hib 02.08.2007, 09:06 Uhr 103 134

Im Gleichgewicht

So oft ist man glücklich und weiß nichts davon.

Das Grau im Blick ist ein ständiger Begleiter. Man erkennt ihn sofort an den langen Schlieren, die er zieht. Und doch. So oft ist man glücklich und weiß nichts davon. Hier eine kleine Erinnerung daran, wie oft sich die Tage doch lohnen. Weil in ihnen etwas gewesen ist.

Was ich mag.

Wenn der Bus Ecke Danziger um die Häuser herum biegt, die Knie der Menschen anfangen sich zu beugen und die Schultern sich in Richtung Straßenrand neigen. Dabei darauf achten, wer zuerst zuckt, drängelt und wer Platz macht. Sich das Lachen unter die Arme klemmen, weil keiner ohne den anderen jemals einsteigen könnte.

Einen Weg zu gehen, den man noch nicht kennt. Um mit den Füßen zu sehen und mit den Augen die fremden Silhouetten und Oberflächen abzutasten. Den Blick für später hängen lassen an den fremden Fassaden. Dabei durch das Herz tief einatmen und den ganzen Tag dort einwirken lassen.

Beim Laufen mit den Fingerknöcheln an etwas schlagen, das Ding macht oder Däng. Dazu eignet sich prinzipiell alles, was am Wegrand steht und darauf wartet. Dabei kindisch den Takt finden, der das Blut durch den Körper drückt und alles miteinander in Einklang bringen.

Die Kopfhörer auf die Ohren drücken und einen Song hören, der die Welt nicht erklärt. Sondern ihr eine Form gibt und eine ungefähre Ahnung hinterlässt, die drei Strophen lang hält. Dabei die Lippen in Gedanken laut mitbewegen und mit den Wirbeln wippen. Den Tag zum Refrain machen.

Ein Mädchen küssen. Und dabei ein ganzes Universum mit der Zungenspitze anschieben. Vergessen, wer sich um wen drehen müsste und sie einfach zum Mittelpunkt machen. Dann mit den Fingern noch die Wangeknochen zum schwingen bringen. Dabei den Staub spüren, der man ist, und sich aufwirbeln.

Sehen, wie sich die Dinge bewegen, gerade wenn die eigenen Arme und Beine schweigen. Erkennen, dass man der Welt nichts bedeutet und die große Freiheit daran riechen. Dabei mit Leuchtturmblick in die dunklen Ecken der Gesichter leuchten. Und einen sehen, der einem selbst ähnelt.

Wolken anschauen, die um die Antenne des Fernsehturms herum aufreißen. Sich den Hals verrenken am Bahnfenster, um die ganze Zeit die Spitze sehen zu können. Dabei sich vorstellen, dass man gesehen wird von oben und heimlich ein wenig in den Himmel winken.

Daran denken, dass man in der Hauptstadt wohnt und wummert. Sich vorstellen, wie man in einer knisternden Dokumentation in hundert Jahren durchs Bild läuft und von der Zukunft schief angesehen wird. Dabei einen alten Hut tragen und auf keinen Fall so wirken, als hätte man nicht gewusst wohin mit der Lebenszeit.

Den bunten Mädchen auf den Straßen hinterher schauen. In Dekolletes fallen und mit der Zunge kleine Spuren an den schönen Hälsen hinterlassen. Sich vorstellen, wie das eigene Herz tausende gleichzeitig liebt. Aber auch verstehen, dass zwei Kammern völlig reichen. Eine für dich eine für mich.

Wenn es regnet und die Blätter am Wegrand voller wartender Wasser sind. Man sie mit der Hand erntet und den schwitzenden Nacken damit schmiert. Dabei merken, wie viel Glut im Körper ist und wie gut es tut, wenn etwas von außen kommt und Eis ins Feuer wirft.

Sie anschauen, wenn sie in der Tür steht. Und ihr Blinzeln kleine Sterne durch den Türrahmen wirft, wie an Silvester. Mit den Händen nach ihnen greifen und sie unter die Haut schieben. Dabei sich denken, dass es sich so anfühlen muss, wenn Blicke ineinander passen.

Einen Ungesehenen treffen, der die Lippen still halten und die Ohren bewegen kann. Der Fragen ins Herz stellt und auf Antworten auch stundenlang warten kann. Gemeinsam Zwerchfelle bewegen. Dabei merken, dass alle aus derselben Richtung kommen und einander ewiges Ziel sind.

