clara.tornova 17.08.2008, 22:30 Uhr 64 96

Kein Fleisch ist nicht genug

Ich wäre gern ökologisch noch korrekter, aber mein Alltag lässt mich nicht.

Als ich vierzehn war, beschloss ich auf das Drängen meiner Schulfreundin Tina, Vegetarierin zu werden. Tina hatte alternative Eltern, die uns kurz zuvor zum Musikhören einen Joint aufs Zimmer gebracht hatten: "damit wir uns auf die verborgene Seite der Musik einlassen können." Vom Joint wurde mir speiübel. Tinas Eltern verehrte ich trotzdem und wünschte mir von da an nichts sehnlicher, als so alternativ zu sein.

Von da an aß ich nicht nur kein Fleisch, sondern missionierte auch meine Umgebung nach Leibeskräften. Mit dem Feuereifer der Bekehrten ruinierte ich Partybuffets und Grillfeste, im festen Glauben, dass der Zweck die Mittel heilige. Nicht dass ich im Laufe der Zeit von meinen Idealen abgefallen wäre. Die Gründe, kein Fleisch zu essen, sind für mich genauso dringend wie vorher, also esse ich auch heute keines, wenn es nicht die Gastfreundschaft dringend erfordert. Dann mache ich allerdings eine Ausnahme. Denn ganz so einfach sieht die Sache nicht aus.

Im ersten Semester wurde mir mein eigener Dogmatismus zuwider. Meine Mitbewohnerin war Veganerin und aß nur, "was von Bäumen fällt und sich dabei nicht wehtut", wie es mein damaliger Freund auszudrücken pflegte. Sie konnte keinen meiner Milchkaffees unkommentiert lassen und war ganz allgemein so humorlos, dass mir mein Verhalten peinlich wurde. Sie sollte mir eine Lehre sein. Der guten Sache wollte ich in Zukunft keine zwischenmenschlichen Beziehungen mehr opfern.

Kein Fleisch zu essen reicht sowieso nicht, um auf der richtigen Seite zu stehen. Die Gründe, Vegetarier zu werden, brauche ich nicht aufzuzählen, aber wer kauft wirklich NUR Bio-Eier, Bio-Milch und Bio-Butter? Oder verzichtet ganz darauf? Denn wer sein Joghurt bei Aldi kauft, versklavt Tiere. Streng genommen versklavt er auch Aldi-Mitarbeiter. Aber darum geht es gerade nicht.

Wo wir schon bei Bio sind. Um wirklich ökologisch korrekt zu sein, müsste ich auch ausschließlich Bio-Obst und - Gemüse kaufen. Am besten auch nur solches, das aus der nächsten Umgebung kommt.
Das kriege ich aber mit meinem Budget nicht hin. Auch mein Zeitplan erlaubt das nicht. Und ganz ohne Curry und Orangen kann ich nicht glücklich sein. Von Schokolade ganz zu schweigen.
Warum beim Tierschutz haltmachen und nicht mal genau hinschauen, was wir Pflanzen antun? Monokulturen. Pestizide. Gentechnik. Eben.

Aber es kommt noch schlimmer. Wer "Aua" schreit, sobald jemand in ein Steak beißt, muss auch "Hilfe" rufen, sobald derselbe hinterher einen Schluck Kaffee trinkt. Natürlich nur, wenn es kein Fair-Trade-Kaffee ist. Ich kaufe so fair wie möglich, aber es passiert mir durchaus, mit Freundinnen in einem Café zu landen, das nur Standard-Kaffee anbietet. Ich mache dann keinen Skandal deswegen. Wenn es die Situation erlaubt, erwähne ich, dass ich Fairen Handel bevorzuge. Aber deswegen einen Nachmittag zu ruinieren, würde niemandem helfen.

Ich muss aber nicht nur essen und trinken, ich muss auch was anziehen. Und da wird es noch schwieriger, denn Öko-Mode ist oft nicht mein Fall oder schlicht zu teuer. Also kaufe ich so viel es geht Secondhand, denn H&M ist mir suspekt. Genauso wie Esprit, Nike und all die anderen, die in asiatischen Sweatshops produzieren lassen. Du isst kein Fleisch? Bravo. Aber dann versklave auch keine Kinder, sage ich mir, wenn ich genau den Pulli finde, den ich schon immer gesucht habe und der mich zu mir selbst machen wird, nur in besser. Wenn ich dann stark bin, hänge ich das Teil zurück und fühle mich vorbildlich. Bin ich es nicht, kaufe ich es trotzdem und fühle mich wie ein unartiges Kind.

