sparklenina 30.11.-0001, 00:00 Uhr 41 67

Kinder, die die Welt nicht braucht.

Manche traurige Geschichte findet man an Orten, an denen man sie am wenigsten vermutet. Von armen, reichen Kindern.

"Ich hole euch in einer Stunde ab", rufe ich dem Rotschopf nach, der gerade über das matschige Fussballfeld läuft. Er dreht sich um und winkt mir zu, bevor ich den schwarzen SUV zurück auf die nasse Strasse lenke. Sarah sitzt auf der Rückbank und folgt mit ihrem Zeigefinger den abperlenden Tropfen auf ihrem Weg das Autofenster hinunter. "Wie war dein Tag, Sarah", frage ich und schon ergiesst sich über mich ein Wortschwall von dem sonst so stillen Mädchen. Ich weiss sie geniesst diese Zeit, diese eine Stunde am Dienstag Nachmittag, in der sie mal ein Einzelkind ist und nicht nur ein Viertel der Aufmerksamkeit erhaschen kann.

Als wir in die Hofeinfahrt biegen, sieht Sarah den schwarzen Mercedes sofort. "Mama ist schon da", staunt sie. Ich bin auch überrascht und folge der aufgeregten Sarah ins Haus. Als ich die Schultasche an den richtigen Ort gehängt und Sarahs unachtsam hingeworfene Schuhe in ihr Fach geräumt habe, betrete ich die Küche. Am Tisch sitzt eine müde Frau, die mich anlächelt und sich dann über das scheussliche Sommerwetter beschwert. Vor ihr liegt, neben einem perlenden Glass mit Diät Cola, die neue Vogue. "Wo sind die Anderen", fragt sie mich, während sie Sarah wieder von ihren Knien schiebt und den Rock ihres cremefarbenden Kostüms glattstreicht. "Samuel und Chris sind beim Fussball training, Hannah hat heute Ballett", informiere ich sie, während ich einen Joghurt aus dem Kühlschrank hole und auf den Tresen stelle. "Ich dachte Ballett ist Donnerstags", wundert sie sich und nippt an ihrer Cola. "Nein das war der alte Plan. Diesmal ist es Dienstags", kläre ich sie auf. "Und das ist schon seit drei Monaten so", füge ich in Gedanken hinzu. Sie schaut etwas verwundert und wirft einen Blick auf die Uhr. "Mami, darf ich dir mein Diktat zeigen? Miss Gardener hat gesagt meine Schreibschrift wird immer besser", fragt Sarah aufgeregt und läuft ohne auf eine Antwort zu warten aus der Küche. Die hätte sie ohnehin nicht bekommen, denn genau in diesem Moment fängt das silberne Handy auf dem Küchentisch an zu singen.

