hib 30.11.-0001, 00:00 Uhr 38 66

Kill 'Em All

Ist das Sterben für dich so okay?

Kill ´Em All

Es ist Samstagvormittag im August. Ich liege in meinem Bett und schlafe. Ich träume von nichts. Ich schlafe den Schlaf der verzechten letzten Nacht. So tief, kein Vogel auf dem Baum weckt mich, kein Auto auf der Straße kann mich, kein Stein schmeißt meine Scheibe ein. Ich höre nichts. Ich bin völlig dicht. Mein Kopf liegt auf dem Kissen, wie der Nebel über London bei feuchter Nacht. Wenn ich nachher aufwache, wird mir der Schweiß auf der Stirn stehen. Meine Haut wird wie eine Tapete sein, die in einem alten Haus hängt, das bald abgerissen werden soll. Schwer, schwitzig, fleckig und in Fetzen. Mein Herz schlägt mir schwer gegen den Hals. Es macht sich frei von all dem Dreck, den ich letzte Nacht in mich hinein gepumpt habe. Die Adern an meinen Arm sind zum Zerbersten gefüllt mit dem Rausch der letzten Stunden. Sie spannen sich unter meiner Haut, dass es nur so knistert. Wenn ich gleich aufwache, wird mir das Leben in den Ohren rauschen. Auf dem Display meines Telefons blinkt ungeduldig die schöne Nachricht einer noch viel schöneren Frau und wartet auf mich. Wenn ich sie lese, werde ich breit grinsen und bis zum lakigen Boden meines Bettes zurücksinken. Wie ein bunter Stein, den man in Milch wirft. Ich werde die Sonnenstrahlen an meiner Decke zählen und mich lebendig fühlen. So war es zumindest geplant.

Aber es kommt anders. Klar. Es klingelt. Ich verleugne es. Henkele mich bei Schlafes blassem kleinem Bruder unter und rutsche zurück in den dunklen, warmen Keller meiner Seele. Aber irgendjemand scheint die Kellertür offen gelassen zu haben. Ich höre es immer noch. Wer auch immer da klingelt. Es ist niemand, der mich besonders gut kennt. Um die Zeit weckt mich keiner meiner Freunde. Die wissen, dass ich nicht erreichbar bin. Bis um zwei mindestens nicht. Ich denke, er oder sie wird schon gleich aufgeben. Doch es klingelt weiter. Und ich mache die Augen auf. Kleine spitze Lichtstrahlen kratzen mir die Augen aus. Okay, du hast es nicht anders gewollt. Jetzt mach ich dir stinkend in Unterhose die Tür auf. Und es wird dir noch unangenehmer sein, als mir. Ich packe meine schweren Beine auf das kalte Laminat. Es klatscht, als ich zur Tür laufe. Das Zimmer dreht sich um mich wie ein brennender Mond und in meinen Kopf schlagen kleine Meteoriten ein. Wer auch immer da ist, er wird wieder gehen müssen. Und zwar sofort. Ich packe die Klinke und reiße die Tür auf. Vor mir steht ein junger Mann. Vielleicht so um die dreißig. Schwarzes Metallica T-Shirt. Kill ´em all steht darauf. Schwarze Schuhe, schwarzes Jackett, schwarze strubbelige Haare. Er schaut mich freundlich an und fragt: "Hi Theo, kann ich reinkommen?"

