klytaemnestra 07.03.2008, 20:16 Uhr 65 79

Komm, großer schwarzer Vogel

Wir gaben die Flasche reihum und leerten, wenn du an der Reihe gewesen wärst, immer einen Schluck auf die Erde, zwischen die Kerzen.

Mit knapp 14 Jahren sah ich dich das erste Mal. Du standest ein Stück entfernt, drehtest den Rücken zu uns und hattest eine schwarze Haube auf. Blonde, halblange Locken schauten unter den Rändern hervor. Du stütztest dich auf zwei Freunde, so betrunken warst du.

Kurz darauf kamen wir in dieselbe Klasse. Ich trat in den Raum, und da bist du gesessen, in der ersten Reihe, aber ich erkannte dich nicht, weil du so überhaupt nicht der Vorstellung, die ich von dir hatte, entsprachst. Weil dein Gesicht, dein Auftreten nicht so war wie ich dachte dass es sein müsste.

Alles war neu, die Schule, die Klasse, die Pubertät. Im nächsten Jahr wurden wir eine kleine Gruppe von Leuten, du und wir anderen. Wir waren Schulkollegen, und mit der Zeit wurden wir Freunde. Wir teilten unsere Unsicherheit, unsere Sehnsüchte, unsere kleinen Erfolge, teilten Räusche, Gedanken, die wir damals für tiefsinnig hielten, Erwartungen. Wir lästerten über alle anderen, schwänzten Schulstunden und fühlten uns erwachsen. Wir trafen uns an lauen Abenden und tranken billigen Wein. Aus deinen Kopfhörern dröhnten in miserablem Sound Bob Dylan und Ludwig Hirsch. Ich erinnere mich, wie du mir 'Mr. Tambourine Man' erklärt hast.

Du warst ehrlich, fast unerbitterlich, schonungslos. Du sagtest alles, auch was wir nicht hören wollten, und manchmal hasste ich dich. Du warst radikal. Du konntest mich vernichten, mit einem Satz, mit einem Blick, und dann fühlte ich mich dumm und naiv. Du, der Kritiker, auch schärfster deiner selbst, auch wenn ich das damals nicht verstand. Ich weiss noch, wie du dich über 9/11 gefreut hast. Ich hielt dich für einen Steinklotz. Die Bilder der weinenden Menschen in den Medien, daneben du mit einem zufriedenen Lächeln. Die Amis haben endlich eine reingekriegt, sagtest du, und ich konnte dich nicht ertragen. Ich hielt dir Gefühlskälte vor. Du lachtest verächtlich.

Dann du, der Spannungen in unserer Klasse schneller wahrnahm als irgendjemand anderer. Deine Feinfühligkeit, deine Aufmerksamkeit. Du, der die Ausbildung zum Kindergärtner machte und du, dem die Tränen in die Augen stiegen, wenn er jemanden, den er mochte, weinen sah. Einmal sagtest du über deine Freundin, sie hielte dein ganzes Glück in ihren Händen. Deine Zärtlichkeit war aussergewöhnlich. Du hörtest Ludwig Hirsch.

Fünf Jahre waren wir in einer Klasse. Es gab Zeiten, die schwer waren für mich, die mich dessen bewusst werden ließen, wieviel Macht du hattest. Es gab auch Zeiten, die schön waren, in denen wir Freunde waren, in denen wir viel zusammen machten, und du inspiriertest mich, du warst Vorbild für mich. Ich bewunderte dich, so wie wir alle, vielleicht ein bisschen mehr. Ich legte viel zuviel wert auf deine Meinung. Ich stilisierte dich hoch zu einem Gott der du nicht warst.

Das letzte Schuljahr begann. Wir hatten keinen Streit, zumindest keinen, an den ich mich erinnern könnte. Wir wurden uns fremd. Ich hatte das Gefühl, jegliche Bindung zu dir verloren zu haben. Ich war verletzt, natürlich, aber nach außen hin war ich nur wütend. Wir ignorierten uns, und ich bin mir sicher, dass mich das viel härter traf als dich. Du warst mein bester Freund, aber ich war nicht deine beste Freundin.

Du warst ein paar Mal im Krankenhaus im letzten Semester, und als ich dich einmal besuchen kam, machte ich dir Vorwürfe. Dein exzessiver Lebensstil, dachte ich, wäre an deiner Krankheit, die niemand identifizieren konnte, schuld. Ich sagte, das kommt davon, schau, wo du jetzt bist. Es ging dir schon zu dieser Zeit überhaupt nicht gut, du warst nicht gesund, du warst nicht glücklich. Nach der Schule würdest du zum Heer gehen, um Befehle zu bekommen und danach handeln zu dürfen. Nicht selber denken müssen, wie schön wird das sein.

