johnny.fox 30.11.-0001, 00:00 Uhr 91 61

Ich

Ich will nicht sagen, dass ich all die Eigenschaften eines Mannes nicht besitze. Aber es fällt mir schwer, mich als Mann zu bezeichnen.

Ich bin ein ganz normaler Mensch. Eigentlich sage ich immer, dass ich ein Junge bin. Obwohl ich mit meinen 31 Jahren schon ein wenig über das Stadium eines Jungen hinaus bin. Aber es fällt mir schwer, mich als Mann zu bezeichnen. Ich will nicht sagen, dass ich all die Eigenschaften eines Mannes nicht besitze. Schaue ich morgens in den Spiegel sehe ich, dass mein Gesicht mit einer Menge Bartstoppeln gesegnet ist, die ich in gewissenhafter Regelmäßigkeit stutze. Da ich aber nicht wie Rübezahl oder Reinhold Messner einen dichten Teppich an maskuliner Haarpracht trage und es auch nie werde, der Abstand zwischen den einzelnen Haaren ist einfach zu groß, verzichte ich auf Nassrasur und elektrisch betriebene Mähmaschinen. Statt dessen behelfe ich mir mit meiner Haarschneidemaschine und täusche einen Drei-Tage-Bart vor, der immerhin eine Woche vorhält.

Auch alle anderen Vorzüge eines Mannes nenne ich mein Eigen. Ich bin kräftig genug, um bei einem Spontanumzug meiner Freunde zur Hilfe zur eilen und den Kleiderschrank oder die Drei-Meter-Couch aus dem sechsten Stock, mit einmal Absetzen sauber und zerstörungsfrei auf die Strasse zu bugsieren, um sie dann nach einem eventuellen weiteren Zwischenstopp auf die Pritsche des geliehenen LKWs´ zu hieven. Mit LKW meine ich alles vom kleinen Transporter bis hin zum 7,5 Tonner, solch ein Ding kann ich sicher über unsere Strassen steuern, obwohl das wohl auch eine Menge Frauen beherrschen.
Wenn es ums Beschützen von anderen Menschen geht, bin ich nicht gerade der Bruce Lee unter den Männern. Ich kann mich leider nicht wie ein Klappmesser bewegen. Durch die Luft wirbeln und fliegen, um dann hinter meinem Gegner zu landen und ihn mit gezielten Handkantenschlägen zur Strecke zu bringen, geht auch nicht. Messer oder ähnliches Schwertzeugs fass ich gar nicht erst an. Zu groß ist die Angst, mich bei Finten und Rumgefuchtele mit dieser speziellen Tötungsmaschinerie selbst zu verletzen. Aber es gab schon manche Situation, in der ich durch Cleverness gepaart mit robustem Auftreten und kühl durchdachter Taktik den Streit deeskalieren konnte.

Zu guter Letzt bin ich auch rein nach physischer Betrachtung ein Mann. Alles ist an seinem Platz und ist in einem einwandfreien Zustand. Funktionalität und Design sind auf einander abgestimmt und kooperieren hervorragend. Trotzdem mache ich es mir schwer, mich selbst als Mann zu bezeichnen.
Ich bin nicht etwa in einem falschen Körper gefangen und will eigentlich die Klamotten meiner Mutter tragen. Nein, das ist es nicht, obwohl meine Mutter einen guten Geschmack hat. Ich will mir auch nicht die Zähne spitz feilen und zukünftig als Gecko durch den Regenwald robben und mich auf warmen Steinplatten auf Betriebstemperatur hoch faulenzen. Nein, es ist etwas anderes. Vielleicht eine Kopfsache oder ein Generationsding.

Wenn ich an meinen Vater denke, der war mit 31 schon ein ganzer Mann. Er musste Verantwortung tragen. Mein Bruder und ich, wir waren schon auf der Welt und wollten versorgt werden. Spagetti mit Tomatensoße zum Beispiel, die wollten wir haben. Da hat er sich drum gekümmert. Verantwortung eben. Und ich? Die einzige Verantwortung, die ich trage und auch halbwegs gut erfülle, ist es, darauf acht zu geben, dass ich meinen Haustürschlüssel nicht verliere. Und wenn es dann doch mal passiert, dass er in der Wohnung liegt und ich draußen stehe, dann rufe ich nicht etwa einen Schlüsseldienst und lass mich von professioneller Hand wieder in die wärmenden eigenen vier Wände zurück führen. Nein. Ich überlege, wie ich am spektakulärsten in meine eigene Bude einbrechen kann. Wenn ich dann noch ein paar Bier oder Ähnliches intus habe, und dieser Zustand wohlmöglich zu meiner Unverantwortlichkeit geführt hat, dann halte ich nicht inne und schätze diese Situation als zu gefährliche Mischung ein. Ich sehe darin eher eine Herausforderung und beginne mit der Umsetzung meiner sinnlosen Idee.