"Ähm, hi, kennen wir uns?" Ich stochere mit meiner schuppigen Zunge wie ein blinder Fischer im trüben Wasser meiner grauen Lagune. "Nein, noch nicht. Aber deshalb bin ich ja hier. Damit wir uns endlich mal kennen lernen, Theo." Er hustet plötzlich laut, zieht eine große Brosche hoch und spuckt sie vor die Tür meiner Nachbarn. Auf dem Flur liegt jetzt ein schwarzer Schleimklumpen und trägt nichts zur Verbesserung der Situation bei. Ich glaube mir bleibt der Mund offen stehen. Eine meiner Augenbrauen zieht sich bis nach oben unter den Haaransatz und schlägt dort Wurzeln. "Und wer bist du? Und was willst du eigentlich von mir?" Er mustert mich kurz. Er seufzt. Es klingt ein bisschen wie ein Schäferhund. Der Seufzer rast wie wild zwischen den Wänden des Treppenhauses hin und her. "Theo, lass mich doch erst mal rein. Dann setzen wir uns hin und reden in Ruhe. Keine Angst, ich will dich nicht abziehen oder sowas. Ich will mich einfach nur kurz vorstellen. Schließlich bin ich für dich zuständig." Was hat er da gesagt? "Was hast du gesagt? Du bist zuständig für mich? Wie jetzt? Kommst du vom Finanzamt oder wie?" "So ähnlich", sagt der fremde Typ im schwarzen Kill ´em all Shirt zu mir und grinst. Seine Zähne sind schlecht geputzt. "So ähnlich, Theo. Ich bin der Tod, Sensemann, Schlafes Bruder, wie auch immer du mich gern nennen willst. Und ich hab heute ein Kennlerngespräch bei dir. Hast du meinen Brief mit dem Termin nicht bekommen?"

Er kramt in seiner Tasche und zieht etwas heraus. "Hier hast du meine Karte." Und plötzlich hält er mir eine Visitenkarte vor die Nase. Schwarz laminiert, weiße, feine Schriftart, dickes Papier. "Tod, der", steht darauf. Sonst nichts. Mir fallen die Augen auf die Zehen. Nach zwei toten Sekunden sage ich: "Okay du Freak, das reicht. Ich wünsch dir noch einen schönen Samstag." Dann knalle ich die Tür zu. Also, ich knalle die Tür fast zu. Denn sein Fuß steht zwischen mir und einem ruhigen Samstagvormittag. Durch die fünf verbleibenden Zentimeter zwischen Tür und Rahmen sagt er mit einer Stimme, die so fest ist wie der Beton in meinen Wänden: "Theo, lass mich rein, sonst mach ich dich gleich kalt." Das wirkt. Ich mache die Tür wieder auf. Ich bewege mich, als hätte ich in Kleister gebadet. Meine Kniescheiben vibrieren. Ich schaue ihn noch mal genau an. Er blickt mich fragend an und deutet auf meinen Flur. "Darf ich?" Ich mache den Weg frei. "Na also, geht doch. Danke! Dauert auch gar nicht lang." Der Tod läuft durch meinen Flur. Ich bekomme die Haut einer Mastgans. Er lässt seine Schuhe an. Und biegt nach links in mein Wohnzimmer ab. Ich höre, wie er sich auf die Couch setzt. Und mein Herz setzt aus. Ich schleiche hinterher.

Als ich ins Wohnzimmer komme, hat der Tod es sich schon gemütlich gemacht. Er sitzt auf der großen Ledercouch und begutachtet meine Plattensammlung im Regal daneben. "Bist du Metallica Fan?" Ich headbange schüchtern. Er mustert mich. "Siehst gar nicht so aus, hehe. Ich mag Heavy Metal, Theo. Die machen so viel Werbung für mich, das find ich gut. Ich mein, ich hab ja nicht gerade den besten Ruf, weißt du. Und die Jungs scheinen mich irgendwie zu mögen. Ich glaub die haben verstanden, worum es mir geht. Ich bin nämlich keiner von den bösen Jungs, weißt du Theo. Eigentlich bin ich eher so eine Art Opfer meiner Umstände. Ich mach halt meinen Job und die Leute denken immer, ich wär ein Idiot. Aber ich hab halt auch nen Chef, der manchmal echt beschissene Sachen von mir verlangt, weißt du. Früher, so vor 300 Jahren, da..." Seine Stimme blendet langsam aus. Mein Verstand fällt in Ohnmacht. Mein Körper bleibt stehen und spießt wie ein Pfahl die Luft in meinem Wohnzimmer auf. Ich kann nicht glauben, was hier gerade passiert. Auf meiner Couch sitzt ein Freak, der so tut, als wäre er der Tod und der Heavy Metal mag. Und das schlimmste daran war: ich fing langsam an, ihm zu glauben.