Wir wollten wegfahren, kurz nach der Matura, ein paar Tage an einen See, das letzte Mal als Klasse. Ein paar Tage davor riefst du mich an und sagtest, du könntest nicht mit. Irgendetwas wäre mit deinen Augen. Du müsstest ein paar Untersuchungen machen lassen. Heute weiss ich, Druck auf den Augen zu verspüren ist ein Symptom, das Menschen manchmal vor Schlaganfällen haben. Du bist fort gegangen, heim gekommen, hast Popcorn gemacht und dich auf die Couch gelegt. Dir wurde schwindlig, du wolltest ins Bad.
Du warst 20 Jahre alt.

Als wir zwei Tage später vor der Intensivstation standen, ließ uns die Ärztin nicht zu dir. Ich dachte zuerst, du wärst nicht stabil genug um Besuche zu bekommen, aber es war nicht wegen dir, nein, du hättest uns ja gar nicht bemerkt. Sie wollte nicht, dass wir zusammenklappen bei deinem Anblick. Auf der Intensivstation gibt es anderes zu tun als kollabierte Teenager zu versorgen. Wir saßen vor dem Krankenhaus und wir wussten, du liegst irgendwo da oben. Wir weinten endlich, hielten hilflos die Fotos, die wir dir mitgebracht hatten, in unseren Händen. Sie hatten uns dein Festivalband gegeben, das jahrelang an deinem Handgelenk gewesen war. Natürlich war es entfernt worden.

Monate später durfte ich dich besuchen. Tage davor hatte ich schon Angst, und ich zitterte, als wir hineingingen in die Station. Dich zu sehen nach dieser Zeit, in der ich soviel an dich gedacht und von dir geredet hatte, dich dann so zu sehen war wie ein Schlag. Ich spürte es körperlich. Ich hatte ja immer noch die Vorstellung von dir, die ich kannte. Du hattest einen schlechten Tag, atmetest heftig durch deinen Luftröhrenschnitt, Tränen standen in deinen Augen. Du hattest Schmerzen. Du kämpftest um dein Leben. Sie hatten dir die Haare, die einst schulterlang waren, ganz kurz abgeschnitten, aber sie ließen dir deinen Bart, und sie rasierten ihn so, wie du es immer machtest. Du erkanntest mich nicht.

Du folgtest meinen Bewegungen nicht mit den Augen. Du öffnetest den Mund oft zu einem stillen, leidenden Schrei, und du warst in einer völlig unnatürlichen Stellung krampfgelähmt. Ich hatte Angst davor, dich zu berühren, Angst, dich überhaupt anzusehen. Deine Schwester sagte zu mir, wenn es dir zuviel wird, konzentrier dich auf seine Augen. In den Augen erkennst du ihn noch.

Bei deiner Beerdigung habe ich nicht geweint. Ich wollte es, aber ich konnte nicht.
Ich wollte meine Trauer herauslassen, meine Trauer um dich und um unsere einseitige Freundschaft, die schon vor Ende der Schulzeit vorbei gewesen war, auch um deine Eltern und deine Schwester, um alle Freunde.

Über zwei Jahre ist das jetzt her. An deinem Todestag saßen wir um dein Grab, und wir tranken den Selbstgebrannten, den du auch immer getrunken hattest. Wir gaben die Flasche reihum und leerten, wenn du an der Reihe gewesen wärst, immer einen Schluck auf die Erde, zwischen die Kerzen. Wir hörten Ludwig Hirsch.

Ich legte einen kleinen Zettel unter eine Kerze, darauf stand
Danke, dass du da warst.

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65 Antworten

Kommentare

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    Atemberaubend. Mehr brauch ich nicht sagen!

    03.08.2011, 12:38 von dariazt
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    großartiger Text, danke...

    22.11.2010, 15:46 von soitis
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    Oman jez fühl ich mich gerade ziemlich scheiße, weil ich immer alleine trinke und einem Foto zuproste.
    Klasse Text.

    18.07.2009, 21:12 von Crappy-Dappy
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    total schöner text, er bringt mich zum weinen, denn auch ich hab vor ein paar tagen einen guten freund verloren...

    13.07.2009, 16:58 von tabletennisas
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    möchte nicht wissen für welche zeitschrift er geworben hat. vllt für neon, die röhre!

    08.05.2009, 02:34 von papaya234
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    es ist nur ein text und doch so viel mehr...

    01.05.2009, 02:11 von saruschel
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    es ist mir ähnlich ergangen. und, ich habe die cd von ludwig hirsch. Ich habe tränen in den augen. vielen dank.

    21.05.2008, 21:28 von lenafliegt
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