chSchlesinger 21.09.2011, 20:12 Uhr 0 1

In der Welt herumhängen?

"Ich lebe für meine Urlaube!" schrieb gestern eine junge Akademikerin ins World Wide Web.

Das Motiv der Weltreise ist präsent in vielen Weblogs. Rucksack über und weg, nur weg.

Als ich mir damals erlaubte, für zwei Jahre am "Leben" zu nippen, brauchte ich bloß lange genug Brieffreundschaften pflegen, um eingeladen zu sein in neue Städte. Wobei sich zu den Städten eben obendrein die Bekanntschaft mit neuen Menschen gesellte. "Erlebnis" hoch zwei sozusagen.

War mir mein Reisen damals immerhin Häkchen wert, endlich aus eigener Erfahrung heraus urteilen zu können, wann immer man anhob, mir etwas vom  "Leben" weismachen zu wollen, erkenne ich heute in keinem dieser längst vergangenen Wochenenden mehr meinen Maßstab.

Vielmehr atme ich auf, nicht vor Jahren bereits gestorben zu sein, weil dann meine Lebenswerke von der Spur des Elefanten und von dem Menschen, der ist, was er hinterlässt, niemals zur Welt gelangt wären.

Mit Lebenswerken kann ich Menschen, die für ihre Urlaube leben, aber schwerlich kommen. Was man so "Austausch" nennt, ist ja selbst auf simpelster Ebene nur ein Entleeren des eigenen Gefühlshaushaltes. Ob ich nun jemanden von meiner Begeisterung für das Schachspiel vorschwärme, oder ob ich gegen eine Wand pinkele, macht wohl keinen Unterschied, was den Fortgang des Lebens betrifft.

Begnadet durch diese Erkenntnis, könnte man im wüstesten Falle mit seinen Artgenossen umgehen wie mit dem Vieh auf der Weide: Man erlegt es, genießt es, und geht getrost seiner Wege, weil das Leben ja nun einmal so ist. Ratgeber, Mitmenschen "herumzukriegen", gibt es in einem Maße wie es Kochbücher gibt.

Bis zum Altenteil kann man krabbeln auf der Ebene eines Babys, das nach allem schreit, was sich begrabbeln und in den Mund nehmen lässt.

Eher will ich vollends sein, was ich dem Feierabendverkehr längst bin: Hindernis auf dem Trieb zu neuen Genüssen. Der "Spacken", der einem sowas von vor den Füßen herumeiert, dass man - "warte mal kurz!" - sein Handy vom Ohr nimmt.

Kein lauthalser Prediger, der Passanten nach dem Büttel verlangen lässt, sondern aufrechtes Wort, das steht wie es steht, und zwar mit jener Würde, mit der Kreuze in der Wildnis stehen.

Ein Leben für ein Kreuz.

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