"Hey, Theo! Hörst du mir zu?" Seine Worte duschen mich kalt. "Ähm, ja. Ich hör dir zu. Dein Job und so..." "Jaja, Scheiße!", unterbricht er mich, "ich laber immer so viel. Man unterhält sich so selten gut in meinem Job. Die Leute, die ich beruflich treffe, sterben entweder gerade oder bekommen wie du keinen vernünftigen Satz raus. Man findet so selten einen, der dieselben Probleme hat wie man selbst. Aber okay. Ich bin ja wegen dem Business hier. Komm setz dich!" Er zieht mich neben sich auf meine Couch. Seine Hand ist so kalt wie meine Flasche Rum, die ich noch im Tiefkühlfach habe. Und die ich nachher in einem Zug leeren werde. Seine Temperatur macht mir Gänsehaut. Er hat quasi keine.

"Mein Freund, ich würde mit dir gern kurz durchgehen, wie wir das alles machen wollen. Du bist ja jetzt 30 und da gehen wir immer gern zu unseren Kunden hin, lernen uns mal kennen, reden ein wenig über das, was sich jeder so vorstellt und machen ganz lose was aus. Also, wir haben uns das nämlich so gedacht. Du rauchst ja, stimmts? Und trinkst hin und wieder gern deinen Verstand zu Brei. Vermutlich hast du auch nicht vor, das in den nächsten Jahren zu ändern. Versteh ich ja auch, macht ja auch sonst keinen rechten Spaß bei euch hier unten. Also schlagen wir vor, dass du mit 59 an Krebs stirbst. An Enddarmkrebs am besten. Das wirkt logisch, bei deinem Lebenswandel. Wir teilen dir die Diagnose recht spät mit, sodass du dich nicht mehr lang damit rumquälen brauchst. So eine Woche vor Schluss komm ich dann noch mal vorbei, wir machen den Vertrag klar und dann holen die Jungs und ich dich ein paar Tage später ab und dann geht?s nach Hause. Was sagst du dazu?"

Er blickt mich an wie Günter Jauch, der gerade die 50 Euro Frage gestellt hat. Ich bekomme kein Wort raus. Ich schaue ihn einfach nur an. Ein Telefonjoker wär jetzt nicht schlecht. Ich würde meine Mutti anrufen. Leider reicht mir niemand ein Telefon. Ich schinde Zeit.

Ich: "Ist das dein Ernst? Was du da sagst?"
Er: "Ich meine das todernst."
Ich: "Du bist wirklich der Tod? Und nicht einfach irgendein Metalfreak auf Drogen, der kleine Jungs erschrecken will?"
Er: "Seh ich etwa so aus?"
Ich: "Ja, verdammt! Du siehst aus, als ob du heute Abend zu Slayer gehst und noch ne gute Geschichte für deine Kumpels brauchst!"
Er: "Okay, ich gebe zu, das Outfit ist nicht das seriöseste. Aber die Kuttennummer kann ich auch nicht mehr bringen. Es unterhält sich doch keiner mit einem über den Tod, wenn man aussieht wie der Tod. Außerdem hab ich mir ständig den Mantel an der scheiß Sense zerschnitten. Also, Theo. Nochmal für dich zum mitschreiben. Ich bin der Tod und heute hier, um dich kennenzulernen und mit dir ein paar Dinge zu besprechen. Ich hab dir gerade ein Angebot gemacht. Jetzt bist du am Zug. Ist das Sterben für dich so okay?"

?nein?sterben an sich ist schon mal nicht okay?aber was soll ich ihm das erzählen?dafür ist er definitiv der falsche Ansprechpartner?okay?konzentrier dich aufs Wesentliche?59, 59, 59?das ist noch mal fast so lang, wie bis hier und heute?nich gerade viel Zeit?und Krebs?tut das nicht verdammt weh?gut, aber besser als verbrennen oder sowas?und was meint er eigentlich mit "nach Hause"?okay gut?beim Alter geht noch was?