Eine Karte haben für die Lieblingsband. Zwischen hunderten schlagender Herzen sein eigenes Wort nicht mehr verstehen und gemeinsam mit den Händen eine Lawine losklatschen, wenn das Licht von der Decke fällt. Dabei den Hautnachbarn auf die Münder schauen und den Text mitlesen.

Ihren Bauch ansehen und sich vorstellen, dass darin die körperliche Liebe zweier Wahnsinniger, langsam Gestalt annimmt. Durch die Bauchdecke hindurch Grüße schicken in Form von kleinen Küssen und großer Albernheit. Dabei nicht mal im Ansatz verstehen, was es bedeutet. Aber es fühlen können.

An Zufälle glauben, wenn sie einem um die Straßenecken nachlaufen. An die Stirn klatschen mit den Händen und dann mit den Mündern auf die Schultern. Dabei an die Wahrscheinlichkeit denken und sich freuen, der Unendlichkeit ein weiteres Mal entkommen zu sein.

Diesen Text beenden mit der Erkenntnis, es längst nicht zu müssen. Dabei sich das Schlusswort sparen, das Leben für sich sprechen lassen.

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103 Antworten

Kommentare

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    ich habe selten einen so schönen und gleichsam bewegenden emotionalen Text gelesen. :)

    31.08.2011, 15:32 von LauraKa
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    unglaublich schön :)

    07.03.2010, 22:34 von sarahlovesherbaebaey
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    Als ich gestern in der Bahn saß und die Bäume zu meinem Herzschlag wippten und meine Augen so geglänzt haben wie die Sonne,die das Grau der Stadt erhellte...
    und als ich danach einkaufen gegangen bin, mit Kopfhörern und lauter Musik, ich den Takt mitgeklopft habe, lautlos jede Zeile mit schrie und fast fliegen konnte vor Leichtigkeit...

    wollte ich auch so eine Geschichte schreiben. Aber jetzt hab ich deinen Text gefunden und du hast es so schön in Worte gefasst, wie ich es niemals könnte.
    Daher: Vielen Dank für den erneut wundervollen Text!

    08.12.2009, 15:29 von Seifenblasen.im.Kopf
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      @Seifenblasen.im.Kopf Eine Karte haben für die Lieblingsband. Zwischen hunderten schlagender Herzen sein eigenes Wort nicht mehr verstehen und gemeinsam mit den Händen eine Lawine losklatschen, wenn das Licht von der Decke fällt. Dabei den Hautnachbarn auf die Münder schauen und den Text mitlesen.

      Ich selbst habe gerade erfahren, dass ich nach Offenbach zu dem Arctic Monkeys Konzert fahren kann. Die Absatz der Emotionen die man von der Musik bekommen kann, weiß ich schon jetzt was ich zwischen 1000 glücklichen Menschn in einer Konzerthalle fühlen werde: pures Glück. Und ich werde beeindruckt sein was das Leben mit unseren Gefühlen so anstellen kann.
      Dieser text ist einer meiner Lieblingsartikel auf Neon.de . Ich errinnern mich ab jetzt immer an die kleinen Sachen die mein Leben versüßen wenn es mir schlecht geht.
      Irgendwie kanns einem nicht NUR schlecht gehen.
      Toller text! Aber dass muss ich ja wohl kaum sagen...

      01.02.2010, 19:19 von K.L.A.R.
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    es hört sich ein bisschen an, wie amelie :D
    wie sie aufzählt, was ihr gefällt.

    aber trotzdem schöne gedanken.

    31.07.2009, 23:39 von johanna.sunshine.
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    ...die Sonnenbrille auf die Nase setzen und spüren, wie die Wimpern an die Gläser schlagen. Die Brille etwas weiter auf die Nase schieben und in die Sonne blinzeln..

    Ganz toller Text! :)

    09.07.2009, 23:07 von nachttramper
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    einfach nur schön ;-)

    12.05.2009, 00:01 von queenmum
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    Sehr schön geschrieben, besonders die liebevollen Details..

    24.03.2009, 21:47 von flower_power
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    sehr schön

    20.03.2009, 21:51 von Pritchard
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    EInfach mal stehen bleiben und zu zusehen, wie diese Trottel versuchen die letzte Packung aus dem obersten Regal zu greifen. Mit dem Wissen gleich an ihrer Stelle herumfuchteln zu müssen...

    Das ist meine Form des glücklichem Gleichgewichts.

    Aber deine klingt auch sehr sehr schön...

    02.02.2009, 15:47 von cea
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    Warum hab ich den hier so spät entdeckt?

    01.11.2008, 17:34 von -fine-
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