Icke_un_du_ooch 29.03.2010, 22:10 Uhr 51 73

Kein Text über die Liebe.

Der Tod ist der größte Charmeur, sagt man.

Ich sitze hier auf dieser Bank und schaue über den Rand meines Buches hinweg. Die Sonne kitzelt mich an der Nase, so als ob sie sagen wollte "Lach mal". Also lächle ich ein wenig, auch in dem Wissen, dass ich heute Abend ein Gesicht haben werde, was nur sehr schwerlich von dem Antlitz eines mit Matsch besprenkelten Burschen zu unterscheiden ist. Wenn meine Augen die schwarzen Lettern des Buches verlassen, sehen sie einen sich leicht im Wind bewegenden Baum, weiße wundervolle Schäfchenwolken, bunte Blumen und grünes Gras. Wenn meine Nase aus dem Buch rauslugt, kann sie das Gras erschnuppern, die Wolken riechen und spüren, wie sich die Pollen in ihr zu einem großen Hatschi formen. Mein Buch handelt wie immer von vielen Toten und frisst mir meine Psyche weg. Ich habe Kaffee und Zigaretten neben mir liegen. Alles ist ruhig. Ich fühle mich wunderbar. Ich bin ich.

Ich mag keine Texte über Liebe, ich mag dieses Geflenne nicht, ich mag das alles nicht. Liebe passiert uns allen. Und oft tut sie weh, sehr sogar. Das weiß ich, und jeder andere auch, aber ich möchte nicht darüber lesen. Es sei denn es ist eine außergewöhnliche Geschichte, die sich in ein Herz hereinschleicht, um dieses nie wieder zu verlassen. Aber so sind die wenigsten Geschichten. Wie gesagt, ich mag keine Texte über Liebe, ich bin mir noch nicht mal sicher, ob ich die Liebe überhaupt mag. Keine Ahnung, ich sollte mir bei Gelegenheit darüber mal Gedanken machen.

Also sitze ich hier auf meiner Bank, auf der ich sicherlich mindestens dreimal die Woche sitze und lese. Bei Regen, bei Schnee, am liebsten in der Sonne. Ich bin immer alleine hier und ich genieße mein stilles Reich. Ein Königreich für eine Prinzessin.

Ich bin zwar immer alleine hier, aber nie einsam. Ich sitze auf meiner Bank und bin ich.

Meine Bank befindet sich auf dem alten Friedhof. Wenn ich meine Nase aus dem Buch rausstrecke, um das Gras zu erschnuppern, fällt mein Blick auf Oberst Helmer, auf den unbekannten Zivilist, auf die atemberaubende und zugleich grausame Weite des 2. Weltkriegs. Sie kennen mich alle schon, ich komme seit Jahren hierher. Manchmal höre ich die klagenden Stimmen, die schimpfen, wenn ich länger als drei Tage weg war.

Ich sollte mein Verhalten erklären.

Der Friedhof. Nein, ich schleiche mich nicht nachts auf den Friedhof, um heimlich Hühner abzuschlachten. Nein, ich ficke nicht auf Grabsteinen und nein, ich will auch keine Leichen ausgraben.

Das einzige, was ich will, ist meine Ruhe.

Früher als kleine Prinzessin bin ich immer mit meiner Oma Samstags zum alten Friedhof gegangen, und während meine Oma das Grab ihrer Mutter hergerichtet hat, bin ich als kleine Prinzessin zwischen den Gräbern herumgeeilt und bin meiner eigenen kleinen Entdeckungsreise gefolgt. Vielleicht entstand damals meine Affinität zu diesen heiligen Orten. Der Ort des Friedens. In jeder großen Stadt, in der ich war, habe ich mir die alten Friedhöfe angeschaut, die alten fast zerfallenen Grabsteine, die riesenhaften Statuen, die alten Inschriften, die Gruften, die ganzen Familien eine letzte Ruhestätte bieten.
Ein kleines Spiel ist es mittlerweile geworden, das älteste Grab zu finden und ein Blümchen dort zu hinterlassen. Die Suche dauert meist Stunden, die für mich das Schönste bedeuten. Diese Stille, die Unschuld, die Schönheit des Todes. Der Tod ist der größte Charmeur sagt man.
Es mag die meisten Menschen verunsichern, wenn ich davon erzähle, oder aber irritiert die Augenbrauen heben lassen, aber nichts beruhigt so gut wie die Ruhe eines Friedhofes im Sonnenlicht..

