Der_Misanthrop 26.07.2007, 05:49 Uhr 38 50

Julian Calek

Ich bin tot. Seit 121 Tagen, 7 Stunden und 23 Minuten liege ich hier.

Ich bin tot. Seit 121 Tagen, 7 Stunden und 23 Minuten liege ich hier. Vorher saß ich, doch irgendwann bin ich, ich weiß gar nicht so genau warum, aus meinem Sessel gekippt. Und nun liege ich also hier. Starre seit einem Vierteljahr in dieselbe Richtung. Ich sehe wie sich immer mehr Staub auf dem Boden sammelt, wie er manchmal von geheimnisvollen Winden (meine Fenster sind alle verschlossen) bewegt wird. Nur ein Stück weit. Man kann nicht einmal von einer wirklichen Aufwirbelung sprechen. Ich würde sagen, der Staub rieselt, perlt ein paar Zentimeter auf dem Boden entlang, bevor er wieder zur Ruhe kommt.

Vor 73 Tagen klopfte es an die Tür. Ich öffnete natürlich nicht. Ich blieb liegen. Aber sie wurde dadurch aufgeschreckt. Meine kleine achtbeinige Freundin, die sich unter der Kommode ein Netz gesponnen hat, wie ich ein schöneres zu meinen Lebzeiten nicht gesehen hatte. Vielleicht ist es auch nur eine gewisse morbide Faszination, die sie auf mich ausübt. Früher litt ich unter einer Arachnophobie. Nun, diese Angewohnheit habe ich, wie so viele andere, mit dem Tode abgelegt. Es wäre einfach albern an alten Ängsten festzuhalten. Was sollte ich denn noch fürchten?

Durch das Pochen (hat sie es gehört oder nur die Vibration gespürt?) wurde sie aufgeschreckt und verließ zum ersten Mal, seit ich hier liege, ihr Netz. Ich sah sie dann 2 Tage lang gar nicht mehr, was ich zutiefst bedauerte, doch dann bemerkte ich aus dem Augenwinkel - leider ist meine Bewegungsfähigkeit etwas eingeschränkt - dass sich zwischen meiner Hand und dem Sessel ein neues Netz spannte. Sie scheint umgezogen zu sein. Ob sie sich auch von mir ernährt? Ich spüre ja leider nichts mehr - aber ich gönnte es ihr auf jeden Fall, denn wo soll denn in meiner Wohnung sonst noch Nahrung für sie herkommen? Und sie ist doch meine einzige Freundin.

Mein Blick fällt starr auf ein, sich langsam vom Staub bedeckendes, Bild. Ein eingerahmtes Foto, welches sich auf dem kleinen Beistelltisch neben der Kommode befindet. Auf dem Bild bin ich. Nur ich. Als junger Mann. Ich kann nach wie vor sagen, dass ich ein sehr gut aussehender junger Mann war. An Frauen hat es in meinem Leben wahrlich nicht gemangelt. Es ist durchaus ironisch, dass ich nun auf dieses jüngere Ebenbild von mir schaue, dieses verflucht arrogante und selbstverliebte Ebenbild, das nie jemanden in sein Leben ließ. Das immer über das Alleinsein schwadronierte, welches letztendlich jeder Mensch ertragen müsse. Vor allem jene mit einem Partner an ihrer Seite. Ich hingegen würde es zelebrieren und meine dadurch gewonnene Freiheit genießen. Ich war ein Narr.

Ich bin allein auf diesem Bild und es ist nur gerecht, dass der Tod mir dies wortwörtlich vor Augen hält, denn ich bin auch allein gestorben. Und ich verfluche mich und mein Leben. Es wird nichts von mir bleiben. Da ich nie eine feste Beziehung einging hielt ich es für nur konsequent auch keine Kinder zu bekommen. Sollte doch der Stammbaum an meinem Zweig enden und verenden. Ich wollte ohne Belastungen leben. Ohne einen Klotz am Bein. Nun, das habe ich auch geschafft. Ich bin allein. Ganz allein.