Als sie das Handy wieder zuklappt wendet sie sich mir zu. "Was gibt es Neues?" Ich versuche alles in Kurzform zu erzählen, von Christophers Termin beim Kieferorthopäden ("Das war heute?"), Samuels Ausflug zum Zoo ("Die sollten die Kids wirklich nicht bei diesem Wetter draussen rumlaufen lassen. Wenn er krank wird kann er wieder nicht in die Schule"), und Hannahs Ärger mit der besten Freundin ("Diese Sofie kann ich sowieso nicht leiden. So unerzogen. Aber bei der Mutter ist das auch kein Wunder..."). Sarah steht mittlerweile vor ihrer Mutter und wedelt mit ihrem roten Diktat-heft herum. "Mami, guck. Guck da. Einen Stern habe ich bekommen," sagt sie, als sie deren Aufmerksamkeit endlich ergatter hat." Ihre Mutter liesst sich den Kommentar der Lehrerin durch und blickt auf . "Wir müssen wirklich an ihrer Rechtschreibung arbeiten." Ich nicke. Sarah schaut ihre Mutter an "Mama, guck. Guck wie schön das S geschrieben ist. In Schreibschrift. Schön oder?" Ihre Mutter guckt auf das Heft und nickt kurz.
"Vielleicht kannst du ein paar Übungsblätter von der Lehrerin, wie heisst sie noch gleich...?"
"Miss Gardner", ruft Sarah.
"Ja genau. Vielleicht hat sie sowas."
"Ich werde sie fragen", versichere ich und denke an den grossen Stapel Übungsblätter, die noch im Bastelschrank liegen. Sarah versucht noch immer nur ein lobendes Wort aus ihrer Mutter zu bekommen. "Ich habe sogar 'pencilcase' richtig geschrieben, so ein langes Wort, oder Mama? So lang und ich hab es richtig. Sogar Kathy hat das falsch, und ich hab es..." sprudelt es aus hier heraus bevor sie von ihrer Mutter unterbrochen wird, die sich gerade an die Schläfen fasst und diese leicht massiert. "Ja aber dafür hast du ein kurzes Wort wie 'how' mal wieder falsch geschrieben", sagt diese nur und steht auf. "Ich fahre jetzt zur Massage, ich muss mal was für mich tun. DIeser ständige Stress, ich habe schon wieder Kopfschmerzen", sagt sie und verlässt die Küche auf dem Weg in ihr Zimmer. Sarah schaut ihr wortlos hinterher und klappt ihr Diktat-heft zu. Als ihre Mutter das Haus verlässt, schaut sie ihr nicht nach, sondern isst gedankenverloren ihren Joghurt.
Zwei Stunden später habe ich alle Kinder abgeholt und das Abendessen auf dem Tisch. Während des Essens höre ich Geschichten von Traumtoren und neuen Tamagotchies, Diktaten und matschigen Fussballplätzen. Nachdem ich den schlammigen Teil der Meute gebadet und den Mädchen die Haare geflochten habe, versammeln sich alle auf meinem grossen Bett. Erst werden wieder die Kämpfe um die warmen Plätze zu meiner Linken und Rechten entschieden und dann lauschen vier Paar Ohren den neuen Abenteuern des Zauberschülers Harry Potter. Nachdem das Kapitel natürlich wieder viel zu kurz war, werden Gute-Nacht-Küsse verteilt und Ausreden überlegt, was denn noch alles gemacht werden muss, bevor dann endlich das Licht ausgeht.

Müde aber erleichtert kehre ich auch diesem Tag den Rücken und entspanne ersteinmal beim Spühlen und packe danach die Pausenbrotdosen für den nächsten Tag. Ich habe noch soviele Hausaufgaben zu machen und die Zwischenprüfung in Bio ist auch nicht mehr in allzu ferner Zukunft. Nach dem Füttern des Kleintier Zoo's bestehend aus zwei Hunden, zwei Katzen einem Meerschwein und einem Kaninchen, zwei Wellensittichen und einem Fisch der so aussieht wie der Zeichentrickfisch Nemo, habe ich auch Zeit für meine Bücher. Irgendwann schaue ich auf die Uhr und stelle fest, dass es schon 23 Uhr ist. Ich schliesse mein Buch und gehe nochmal nach oben um zu gucken ob die kleinen Monster nicht wieder irgendwelche Pajama-parties veranstalten. Doch alle schlafen tief und fest. Aber einer liegt nicht in seinem Bett. Christopher.

Ich wunder mich gar nicht mehr. Ich weiss genau wo er ist. Ich schleiche zum abgeschlossenen Elternschlafzimmer. Dort finde ich einen Neunjährigen, zusammengerollt wie eine Katze, mit Gänsehaut auf dem Boden vor der geschlossenen Tür liegend. Vorsichtig hebe ich ihn hoch. "Nein", beschwert er sich schlaftrunkend. "Ich muss hier auf Mami und Dad warten, ich muss ihnen sagen dass ich neue Fussballschuhe brauche...", murmelt er und legt seinen Kopf auf meine Schulter, der sicher genauso schwer ist wie seine Lider. "Mami und Daddy kommen später. Du kannst es ihnen morgen sagen." Ich wunder mich jeden Tag dass diese Kinder sich immer noch vertrösten lassen. Aber Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Christopher hat weder seinen Vater noch seine Mutter in den letzten zwei Tagen zu Gesicht bekommen. Obwohl sie Nacht für Nacht im selben Haus schlafen. Ich bringe den müden Racker zurück in sein Bett und kann schon nach wenigen Minuten wieder seinen gleichmässigen Atemzügen lauschen. Ich weiss genau dass er morgen früh wieder um sechs aufstehen wird um wenigsten einen Blick auf seine Eltern zu erhaschen. Meistens kann er aber nur noch dabei zuschauen wie sie vom Hof fahren.

