Kasse 5
Jemandem, der ein Kilo Hackfleisch, Zwiebeln, einen Sixer Bier und eine Wurst in einer Milchpappe stapelt, traut man nicht besonders viel zu.
Der Supermarkt, in dem Karl immer einkaufen ging, lag direkt an einer großen Hauptstraße, die aus der Stadt hinaus und wieder herein führt. Es war der einzige Supermarkt im Umkreis von zwei Kilometern, was nicht schlimm war, aber hieß, dass man dort einkaufen musste, wenn man kein Auto hatte und schwache Oberarme. Karl hatte kein Auto und keine besonders großen Oberarme und er wohnte nur ein paar Gehminuten vom Supermarkt entfernt. Es war kein besonderer Supermarkt, keiner in dem die Angestellten Lebenstipps verteilten oder so ein Alltagsblödsinn oder in dem es besondere Dinge gab. Käsetheke, Wursttheke, Getränkeabteilung und Gemischtwaren hießen die Sehenswürdigkeiten. Es gab sechs Kassen. Das einzige, was halbwegs besonders war, war die automatische Tür. Manchmal, wenn man zu schnell darauf zulief, blieb die für ein paar Momente lang verschlossen. Je nachdem, wer man war, sah man als darin entweder einen stillen Aufruf zu mehr Ruhe und Langsamkeit im Leben. Oder man sah das letzte Anzeichen dafür, dass die Konsumgesellschaft einen endgültig ausgeschlossen hatte. Der Supermarkt lag genau an der Grenze zwischen zwei Vierteln, bei dem das eine mehr schnelle, das andere mehr ausgeschlossene Menschen enthielt. Und alle mussten durch diese Tür und aneinander vorbei. Sie rochen sich gegenseitig, rempelten, grüßten, ignorierten sich und warfen sich misstrauische Blicke zu. Auch Karl ging oft hindurch, ließ sich vom gläsernen Glückskeks am Eingang zischend das Schicksal voraussagen und kaufte ein. Heute blieb die Tür ein paar Sekunden zu lang zu. Er musste stehen bleiben und bekam vom Rauch des Obdachlosenzeitungsverkäufers einen Hustenanfall und ein schlechtes Gewissen. Der arme Kerl draußen mit seinen vom Regen gewellten Zeitungen hatte nicht so viel Glück gehabt, wie er. Für ihn war der Lebensmittellieferant abgefahren. Der war schon ein Draußenbleiber.
Karl hatte nie einen Euro für den Einkaufswagen dabei. Deshalb ging sein erster Weg immer zum Milchregal. Auch heute. Dort nahm er eine leere Pappe oder machte eine leer, wenn die anderen Einzelgängermänner sich schon bedient hatten. Dann begann das balancieren und stapeln. Ein durchaus komplexer Vorgang, der einen kompletten sortierten Einkaufszettel im Kopf nötig machte. Man musste so einkaufen, dass die schweren großen Sachen zuerst kamen, dann erst konnte man die leichten oben drauf setzen. Es hatte durchaus was Kunstvolles. Ein bisschen wie ein sehr seltsamer Zirkusartist kam sich Karl vor. Einer, der es als Clown nicht geschafft hatte und deshalb in seinem Kostüm das Zelt aufbaute. Die einzigen, die diese Leistung zu schätzen wussten, waren Typen wie er, die mit zersausten Haaren und rissigen Lederjacken in der Wurstabteilung standen und nach einer passenden Salami suchten, die ins Stapelkonzept passte. Man warf sich wissende Blicke zu, aber man stellte keine Fragen. Das war der Deal. Und dann waren da noch die anderen, die mit Wagen. Es war wie eine Zweiklassengesellschaft. Die mit Wagen, die hatten Zeit. Die hatten Raum. Die hatten einen Euro mitgehabt, vielleicht sogar einen Chip. Sie hatten bewiesen, dass sie mitten im Leben standen. Die ohne Wagen hatten Gleichgewichtsprobleme, hatten es eilig und schmerzende Oberarme. Und sie hatten bei der Planung des Einkaufes versagt. Hinzu kam, dass in so eine Pappe natürlich keine ganze Woche passte. Karl kaufte etwa alle zwei Tage ein. Die mit Wagen kamen nur einmal die Woche. Und so schauten sie einen auch an. Mitleid blickte aus ihren Augen, aber auch ein wenig Verachtung und Misstrauen. Jemandem, der ein halbes Kilo Hackfleisch, Zwiebeln, einen Sixer Bier und eine Rauchwurst in einer Milchpappe stapelte, traut man nicht besonders viel zu. Höchstens noch, dass er einem das Badezimmer Regal "Niagara" aus dem Sonderangebot vor der Nase wegschnappen konnte. Und das schlimmste war, dass Karl genau wusste, was die Wagenmenschen dachten. Er war auch mal einer von ihnen gewesen. Aber er hatte den Euro für sein Leben verloren. Er war jetzt ein Balancierer.
