LaBrit 03.04.2007, 22:19 Uhr 92 80

Können wir Freunde bleiben?

Er hat Schluss gemacht, aber diese Frage kam von mir. Er wollte das auch. Dann kam der Januar.

Es war August, die WM war gerade vorbei, aber mein Sommer begann. Er stand auf der Bühne und hat Keyboard gespielt, ich stand vor der Bühne und sang seinen Song mit. Die Frau in der ersten Reihe konnte ich von hinten nicht sehen. Und ihr Plakat erst Recht nicht.

Ich fand ihn schön, und sein Gesang klang toll. Ich hab mir vorgestellt, er würde für mich singen. Später am Abend stand er plötzlich vor mir. Zusammen mit meinem Freund Henri. Der stellte uns einander vor. Wir setzen uns an einen Tisch und es war wie im Fernsehen: Als kannten wir uns schon ewig, redeten wir über unsere Leben. Wir lachten so viel, dass ich Bauchschmerzen bekam. Von da an wurde er ein Teil meines Lebens. Wir zogen zusammen los, wir froren zusammen Schlüssel ein, saßen in Blumenkübeln, schauten uns die Sportschau an und ich tanzte auf seinen Füßen die letzten Sommernächte durch.

Er war der Mann, von dem ich immer geträumt hatte. Er war endlich wirklich da. Meine Freunde sagten, wir seien wie füreinander gemacht. Mein Gefühl sagte, wir seien wie füreinander gemacht. Es hat sich angefühlt wie angekommen zu sein, wenn man ewig lange nur gelaufen ist. Als wir uns zum ersten Mal küssten, erzählte er mir, dass er verheiratet sei. In meinen Augen passte er dadurch noch viel besser zu mir. Ich habe schon immer Angst gehabt, dass mir jemand zu nahe kommt. Außerdem kannte ich sie ja nicht, die Frau aus der ersten Reihe, und er erzählte mir von einer offenen Beziehung. Doch nach und nach wollte ich, dass er mir nahe kommt. Dass er eine Nacht ganz bei mir bleibt. Dass wir zusammen Hand in Hand durch die Stadt laufen können. Zusammen in den Urlaub fahren, unsere Zukunft planen. Ich wollte es zum ersten Mal in meinem Leben. Endlich war ich normal.

In einer Nacht blieb er. Während er schlief, sah ich ihn an und beschloss, es ihm zu sagen. Endlich meine Gefühle freilassen, endlich Gewissheit haben. Er war mein Traummann, wir waren füreinander bestimmt, was konnte da schon passieren? Am nächsten Morgen habe ich zum ersten Mal die Worte "Ich liebe dich" über meine Lippen gebracht. „Das ist nicht fair.“ hat er gesagt. „Ich kann das nicht. Ich kann das dir und ihr nicht antun." „Können wir wenigstens Freunde bleiben?“ „Na klar bleiben wir Freunde.“ Und dann war er weg. So warmherzig wie er noch im Sommer gewesen war, so kalt war er plötzlich im Dezember. Aber wir waren ja Freunde.

Es folgte unser erstes Treffen nach der Trennung. Ende Januar. Das erste Treffen nach zwei langen Monaten. Ich machte mich auf den Weg, um ihn aus dem Stadion abzuholen, „mal wieder was zusammen trinken gehen“. So etwas tun Freunde. Auf dem Weg, es dämmerte schon, hörte ich Musik, sah die Sonne über dem Stadion untergehen und spürte plötzlich mein Herz klopfen. Ich war aufgeregt, neugierig, freute mich, ihn endlich wiederzusehen. Endlich wieder mit ihm reden, in seiner Nähe sein. Für einen Abend vergessen, was alles passiert war. Ich war schon fast da. Immer mehr Menschen kamen mir entgegen, je mehr Menschen, umso lauter klopfte mein Herz. Ich schaute an mir runter, ob man sehen konnte, wie doll es schlug und war froh über die Erkenntnis, dass es nicht so war. Dann war er wieder da. Stand in seiner Gruppe an der Brücke. Ich blieb stehen. Ging weiter. Blieb noch einmal stehen. Kopfhörer in der Tasche verstauen, Kippe anmachen, noch mal durchatmen. Hingehen. Begrüßen. Los!

Und dann stand ich vor ihm. Er nahm mich in den Arm. Und nahm damit zwei Monate meines Lebens, nämlich die vorangegangenen. Ich wusste nicht mehr, warum ich diese Zeit allein in meiner Wohnung verbracht hatte. Warum ich nicht mehr essen konnte, meine Freunde sich Sorgen gemacht hatten... all das war weg. Hier war er wieder und ich war bei ihm. Hier will ich bleiben, dachte ich. Dann zog unsere kleine Gruppe los.

