Jetzt kommst du fast jeden Tag.
Und es hat mir nicht einmal etwas ausgemacht, weil ich immer dachte, ich könnte dich retten.
Alle trinken vergnügt aus ihren Gläsern, hinterlassen kleine Fingerabdrücke. Das Geschirr klappert laut, wenn sie vor Lachen mit der Gabel auf den Teller schlagen. Manchmal kann ich sogar mitlachen, ganz leise zwar, doch das reicht. Dann blicke ich die vertraute Gestalt neben mir an und warte auf ein Lachen, auch aus seinem Mund. Wenn sich seine Mundwinkel nicht bewegen , berühre ich ihn zart im Gesicht. Es fühlt es sich ganz kalt an. Wie eine Mischung aus Trauer und Verletzlichkeit. Ich fühle viele Kerben und Narben, die nicht mehr heilen wollen. So viel Angst, die aus allen Poren fließt. Doch am schlimmsten sind die Lügen, die tun beim anfassen weh. So weh, dass man meint, damit kann keiner leben.
Als du das erste Mal vor meiner Tür gekauert hast, wollte ich nicht glauben, dass du es bist. Erst, als ich all den Dreck von dir abgewaschen hatte, habe ich dich wiedererkannt. Den großen jungen Mann. Mit schwarzen Haaren, blauen Augen und den vielen Tattoos. Beim ersten Treffen fand ich das cool. Heute weiß ich, dass sie all deine Narben verdecken sollen. Nur die in deinem Herz konnten sie nicht lange verbergen.
Jetzt kommst du fast jeden Tag. Manchmal kannst du dich kaum auf deinen langen Beinen halten. Dann erzählst du wieder von den Ärzten, die sagen, dass du nicht mehr viel Zeit hast. Du legst deinen Kopf in meinen Schoß und ich kann die Drogen in deinem Körper riechen. Wie sie dich kaputt machen, in dir alles zerfleischen. Manchmal bin ich wütend, wenn du sagst, dass du nicht aufhören kannst. Wenn ich dich anschreie, sitzt du einfach nur da und schaust auf deine Hände. Du hast die schönsten Hände, die es gibt. Ich könnte meine Welt in sie legen, aber das tue ich nicht. Du hättest nicht genug Kraft sie zu tragen, das weiß ich doch.
Wenn die Nacht nach feiern riecht und man weiß, dass der Abend zum Vergessen gut ist, nehme ich dich mit. Manchmal kannst du nicht mit anderen reden. Du denkst, sie könnten dir deine Sucht ansehen. Manchmal schämst du dich sogar. Dann klammerst du dich an einer Zigarette fest und spielst mit deinen Armbändern. Wenn die Scham verfliegt, tanzt du auf der Straße, trinkst zu viel und hältst dich für unwiderstehlich. Deine Lippen bewegen sich dann ganz anders als sonst. Ich erkenne dich so nicht mehr wieder. Oft gehe ich nach Hause, um zwei Stunden später wieder die Tür zu öffnen, weil dein Kopf nur in meinen Schoß passt.
Aus jeder Klinik bist du geflohen. Am Ende immer zu mir. Wenn du in mein Zimmer kamst , mit verschwitzem Gesicht und Augen, die mir von Verzweiflung erzählten, war ich nicht da, um dir Vowürfe zu machen. Ich war da, um die Nacht auf dem Boden zu verbringen, damit du ein Bett hattest. Um deine Klamotten zu waschen, für dich zu kochen und dir beim Kotzen zuzusehen. Und es hat mir nicht einmal etwas ausgemacht, weil ich immer dachte, ich könnte dich retten.
Heute war unser letzter gemeinsamer Tag. Wir haben versucht ihn zu feiern. Die Gäste haben gelacht, dir Geschenke gemacht, viel Glück gewünscht und sind gegangen. Ich bin geblieben, habe Fingerabdrücke von Gläsern geputzt und das Geschirr gewaschen. Dann habe ich deine Lieblingsjeans eingepackt und den vollen Koffer geschlossen. Habe mich umgedreht und in deine blauen Augen geschaut. Wir haben gar nichts mehr gesagt. Hand in Hand zum Taxi. Meine Tränen und die Autotür. Dann warst du schon um die Ecke gefahren.
Als ich meine Hand öffnete lag in ihr ein kleiner Zettel.
Das Papier war nicht mehr ganz weiß und durch meine wässrigen Augen verschwamm deine Schrift immer wieder.
"Wenn du mal was hast, weine ich auch.""Wichtige Links zu diesem Text"
dann zerbricht eine ganze welt.

Kommentare
Tut schon böse weh der Text, wenn man in einer Position ist, in der man ihn versteht, dann wird man ganz schön aufgerüttelt.
17.06.2010, 00:54 von altes_lagerIch denke der Text könnte auch gut aus Sicht des Süchtigen geschrieben sein. Der endlich mal über sich und seine Taten nachdenkt und dem es schrecklich Leid tut dass er alle Anderen um ihn herum nicht beachtet hat und sie zerstört hat. Das glaub ich das schreckliche an ner Sucht.
Und wenn der Protagonist nun aus 3rd Person Sicht, sein Leben rekapituliert, find ich, wird erstmal das Erschreckende an Süchten klar, nämlich dass man beide Seiten der Freundschaft zerstört, sich und den Freund/Partner.
OK, meine Gedanken dazu. Der Text ist schon heftig, gerade weil er viele anspricht und sie nah dabei sein lässt.
echt .. oh man echt toll!
01.06.2010, 19:16 von buratwinwow. unglaublich gefühlvoll.
04.05.2010, 23:29 von KorutonIch finde vorallem die Wut des Erzählers/der Erzählerin sehr gut und einfühlsam dargestellt.
Persönlicher Favorit: erster Abschnitt
oh mann..wie schön geschrieben! sehr rührend
17.03.2010, 21:12 von weAreAnimalsDer letzte Satz ist wunderbar, so einfach aber so echt!
04.03.2010, 03:38 von magnetSehr sehr toller Text!
Der letzte Satz ist wunderbar, so einfach aber so echt!
04.03.2010, 03:37 von magnetSehr sehr toller Text!
sucht. süchte.. süchtig.suchtgesellschaft.
01.03.2010, 01:20 von Blumenbeetsuche.suchen.versucht.. seuche.
gesellschaft. seele.
drogen. neigung. leidenschaft. sucht..
sucht sucht süchtigen.
wreizreaktions- und kausalitätsketten..
zeitenwandel
relation. differenzierung
"Wenn die Nacht nach feiern riecht und man weiß, dass der Abend zum Vergessen gut ist, nehme ich dich mit."
26.02.2010, 01:14 von die.janineDie Stelle gefäält mir besonders gut!
ja. man kann das ganze aus zwei perspektiven betrachten. schön, einerseits, das du für deinen freund so da bist, das du so fürsorglich bist. aus pädagogischer sicht aber das dümmste, was du machen konntest. egal. wohin ist er gangen?
26.02.2010, 00:25 von Pfuu_Schade.
25.02.2010, 00:49 von Miss_SatansbratenWennde den nich aus "Kammerflimmern" geklaut hättest, wäre ich beeindruckter gewesen.
Alles in allem kann ich jedoch mitfühlen. Ähnliche Erfahrung, ähnlich niedergeschrieben, ähnliches Ende.
Wobei´s ja bei sowas nie wirklich nen Ende gibt...
Grüße.
@Miss_Satansbraten den:
25.02.2010, 00:50 von Miss_Satansbraten"Wenn du mal was hast, weine ich auch."