Karl ging seit Jahren hier einkaufen und viele der Angestellten kannte er schon. Da war die lustige Frau hinter Fleischtheke, die, so kam es ihm vor, für jeden Kunden einen eigenen, zum Fleisch passenden Witz parat hatte. Oder die Dame, die die Obstsorten abends aussortierte, und die mit ihren weißen Handschuhen und vorsichtigen Bewegungen aussah, als hätte das Schicksal für ihren Divakörper andere Pläne gehabt. Es gab viele, die wie die beiden waren. Man sah sich aufeinander zukommen, wie man aneinander vorbei lief und man warf sich keinen einzigen müden Blick zu, geschweige denn hinterher. Das einzige, was Karl von ihnen wusste, waren grotesker weise ihre Namen. Frau Schmidt, Frau Meseberg und Herr Holger hießen sie zum Beispiel. Das "Hallo, ich bin" auf ihren Namensschildern war so etwas wie ein kurzes Kennenlerngespräch. Ansonsten blieben sie stumm und taten nur ihren Job. Sie sorgten dafür, dass Karl sein Chili machen konnte, seine Buletten braten, seine Wurstschnitten schmieren, räumten Regale ein, bestellten nach, wischten Gang sieben. Aber sie interessierten sich nicht für sein Leben. Auch wenn sie Karl natürlich kannten. Früher war er immer mit einem Wagen stolz durch die Gänge gelaufen, war an fast jedem Regal stehen geblieben, hatte für ganze Wochen eingekauft. Und für mehr Personen. Sie hatten sicher bemerkt, dass etwas anders geworden war. Aber sie sagten nichts. Und wurden so gemeinsam mit den Regalen, den Lebensmitteln und dem Haushaltsbedarf zu einer einzigen großen, schmerzenden Erinnerung. Aber hier war nicht der Ort für Tränen. Hier kaufte man ein. Geweint wurde draußen. Manche der Balancierer, die schon fast Draußenbleiber waren, trafen sich nach dem Einkauf an der Ecke mit dem vietnamesischen Nagelstudio. "Chicago Nails" stand auf der großen gelben Leuchtreklame, unter der die Balancierer standen und das erste Pils schnell tranken, damit die Tränen nicht liefen. Stolz ist etwas, das man selbst in der größten Verzweiflung wie ein Schutzschild vor sich herträgt. Und das gelbe Licht verlieh ihnen den Schein von Lebendigkeit. Aber soweit war Karl noch nicht. Er hatte noch nicht aufgegeben. Aber besonders weit entfernt davon war er auch nicht.
Es gab ein paar Abteilungen, die Karl aus Prinzip seit damals mied. Die Kinder- und Babyabteilung zum Beispiel. Den Gang, in dem es die ganzen Saftsorten gab, auch. Und er stellte sich nie bei der Kassiererin an, die ihm und seiner Familie damals netterweise die Pulvermilch geschenkt hatte, als ihr Geld nicht gereicht hatte. Sie saß jedes Mal da, wenn Karl einkaufen ging. Aber er mied ihre Kasse, Kasse 5, egal wie lang die Schlangen bei den anderen waren. Sie war der Typ Mensch, der Fragen stellte. Und Karl hatte keine Antworten mehr übrig. Auch das blinkernde Auto vor der Tür, in das man 50 Cent stecken musste und dass einen dann unter ohrenbetäubendem Lärm hin und her schaukelte, blickte Karl nicht mehr an. Er mied auch den Zeitschriftenstand, vor allem den Teil mit den Haushaltszeitungen und mit den bunten Kindermagazinen. Und das Joghurtregal hatte er auch schon lange nicht mehr aus der Nähe gesehen. Einmal war seinem Sohn dort ein Glas runter gefallen. Daran wollte er nicht erinnert werden. Absurd eigentlich, denn es war ein lustiger Moment gewesen. Sie hatten zu dritt gelacht und die Scherben mit den Füßen heimlich unter das Regal geschoben, um dann festzustellen, dass ihre Schuhe voller Himbeerjoghurt waren. Ihre Spuren waren im halben Laden verteilt gewesen. Karl spürte, wie er das Gleichgewicht verlor, seine Bierflaschen klapperten unruhig in der Pappe. Genau wegen solcher Geschichten überlegte er immer wieder, ob er den anderen Supermarkt zwei Straßenbahnstationen weiter nutzen sollte. Aber der war teurer und weiter weg. Und außerdem hing er an diesem Laden. Für ihn war er wie ein Fotoalbum, bei dem er bestimmte Seiten einfach nicht mehr anschaute. Und so drückte er sich an einem Balancierer vorbei, der gerade die Biersorten auf Tauglichkeit untersuchte, in Richtung Kasse. Es war Zeit, mal wieder den Preis für all das zu bezahlen.
