chapel 30.11.-0001, 00:00 Uhr 48 73

Kopfkino

Komm ich lad dich ein in meinen Kopf, in meine Erinnerungen.

Ich sitze mit meiner Schwester im Sandkasten. Wir backen Kuchen. Ich bin 3 oder 4. Sie ist etwa 10. Ich will probieren. Sie lacht: „Nein Jaschek, das kann man nicht essen.“ Sie hat mir meinen Namen gegeben.

Die nächste Szene: Die ganze Familie sitzt am Frühstückstisch; Mama, Papa, Uta, Malte und ich.
„Mama, welche Farbe hat Gold?“, frage ich.
„Sieh dir Utas Haare an. Das ist Gold.“

Die Bilder rauschen vorbei. Uta lacht mit mir, sie singt mit mir. Wir spielen verstecken und laufen um die Wette. Sie lässt mich gewinnen. Ich komme zur Schule und sie macht mit mir Hausaufgaben. Ich bin ganz stolz, als ich ihren Namen schreiben kann. Gleich laufe ich mit dem Blatt in der Hand in ihr Zimmer. Sie hat alle ihre Freundinnen zu Besuch. Ich schrecke zurück, aber Uta ist begeistert, herzt und drückt mich und zeigt stolz meine Krakelei herum.

Wenn ich traurig bin, gehe ich zu ihr. Sie tröstet mich, wenn ich schlecht geträumt habe, mir Gedanken über eine Welt mache, die für ein Kind so schwer zu begreifen ist.

An einem in meiner Erinnerung ziemlichen dunklen Tag erklärt sie mir den Tod.
„Alles hat seine Zeit. Und wenn die Zeit rum ist, dann muss man gehen. Egal ob ein Käfer, dein Hamster, die Blume oder Oma.“
„Und wer misst die Zeit?“
Sie zeigt auf meine Brust. „Da drinnen, da tickt eine Uhr.“
Ich bin erstaunt. „Kann man das hören?“
„Natürlich!“ Ich darf mein Ohr an ihre Brust legen und höre ihr Herz klopfen. Ganz andächtig höre ich zu. Sie zwickt mich in die Seite und kitzelt mich bis ich Tränen lache. „Aber keiner denkt darüber nach“, sagte sie nach Atem ringend. „Es lebt sich auch so ganz gut.“ Bei dieser Lektion bin ich neun Jahr alt, Uta ist 16. Unsere Großmutter stirbt einige Tage später im Alter von 83 Jahren. Natürlich bin ich traurig, aber immer wieder muss ich an die Standuhr in Omas Wohnzimmer denken, die man jeden Tag aufziehen musste. Vielleicht hat sich Uta geirrt. Vielleicht hat nur jemand vergessen Oma aufzuziehen.

Uta nährt meine Phantasie mit Geschichten von Zwergen, Elfen, Wichteln, Drachen, Piraten, Zauberern und magischen Schatullen. Meine glückliche Kindheit ist eine Kindheit des staunenden Zuhörens in der Höhle unter dem Johannesbeerstrauch im Garten, im Versteck auf dem Dachboden und beim Wochenende-Morgen-Kuscheln.

Ich bin für sie kein Anhängsel. Sie nimmt mich immer mit. Ins Schwimmbad, in die Eisdiele, zum Eislaufen, an den Strand. Nie bin ich der „nervige kleine Bruder“ und als ihr Freund mich als Störfaktor bezeichnet, wird er aus dem Zimmer komplementiert, nicht ich.

Der Film läuft weiter: Uta macht Abitur. Uta zieht zu Hause aus, zum Studium ans andere Ende der Republik. Von jetzt an bin ich ganz allein zu Hause. So fühlt es sich an. Ohne sie ist das Haus so viel größer, aber mit 11 muss man tapfer sein, denke ich. Immer will sie auch mit mir am Telefon reden, alle paar Wochen findet sich eine Postkarte oder ein Brief nur für mich im Briefkasten. Meine große Schwester bleibt für mich da.


Wir fahren zusammen in den Urlaub. Meine glücklich strahlende, große, wunderschöne, goldblonde Schwester und ein dürrer, verpickelter, fünfzehnjähriger Jungen mit viel zu langen Armen bauen zusammen an der kroatischen Küste Sandburgen. Wir lachen und sind glücklich. Erwachsenwerden mit ihr ist so viel einfacher.

Ein paar Jahre später: Wir streichen zusammen meine Studentenbude. Sie malt mir einen grünen Smilie aufs Shirt und zusammen drücken wir unsere Hände in die Fensterfüllung.
„Ich bin immer bei dir, kleiner Jaschek.“ Sagt sie und schnippst mir gegen die Nase. Sie muss zu mir aufschauen, ich überrage sie um einen Kopf.