Keines dieser Argumente ist besonders neu. Mir auch nicht. Trotzdem bringe ich immer wieder Theorie und Praxis nicht zusammen. Habe zwar kein Auto, wohne aber so weit von meiner Familie entfernt, dass ich mit ein paar Besuchen den Kohlendioxidausstoß locker wieder reinhole. Allgemein reise ich zu gern und viel, benutze zuviel Kosmetik (meistens, aber nicht immer Bio) und arbeite zu exzessiv mit meinem Computer, um wirklich ökologisch korrekt zu sein. Schon mal nachgeforscht, wie Computer hergestellt werden? Und unter welchen Bedingungen sie wieder verschrottet werden? Es gibt keine wirklich faire Unterhaltungselektronik. Dein iPod verursacht Krebs bei den Ärmsten der Armen. Meiner auch.

Jetzt habe ich Strom, Wasser, Heizung und und und noch nicht erwähnt, aber ihr habt verstanden, worauf ich hinaus will.

Die Konsequenz wäre, völlig auszusteigen. Als Selbstversorger auf dem Land zu leben. Ich habe Freunde, die das tun, und es ist großartig. Sie produzieren Lavendel, Kartoffeln und Honig, und es ist fantastisch auf ihrem Hof, jedenfalls im Sommer. Aber für mich wäre es nichts. Ich würde im Herbst sofort krank werden und Antibiotika brauchen, die an Tieren getestet wurden, um meine Nebenhöhlenentzündung loszuwerden.

Also tue ich, was ich kann, wo ich kann und in dem mir möglichen Rahmen und arrangiere mich mit meinem schlechten Gewissen. Michel Serres schreibt: Der Mensch nimmt die Landschaft in Besitz, indem er sie verschmutzt. Oder: Ich verschmutze, also bin ich.
Tina schreibt übrigens gerade an ihrer Doktorarbeit in Biologie. Dazu braucht sie jede Menge Laborratten. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

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    also diese tina kommt mir ja sehr bekannt vor und auch besagte wg-veganerin. ich kenne auch die schlechte vereinbarkeit von theorie und praxis oder besser von der diskrepanz zwischen wunsch, etwas zu ändern, und den nach wie vor zu wichtigen anderen interessen (tolle kleidung z.b.).

    auch ich habe beschlossen "der guten Sache (...) keine zwischenmenschlichen Beziehungen zu opfern". Letzteres funktioniert allerdings wunderbar, auch ohne aus gastfreundschaft fleisch zu essen, dazu bin ich mittlerweile alt genug. Wir sind doch alle erwachsen und sowieso total verschieden, also warum streiten?


    ich habe es mittlerweile allerdings aufgegeben, von alternativen menschen akzeptanz oder gar respektiert zu wollen, denn das ist sowieso fruchtlos (keiner ist so gut wie sie, deshalb akzeptieren sie niemanden, auch wenn sie immer so viel von offenheit faseln). dadurch entsteht doch der ganze druck! in einer noch so netten kleinen gruppe für eine friedliche welt kann so nämlich furchtbar böses blut entstehen...

    ich bin lieber einfach ich, ich gehe nach dem was mir wichtig ist und möglich ist und versuche mich nicht damit zu quälen, was ich nicht mehr schaffe, weil das nur frustriert und letztenendes zum ausstieg führt. so entstehen all die verbitterten, missionierenden ich-war-auch-mal-so-typen. nein, dann doch lieber eigene proritäten haben und sich nicht nerven lassen.

    12.05.2011, 16:46 von chotanagpur
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    Danke für den Text.
    Wer den unglaublichen Umfang der Auswirkungen seiner Lebensgewohnheiten begreift, muss verrückt werden.
    Man kann eigentlich nur versuchen sich zu informieren, drüber nach zu denken und es so gut zu machen wie's halt geht...

    25.03.2011, 11:51 von mixtapeape
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    Ich bin auch Vegetarierin und finde mich oft in einer Diskussion über die eigene (In-)Konsequenz mit mir selbst wieder.

    Was in die ganze Problematik um Umwelt- und Tierschutz, Welthunger und Massenproduktion mit rein spielt und für mich genauso wichtig und erschreckend ist, ist dass viele Menschen schlicht und einfach den Bezug speziell zur Nahrung/Ernährung und der Herkunft der Lebensmittel verloren haben. Man geht in den Supermarkt und kann kaufen, was das Herz begehrt. Hauptsache der Preis stimmt und am Aussehen kann man eh nichts mehr festmachen.
    Wer weiß da schon, woher das Fleisch, der Käse, das Obst und Gemüse etc. kommen? Und vor allem - wen kümmert es?