Irgendwann im Laufe des Abends, je mehr seiner Freunde aufstanden und nach Hause gingen, kam sie in langsamen Schritten zurück. Ich wollte sie noch fragen, warum, und wo sie in den letzten beiden Monaten gesteckt hatte, aber dann merkte ich, dass das unwichtig war. Denn nun war sie ja hier, die Hoffnung, ganz nah bei mir. Weil er wieder bei mir war, ganz nah. Und weil er blieb, obwohl alle gingen. Irgendwann waren nur noch wir beide übrig. Er und ich. Es hatte sich nichts verändert. Sein Lachen war immer noch so, wie ich es mir in den letzten Monaten immer wieder vorgestellt hatte. Er roch immer noch so verdammt gut nach diesem Armani-Zeug. Sogar ich war wieder wie früher. Ich lachte, ich machte Witze, ich hatte Lust zu tanzen. „Hast du Lust, tanzen zu gehen?“ – Alles wie immer.

Wir fuhren dorthin, wo alles angefangen hatte, in die Bar, in der er und seine Band ihren Auftritt gehabt hatten. Wir setzten uns wieder an denselben Tisch und sie spielten sogar wieder unser Lied. Dass etwas nicht stimmte, merkte ich erst, als ich ihn ansah. Das Leuchten war aus seinen Augen verschwunden und seine Hand ging nicht auf die Suche nach meiner Hand. Stattdessen suchte meine Hand seine. Als er sie abwehrte, bekam ich Angst. Mein Hals schnürte sich zu und ein Schamgefühl stieg in mir auf. Wieder reingefallen? Wieder die Würde verloren?

„Hast du’s schon von Henri gehört?“ „Nein, was denn?“ „Meine Frau ist schwanger.“ Wir waren nie Freunde und wir werden auch nie Freunde sein.
Erst im Februar bekam ich die Fotos des Auftritts im August zu sehen. Auf dem Plakat der Frau in der ersten Reihe stand: „Ich will ein Kind von dir. Jetzt gleich!“

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92 Antworten

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    boah..wahnsinn..sowas schönes, das hat mich richtig berührt ..hätt glatt von mir sein können

    25.06.2008, 00:48 von Lieschen-Radieschen
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    Das mit den Freunde bleiben ist doch so schwierig. Meistens kommt die Frage doch auch von dem, der noch mehr empfindet, wenn man schon nicht die Partnerschaft hat, dann wenigstens eine Freundschaft?!? Und irgendwann ist man vielleicht froh, wenn es mit dem Freunde sein doch nichts war.

    11.06.2008, 17:40 von Tuerkis_Tuerkis
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    unglaublich mitreißend.
    wundervoll geschrieben.

    04.05.2008, 20:04 von tiadora
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    du, schande. ein text, wie ein schlag in die magengrube. aber sehr schön.
    toll

    02.01.2008, 15:36 von k_uba86
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    woah! was für eine sau der typ!!! es tut mir leid, das muss verdammt wehtun... ;[

    23.12.2007, 17:09 von meui
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    Freunde bleiben kann auch funktionieren. Jedenfalls klappts bei mir ganz gut.
    schon seit 4 Jahren...
    Dennoch sehr schön geschrieben und sehr sehr traurig

    14.11.2007, 22:27 von boergi87
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    Ich danke euch allen für eure Kommentare, den Trost und die Tipps. Inzwischen ist das Kind da. Manchmal haben wir noch Kontakt, aber nur oberflächlich.
    Immerhin habe ich langsam das Gefühl, diese Geschichte hinter mir lassen zu können. Leider nicht immer.Aber eins hab ich gelernt: Freundschaft nach Liebe geht nur dann, wenn keiner von beiden mehr Liebe will. Und die wollte ich damals noch.

    18.10.2007, 23:27 von LaBrit
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    schrecklich dieser Satz! und davor denkt man, all das wird sich zum guten wenden und dann denkt man, eine Freundschaft ist nicht gut genug... aber eine Freundschaft mit jemandem den man liebt ersetzt nichts. Aber auch gar nichts.
    vorausgesetzt das wort Freundschaft wird nicht ohnehin unterbewertet... Ich kenne meine Große Liebe seit fast drei Jahren. Wir waren nie zusammen, aber nach 2 Jahren hat sich soetwas wie Freundschaft entwickelt. Jetzt treffen wir uns öfter, sind neulich sogar ein Geburtstagsgeschenk für seine Freundin einkaufen geganen. Mit seiner Freundin verstehe ich mich auch sehr gut... aber es gibt so klitzekleine Momente...

    18.09.2007, 08:40 von Solevita85
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