AnnaEcke 27.01.2010, 19:52 Uhr 66 73

Knastklapsenkirmes - Teil 1

Letzte Station vor der minderjährigen Obdachlosigkeit.

."Kann ich Schere?"

Tobias steht im Bürotürrahmen. Seine Augen zuckeln um mich herum, meinem Blick hält er nicht Stand. Er steht auch nicht wirklich. Vielmehr erinnert er mich an diese kleinen Spielzeugfigürchen von Annodazumal, deren Gelenke man mit einem kurzen Daumendruck unter den Podest, auf dem sie standen, zum Einknicken bringen konnte. Seine Körperhaltung entspricht der eines Fünfzehnjährigen, der im letzten Jahr einen so ordentlichen Schuss in Dezimetern hingelegt hat, dass die entsprechende Körperhaltung dem vorangegangenen Wachstumsschub unkoordiniert hinterherschwächelt.

"Ey, watt is jetzt? Kann ich Schere, oda watt?", schnoddert er in den Raum.
"Oda watt", antworte ich.
"Wie jetzt? Kann ich nich Schere, oda watt?"
"Tobias, was willst Du?"
"Ey, willst Du mich verarschen? Kann ich Schere?"
"Kannst du Schere? Was? Kacken? Malen?"
"Hä?"
"Egal. Wofür brauchst Du die Schere?"
"Für zum Pizza schneiden."
"Nee. Da nimmst Du ein Messer."
"Ey, ich kann das nicht mit Messers!!"
"Ey, dann musst Du das jetzt lernen."
"Boah, dann schmeiß ich die Dreckspizza in die Müll!"
"In die Müll?"
"Ja. In diese Müll da."
"Dann schmeiß ich Dein Taschengeld in die Müll."
"Ey, jetzt geb Schere!"

Ich arbeite in einer Jugendschutzstelle. Jugendschutzstelle ungleich Sprachheilschule, ungleich Förderschule, ungleich Behindertenhilfe. Eigentlich.

Die Jugendschutzstelle fungiert vielmehr als Übergangswohnheim für solche Jugendlichen, die vom zuständigen Jugendamt auf die Schnelle irgendwo geparkt werden müssen, wenn keine andere Einrichtung mehr bereit ist, sich den Jugendlichen nach Sichtung seiner Vita "anzutun." Meistens sind dies dann Jugendliche, die frisch aus dem Jugendknast, der Psychiatrie oder aus anderen Jugendschutzstellen entlassen worden sind.

Wir sichten keine Vita. Wenn wir einen Platz frei haben, nehmen wir jeden und sind somit oftmals die mehr oder minder letzte Station vor der minderjährigen Obdachlosigkeit. Als institutionelles Auffangbecken für besondere Schätzchen arbeiten wir nach einem strukturarmen, beinahe regellosen Konzept, das Deeskalation groß und Pädagogik klein schreibt. Dadurch können sich viele Jugendliche, die in anderen Einrichtungen binnen weniger Tage an ihre Grenzen stoßen und entlassen werden müssen, bei uns über Wochen und Monate halten - denn wo keine Regeln und Strukturen vorherrschen, dort muss man auch nicht rebellieren, um sie zu brechen.

Tobias sehe ich heute zum zweiten Mal. In meinem letzten Dienst haben wir keine 10 Worte miteinander gewechselt - auch ein Teil des Konzepts, denn da die Jugendlichen, die bei uns wohnen, auf allen Pädagogikohren bereits taub gequatscht worden sind, lassen wir sie ihn Ruhe. Wer etwas will, soll kommen.

"Schere!!!"

"Nein, Du bekommst von mir keine Schere. Und schon gar nicht zum Pizzaschneiden. Komm mit."

Ich stehe auf und deute Tobias an, die Küche anzusteuern. Dort hängt Kenan - ein sechzehnjähriger Kosovo-Albaner im 50 Cent Bling Bling Style, der laut eigener Aussage schon eine Kalaschnikow und auch alle anderen Handfeuerwaffen der Welt im Patschehändchen gehalten hat - im Fensterrahmen und bewirft vorbeifahrende Autos mit Weingummibröckchen. Er wohnt seit mittlerweile 5 Wochen bei uns. So lange hat er es vorher noch nirgends ausgehalten.