Mein Studium, ihr Beruf, jeder hat ein Leben, das ihn vollkommen einnimmt, aber jeden Sonntag telefonieren wir, alle paar Wochen sitzen wir zusammen im Cafe, entweder in Berlin, Rostock oder Stuttgart und reden einfach. Sie hilft mir über Liebeskummer und Sinnkrisen hinweg. Als Lukas stirbt denke ich das erste Mal wieder an die tickende Uhr in meiner Brust. Ich muss sie dringend einmal wieder aufziehen, denke ich mir.

Carsten ist die große Liebe ihres Lebens und ich bilde mir ein, dass er es nur sein kann, weil ich ihn abgenickt habe.
Für ihren großen Tag quetsche ich mich in einen Anzug und bin der stolze Fahrer des Hochzeitsautos. Uta lacht bei meinem Anblick und wünscht sich mich neben sich am Altar. „Du bist immer noch einer der wichtigsten Männer in meinem Leben.“

Mit einem ganz anderen Strahlen, mit einem ganz neuen Glück in den Augen erzählt Uta mir mit leiser Stimme von ihrem Mutterglück. Und ich soll Pate werden!

Timmy ist ein Engel mit großen dunklen Augen. Ich nehme mir jetzt schon ganz fest vor ihm alle von Utas Geschichten zu erzählen. Und noch einige mehr. Dabei will der Wurm nur schlafen. Zwei Tage auf der Welt und schon von so vielen Menschen geliebt.

Es wird eine ganz besondere Zeit. Für Uta, für Tim und für mich. Ich lerne die Welt durch seine Augen neu kennen. Aber es ist ein trügerisches Glück. Der Film hackt, Flecken nd Streifen stören das Bild. Wir haben noch nicht einmal seinen zweiten Geburtstag gefeiert, als der Krebs nach Uta greift.
Zuerst herrscht Zuversicht, aber nach fast drei Jahren voller Schmerzen und ungezählten wachen Stunden holt unsere Mutter sie nach Hause. Immer noch lächelt sie, immer noch steckt sie voller Liebe für uns alle. Ich möchte nicht mehr von ihrer Seite gehen und muss es doch. „Du musst dein Leben leben!“ fordert Uta von mir.

Das Telefon klingelt und mein Mutter sagt nur: „Komm Jaschek. Es ist soweit.“ Ich springe ins Auto und fahre durch Nacht und Schnee zu ihr, habe nur noch Angst, dass ich zu spät sein könnte. Carsten liegt mit Timmy im Bett, unsere Eltern wollten gerade schlafen gehen. Ich gehe zu Uta und bin erschüttert: Die Erkenntnis ist endgültig. Sie wird sterben.

Ich setze mich an ihr Bett und halte ihre Hand.
„Jaschek, mein lieber Jaschek. Die Zahnräder sind abgenutzt, die Uhr bleibt stehen.“
Mir laufen die Tränen übers Gesicht und ich streichele über ihren Handrücken.
Ich weiß nicht, wie lange wir so sitzen.
„Erzähl mir eine Geschichte“, fordert sie mich auf.
Und ich fange an zu erzählen. Von Elfen und Wichteln und Zauberschatullen. Irgendwann schließt sie die Augen und schläft ein. Für immer.

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48 Antworten

Kommentare

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    So richtig, richtig, richtig gut geschrieben. Und im letzten Absatz werden auch beim völlig Fremden die Augen feucht. Mehr geht nicht.

    25.09.2011, 17:57 von Plutarch
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    Wow, bin nur durch Zufall auf deinen Artikel gestoßen und nun habe ich Tränen in den Augen.

    Du schreibst gut und mit viel Gefühl. Ich habe für und mit dir gelacht bei dem Text und gerade sehe ich deine Trauer... Denn ich kenne es einen geliebten Menschen zu verlieren.

    Echt toll dein Artikel wirklich

    10.03.2011, 21:00 von franziska_Pie
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    richtig, richtig gut.... wow!

    07.07.2010, 13:43 von ovomaltine.
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    Wunderschön geschrieben, ich kriege echt eine Gänsehaut beim Lesen! Wirklich sehr berührend!

    27.11.2009, 12:09 von milchschaumschlaeger
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    Der erste Text, der mich zu Tränen rührt..
    Schön, dass du so toll ausdrücken kannst, wie sehr du sie liebst.

    31.10.2009, 23:41 von Lenschi91
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      @oceaneyes Genau, hätts fast nicht gelesen, wegen der Überschrift.

      13.07.2009, 13:27 von Tanea
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    Warum erst jetzt entdeckt?

    Nur ein Wort: Empfehlung.

    13.07.2009, 13:04 von Tanea
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    sprachlos und tränen in den augen.
    wow.

    12.07.2009, 20:54 von circaviolett
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    ganz toller Text..ichmag sowas..find sowas richtig schön, wenn man sich so gut versteht..jemanden hat..
    Toller Txt und sehr gut geschrieben.

    lg

    14.08.2008, 17:25 von jcf45
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