johnny.fox 29.06.2009, 08:17 Uhr 56 70

In meiner Straße wohnt ein Trompeter

Was für eine Reise. Ein Glas Wein am Ziehbrunnen, ein Tanz mit Marlon Brando, ein Kuss von Lolita in Paris und die Bigbandparade in New Orleans.

Der Sonntagnachmittag ist angenehm. Ich habe nichts zu tun und auch nicht vor, das zu ändern. Gemütliche Langeweile in allen Ecken meiner Wohnung. Die Fenster sind offen, und frisch zirkuliert die Nachmittagsluft durch die Räume.
Die Badewanne ist gefüllt und ich steige in das dampfende Wasser. Ich werde mindestens eine Stunde lang dösen, vor mich hin denken und Zeit verschwenden, um die es mir nicht schade ist.
Auf dem Holzregal liegt ein Wissensmagazin. Kein Wissenschaftsmagazin. Auf das „schaft“ im Wort wird verzichtet. Die Wunder der Welt bunt illustriert und in 15-zeiligen Absätzen erklärt – das reicht. Für einen Sonntagnachmittag in der Badewanne genau das Richtige.

Auf der ersten Seite kann ich nachlesen, dass ein Biss in einen Apfel aus reiner Antimaterie die halbe Welt zerstören kann. Zur visuellen Untermalung der Information dienen Fotos von atomaren Explosionen und verbrannter Erde. Inmitten der kaleidoskopischen Bildkomposition aus Feuer und Tod schwebt bedrohlich ein Apfel, umzuckt von grellen Blitzen. Ich habe noch nie einen bedrohlichen Apfel gesehen, es sei denn er war schimmelig und in der Hand eines vierjährigen Kindes, dass Hunger auf Obst hat. Aber dieser Apfel war trotz des fehlenden Schimmels und seiner gesunden, grünen Farbe eindeutig ein böser Apfel.
Ich frage mich, warum da geschrieben steht, dass nur die halbe Welt zerstört wird? Ich war mir sicher, wenn man von einer Kugel die Hälfte abschneidet, ist es keine Kugel mehr und sie ist im Sinne einer funktionierenden Kugel kaputt. Und zwar komplett.

Während ich halb versunken im Badewasser darüber nachdenke, ob Antimaterie-Birnen die gleiche Durchschlagskraft haben wie ihre fruchtigen Brüder, höre ich durch das offene Badezimmerfenster Trompetenmusik. Ich wohne nun seit fast vier Jahren hier, aber das passiert zum ersten Mal. Irgendwo muss noch ein Fenster weit geöffnet sein und irgendjemand dahinter genießt seinen Sonntag mit Blechblasmusik. Ziemlich mutig an einem Sonntag in Deutschland, aber ich finde es schön und lese weiter in meinem Magazin. Auf den nächsten zwei Seiten steht geschrieben, warum die Dinosaurier tatsächlich verschwunden sind. Die Antwort kenne ich schon und blättere um.

Die Trompete spielt weiter. Es ist kein Jazz, aber auch keine bayrische Blasmusik. Es klingt eher nach einer Hochzeitsgesellschaft in der ungarischen Puszta. Frauen in langen Gewändern und bunten Tüchern tanzen mit der Braut. Die Männer tragen Halstücher zu weißen Hemden und spielen Geige, Akkordeon und Trompete. Ich denke mich in das Tagtraum-Ungarn, sehe die feiernden Menschen. Ganz in der Nähe steht ein Ziehbrunnen. Dahinter weiden Pferde und zwei Hirten spielen Karten um einen Beutel Tabak. Ich denke wie eine Postkarte. Ich liebe dieses Wegschweifen.

Plötzlich bin ich wieder in meinem Badezimmer, die Trompete hat aufgehört zu spielen und ich frage mich, ob die Leute mich in meinen Träumen sehen können, wenn ich an sie denke. Vielleicht macht es „plopp“ und eine Badewanne steht auf der grünen Wiese. Ich sitze drinnen, mit nichts weiter bekleidet als Schaum und Scham und glotze die tanzenden Menschen an. Wenn dem so ist, sollte ich in Zukunft die Art und den Ort meiner Tagträume genau überdenken. Aber ob das so funktioniert, weiß ich trotzdem nicht. In meinem Wissensmagazin steht nichts darüber geschrieben. Der nächste Artikel erzählt mir, wie grausam Einsamkeit und Isolation für Menschen sein kann. Ich muss wieder an den Trompetenmusikliebhaber denken. Vielleicht ist er aus Ungarn, ganz allein hier in der großen Stadt und vermisst die weite Landschaft, die Pferde und den Ziehbrunnen. Er hat nur diese eine Kassette mit Liedern aus der Heimat und wenn die Sehnsucht zu groß wird, muss er diese Musik hören.

