"Jetzt hab ich Mathe ganz umsonst gemacht."
Wenn man das erste Mal mit dem Tod in Berührung kommt.
Wenn man das erste Mal mit dem Tod in Berührung kommt, ist man meistens ein Kind. Der Hamster ist in den Himmel gegangen, heißt es dann von Mama und Papa, oder der Goldfisch wollte wieder ins Meer zurück. Oder man kommt mit dem Tod in Berührung, wenn man wesentlich älter ist. Es stirbt jemand, der einem wichtig ist. Im besten Fall an Altersschwäche.
Aber da hatte man bereits sein ganzes Leben Zeit, sich darauf vorzubereiten. Oder zumindest die Chance dazu.
Anders ist es, wenn man 14 ist. Ein Kind. Nur noch für kurze Zeit. Aber das weiß man ja am morgen nicht, wenn man sich aus dem Bett quält, um zur Schule zu gehen.
Man weiß nur noch, dass man an einer viel befahrenen Straße entlang geht, in Gedanken versunken. "Hab ich die Mathehausaufgaben gemacht?! Hoffentlich kann ich Chemie noch schnell abschreiben." Der Gedanke an den süßen Jungen, der einem keinerlei Beachtung schenkt.
Dann kam der Knall. Also eigentlich hörte sie ihn nicht. Sie sah nur den Motorradfahrer, der die Straße runter fuhr, die Mutter, die in ihrem Volvo Minivan viel zu schnell das Gelände der Realschule verließ. Dann sah die Kleine den Motorradfahrer fliegen. Leicht, wie ein Vogel. In Zeitlupe. Der Aufprall mitten auf der viel befahrenen Straße. Das Mädchen ließ ihren Rucksack fallen. Wurde fast selbst überfahren. Sie lief und schrie: "Schnell, ruf jemand einen Krankenwagen, holt Decken, er braucht Decken. Er hat kalt."
Als sie bei ihm ankam, war sie die erste. Alle anderen standen in gebührenden Abstand da und glotzten. Das Mädchen wird diese Blicke nie vergessen. Das Mädchen wusste, dass der Helm nicht abgenommen werden durfte, wegen schwerwiegender Verletzungen im Halswirbelbereich. Sie nahm die Hand des Motorradfahrers, deckte ihn mit ihrer kleinen Jacke zu und fing an mit ihm zu reden.
"Weißt du eigentlich, dass ich jetzt wegen dir zu spät zur Schule komme? Jetzt hab ich Mathe ganz umsonst gemacht." Sie redete, damit er nicht alleine war. Sie hörte die Frau schreien und plärren, die nicht schnell genug fahren konnte. Als ob sie ein Recht hätte zu schreien. Dachte das kleine Mädchen. Keiner half ihr, sie war allein mit dem Motorradfahrer. Sie glaubte daran, dass alles gut würde. Sie sah seine schönen blauen Augen, sie blickten sie an, durch sie durch. Liebevoll. Als das kleine Mädchen das Blut sah, dass aus den Ohren kam, musste sie weinen. Sie hielt seine Hand fester und versprach für immer bei ihm zu sein. Ein Lächeln von ihm, ganz leichter Druck der kleinen Hand.
Das kleine Mädchen ging nicht weg von ihm, auch nicht als der Krankenwagen kam. Sie wollte mit hinein, aber da war kein Platz für sie. Sie drückte noch einmal seine Hand und versprach wieder ihr Versprechen. Ein Lächeln. Von beiden. Mit Tränen.
Die Straße wurde von den verstreuten Teilen des Motorrads gesäubert. Sie stand da und schrie die Gaffer an, sie sollen sich verpissen.
Dann ging sie in die Schule. Sie hatte ja Mathe gemacht.
Am nächsten Tag las sie in der Zeitung, dass ein junger Motorradfahrer bei einem schweren Unfall ums Leben gekommen sei. Er sei bereits im Krankenwagen verstorben. Mit einem Blatt Matheaufgaben in der Hand.

Kommentare
"Weißt du eigentlich, dass ich jetzt wegen dir zu spät zur Schule komme? Jetzt hab ich Mathe ganz umsonst gemacht." Sie redete, damit er nicht alleine war.
13.01.2011, 00:48 von topfbluemchenBesonders diese Stelle im Text berührt.
erst war ich nicht ganz überzeugt, aber dann hab ich tatsächlich ein bisschen geweint.
25.10.2010, 01:15 von himbeerblonddu hast meine deutschhausaufgaben gerettet.
10.09.2010, 17:30 von redlipstick'suche eine kurzgeschichte aus dem internet eines unbekannten users'
vielen dank!
Mich stört weder der Perspektivwechsel, noch der Teaser. Ich mag deine Art zu schreiben.
22.08.2010, 14:09 von Horizonherz.aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaah!!!! gänsehaut!!!!
12.03.2010, 22:17 von litschkaleIch hab sooooooo Gänsehaut bekommen...
10.03.2010, 10:10 von limartiniDer Tod kommt ohne Anmeldung, irgendwann, da gibt es ein erstes Mal, mit der Zeit, da stumpft man ab.
08.03.2010, 13:40 von ExStreetBin überwältigt.
05.03.2010, 12:52 von PiiiiaSehr guter Text! Vor allem die 3 Endsätze haben mich berührt.
starker text, auch wegen dem rationalen teil am anfang.
03.03.2010, 21:21 von SeanSanderkann man die ohren sehen, wenn der helm noch auf dem kopf ist?
02.03.2010, 21:56 von la_lionne@la_lionne Sie hat schon ein paar Mal erklärt, dass der Helm verrutscht war!
03.03.2010, 12:11 von Ayla1993