Patrick_Bauer 13.12.2005, 12:00 Uhr 27 0
NEON täglich

Jobträumerei

Das gibt es nicht: den Kindheitswunsch zum Beruf gemacht. Oder?

Nein, viel zu tun hat W. nicht. Ein bisschen mehr als zwei Stunden dauert die Fahrt von Stuttgart nach München mit dem ICE. Und W. fährt. Ab und an muss er die Geschwindigkeit regulieren und dann, immer wieder, tönt eine grässlich blecherne Männerstimme: “SIFA, SIFA”. Das ist der Sicherheitsfahrschalter. Den drückt W. dann, um zeigen, dass er noch da ist. Wenn nicht, bleibt der Zug stehen.

“Das wollte ich auch mal werden, Zugfahrer”, sage ich, “als Kind.” Ich sitze an diesem Sonntagabend auf dem Beifahrersitz neben W., eine kostenlose, aufregende Bahnfahrt, und es wirkt, als sei der ICE-Führer ganz froh darüber, mal ein wenig Unterhaltung zu haben. Er schaut mich an und sagt leise: “Jetzt weißt du, warum du‘s gelassen hast.” Hm. Stimmt natürlich: Gleichwohl Bahnhöfe und Bahnschranken aus der Lok-Höhe zu aufregenden Eindrücken mutieren, würde ich nach einer Woche an diesem Arbeitsplatz ganz sicher nur noch vom SIFA träumen, monoton. Wenn mal was passiert, dann ist es ein Personenschaden.

Dennoch freue ich mich, als ich später auf den Bahnsteig schwanke. So ein Traumberufs-Check tut gut. Denn ich wollte das wirklich, ich war fest entschlossen damals, in ferner Zukunft dampfende, zischende Riesenzüge zu steuern. Ja, ich weiß: klassischer Kindheitstraum, aber meine Eltern zweifelten tatsächlich schon an ihrem Sohn und fuhren fortan nur noch Auto mit mir. Und irgendwie drückte noch viele Jahre später die Frage: Vielleicht hätte dich so ein mannhafter Bahn-Job ja doch glücklicher gemacht?

Spätestens seit Sonntag weiß ich: auf gar keinen Fall. Jetzt muss ich nur noch bei einer Polizeistreife hospitieren und mal im Finale von Wimbledon gestanden haben, dann bin ich mir meiner beruflichen Orientierung bombensicher. Vor einer Weile wurde ich in einem Bewerbungsgespräch gefragt, seit wann ich denn das machen wolle, was ich mache. Schon immer, sagte ich. Glatt gelogen.

Aber gibt es das: die Traumjob-Karriere? Das zu werden, was man schon immer wollte? Klar, irgendwann werden die Vorstellungen realistischer als im Kindergarten. Aber dann? Laut einer Umfrage würden 85 Prozent aller Jobeinsteiger auf ihren Traumberuf verzichten, wenn sie dafür irgendwie unterkommen. Irgendwo. Und ihr? Seid ihr heute Tierärztin, wie seinerzeit geplant, mit fünf? Oder habt ihr auch schon mal die späte Überprüfung eures Wunschberufs gemacht? Vielleicht trauert ihr dem ja hinterher? Am tristen Schreibtisch, an dem niemand “SIFA” sagt.

27 Antworten

Kommentare

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    ich wollte immer schriftstellerin werden und daran hat sich nichts geändert. jedoch nie hauptberuflich, ich wollte es immer "nur" nebenbei machen.
    zur zeit drücke ich noch die schulbank, nächstes jahr wenn alles glatt läuft fachabi und studium. und das schreiben, das kommt wie immer nebenher.
    auch wenn ich zur zeit eine echte blockade habe.

    21.12.2005, 21:54 von FreakingMuse
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      @FreakingMuse ha, ja, das wollt ich auch immer NEBENBEI. ich schreib jetzt noch immer gern, würde auch bücher rausbringen, aber für romane und co fehlt mir die zeit, die ich auf der anderen seite dringend brauche.
      aber TRÄUMEN wird man wohl dürfen?!

      22.12.2005, 09:21 von hazelnut
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    hahaha, nette gedanken die dein artikel da vorrufen!

    ich wollte von klein auf "COMPUTERFRAU" werden - was auch immer das GENAU für mich war.
    bin nun tagtäglich am computer. er ist mein leben. bald mein brot.
    ich bin GRAFIK DESIGNERIN.

    21.12.2005, 00:27 von hazelnut
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    Also mein Traumberuf war ja Weihnachtsmann.

    Immerhin hab ich schon mal en Praktikum in Finnland gemacht ;-)

    14.12.2005, 11:15 von Sirius
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    Tja, ich wollte immer Architekt werden....

    Jetzt, nach dem abgeschlossenen Studium und mit festem Job muss ich nur noch zwei Jahre warten bis ich mich auch so nennen darf. Bisher bin ich "nur" Dipl-Ing Arch. Aber der Traum ist noch nicht fertig. Irgendwann will ich dann auch mal selbstständig sein mit eigenem Büro usw. DAS ist der eigentliche Traum

    14.12.2005, 10:12 von VinceVega
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    Nein, ich wollte NIE Tierärztin werden. Mit 4 nicht, mit 14 auch nicht.

    Eigentlich ist eher anders herum: ich will zwar auch heute noch nicht Tierärztin werden oder sein- aber was Ärzte im Allgemeinen leisten, da hab ich echt großen Respekt vor...

    Ich hatte -trotz dass ich ein Mädel bin- immer andere Träume: Baggerführerin, Cowboy und Polizistin.

    Heute hat das was ich tue, damit herzlich wenig zu tun- aber ich bin trotz Irrungen und Wirrungen in meinem Werdeweg doch sehr zufrieden mit meinen Entscheidungen.

    Mit etwas, was man jeden Tag tut, sollte man an erster Stelle zufrieden sein- denn psychologisch betrachtet ist Zufriedenheit aufgrund seiner Konstante das bessere Gefühl als Glück. Glücklich ist man immer nur kurzfristig.

    Auch in anderen Bereichen bin ich zu meiner eigenen Zufriedenheit genauso wie ich als Kind immer wollte, dass ich so werde.

    Der Traum von der Polizistin ist ausgeträumt, weil ich mittlerweile zu alt bin für den Einstieg bei den Grün-Weißen. Baggerführerin will ich schon lang nicht mehr sein.
    Und wie ein Cowboy kann ich mich tatsächlich manchmal fühlen, wenn ich auf meinem Südbalkon mit Blick auf ein Feld sitze und die Sonne untergeht... :)

    14.12.2005, 07:21 von Juli.
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