    13.11.2009, 12:21 von AllSparks
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    es ist falsch, sich selbst die schuld zu geben. viele tun soviel sie können, nur das system - welches die schuld trägt am disaster dieser welt - lässt es nicht zu. wenn fleisch subventioniert wird, dass es nur ein viertel von dem kostet was es müsste, wenn tofu und andere sachen deswegen untergehen, wenn alternativen total ausbleiben weil alle tierprodukte gefördert werden und der rest mit den harten marktbedingungen klarkommen muss und deshalb schweineteuer ist.
    wenn die wirtschaft einfach verpasst unsere nische gerecht zu decken.... ja was kann man dann in einer globalisierten welt mehr tun als soviel zu meiden wie es nur geht. ich meide sehr viel, fleisch, fisch, leder, aber wenn ich ins cafe gehe (was man einfach als normaler nicht-mordender mensch macht) habe ich keine wahl als die spezi aus dritte-welt-zucker-hergestellt zu kaufen oder einen teller mit ei-nudeln zu essen.
    das system ist es! es ist überall und wir mittendrin.
    deshalb ist jede auflehnung, des ablehnen des systems ein großer schritt! jeder von uns ist großartig. weiter so!

    11.07.2009, 09:31 von nuepoque
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    Schön zu lesen, danke! Gibt es wirklich wieder viele Selbstversorger? Ich spiele schon "seit Jahren" mit dem Gedanken... ;)

    07.04.2009, 12:48 von TonSteineScherben
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    Sehr schön!!

    Ich glaube, dass wenn jeder auf das verzichten würde, was ihm nicht "weh" tut, dann wären wir doch schon um einiges weiter.

    Ich könnte beispielsweise nicht auf's Skifahren verzichten (ist ja ökologisch gesehen eher schlecht...). Aber dafür ersetze ich einen Teil meiner Joghurst durch Soja-Joghurts. Und kaufe - je nach Budgetlage - biologisch und fairtrade ein.

    Wenn jeder ein wenig mehr nachdenkt, macht das schon einen Unterschied.

    Und noch ein kurzer Nachtrag: Ein Omnivore, der kein Fleisch isst, ist ein Pescetarier (=ein Vegetarier, der Fisch isst). Und jemand, der von Zeit zu Zeit Fleisch isst, ist ganz einfach ein Omnivore, und ganz sicher kein Vegetarier.

    Nur Fleisch essen, weil es die anderen machen, geht gar nicht!!

    01.03.2009, 23:56 von estrella_fugaz
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    Wenn nur alle Vegetarier/innen so denken und handeln würden wie du... Respekt dafür!
    Aber dann habe ich mal eine Frage an dich (aber auch an alle anderen Vegetarier/Veganer etc.) die ich egtl. jedem stelle: Würdet ihr Fleisch von Tieren essen die nicht zu dem Zweck erzeugt wurden, für uns als Nahrung zu dienen (z.B. das Wildschwein das geschossen werden muss, weil es zu viele gibt die den Wald schädigen)? Wenn nein, warum nicht?

    19.12.2008, 20:50 von derClown
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      @derClown Würde ich nicht. Weil nach jahrelanger Fleischabstinenz hat Fleisch für mich einen "verwesenen" oder verdorbenen, einen "nicht-essbar" Geschschmack.

      Und auch,weil es nur deswegen zu viel Wild gibt, weil deren natürlichen Feine vertrieben wurden (Beispiel Reh und Fuchs; mit Wildschweinen kenne ich mich nicht aus). Ich bin der Überzeugung, dass die Natur mit möglichst wenig Zutun des Menschen am besten funktioniert und im Gleichgewicht ist.

      10.08.2009, 22:47 von estrella_fugaz
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    Wirklich guter Artikel! Du hast natürlich Recht, man kann nicht 100% ig "korrekt" leben, aber wie du schon schreibst, man sollte es versuchen :). Veganismus ist für mich vor allem eine Frage der Ethik, obwohl ich genau weiß, dass "Fleischesser", nicht die schlechteren Menschen sind, denn fast alle meine Freunden essen Fleisch.

    Wens interessiert:
    Habe zu dem Thema heute auch einen Artikel verfasst. Titel: "Respekt vor dem Leben, ja aber..." .

    17.12.2008, 20:47 von spinnnfrau08
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      @spinnnfrau08 Hab den Titel des Artikels jetzt in "Veganer spinnen" umbenannt.

      18.12.2008, 00:09 von spinnnfrau08
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