Meine Freundin wiederum ist eine ganze Frau. Sie kann auch Verantwortung übernehmen. Sie ist es, die mich zurück hält, wenn ich schwankend an der Regenrinne hänge, um mit der bloßen Hand die Doppelscheibe meines Fensters zu zerschlagen. Sie geht einfach alle Für und Wider im Kopf durch und informiert mich dann eingängig über die Idiotie meines Vorhabens.

Erstens: Ich könnte stürzen und mir sämtliche Knochen zerbrechen. Bei Eigenverschulden durch erhöhten Alkoholkonsum übernimmt die Krankenkasse die Rechnung wahrscheinlich nicht.
Zweitens: Ich stürze nicht, zerschlage die Scheibe und blute wie ein abgestochenes Vieh. Die Krankenkasse zahlt eventuell, da ich den Notverband selbst anlegen kann und erst am nächsten Tag, ausgenüchtert, beim Arzt meines Vertrauens vorspreche. Aber der Glaser wird mir seine Rechnung vorlegen und mir wird nichts anderes übrig bleiben, als die nächsten Wochen die Außenwelt durch ein Stück Pappe zu betrachten. Wenn ich die ganzen Möbel voll blute, dann erhöht sich natürlich die Rechnung. Ich werde mich ja nicht im Suff und mit zerfetzter Hand hinsetzen und die Flecken aus den Polstern rubbeln. Wenn dann noch die nette Nachbarin vorsorglich die Polizei gerufen hat, weil jemand nachts um halb drei lautstark in die Wohnung nebenan einsteigt, dann kann die Situation schon arg daneben gehen. Man stelle sich doch nur mal vor wie das aussieht. Ein nach Alkohol stinkender Typ, hält seine stark blutende Hand und steht zwischen einer zerschmissenen Scheibe und einer aufgelösten Frau. Zack! Hände auf dem Rücken, Handschellen dran und meine Freundin wird befragt, was ich ihr angetan habe.
Eine Nacht im Knast mit blutverschmierten Klamotten, der Kater setzt ein und draußen steht verzweifelt eine Frau, die im Gegensatz zu mir Verantwortung übernehmen kann. Niemals! Soweit lässt sie es nicht kommen. Sie wird mich dran hindern, und das in Bruchteilen von Sekunden! Deshalb ist sie eine Frau, obwohl jünger und ich ein Junge, obwohl älter.

Ich koche Würstchen solange bis sie platzen. Mein Abwasch steht eine Woche rum. Ich telefoniere am liebsten Mittags, vom Handy ins Festnetz. Auf Konzerten trink ich zehn Bier zum Preis von zwei Kisten, wenn ich sie im Supermarkt kaufen würde. Reinige ich nach zwei Monaten meine Wohnung und brauche dafür den ganzen Tag, überlege ich oft, wie ich die Situation beim nächsten Mal vermeiden kann. Die einzige Antwort, die ich bis jetzt fand, war: Putzfrau. Ich esse sechs Päckchen Moskauer Eis und versuche meine Magenschmerzen mit kaltem Bier zu betäuben. Klopapier kauf ich immer morgens, wenn ich zwei Tassen Kaffee und eine Zigarette hinter mir habe und merke, dass die letzte Rolle nicht mehr reicht. Ich erinnere mich immer dann an meinen Wohnungsschlüssel, wenn ich die Tür ins Schloss ziehe. Ich verabrede mich mit Freunden zum Brunch, wenn ich kein Geld habe. Ich schlafe bis 12, wenn ich um 18Uhr arbeiten muss, gehe aber erst um 3 ins Bett wenn der Wecker um 6 Uhr klingelt. Das alles sind Gründe, warum ich denke, dass ich ein Junge bin.

Nun könnte man sagen. "Mensch Junge, mit 31 Jahren müsste doch so Einiges anders laufen."
Doch denke ich drüber nach, zerplatzen just in diesem Moment die Würstchen oder das Klopapier ist weg und ich hab's schon wieder vergessen. Oft versuche ich meinen Lebenszyklus in definierte Bahnen zu lenken, doch verbrauche ich dabei soviel Zeit, dass der Tag schon wieder rum ist und ich mir sage: "Na heute hat's sowieso keinen Sinn mehr."