Vier Kinder, die die Welt nicht braucht. Oder zumindest deren Eltern, die sie gern nur schlafend sehen. Die Eltern gehen aus dem Haus und kommen wieder, wenn ihre Sprösslinge noch oder schon wieder im Bett liegen. Dazwischen liegen Tage voller Kindheit, von denen sie kaum eine Ahnung haben. Sie kennen nicht den Namen der Lehrer oder der besten Freunde. Sie wissen nicht welcher Hannahs Lieblingspullover ist oder wie weit Samuel jetzt schon ohne Stützräder radeln kann. Das Sarah jetzt lieber einen Apfel statt einer Banane in der Butterbrotdose haben möchte, oder dass Chris sich wieder mit seinem besten Freund vertragen hat können sie auch nicht wissen. Sie kennen ihre Kinder eigentlich nur von Schulnoten und den Videos, die ich von sämtlichen Schulauftritten mache. Als ich diesen Job annahm, dachte ich ich würde als Kindermädchen mein Collegegeld verdienen. Nun bin ich eine 22-jährige Mutter von vier Kindern, die alles haben, ausser Eltern. Ein iPod gibt einem Neunjährigen nicht die Annerkennung die er von sich von seinem Vater wünscht und auch die teuren Fussballschuhe nützen kaum etwas, wenn der Papa nie am Feldrand steht und die Tore bejubelt, die damit geschossen werden. Arme reiche Kinder. Und wenn ich so meine trotzdem so meine Truppe ansehe, wenn sie mich in ihre bunte Gedankenwelt einladen und von ihren Tagen in der Welt da draussen berichten, dann kann ich nur sagen, dass auch die reichen Eltern ziemlich arm sind. Haben sie doch diese vier wundervollen Menschen in diesem Haus, und wissen es noch nicht einmal. Sie kennen sie gar nicht. Manchmal fragen sie mich was so in ihren Erben vorgeht. Aber auch ich bin schon viel zu lange in der Erwachsenenwelt um es ihnen in der bunten und aufregenden Kindersprache erzählen zu können. Ich glaube auch nicht, dass sie auch nur ein Wort davon verstehen würden.

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41 Antworten

Kommentare

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    Ich finde die Idee hinter der Geschichte wirklich klasse! Der Umgang mit den Wörter ist an manchen Stellen wirklich fabelhaft, an anderen Stellen bremst er wieder den Lesefluss. Die Umsetzung ist also nur teilweise gelungen, finde ich. Und das ist wirklich schade. Auch wurde an manchen Stellen die Kommasetzung ein wenig vernachlässigt oder kleine Fehler haben sich eingeschlichen. Das ist alles wirklich ein wenig ärgerlich. Ich würde dem Autor empfehlen, den Text noch einmal zu überlesen und die paar Fehlerchen auszubessern:
    (Bsp.: "Und wenn ich so meine trotzdem so meine Truppe ansehe(...)"

     Dann macht das Lesen noch mehr Freude ;)
    Danke für den schönen Inhalt!

