Kein Problem!
Trotzdem wünschte ich manchmal, dass es eins wäre.
Ich steige in den Bus und krame im Sichtfeld des Fahrers in meiner Handtasche. Hinter mir sammelt sich die genervte Meute und trotzdem stelle ich mich extra so hin, dass sie warten müssen. Meine Monatskarte ist vor zwei Tagen abgelaufen, aber ich will mir keine neue kaufen. Heute nicht.
„Verdammt! Ich hab mein Portemonnaie vergessen“, sage ich, obwohl es gelogen ist.
„Kein Problem!“, sagt der Busfahrer, lächelt und winkt mich durch.
Bis ins Büro und von dort in die Teeküche sage ich kein Wort. Auch nicht als mir meine Assistentin durch das Kreischen der Milchschaumdüse hindurch ein „Guten Morgen“ ins Ohr trällert. Mein Blick fällt auf die große rosa Tasse, die viel zu nah am Abgrund steht. Sie ist so schön, dass ich sie beginne zu hassen. Ganz von selbst nähert sich meine Hand dem kalten Porzellan und es ist nur eine kleine Bewegung nötig, schon kracht sie auf die Fliesen und zerspringt in tausend Scherben.
„Oh Mist! Das tut mir leid“, sage ich, obwohl es gelogen ist.
„Keine Problem!“, flötet meine Assistentin und wählt schon die Nummer vom Reinigungsdienst.
Ich steige mehr recht als schlecht über die Scherben und verziehe mich in mein Büro. Tür zu! Keine Anrufe! Ich will niemanden sehen. Niemanden hören. Ich starre aus dem Fenster, an die Wand, an die Decke. Versuche etwas sinnvolles zu tun und gebe gleich wieder auf. Draußen auf dem Flur höre ich Geschrei, Gelächter und Gerumpel. Die Azubis spielen Fußball. Normalerweise bin ich dabei.
„Verdammte Scheiße! Macht Eure Arbeit! Wenn ich so einen Mist noch einmal erlebe, hagelt es hier Abmahnungen“, brülle ich, obwohl es gelogen ist.
„Mhm, kein Problem“, flüstert es mir kleinlaut entgegen.
Eine zähe Ewigkeit später sitze ich an diesem großen kalten Glastisch und zähle die fettigen Fingerabdrücke, während die Schlipsträger lautstark aneinander vorbei reden. Leere Worthülsen und versteckte Drohungen fliegen um meinen Kopf herum. Keine Ahnung worum es geht, aber es interessiert mich auch nicht. Ich packe meine Unterlagen zusammen und erhebe mich. Fragende Blicke der Herren im Anzug.
„Machen Sie ruhig weiter. Ich lese nachher das Protokoll, aber jetzt habe ich noch einen Termin“, sage ich, obwohl es gelogen ist.
„Kein Problem“, sagt der Leithammel und ist schon wieder in seinen Schlagabtausch vertieft.
Für heute gebe ich es auf mit dem Arbeiten und schleppe mich stattdessen lange vor der Zeit zum Zug. Der Typ neben mir macht dumme Sprüche und rückt bedrohlich näher. Meine stummen Kopfhörer und meinen steifen Blick in ein Buch, deren Seiten ich seit zwanzig Minuten nicht umgeblättert habe, ignoriert er. Noch ein Spruch und sein Arm landet auf der Lehne hinter meinem Rücken. Ich blicke hoch und sehe ihm fest in die Augen.
„Wenn Du mich auch nur berührst, bringe ich Dich um!“, sage ich, obwohl es gelogen ist.
„Ey, kein Problem, Meedschen“, erwidert er mit erhobenen Händen, während sein Körper von mir wegrutscht.
Abends rufe ich Dich an und erkläre Dir mit wackliger Stimme, dass das alles so nicht mehr geht, dass ich nicht vergessen kann was war, immer noch träume und nicht einfach auf „Freunde sein“ umstellen kann.
„Ich glaube, ich würde mich besser fühlen, wenn wir keinen Kontakt mehr hätten“, sage ich, obwohl es gelogen ist.
„Kein Problem!“, sagst Du.
Und während ich noch überlege, ob Verständnis oder Erleichterung Deine Stimme trägt, merke ich, wie sehr ich mir gewünscht hatte, dass es doch eins für Dich wäre. Aber da hast Du schon aufgelegt.

Kommentare
lass uns Freunde bleiben- ist ein Arschloch!
02.12.2012, 12:39 von DieTaschaDas hat Klasse! toll!
09.01.2011, 19:24 von topfbluemchenach scheiße...genauso gehts mir.
28.06.2009, 10:49 von ich.lese.gernmehr brauch ich ja wohl nicht zu sagen...
ich LIEBE diesen Text. Das Ende musst du irgendwie aus meinem Kopf gesogen habe,
12.06.2009, 12:44 von N.Suavevollkommmen verstaendlich! super text.
20.05.2009, 14:39 von bondi.beachaaaargh zum verrücktwerden wie gut der text ist...
13.05.2009, 18:59 von saruschelwieviel bedeutung ein anderer mensch im leben einnehmen kann...
wie sehr sich das auf alles auswirken kann...
dieser satz, lass uns freunde bleiben, der sollte verboten werden...
kompliment an deinen text!
wirklich toll geschrieben, ohne Schnörkel, aber mit viel Wut im Bauch. Gefällt mir!
27.04.2009, 12:59 von Luzie_fairfurchtbare situation. kenn ich. schöner text. weckt zwar erinnerungen die lieber weg geblieben wären. aber trotzdem schön, dass mal jemand das ausspricht
10.04.2009, 18:52 von waschbaermaedchenwirklich schön geschrieben
08.04.2009, 19:29 von NinaaSein wunderbar gefühlvoller text,
29.03.2009, 13:56 von Koeniglichder von einem Leben erzählt,
das einfach lebt ohne zu fragen,
was der Mensch dahinter will.
Aber es wird auch wieder bunt!