"Kenan, mach das Fenster zu."
"Boah, nee, ey. Das macht voll Bock!"
"Kenan, bist Du bescheuert? Mach das Fenster zu. Zackig."
"Schlechte Laune, oda watt?"
"Watt am Kopp, oda watt?"

Kenan muss lachen und genehmt sich.

"Kann ich auch Pizza? Aber vegetarisch!"
"Du kannst auch eine Pizza HABEN, wenn Du Tobias zeigst, wie man eine Pizza mit einem Messer schneidet."
"Hä? Is der behindert, oda watt?"
"Fragt wer?"
"Ja, ich!?"

I'm all alone im Sarkasmusland und die Grenzen sind offen. Manchmal hänge ich über Stunden in Irony-City fest. Das macht aber nichts, denn es merkt keiner.

Ich arbeite im Schichtdienst. Eine Schicht = 25 Stunden aufwärts. Meine Schichten fahre ich alleine. Passt wunderbar, denn in Punkto "Teamfähigkeit" bin ich leider auf anderthalb Augen blind, da ich seit jeher eine Birkenstockkollegenallergie habe, wenn es heißt: "Lass uns mal drüber reden. Ich setz schon mal Teewasser auf." Ich bin fest davon überzeugt, dass ich schneller denken und richtig agieren kann, als der Kollege sein Teechen kocht. Und so freue ich mich in jedem Dienst aufs Neue, dass ich kleine Rampensau in diesem Job meine One-Woman-Show fahren kann, ohne dass irgendwelche Kinder in irgendwelche Brunnen fallen, weil ich am Gartenzaun erst noch 2 Stunden lang die Vor- und Nachteile einer etwaigen Brunnenabdeckung diskutieren musste.

"Ey, Alta, kannsu nich Pizza schneiden, oda was?" Kenan hat mit einer Lakritzschnecke auf Tobias Iro gezielt. Und getroffen.

Tobias Spielzeugfigürchenwackelkörper steht von jetzt auf gleich unter Spannung, mit drei Schritten ist er bei Kenan an der Fensterbank und knallt ihm mit der flachen Hand den Kopf an den Fensterrahmen. Es kommt zu keiner Rangelei, die beiden spielen direkt Natural Born Killers. Ich gehe nicht dazwischen, sondern ziehe mich in den Bürotürrahmen zurück, damit ich den Herren im Falle des Falles noch rechtzeitig die Tür vor der Nase zuschlagen kann, denn oft genug geht es in solchen Situationen nicht mehr darum, wen man schlägt, sondern dass man schlägt. Da sollte mein Kopf nicht in Reichweite sein.

"Das hört jetzt sofort auf!" schnarre ich in den Raum.

Nichts hört auf.

"Wenn das nicht SOFORT aufhört, fliegt Ihr für heute bis 22 Uhr raus."

Manchmal zieht die Ansage. Vor allem im Winter bei einer aktuellen Außentemperatur von Minus 12 Grad. Aber diesmal zieht da nichts.

"ENDE. SOFORT!"

Kein Ende in Sicht, da hilft auch meine tolle Terminator-Stimmlage nicht.

Da Kenan keine Handfeuerwaffe griffbereit zu haben scheint, muss er sich von Tobias, der ihn um gute zwei Kindsköpfe überragt, den Schädel gegen die Heizung dongen lassen.

"Ich rufe JETZT die Polizei!"

Ich sehe Blut, also rufe ich tatsächlich die Polizei. Manchmal reicht es, damit zu drohen.

"Einrichtung XY, Ecke mein Name. Ich brauche SOFORT Unterstützung. Ich habe hier zwei Jugendliche, die sich just in diesem Moment die Köpfe blutig schlagen. Ja. Ja. Danke."

Als ich mir das Telefon in die Gesäßtasche schiebe, reißt sich Tobias von Kenan los und sprintet aus der Küche. Inzwischen haben drei weitere Jugendliche am Esstisch Platz genommen. Großes Kino lässt sich niemand gerne entgehen. Es wird applaudiert und gejohlt: "Kenan, ey, voll der fette Loser, ey krääääss! Alta, Du blutest fett, Mann!"