    02.12.2013, 20:27 von .infrathin.
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    ... es wundert mich, dass hier einigen dieses Thema irgendwie gar nicht präsent ist und der Text 'doch mal zum Nachdenken' anregt. Meiner Meinung nach liegt in diesem Thema eines der Hauptprobleme, die unser Landes/unsere Gesellschaft hat. Eltern sollten immer präsent für ihre Kinder sein und Eltern sollten ihre Kinder auch selbst erziehen und sich der Verantwortung auch bewusst sein. Wenn ich als Frau meine, ich muss Karriere machen und meinen Beruf Kindern vorziehen oder ich möchte als Paar meine hippe Unabhängigkeit nicht verlieren, dann darf ich mich auch nicht beschweren, wenn ich den Bezug zu meinen Kindern verliere und keinen Einfluss auf sie habe, weil sie in einem Ganztageshort fremderzogen werden. Hinzu kommt aber leider auch die Problematik, dass unsere Gesellschaft und unsere Politik es Eltern kaum ermöglichen, dass 1 Elternteil zu Hause bleiben kann und das Kind erzieht und sich mit ihm beschäftigt und lehrt und sich zusätzlich um die viele Arbeit drumherum kümmert - und das IST Arbeit. Meinen Respekt an alle Mamis und Papis. Ein 2. Einkommen ist heutzutage in den meisten Fällen zum Leben leider nötig. *** Schöner Text - der leider traurige Wahrheit in vielen Familien sein wird.

    19.10.2010, 17:59 von Hoemmewoemm
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    Zuerst dachte ich du wärst der Daddy, das war schon ein Schock.

    17.12.2009, 10:13 von Tanea
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    leider wird das ja immer mehr zum neuen "trend"...
    letztendlich sollten man sich wohl erstmals entscheiden was einem wichtiger ist.
    familie oder karriere...^^
    schön geschrieben :)

    24.10.2009, 17:11 von IIR
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    wunderschön und so gefühlvoll geschrieben. Man spürt, wie sehr Kinder ihre Eltern brauchen um kind zu sein und erwachsen zu werden.

    11.05.2009, 10:32 von Koeniglich
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    Ich bin auch Au Pair in den USA und hab drei kleine Racker. Ich kenne diese Storys zu genüge und will nur mal berichten, dass es auch die andere Seite gibt. Klar sind die Eltern hier auch viel am arbeiten, allerdings verbringen sie jede freie Minute mit den Kids und lieben sie abgöttisch.
    Manchmal ist es schwer, weil ich abgeschrieben bin, sobald ein Elternteil da ist und es manchmal weh tut, aber wenn ich deine Geschichte lese wird mir wieder klar wie gut das eigentlich ist. Denn ich bin eben wirklich nur ein Jahr hier und wenn es anders wäre würde es wahrscheinlich nur noch mehr wehtun, wenn ich wieder gehen muss.
    Nur mal ein kleiner positiver Bericht aus den Staaten =)

    05.05.2009, 16:38 von Wennecke
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    Altes immer wieder neues Thema.
    Schöne Worte hast Du gefunden dafür.

    22.04.2009, 15:10 von LudwigMartin
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    Schön ist doch zu wissen, dass auch sträflich vernachlässigte Kinder einen solchen Selbstschutz entwickeln, dass sie "normal" werden können. Als Pädagogin kenne ich die Situation gut und muss leider berichten, dass viele Kinder anfangen ein unmögliches (und teils illegales) Verhalten an den Tag zu legen, weil hal auch negative Beachtung immernoch Beachtung ist. Einige verziehen sich so in diese materielle Welt, in der sie alles bekommen, solange sie still sind, dass sie in der realen Welt keine chance auf Sozialisation haben und das, was ich persönlich am Schlimmsten finde, sind diese viel zu erwachsenen und emotional abgestumpften Kinder, deren Kinder mal genauso werden, weil im Laufe der Generationen niemand mehr gelernt hat, was Liebe ist, wie sie aussieht und vor allem wie man sie vermittelt

    07.12.2008, 01:19 von lara87
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    super schöner Text!!! Aber ich find den krassen Titel sehr passend...Das ist es doch, was solche Eltern mit ihrem Verhalten auslösen: Kinder, denen vermittelt wird, dass die Welt sie nicht braucht....

    09.06.2008, 13:10 von Wanderstock
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