sophietrauer 30.11.-0001, 00:00 Uhr 30 38

Kirschsaft

Über die Haltbarkeit von Flecken und Geduld.

Ey, machma Platz für das Brot!"
"Andreas, das mache ich gerne, aber du kannst das auch höflicher sagen."
"Bitte, machma Platz."
"So?"
"Jaa, danke."
Wir kurven um die Gemüsekonserven, ich rette die Dosenpyramide vor der Wucht unseres Einparkmanövers mit dem Wagen und sehe mich um. Anita ist bei den Lebkuchen stehen geblieben und singt nuschelnd "Stille Nacht". Es ist September, ein Siebenjähriger zeigt auf sie und tippt sich an die Stirn. Andreas verfolgt inzwischen ein älteres Paar und kommentiert ihren Einkauf. "Die Wurst mag ich auch total gerne!" Die beiden versuchen, ihn abzuschütteln. Andreas merkt das, und es scheint ihn zu betrüben. Ein Schatten huscht über sein sonst unerschütterliches Grinsen.
Micha hat schon vier Gläser eingekochte Kirschen auf dem Arm, Gefahr im Verzug! Ich versuche, so schnell wie möglich zu ihm zu kommen, ohne ihn zu erschrecken.
"Micha, wir brauchen keine Kirschen, stellst du die Gläser bitte zurück?" Kopfschütteln, ein Spuckefaden schwingt durch die Luft. "Komm, ich helf dir. Vorsichtig, hier -" Ohrenbetäubendes Klirren, Micha erstarrt - bitte, bitte nicht! bete ich stumm - da fängt er schon an zu schreien. Kauert sich zusammen, hält sich die Ohren zu und brüllt. Roter Saft überall, meine neue Jeans ist bis zu den Oberschenkeln eingesaut, und das Zeug ist bestimmt auch als haltbarer Gartenmöbelanstrich geeignet. Kacke.
Micha wiegt sich vor und zurück. Dieser Anblick versetzt mir einen Stich in der Bauchgegend. Welche Bilder quälen ihn wohl, wenn er so dichtmacht? Ich hocke mich neben ihn und greife vorsichtig nach seiner Hand. "So schlimm ist das nicht. Ist ja gut." Anita schlenzt um die Ecke und fängt an, mit Patschehändchen über Michas Kopf zu streichen. Andreas hat sich auch wieder eingefunden und fängt an zu lachen über die schöne rote Farbe, die sich auf dem Boden ausbreitet. "Tobi, du hast Saft an der Nase! Hähähähä!" keckert er und wedelt mit den Händen.
Über Michas Gesicht kullern dicke Tränen, aber er schaut wieder hoch, schaut mich ängstlich an. "Komm, wir holen jemanden, der das saubermachen kann." sage ich, und lächle. Er beruhigt sich, wehrt Anitas Hände ab, und kriegt einen Schluckauf, was Andreas sofort wieder in meckerndes Gelächter ausbrechen lässt. Ein böser Blick von Micha bringt ihn zum Verstummen. Ruhe, wie herrlich.
Inzwischen ist auch eine bekittelte Dame aufgetaucht. "Was ist denn hier.." Sie fängt meinen flehenden Blick auf, und bleibt tatsächlich freundlich. "Entschuldigen sie bitte. Das war ein dummes Versehen. Können wir ..?" "Ich mach das schon" brummelt sie und nickt mir zu.
Ich schnappe den Korb, und unser Grüppchen bleibt jetzt eingeschüchtert beieinander.
"Anita, nimmst du vier Packen Milch?" "Micha, welchen Käse sollen wir nehmen?" "Nein, Schokolade haben wir noch." "Wir kaufen kein Bier, Andreas!" Bis zur Kasse fühle ich mich wie ein routinierter Dompteur. Sofort schäme ich mich für den Gedanken.
Eine ältere Dame drückt sich misstrauisch aus unserem Weg und glotzt unverhohlen. Wut steigt in mir auf. Wie gerne würde ich ihr Anitas filigrane Aquarelle zeigen, Andreas Talent, andere aufzuheitern, preisen oder schildern, wie Micha nach drei Wochen neben seiner verstorbenen Mutter in der Plattenbauwohnung gefunden wurde. Ich will sie schütteln, schocken, locker machen. Stattdessen schaue ich sie einfach genauso offen an wie Andreas. Betreten senkt sie den Blick und fingert an ihrem Einkaufszettel.
Mein Handy klingelt - so ein schlechtes Timing hat vermutlich nur meine Liebste. Ein Blick auf das Display gibt mir Recht. Also balanciere ich auch noch das Telefon zwischen Kinn und Kragen, während ich unsere Einkäufe aufs Band packe und mich um meine eigene Achse drehe wie ein Derwisch, um die Drei nicht aus den Augen zu verlieren. "Hey Süße! Hab grad nicht wirklich Zeit... nee, bin bis sieben eingeteilt... echt? Glückwunsch! Ja, ich komm dann vorbei.. ach so, was hast du denn vor? Soll ich dorthin kommen? Okay, bis später... hmm, mach ich. Okay, okay, du, ich muss jetzt!" Die Kassiererin schaut schon genervt. "Tschühüß!"