Es kommt auch vor, dass ich gerade dabei bin, eine dieser Bahnen zu betreten, und hoffe jetzt endlich die Erkenntnis und Erleuchtung zu erlangen - euphorisiert springe ich auf, will mir die Kleider vom Leib reißen, auf die Strasse rennen und den Leuten zu brüllen: "Ich hab's kapiert!" - Da öffnet sich die Tür, mein Mitbewohner schneit herein, drückt mir eine Kippe und ein Glas in die Hand und sagt: "Lass uns doch mal abschalten, ich hab das jetzt echt nötig." Ich bin kein Schwein. In solch einer Situation kann ich ihn nicht einfach alleine lassen. Also sortiere ich notdürftig meine Sachen, ich wollte sie ja eben noch zerreißen und auf die Strasse schmeißen, lehn mich zurück und helfe meinem Freund beim Abschalten.
Ich habe das Gefühl, ich sei immer noch der kleine Bengel, der nach Hause kommt die Schultasche in die Ecke feuert und sich aufs Rad schwingt, um sich mit Freunden die Knie blutig zu fahren. Nur, dass ich heute auf die Uni gehe und mein Rad im Keller vor sich hin schimmelt. Selbst wenn ich es reparieren wollte, würde das nichts bringen. Meistens endet das mit einer Verletzung meines Körpers oder der Ruhezeiten im Hof, auf die meine gottvollen Nachbarn felsenfest bestehen. Ich weiß das, ich wurde schon mehrfach darüber informiert.

Wer jetzt allerdings denkt mein Leben ist Achterbahn, immer auf der zweiten Spur - Go Johnny, Go - der liegt falsch. Ich berausche mich nur in Maßen, ich halte die letzten Regeln der Kleiderkunst fest in meinen von guter Arbeit gegerbten Händen. Ich achte und respektiere das Ampelmännchen genauso wie einen geschlossenen Bahnübergang. Ich esse auch Fisch und ich trinke Tee zu Jazzplatten. Meine Aschenbecher leere ich regelmäßig und nachts drehe ich die Heizung runter. Gästen biete ich immer etwas an und wenn ich rede, mache ich Pausen, um meinem Gegenüber die Chance zu geben sich selbst zu äußern. Ich hasse den Krieg und ich liebe Filme, deren Ende ich nicht kapiere.

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91 Antworten

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    klasse Artikel, das Grinsen konnte ich mir ja bei foldengem Satz nicht verkneifen: "Funktionalität und Design sind auf einander abgestimmt und kooperieren hervorragend."
    Komm, so schlimm kann dann das Leben doch gar nicht sein und so lange du eine Freundin hast, die die "vernünftigen" Entscheidungen trifft und dich vor dem Schlimmsten bewahrt ist doch alles super :)

    22.08.2011, 23:25 von Claudia_Pauli
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    Ich hasse den Krieg und ich liebe Filme, deren Ende ich nicht kapiere.
    Herrlich! :-D

    09.01.2010, 12:18 von palanka
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    ...schöner text, menschlich...musste die ganze zeit schmunzeln...

    hab gerade gestern mit meinem mitbewohner drüber gesprochen, der ist 30 und 22 und ein klasse typ der es schafft, erwachsene verantwortung für sein leben zu tragen und sich gleichzeitig jungenhafte Träume zu bewahren und sich selbst zu verwirklichen...

    ich finde das toll, denn das macht ihn sehr lebendig und ich wünsch mir für mich, da auch einen tollen mittelweg zu finden...

    Schön geschrieben!

    04.07.2009, 11:34 von Sadenise
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    Haha du klingst wie ich ^^ So mit fast28 wart ich auch noch auf die große "Du bist jetzt erwachsen" Erleuchtung. Peter Pan Syndrom ist bitter...

    24.06.2009, 17:19 von LeyluraLegbreaker
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    absoluter hammer!
    ich sitz grade im büro und muss mir ständig mund und nase zuhalten um nicht alle 2 sekunden laut loszuprusten.
    super genialer artikel!!

    24.06.2009, 16:39 von alpha_maedchen
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    ...den mann möchte man doch gerne kennenlernen.

    12.12.2008, 21:28 von TiffanyDeLuca
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    Heirate deine Freundin. Sie wird vielleicht die einzige sein, die noch soviel Geduld mit dir aufbringt :-)

    30.07.2008, 17:24 von teasysfire
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