King-Lube-III 06.01.2009, 15:25 Uhr 84 120

Kältetod

Es wäre vermessen zu behaupten, ich würde ihn kennen, aber er kennt mich, denn wir begegnen uns täglich.

_Jetzt, im Winter, sehe ich ihn, aber er mich nicht, weil er morgens noch eingerollt im Schlafsack und ein paar Decken an der Hauswand liegt und schläft oder sich wenigstens nicht bewegt, um seinen Energiehaushalt möglichst gering zu halten. Mir ist jeden Morgen kalt, trotz meiner Hightech-Goretex-Jacke, Himalaya erprobt. Gott, denke ich, die Jacke hält das vielleicht aus, aber ich nicht. Wie macht er das?

Das erste Mal traf ich ihn Karneval, als er stark alkoholisiert im nassen, kalten Rinnstein lag und ich ihn fragte, ob alles in Ordnung sei. Ich wollte ihm helfen aufzustehen, aber er wollte nicht. Ich fragte, ob ich ihn irgendwo hinbringen könne und er erwiderte, er warte auf sein Taxi. Ich lachte und sagte: »Klar, und ich bin der Karnevalsprinz.« Seitdem nennt er mich Prinz und ich nenne ihn Jupp. Das macht man so in Köln. Ich überredete ihn, sich wenigstens auf eine Bank zu setzen, während er auf seine Kutsche wartete und vermutlich, um mich endlich los zu werden, willigte er ein.

Seitdem sehe ich ihn jeden Morgen, wenn ich zur Arbeit gehe. Im Frühjahr winkte er mir manchmal schon von weitem zu und rief: »Der Prinz kütt!« und ich gab ihm ein paar Euro mit der Warnung, sie nicht zu versaufen. Er versprach, nur das andere Geld zu vertrinken und von meinem Geld Blumen zu kaufen. »Für wen?«, fragte ich und er antwortete: »Vüür et Jrav.«

Eines Tages im Sommer, als ich vor Hitze fast unbekleidet zur Arbeit krauchte und er in seinem Allwetter-Parka und barfuß auf seiner Decke saß, rief er mir zu: »Isch han hück Jebootsdag.« und streckte mir eine Flasche entgegen. Eigentlich war ich in Eile, wie jeden Morgen, aber dieses eine Mal wollte ich eine Ausnahme machen, setzte mich zu ihm und trank mit. Er erzählte aus seinem Leben: Vor seiner Zeit auf der Straße, als er noch Lehrer für Geschichte und Philosophie war und ich glaubte ihm kein Wort, aber wie er stundenlang gewandt von Hegel, Descartes, Plato und Wittgenstein und ihren Theorien dozierte, überzeugte er mich.

Schließlich offenbarte er mir seine Geschichte: Wie es dazu kam, dass er nach einem Motorunfall seine Frau, seine Wohnung und seinen Job verlor und von heute auf morgen auf der Straße stand und von dort niemals mehr zurück kam. Mittags trottete ich betrunken nach Hause und meldete mich für den Tag von der Arbeit ab. Ich war deprimiert, wie schnell man aus dem Leben gerissen werden konnte. Völlig schuldlos. Und wie wichtig es ist, eine Familie und Freunde zu haben, die einen auffangen, egal was ist.

Ich nahm mir vor, jetzt öfter mit Jupp einen zu trinken und mir von seiner wunderbaren Welt erzählen zu lassen und ihm Mut zuzusprechen, doch noch einen Versuch ins geregelte Leben zu wagen, ihm anzubieten, zu helfen und zu unterstützen, gemeinsam einen Weg von der Straße zu finden. Aber wie das so oft mit guten Vorsätzen ist und wenn man sowieso keine Ahnung hat, wie das denn gehen sollte, jemanden von der Straße zu holen: Es blieb, wie es war. Er rief von weitem: »Der Prinz kütt.« und ich ermahnte ihn, nicht alles zu vertrinken.