Vor ihm kaufte eine junge Frau Lauch, Risotto, Fleisch, eine Flasche Wein, zwei Stieleis. Zeig mir deinen Einkauf und ich sage dir, was du heut Abend vor hast. Karl legte den Warentrenner aufs Band, wartete, bis die Frau bezahlte und ihn nicht mehr beachtete, holte dann seine Sachen aus der viel zu kleinen Pappe und sah mit Erschrecken, dass er sich aus Versehen an Kasse 5 angestellt hatte. Bei der Frau, die Fragen stellte. Sie war gerade dabei, laut schnatternd der jungen Lady vor ihm einen schönen Abend zu wünschen, als er es bemerkte. Er drehte sich um, doch hinter ihm war bereits alles voller Menschen, die ungeduldig vom einen Bein aufs andere wackelten. Noch bevor er fliehen konnte, wünschte sie Karl bereits freundlich lächelnd einen guten Abend. Ihre Blicke trafen sich. Sie erkannte Karl. Sie blickte nach rechts, links, unten. Dann auf Karls Einkäufe: Bier, Zigaretten und Klopapier. Ihr Gesicht verlor das Licht. Sie senkte den Kopf und zog schweigend seine Sachen über den Laser. Zehn Euro neunundvierzig, bitte. Sammeln Sie Herzen? Karl hob den Kopf nicht weiter, als bis zu ihrem Namensschild. "Hallo, ich bin Frau Kronert" stand da. Frau Kronert gab Karl sein Wechselgeld und schluckte ihre Fragen und die Sammelherzen herunter. Dann ging Karl nach draußen. Die Tür ließ ihn schnell gehen und von weitem sah er die Männer im Licht des Nagelstudios anstoßen.
Karl prostete ihnen im Stillen zu, zündete sich eine Zigarette an und versicherte sich mit einem Griff an seine Tasche, dass sein Klopapier noch da war.

Kommentare
Zwar mangelt es dem Text teilweise an Homogenität... aber dennoch gut.
07.05.2011, 00:06 von justanotherpictureSehr guter Text!
23.03.2011, 21:33 von PolyvinylchloridJedesmal wenn ich einkaufen gehe achte ich auch unbewusst auf die Einkäufe meiner Mitmenschen. Und auch ich habe Karl's gesehen und mir meine Gedanken gemacht. Mich gefragt, wie ich ihnen helfen könnte nur um festzustellen, dass sie keine Hilfe wollen, weil der Stolz noch da ist.
Postpanzerkramversöhnungstext.
22.03.2011, 13:55 von mixtapeape@mixtapeape wer versöhnt sich da mit wem?
23.03.2011, 16:38 von hib
22.03.2011, 00:17 von australiasehr gut,Junge!
Ich hab den Text jetzt nicht gelesen, aber ich denke Karl hat sich aus dem Mett und seiner alten Thermoskanne eine "Truckerfreundin" gemacht. Der Schlingel!
22.03.2011, 00:01 von WurstModemGroß.
21.03.2011, 20:47 von meerisch- sehr schöner Text, gefällt mir gut!
21.03.2011, 20:37 von strassenstaubAber vielleicht nochmal drüberlesen, beispielsweise "Haushalsbedarf" in der unteren Mitte des dritten Absatzes..^^
Nach so viel Lob eine Kritik: Der Text bleibt bei Andeutungen, kommt nicht über dieses Stadium hinaus, so verhält es sich auch mit den Kriterien gut und genial. Der Text ist gut, kommt aber nicht über dieses Stadium hinaus.
21.03.2011, 19:50 von flaschensahneTeile des Textes muss man ertragen, um zum Ende getragen zu werden, das nicht mal ein richtiges Ende ist. Darüberhinaus ist er ziemlich deprimierend, sodass er mich fast nur an Charles Bukowski erinnert, der für mich nicht viel mit Literatur zu tun hatte.
Besser wäre gewesen, mit den Erwartungen des Lesers/der Leserin zu spielen und das Ende zwar auch nur anzudeuten, doch nicht so im vagen Bereich zu bleiben wie es hier geschehen ist.
@flaschensahne Sehe ich auch so ähnlich.
21.03.2011, 20:43 von RumschnitteDer Text gefällt mir, aber um ihn wirklich toll zu finden, hätte ich mir mehr konkretes gewünscht. Nicht seine ganze Lebensgeschichte, aber mehr Andeutungen, was denn nun passiert ist mit seiner Familie...
Abgesehen davon: schöner umgang mit worten.
Da hüpft mein Herz, endlich mal wieder einen guten Text auf der Startseite lesen zu dürfen.
21.03.2011, 18:32 von KadipurzelWirklich sehr fein und gut beschriebene Bilder, die die alltäglichen Begebenheiten und Überschneidungen einzelner Leben zeichnen und sie zu kleinen Besonderheiten erheben.
Ich habe selber mal ein Jahr an der Kasse gearbeitet und ganz ehrlich habe ich mich gerne mittels des Einkaufs der Kunden in deren Leben gedacht.
Danke nochmals für den wirklich guten Text.