Erneute Ansage meinerseits: "Noch ein Mucks von egal wem und derjenige ist für heute draußen."

Zack. Ruhe. Minus 12 Grad. Danke.

Kenan betastet seinen Kopf, glotzt auf Blutfinger und ich rechne mit dem Platzen seiner Halsschlagader. Er rappelt sich auf, rast auf die Küchenzeile zu, reißt völlig übersteuert eine Schublade nach der anderen auf bis er das Besteck gefunden hat. Scharfe und große Messer schließen wir weg, aber das normale Essbesteck bleibt für die Jugendlichen zur freien Verfügung. Er schnappt sich den kompletten Plastikbesteckkasten, schleudert ihn in Richtung seiner Zuschauer am Esstisch. Das Fliegen von Messern und Co. wird mit Gelächter quittiert.

"LOL! Wie der abgeht, wie der abgeht! Altaaa! LOL, ey krääääässs. Wie du abgehst! Fett!"

Kenan schnappt sich eins der Messer vom Boden und hackt damit in den Esstisch. Völlig außer sich brüllt er "Ich stech Tobias ab, ich schwör, Mann. Ich stech den ab, den Sack. Der is tot. Der is so was von tot!" und steuert die Küchentür Richtung Flur an.

"Tobias, schließ Dich in Deinem Zimmer ein. SOFORT!" schreie ich so laut und so unpanisch ich kann in der Hoffnung, dass dieser Hinweis ihn erreicht bevor Kenan es tut.

"Wiesooo?" höre ich Tobias krähen.

Mit den Worten "Du bist tot, Du dreckiger Wichser!" sprintet Kenan los.

"Tobias, maaaach! SOFORT!" schreie ich.

Das Getöse der Glotzmeute am Esstisch ist zu laut, als dass ich eine Tür zuknallen oder ein Türschloss klacken hören könnte. Also hoffe ich einfach, dass Tobias nicht dumm wie Brot ist und eins und eins zusammengezählt hat.

Ich wende mich der Esstischfraktion zu: "Ihr verlasst JETZT das Haus!"

"Was? Wieso denn? Wir haben doch nix gemacht!? Wir sitzen hier nur. Der geht doch so ab!"
"Ich geh doch nich raus, nur weil der Behinderte so abgeht, ey!"
"Alte Scheiße, weißt Du wie kalt das draußen ist? Ich geh da nich raus. Voll nich!"

"Weißt Du wie kalt Dir wird, wenn Kenan gleich vor lauter Frust mit dem Messer auf DICH einsticht?" Ich ziehe Samuel den Stuhl unterm Hintern weg. "Das ist mein Ernst. JETZT! RAUS!"

Die drei Herren schieben sich betont lässig Richtung Ausgang. Am anderen Ende des Flurs tobt Kenan vor Tobias Tür rum, drischt mit dem Messer auf Stein, Holz, Metall.

"Ey, Du Spast, das kriegst Du zurück!" zischt ein Esstischkerlchen den Flur runter. "Wegen Dir müssen wir jetzt raus. Scheissmoslem!"

Dann fällt die Haustür ins Schloss.

Ich gehe zurück in die Küche und beziehe wieder Position in meinem angrenzenden Bürotürrahmen, werfe einen Blick aus dem Fenster und sehe leider keinen Streifenwagen, sondern die drei Esstischdeppen, die sich auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig aufblasen, vor geparkte Autos treten, auf Windschutzscheiben rotzen, Büsche am Gehweg aus der Erde reißen und Passanten anbrüllen.