Ich mag keine Texte über die Liebe. Aber einen Satz muss ich doch einwerfen:

"Bis dass der Tod uns scheidet."

Zugegeben, heutzutage werden die wenigsten Menschen durch den Tod getrennt, sondern eher durch den Richter und die Unterschrift auf den Scheidungspapieren.
Aber laut Bibel gehören Liebe und Tod zusammen.
Wenn ich auf meiner Bank sitze, sehe ich, was die Bibel meint. Auf dem Friedhof wimmelt es nur so von Liebe. Ich sehe echte Liebe, falsche Liebe oder die tödlichste Form der Liebe, den Hass.
Die Grabsteine sagen viel über den Verstorbenen aus. Oder über seine Liebe. Man muss nur genau hinschauen. Dann sieht man, wie der Verstorbene gelebt hat.

Von meiner Prinzessinnen-Bank aus habe ich die perfekte Übersicht über alle "Abteilungen", wie die Stadt die einzelnen Teile des Friedhofes nennt. Den Teil, wo die Juden begraben sind, mit all ihren schönen Inschriften und Steinen auf den Gräbern. Oder meinen geliebten Oberst Helmer, der nur voran geht, sozusagen als Repräsentant für alle Gefallenen des 2. Weltkrieges. Oder der Teil, wo die gefallenen Soldaten begraben liegen, die nicht deutsch waren. Denen es nicht vergönnt war, in ihre Heimat zurückzukehren.

Sie sind alle schön brav aufgeteilt, die Russen, die Polen, die Franzosen, die Amerikaner. Und ich muss an dieser Stelle gestehen, dass ich auch mal mit einer Flasche Terpentin bewaffnet den Friedhof betrete um die Gräber der "Anderen" von den aufgesprayten Hakenkreuzen zu befreien. Auch gerne begleitet von Tränen in den Augen und Wut im Bauch. Dort gab es zu wenig Liebe.
Auch zu erwähnen ist der Teil, den ich den Himmel nenne. Ein kleiner Teil in dem ausschließlich kleine weiße Kreuze stehen. Meist ist der Tag der Geburt gleichbedeutend mit dem Tag des Todes. Ich beobachte dann die Eltern, die Spielzeug niederlegen oder neue bunte Blümchen pflanzen, während die lebenden Kinder mit unglaublicher Fröhlichkeit den Friedhof zu einem Himmel der Liebe machen. Ehrliche, fröhliche Liebe. Ich sehe die Eltern nie leiden, sie verlassen mit einem Lächeln den Friedhof. Ich habe einmal eine Mutter gefragt, wie das sein kann. Sie sah mich an und meinte nur, "Ach weißt du, ich weiß, dass es meinem Engel gut geht. Das ist das Wichtigste. Und wo es ihm gut geht, ist mir gleich."

Und dann sind da noch die Gräber, die so alt sind, dass sie niemand mehr pflegen kann, die langsam zerfallen, das Efeu sich an den alten Statuen entlang schlängelt als wolle es sagen "Nun gehörst du zu uns." Auf diesen Grabsteinen steht oft ein schöner Spruch, der zeigt, wie sehr der Verstorbene geliebt wurde. Schon wieder die Liebe.

Aber nichts, wirklich nichts schleicht sich mehr in mein Herz als die Liebe, die den Tod überschreitet. An dieser Stelle lügt der Satz "Bis dass der Tod euch scheidet". Wenn ich die vielen kleinen wuseligen Omis sehe, die sich jeden Tag um ihren Horst, ihren Günther, ihren Anton kümmern, mit Gartenwerkzeug bewaffnet oder mit dem Lieblingsbuch, aus dem sie vorlesen, weil er dann besser einschlafen konnte oder die Omi mit dem lustigen Hut, die immer kommt um ihren Albert auszuschimpfen, weil er die Frechheit besessen hatte, sie alleine zu lassen, dann, ja dann weiß ich, das Liebe etwas Wunderbares ist.

