist in unserer Gesellschaft einiges leichter, wenn man leicht ist. Traurig aber wahr. Und abnehmen ist einfach. Einfacher als es viele glauben. Nur bezieht sich das eben auf den fassbaren Körperspeck. Im Kopf abnehmen, das ist wirklich schwer.

63

Diesen Text mochten auch

54 Antworten

Kommentare

  • Kommentar schreiben
  • 0

    toller text! wirklich
    ich hab vor jahren auch 30kg abgenommen,....und werde meinen kopfspekk nicht los,...mein arzt sagt mir einmal: wer einmal adipös ist, bleibt es sein leben lang, auch wenn er einmal abnimmt,...und ich glaub er hat recht,...ich fühle mich immer noch wie das dikke trampel, welches ich mal war, und habe probleme durch einen porzellanladen zu laufen...

    dennoch war das abnehmen für mich unterm strich, mit das beste was ich mir angetan hab :)

    10.08.2010, 13:09 von beatprinCeSs
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    Ich habe mal nach meiner Diät einer Verkäuferin im Laden ein Kleidungsstrück vor die Nase gehalten und gefragt, ob ich wohl noch in M passsen würde oder schon L nehmen müsste. Sie guckte mich entgeistern an und meinte, sie würde zu S raten.

    24.03.2010, 15:17 von Kamel
    • Kommentar schreiben
  • 0

    ich kann die geschichte voll nachvollziehen... ähnliche story hier und immer noch die selben probleme

    21.03.2010, 12:46 von Der.mit.dem.Hut
    • Kommentar schreiben
  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 0

    und auch wenn es bei den vielen Antworten nicht auffällt...aber ich finds gut....denn ich habe das gleiche problem....erst war ich moppel ...dann schlank...und jetzt ist es wieder mehr....aber vorallem im kopf sitzt der speck den ich nicht akzeptieren will....nur wie geht der weg?!

    super text...

    13.03.2010, 12:33 von crazydevil
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Du sprichst mir geradezu aus der Seele!

    Ich nenne es "im Kopf noch fett".
    Habe binnen der letzten Monate auch schnell und viel Gewicht verloren, der Kopf ist da einfach nicht mitgekommen. Ich hoffe, das bessert sich.
    Und komischerweise - schöner find ich mich nicht... Ich sehe es eben (noch?) nicht.

    12.03.2010, 22:31 von alexiene
    • Kommentar schreiben
  • 0

    Bloss nicht denken, den Jungs gehe es besser...nur ist die Pein kein Mädchen in den Jugendjahren abzubekommen fast ein weniger härter...von wegen Jungfrau bis 20. Aber Jungs können sich, so glaube ich, schneller mit ihrem schweinhund anfreunden...sagt mir, wenn ich mich täusche!
    Lg's

    12.03.2010, 10:21 von Patatat
    • Kommentar schreiben
  • 0

    "Es ist in unserer Gesellschaft einiges leichter, wenn man leicht ist. Traurig aber wahr"

    Finde ich überhaupt nicht. Die Toleranz gegenüber Dicken ist in den letzten Jahren soweit gestiegen, daß Deutschland es zum fettesten Land Europas geschafft hat. Hurra!

    Früher wurden dicke wenigstens noch gemoppt und das mit gutem Grund. Die vielen Dicken Menschen sind ausdruck unser Dekadenz, unser schlechten Ernährung und unser Faulheit. Da gibt es nichts zu entschuldigen oder schönzureden. Du schreibst selber wie leicht es ist wenn man sich mal diszipliniert. Heute findest du fast keine 18 jährige mehr ohne ordentlich Hüftgold. Wie schaffen die das?
    Ich kann auch dicke Frauen nett finden und abhängen aber Sex würde ich niemals mit einer haben, auch nicht mit 10 Bier intus und die Männer die das machen sind auch meistens die, die sonst eh keine abkriegen und ekeln sich am nächsten Tag vor sich selber- deswegen die Blicke.
    Also bewegt eure dicken Ärsche 3 mal die woche ins fitnessstudio und fresst nicht so viel Nudeln und Süsses- dann kann auch euch ein schönes gesundes Mädchen werden.

    12.03.2010, 08:53 von Amorgeddon
    • 0

      @Amorgeddon Genau ein schönes und gesundes Mädchen...das ist es, was Du propagierst. Ich als Mann bevorzuge lieber Frauen als GNT Opfer die eben nur Mädchen sind. Bei allem Respekt aber mit Faulheit hat das nichts zu tun. Klar wer nach Stempeluhr arbeitet hat die Zeit zum rumrennen. Du solltest ab und an mal differenzieren.

      13.03.2010, 22:32 von yardstick
    • Kommentar schreiben
Seite: 1 2 3 4 5 ... 6