Regulär wäre nun ein Anruf bei der Polizei fällig. "Randale, ja, Ecke noch mal. Einrichtung XY, ja. Autos. Sachbeschädigung. Ja. Bis gleich." Aber die Herrschaften sind ja bereits unterwegs. Wenn ich Glück habe."Wichtige Links zu diesem Text"
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66 Antworten

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    schöner artikel! schön geschrieben. die dialoge lesen sich flott, gut gemacht. ich habe mich hier auch mit einem ersten artikel probiert: http://www.neon.de/kat/wissen/job/336100.html

    18.04.2011, 10:05 von papa_persepolis
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    Genau das gleiche berichtet eine Freundin von mir, die auch in einer ähnlichen Einrichtung arbeitet, auch immer. Ich hörte beim Lesen fast schon ihre Stimme.

    10.12.2010, 20:50 von topfbluemchen
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    gefällt mir sehr gut, hab mehrmals lachen müssen..kenn ich aus meinem berufsalltag nur zu gut..is zwar nicht so häufig, aber man weiß watte meinst! gibt auf jeden fall eine emfehlung

    26.07.2010, 01:29 von Chaosmotte
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    Sehr plastisch. Die Gespräche sind angenehm vertraut, waren sie doch auch von der Substanz her die Straßengangkommunikation der 60er. Funktionale Ignoranz ist nicht zu unterschätzen.

    08.02.2010, 20:55 von DarioChissono
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    Ok, lassen wir dieses "Überheblickeits"-Schmecklichkeits-Gedöns mal weg. Bleibt immernoch, dass die Erzählerin durch ihr Verhalten den Konflikt mitheraufbeschwört. Und der hätte durchaus schlimmer ausgehen können. So what. Erlaube mir ja auch wirklich kein Urteil über den Erzähler, sondern lediglich über das situative Verhalten. Nichs für ungut...

    Shalom

    04.02.2010, 17:42 von Ben_Chof
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    Sorry, aber mich nervt die Überheblickeit der Erzählerin. Nicht sie ist das Opfer, im Gegenteil: Ich kann mich nicht über die primitive Art der Bewohner echauffieren, gleichzeitig aber so wenig Einfühlungsvermögen haben, dass ich selbst einen Konflikt heraufbeschwöre. Das Kenan sich über Tobi lustig macht, war zu erwarten. Sich selbst stark machen, indem ich andere schlecht mache. Tobi muss, um nicht ganz zum Gespött zu werden, (es sind ja auch noch andere Jungs im Raum) reagieren. Das er nicht diskutiert, ist jetzt nicht überraschend. Wäre etwas Schlimmeres passiert, hätte die Erzählerin einen maßgeblichen Anteil. Lustig ist an der Geschichte nichts, es sei dann man will sich durch seine "bessere" Ausdrucks- und Umgangsfähigkeit im Vergleich ebenfalls "stark" machen.

    03.02.2010, 12:20 von Ben_Chof
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      @Ben_Chof Ben_Chof, du musst einfach mal ein bisschen mehr Liebe in dein Leben lassen!

      03.02.2010, 13:15 von frl_smilla
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    alleine im Dienst............ich ziehe meinen Hut!Respekt!

    01.02.2010, 18:52 von flamenca_anja
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    "Für zum Pizza schneiden."
    "Nee. Da nimmst Du ein Messer."

    Das muss hier mal gesagt werden: Pizza mit der Schere zu schneiden geht viel viel besser als mit dem Messer! Probier es aus!! Am Anfang lachen alle, aber ich hab schon viele davon ueberzeugt!!

    Da hat der Tobias, die arme Sau, mal echt ne klasse Idee und wird dann gleich fuer komplett bescheuert erklaert, kein Wunder, dass der dann so craz abgeht. Wuerd ich auch.

    01.02.2010, 14:01 von qfisch
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      @qfisch Scheisse, jetzt ist der Artikel hier nicht mehr vorn auf der Startseite. Kein super-Scheren-Idee spreading...

      01.02.2010, 14:03 von qfisch
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    klingt auf jedenfall sehr interessant. Ich hoffe für dich das dir dennoch deine Arbeit Spass macht?!
    Schön zu sehen das es immer noch starke Nenschen gibt die sowas machen!

    Mich regt es auch immer wieder auf wenn ich lese/höre das wieder irgendwo Einsparungen im Jugendbereich vorgenommen werde.

    01.02.2010, 04:36 von seelen_striptease
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    jo

    31.01.2010, 23:58 von eildix
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