Ich will wissen, wo der Ungar wohnt und ziehe den Stöpsel aus der Wanne. Just in diesem Augenblick wird meine Theorie vom einsamen Hirten zusammen mit dem Badewasser durch den Abfluss gegurgelt. Die Trompete hat wieder begonnen zu spielen. Das nächste Lied kenne ich diesmal ganz genau. Es wurde von Nino Rota komponiert, ist Teil eines Filmklassikers und heißt „Connie's Wedding“. Wieder eine Hochzeitsgesellschaft. Doch hier feiert man nicht in der kargen Ödnis Ungarns, sondern auf dem Anwesen der Familie Corleone. Sizilianischer Schwermut im ¾ Takt. Ich muss zugeben, das Trompetenstück klingt genauso schön wie das Original im Film „The Godfather“ und ich bin überzeugt davon, die Musik kommt nicht aus der Konserve. Ich höre Live-Musik. Jetzt will ich erst recht wissen, wo der Trompetenspieler wohnt. Mit nassen Haaren gehe ich ans offene Fenster und schaue die Straße entlang. Mein Fenster ist nicht das einzige, dass geöffnet wurde und ich bin nicht der Einzige, der die Trompete sucht. Nur nasse Haare hat kein Zweiter.

Die Trompete klagt. Keine Hochzeitsmusik mehr. Eher ein Weinen. Trotzdem schön. Fast wie Miles Davis. Meine Gedanken schweifen wieder ab. Ich fühle mich in einen alten französischen Liebesfilm versetzt. In der Straße fährt ein Mädchen im Blumenkleid auf ihrem alten klapprigen Fahrrad, der Strohhut mit weißem Band sitzt auf dem Hinterkopf und eine leichte Brise, die frech am Rocksaum zupft, pfeift durch die Gassen. Unter dem Fenster des Trompetenspielers hält sie an und blickt neugierig in die Höhe. Am offenen Fenster steht der junge Mann mit einer wilden Strähne, die ihm immer wieder ins Gesicht fällt. Doch er kann sie nicht wegstreichen, denn er spielt ja sein trauriges Lied. Sie lacht und schaut ihm offen ins Gesicht. Dann tritt sie wieder in die Pedale, denn sie hat ja noch so viel vor. Mit einer platzenden Kaugummiblase auf den Lippen denkt sie daran, wie es sein wird, wenn sie ihn wieder sieht. Im Kino an der Ecke läuft gerade „Ascenseur pour l'échafaud“
Es könnte auch eine Parfümwerbung aus der heutigen Zeit sein, aber da will ich mich nicht hin denken. Eigentlich ist mir das auch egal, denn ich bin zurück und die Realität sieht ganz anders aus.
Ein paar offene Fenster mit Gesichtern drin, die genauso suchen wie ich. Aber keiner weiß, wo die Trompete spielt. Auf der Straße führt eine Oma ihren Hund um die Häuser und hält kurz an. Sie hat sich noch nicht entschieden, ob sie das gut finden soll oder nicht.

Ich mach es mir im offenen Fenster gemütlich. Mittlerweile ist der Trompetenspieler auf den Straßen von New Orleans unterwegs und spielt „Dixie's Land“. Was für eine Freude, was für eine Reise. Ein Glas Wein am Ziehbrunnen, ein Tanz mit Marlon Brando, ein Kuss von Lolita in Paris und die Bigbandparade in New Orleans. Der tödliche Apfel ist vergessen.

Ein Polizeiauto kommt um die Ecke. Es stoppt drei Häuser weiter. Kurz danach auch die Trompete.
Es ist Sonntag. In meiner Straße wohnt ein Trompetenspieler. Jetzt weiß ich wenigstens wo.

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56 Antworten

Kommentare

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    In meiner Straße wohnt auch ein Trompetenspieler. Der ist allerdings lange nicht so gut und ist seltsamerweise nur im Sommer zu hören. Trompetenklang ist Sommerklang in meinen Ohren. :) Toller Text!

    18.04.2012, 22:57 von Lady_Hope
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    mag es!

    15.07.2011, 16:54 von aniza030
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    Schön!

    31.07.2010, 17:29 von hanako
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    Schön... gerade jetzt, wo man vom Sommer noch nur träumen kann.

    Bei mir ist es ein Klavierspieler. Leider hab ich noch nie n Musikstück erkannt, aber mich gefragt, wer da spielt hab ich schon öfters.

    13.04.2010, 14:04 von wiesenknopf
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    ja ja hier muss man schon für Ruhe und Ordnung sorgen, nicht dass noch die Anarchie regiert....

    17.07.2009, 17:33 von wan-tan-hai
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    Sehr schöner Text, tolle Bilder, schafft es mich kurz rauszureißen aus dem öden Alltag ohne Trompetenspieler, voller Rasenmäher.

    10.07.2009, 13:21 von Tanea
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    dieser text ist genau das richtige für einen morgen, mitten in der woche, ohne verpflichtungen!

    sehr schön!

    09.07.2009, 10:32 von RoseScarlett
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    klasse text!...

    ...und habe mich gerade irgendwo in der tollen Assoziationskette verfangen..

    05.07.2009, 23:41 von thelinesbetween
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    Wundervoller Tagtraum. Besonders gut gefiel mir der bedrohliche Apfel, da er einer meiner Freundinnen aus der Seele spricht - muss ihr diese Geschichte unbedingt zukommen lassen. Passendes Ende, auf seine Art.

    05.07.2009, 14:48 von serabesque
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    wirklich schön.einfach schön. schön gedacht.da drückt sich das empfehlen ganz von selbst.wie schön.

    03.07.2009, 01:45 von ParticularlyPeculiar
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