Ich: "Ich würde gern älter werden. So 80 Jahre."
Tod: "Warum?"
Ich: "Wie warum?"
Tod: "Na warum du älter werden willst. Hast du noch was vor?"
Ich: "Ähhh?na klar hab ich noch was vor."
Tod: "Und was?"
Ich: "Na?ich will?also?ich würd gern meine Enkelkinder groß werden sehen. Ein Buch schreiben. Die Welt bereisen. Mit 59 geht man doch gerade erst in Rente. Meine Enkel brauchen doch ihren Opa!"
Tod: "Du hast noch nicht mal ein Kind, Theo."
Ich: "Ja, aber das hab ich mir vorgenommen. So für nächstes, übernächstes Jahr."
Tod: "Okay, 65. Mein letztes Angebot.
Ich: "70. Weiter runter geh ich nicht."
Tod: "Okay, 70. Aber dann verbrennst du."
Ich: "Verdammt!"
Tod: Komm, das ist fair. 11 Jahre länger, dafür ein paar mehr Schmerzen."
Ich: "Okay. Deal!"

"Fein!" Der Tod notiert etwas auf einem Zettel, reißt ein Stück davon ab und gibt mir schließlich den Durchschlag eines Gesprächprotokolls. Dann steht er auf und blickt mich von oben herab an. "Das ging ja schnell. Nach deinen Anlaufschwierigkeiten warste ja doch noch ganz vernünftig. Ich hatte schon Angst, ich müsste dich heute schon mitnehmen. Mann, das wär ein Stress gewesen. Der Papierkram im Falle eines plötzlichen Todes ist das schlimmste an meinem Job. Also, ich würde sagen wir halten das erst mal so fest. 70. Verbrennen. Ich komm dann noch mal vorbei, wenn du 40 geworden bist. Und das nächste Mal verschlampe bitte nicht wieder meine Terminkarte. Du kannst dir vorstellen, dass ich ne Menge Typen besuchen muss den ganzen Tag über und dass es nicht besonders schön ist, wenn einer in Shorts die Tür aufmacht, der so wenig Sport macht, wie du, Theo. Also, ich muss jetzt weiter zum nächsten Termin. Eine 90jährige, gleich drei Straßen weiter. Ich sag dir, die verhandelt härter als Stalin damals 45. Aber heute krieg ich sie! Ich hab ne Krebsart gefunden, die nicht wehtut. Ich denke damit klopf ich sie weich. Also, mein Freund. Bis in zehn Jahren."

Der Tod rückt sein Shirt zurecht, öffnet die Wohnzimmertür und verschwindet in den Schatten meines Flures. Kurz nachdem er schon verschwunden war, steckt er seinen Kopf noch einmal durch den Türspalt. Er grinst breit. Macht den Teufelsgruß mit Zeigefinger und kleinem Finger seiner rechten Hand."Burn motherfucker, burn.", ruft er mir zu. Und lacht. Und geht.

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    brilliant.

    15.01.2012, 21:37 von mo_chroi
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    Gefällt.
    So stell ich mir den Tod aber nicht vor...:)
    Handeln ist dagegen mal ne faire Option.

    07.09.2010, 22:26 von julina.
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    Coole Idee.

    Vergleiche finde ich oft passend und nicht schlecht, nur etwas inflationär eingesetzt. Weniger ist mehr und so.

    21.06.2010, 19:19 von praegnante
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    Ich finde den Schreibstil toll!

    21.06.2010, 12:23 von Ladidahh
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    Glückwunsch ... du hast meine 1. Empfehlung bekommen.
    Cooler Text ... Brandner Kaspar aufgefrischt! ...

    19.06.2010, 14:43 von HollyGolightly666
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    'ne Stunde nachdem ich den Text gelesen habe, hätte ich fast mein Zimmer abgefackelt. Und der Tod hat das vorher nicht mit mir abgeklärt! .D

    Find' den Text trotzdem sehr gelungen .)

    17.06.2010, 22:04 von Poverina.
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    Schön. Und erinnert mich an einen Satz den ich gerade gelesen habe:
    Wenn Du nur noch eine Stunde zu leben hättest, wen würdest Du dann anrufen, was würdest Du sagen - und worauf wartest Du noch?

    17.06.2010, 18:08 von Neja
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