Hiltraud, die Omi mit dem lustigen Hut, setzt sich gerne mal neben mich, dann nehme ich meine Nase aus dem Buch und schaue sie an. Sie erzählt dann ungefragt von ihrem geliebten Albert, wie er den Krieg überlebt hat und den Krebs besiegt hat und dann zu blöd war, die Treppe vernünftig runter zu gehen. Dass er auch immer so hasten musste. Schrecklich.
Ich höre mir gerne diese Geschichten an und lächle dann immer, wenn ich nach Hause gehe, weil ich weiß, dass Liebe das Einzige sein kann, dass den Tod vermag zu besiegen.

Ich glaube, ich mag die Liebe doch. Sehr sogar.

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51 Antworten

Kommentare

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  • 1

    Tja ... heute nochmal gelesen, wieder gern gelesen und jetzt gibts auch ne Empfehlung.

    18.08.2010, 11:30 von Cyro
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  • 1

    da ich heute ein bisschen gefühlsduselig bin musste ich gleich mal losheulen.
    Schöner Text.

    18.08.2010, 11:25 von fiza
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
  • 1

    ohne worte........













    12.04.2010, 19:27 von summersault
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  • 0

    da hab ich doch tatsächlich eine kleine träne im augenwinkel gespürt.

    wunderschöner text. Besonders Omi Hiltraud gefällt mir :)

    06.04.2010, 14:44 von pustebloome
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  • 0

    Ein Wunder, dass es die Liebe in unserer abgekarteten Welt gibt.

    03.04.2010, 18:44 von -eule-
    • 0

      @-eule- Sehr schöner Text!

      05.04.2010, 21:53 von Herz.Dame
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  • 0

    also ich weiss bloss nicht warum immer alle von kaffee und zigaretten schreiben.
    ist das echt so aussdrucksstark?
    vielleicht bin ich noch zu jung um das zu verstehen.

    02.04.2010, 08:40 von snopstar
    • 0

      @snopstar Friedhöfe machen mir angst.
      Friedhöfe find ich frustrierend. Denn sie erinnern mich an all die Menschen, die ich kannte und viel zu früh gestorben sind. Erst im Oktober.
      Ich habe Angst vorm zu früh sterben. Ich habe Angst noch mehr liebe Menschen zu verlieren.
      Dein Text hat mir diese Angst ein Stück weit genommen. Um es kurz zu machen: ein wunderschöner Text, der zum Nachdenken anregt.

      02.04.2010, 11:02 von execratedworld
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  • 0

    boring as it can be.

    01.04.2010, 12:22 von Junger_Faust
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  • 0

    Ich fand den Text einfach hammer! Die Art und Weise wie du schreibst ist einfach von Grund auf ehrlich und in keinster weise aufgesetzt und gekünzelt. Es beschreibt die Dinge so wie sie sind und das ohne Umschweife. Somit wirkt der Text absolut echt und mitten aus dem Herz heraus!
    Würde mich sehr freuen noch mehr in dieser Richtung von dir lesen u können ;)

    01.04.2010, 09:34 von sandra.sonnenschein
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  • 0

    Wow, toll geschrieben! Leise Worte und doch voller Kraft und AUsdruck! Bisher hatte ich noch nicht das Bedürfnis mal eine Empfehlung zu machen, aber ich glaube jetzt muss ich doch ;o)
    ach ja und ich bin auch so ein Friedhofsbesucher ;o) von Zeit zu Zeit! Nicht nur die Liebe auch das Leben ist einem da manchmal so viel näher, so viel fühlbarer!
    Danke für diesen schönen Text!
    ich glaub ich werd ihn öfter lesen ;o)

    lg rumtopf

    31.03.2010, 23:57 von rumtopf
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