Zwei Jahre später schlendere ich in einer anderen Stadt durch einen anderen Supermarkt. Es ist Samstag, ich gönne mir eine fünfminütige Grübelei vor dem Schokoladenregal. Heute mal der teure Espresso und Biobrot. Eine ältere Dame braucht schier Ewigkeiten, um die richtigen Dosenchampignons auszusuchen. Ihr Korb steht dabei quer im Gang. Genervt ziehe ich Luft zwischen den Zähnen ein. Ich suche meinen Lieblingsjoghurt, wähle mit Bedacht den am wenigsten zerknautschten Salatkopf aus. Die Vordiplomprüfungen sind gerade vorbei und ich habe einen neuen Job, zur Feier des Tages will ich meine Mitbewohner bekochen.
An der Kasse ist die Omi wieder vor mir. Tatterig packt sie ihre Sachen auf das Band, sie hat den Wagen so blöd hingestellt, dass sie an die Hälfte nicht herankommt. Beim Bezahlen rollt eine Handvoll Kupfermünzen über den Scanner, mit gichtigen Fingern kramt sie im Portemonnaie und besteht darauf, es passend zu haben. Oh Mann, ob das heute noch wird? Inzwischen schubst die Mutti hinter mir ihren Kinderwagen in meine Knöchel, während sie das Baby schaukelt, ihren Rucksack leert und auch noch ununterbrochen in ihr Handy plappert. Wollen mir alle meinen sonnigen Tag versauen? Mein Blick fällt wieder in den Korb der Oma. Da steht ein Glas eingekochte Kirschen.

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30 Antworten

Kommentare

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  • 0

    Ganz ganz toll...wirklich!!! Du schreibst so schön!

    28.04.2009, 13:49 von schickschick
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    man du hast mich mal wieder begeistert, Danke!
    :)

    28.12.2008, 11:18 von Supamanec
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    irgendwie kommts mir so vor als lege in dem letzten Satz auch ein bisschen Wehmut. Aber schön was gewisse simple Gegenstände für Erinnerungen an die Oberfläche holen können.

    12.12.2008, 09:55 von Kathifratz
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  • 0

    schön. sehr schön.

    21.11.2008, 23:53 von TiffanyDeLuca
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    Sehr guter Text.
    Regt auf jeden Fall zum nachdenken an :)

    19.11.2008, 20:41 von Herzdame.
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    ...thumbs up! ^^

    10.11.2008, 00:02 von Kiyan
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    Beeindruckend, weil viel zu wahr!
    Du hast ja so recht... *sich an die eigene Nase pack*

    09.11.2008, 23:07 von Acetabularia
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    total schön, wie bildlich du (be)schreibst, ich konnte mir die szenarien bestens vorstellen :).
    es macht spaß den text zu lesen, regt aber auch zum nachdenken an. eine gute kombination.

    07.11.2008, 18:11 von frauprompelmeier
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    brilliant.
    wirklich brilliant.

    06.11.2008, 15:20 von Wunderkind.
    • 0

      @Wunderkind. nee, obstkonserven halt.
      danke^^

      06.11.2008, 16:55 von sophietrauer
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  • 0

    Schön. : )

    (Wusste gar nicht, dass Kirschsaft so ne gute Metapher abgeben kann.)

    06.11.2008, 13:33 von Honigmelone
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