Eines Tages, im Herbst, noch bevor ich ihn grüßen konnte, kam mir eine junge Frau genau auf seiner Höhe entgegen. Wir versuchten beide zur selben Seite auszuweichen und standen uns vis-a-vis gegenüber. Überrascht blieben wir stehen und sahen uns an. Ich weiß nicht, wie lange dieser Moment gedauert hatte, aber wohl zu lange, denn Jupp sagte plötzlich: »Et hätt e Auch op dich jeworfe und dich do jenau jetroffe, wo et Hätz is.« Wir lachten. »Dä Prinz un et Funkemariechen.« Das war der Anfang einer großen Liebe mit Jupps Segen.

Es verging kein Tag, an dem Jupp nicht nach »Mariechen« fragte, was sie so mache und wie es ihr ginge und ob ich auch immer nett zu ihr sei, weil sie doch auch so ein »lecker Mädsche« wäre und dass ich gut auf sie aufpassen sollte, wie auf meinen Augapfel und dass wir doch Kinder bekommen müssten und wenn wir heiraten würden, dann käme er sogar in die Kirche, obwohl er von dem »Drissverein« keine Meinung hatte und im alten Rathaus sollten wir heiraten, da wär es am schönsten und dann schwieg er und dann dachte er nach und dann nickte er und trank.

Heute Morgen war es arschkalt. Das Thermometer kratzte an der Minus zwanzig Grad Marke und mein erster Gedanke war: »Jupp.« Etwas schneller als sonst, machte ich mich auf den Weg zu Arbeit, diesmal mit einer Thermoskanne heißen Kaffees. Mariechen rief noch: »Grüß schön!«, da spurtete ich schon los. Doch als ich an die Stelle kam, an der Jupp sonst immer haust, erwartete mich gähnende Leere. Ich blickte mich um, aber keine Spur von ihm. Keiner, den ich hätte fragen können. Mit Sack und Pack war er verschwunden. Keine Decken, keine leeren Flaschen, kein Einkaufswagen. Nichts. Wie leergefegt. Ich stand eine halbe Stunde ratlos herum, bis ich meinen Weg in Gedanken fortsetzte.

Ich hoffe, er ist nicht weit gegangen. Ich bete, nicht für immer. Auf meinem Schreibtisch steht die Thermoskanne. Der Kaffee ist noch warm. Vielleicht treffe ich ihn. Irgendwann. Irgendwo. Und dann werde ich ihm erzählen, was mir Mariechen diese Nacht ins Ohr geflüstert hat. Sie hat »Ja« gesagt. Ganz leise.

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84 Antworten

Kommentare

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    wirklich schön geschrieben.

    21.05.2011, 01:29 von Aukmann
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    wundervoll.

    13.09.2009, 02:18 von schnelleralsderwind
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    soo schön =)

    18.04.2009, 23:03 von DonnaD
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    ich könnte alle kommentare hier wiederholen.
    ohja, zu schön.!

    17.04.2009, 11:48 von coolkidqueen.
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    wow.

    12.03.2009, 16:02 von Miss_Golightly
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    seeehr gut. da kommen einige erinnerungen hoch und auch das "ich wollte doch noch ..". danke! auch für den reminder!

    11.03.2009, 21:36 von mrs_schaf
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    Sehr guter Text! Geht unter die Haut!
    Toll!

    23.02.2009, 20:42 von California-Sun
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    Gänsehaut...sehr einfühlsam geschrieben...

    15.02.2009, 11:31 von Kayah
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  • Kommentar eines gelöschten Benutzers
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    IMHO ein literarisches Highlight! Angenehm flüssig zu lesen, ideale Länge! Empfehlung!

    04.02.2009, 18:29 von mega
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  • Haben wir sie noch alle?

    Burn-Out, Internetsucht, Depression - immer mehr Deutsche lassen sich therapieren. Braucht es all diese Therapien wirklich?

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    Die Mode ist die Message: Die pro-russischen Kämpfer in der Ukraine sehen mit Macheten, Masken usw. aus wie Figuren aus den »Mad Max«-Filmen.

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