Meine Eltern starben vor 34 Jahren bei einem Zugunglück. Ich habe es im Fernsehen gesehen. Freunde meiner Eltern organisierten das Begräbnis. Ich bin auch da gewesen. Es ödete mich an. Nach der Trauerrede verließ ich den Friedhof. Eigene Freunde hab ich nicht. In meiner Jugend redete ich mir ein ich hätte welche. Aber was ist schon Freundschaft? Eine Illusion. Ein kurzzeitiges Interesse an einem anderen Menschen, das sehr schnell abflaut wenn man auf die negativen Eigenschaften desselben stößt. Ab diesem Zeitpunkt werden Freunde zum Ballast. Ich brauchte so etwas nicht. Ich genoss das erste Kennenlernen, das Erforschen eines neuen Charakters, blockte aber sofort ab, wenn es drohte tiefer zu gehen. So hielt ich es auch mit den Frauen.

Ich hielt das für angemessen. Zeitgemäß. Modern. Nun liege ich hier. Allein. Vor 130 Tagen, 3 Stunden und 52 Minuten bin ich in meinem Lieblingssessel, im Alter von 78 Jahren gestorben. Ich weiß nicht warum. Es ist mir auch egal. Eben las ich noch in einem Buch, dann war ich tot. Seit 130 Tagen nun. Niemanden interessiert das. Ich liege hier schaue auf mein Bild, schaue auf mich und hoffe das meine achtbeinige Freundin sich mir noch einmal zeigt. Meine einzige Freundin.

Wer da wohl geklopft hatte?"Wichtige Links zu diesem Text"
Auch auf solch abstrusen Seiten findet man meine Texte (gut).

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38 Antworten

Kommentare

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    Immer noch. 

    10.02.2016, 09:53 von MaasJan
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    "Hallo Der_Misanthrop,

    es gibt 23 neue Kommentare zu »Julian Calek«: "

    Da denxte so als Autor, wennsde sowas im Postfach vorfinzt - da denxte: geile scheisse - was geht alter? und dann siehste WAS geht und dann denxte, so als autor, denxte da: WTF?

    07.10.2010, 00:32 von Der_Misanthrop
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    Hier, sach ma. Wie spricht man dat aus? Dschuliahn Tschalek? Oder Julian Kaleck?

    06.10.2010, 17:47 von Steifschulz
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      @Steifschulz Du dit is ja wies meistens so is bei so Texten - dit sollte ja schon dem Leser. Nech? Sollte das schon.
      Aber ich verrat dir, wenndes nich weitersachst und für dich behälst und wenns unter uns bleibt und ganz im Vertrauen sagich dir: ich denk immer so Julian Zalek. Is aber wahrscheinlich garnich richtich. Wie jesacht - nich dasde das ürgndwie jez öffentlich kundtust, ne? Weil s sollte schon dem Leser. Ffjeden danke ich für den Textbezogenen Kommentar, ne? Is ja nich selbstverständlich!

      Dein
      Deurich

      07.10.2010, 00:36 von Der_Misanthrop
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      @[Benutzer gelöscht] Das ist ja ein tolles Ding! Ich schreibe wie Charlotte Roche. Gut zu wissen. Was wohl passiert, wenn an da seinen Einkaufszettel einspeist?

      06.10.2010, 10:05 von B.tina
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      @B.tina ich schreibe wie sigmund freud.

      krass

      06.10.2010, 12:31 von RedSonja
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      @RedSonja oder theodor fontane..

      beides mal kerle????

      06.10.2010, 12:37 von RedSonja
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      @[Benutzer gelöscht] ich find das schön.

      .. so von wegen weibliche seite leben.
      doch. ja.

      06.10.2010, 16:05 von RedSonja
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    Die Idee ist ziemlich interessant und gut umgesetzt.
    Ich finde aber trotzdem das man/du da mehr hätte rausholen können.
    Zum Beispiel Verzweiflung fallen lassens des Schleiers, Überfahrt des Gefühlspanzers über Panzermine etc.

    Vllt sogar hineinversetzen in den Leben-Tod-übergang
    was ich mir aufgrund Erfahrungsmangel übrigens recht schwer vorstellen.

    Ejal - war schön's zu lesen

    ps
    Der Tod dauert das ganze Leben und endet, sobald er eintritt

    07.09.2010, 05:23 von Heartwriting
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    gefällt, herr deurich. obwohl mir nich in den sinn kommen will, wie er zwar nix mehr spüren kann, aber noch sieht. Oder schwebt er über sich?

    Ich weiß. Ich bin wieder zu rational. Entschuldige. ;)

    13.04.2010, 14:30 von Pinzepu
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    Vielen Dank an dieser Stelle mal an alle, die den nach so langer Zeit noch entdecken und für gut befinden!

    24.02.2009, 06:40 von Der_Misanthrop
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