sophietrauer 30.11.-0001, 00:00 Uhr 9 11

ich werfe mein leben weg.

ich werfe mein leben weg. drei euro zwanzig kostet mich das. sechzehn seiten sind es noch.

ich werfe mein leben weg.
drei euro zwanzig kostet mich das.
sechzehn seiten sind es noch.

ich schreibe mein leben auf.
wenn es papier gibt.
meistens finde ich nur zeitungen.
sind deren ränder breit genug, schnorre ich beim edeka, bis es für eine flasche cabernet sauvignon reicht.

bei der wagenburg darf ich mich manchmal mit ans feuer setzen.
sie singen zigeunerlieder, die blondschöpfe schmecken nach rauch.
nacht tränkt dicke wolle.
ihre kinder tapsen durch die bretter.
einige sehnen sich schon nach eigenen zimmern.
elternträume sind nicht ihre.
sie werden in doppelhaushälften enden.

am feuer schreibt es sich gut.
die rotbunte katze mag mich nicht.
ihr bruder gähnt in meinem schoß.
er duftet nach heu.
es gibt weit und breit keines.
der maschendrahtzaun greift traurig in die luft.
winter sind asphalthart und alditütenkalt.
schreiben wärmt.

ich schreibe mein leben auf.
die schöne dame jeden morgen an der u-bahn.
eine ode auf ihren nacken.
kräne kratzen dem himmel die augen aus.
der lärm vereint den platz in einer muffigen umarmung.
sie haben straßengrinde aufgekratzt.
nun dampfen die wunden, sie sind mit kanalarbeitern infiziert.
kassiererin, oh deine stämmigen fesseln!
du bist mutter aller.
dein „schönet wochenende“ erlöse mich von meiner pein.
wochen haben enden, keine pausen.

ich fange einen bunten käfer und schlucke ihn hinunter.
im traumtanz sind die wege krumm, die wände schillern.
doch lieber cabernet.
flackern erinnert mich an seine augen, als er starb.
vater war ich.
am feuer schreibt es sich gut.
wenn es sich gut geschrieben hat, borgt mir der häuptling der wagenburg seine adlertasten und schenkt mir fünfzig cent für die kopien.

ich sammle geschichten, während ich die alten verkaufe.
zwanzig cent die seite.
ich habe einen fanclub.
erbärmliche hühner sind das.
als sie ihre dielen selbst abschliffen, glaubten sie das leben verstanden.
ich will ihre nasen in ihre eigene scheiße drücken.
ich schreibe mein leben auf, sie drücken ihre nasen freiwillig hinein.
den duft lassen sie dort, wo er ist.

zwanzig cent pro seite sind nicht viel.
die meisten geben mehr.
hunderte winken ab.
ich bemühe mich nicht, auch ihre nasen zu adeln.
sie haben verstanden.
sie halten sich fern.
unglück steckt an, glauben sie.
recht haben sie.

nun werfe ich den rest meines lebens weg.
die brücke brüllt vor schmerz unter den rädern und tonnen.
ein vöglein setzt sich nieder an ihrem fuß.
es trägt kopfhörer und einen bunt gestreiften schal.
ein farbschrei in der stille.
ich werfe mein leben weg.
ausgesetzte blätter torkeln auf die spree.

ich habe mein leben verschenkt.
doch sie bezahlt.
sie liest.
und lacht.

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9 Antworten

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    ...und wieder.

    !

    16.10.2008, 00:51 von Kiyan
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    :O

    02.10.2008, 11:07 von Zio
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    einfach wunderbar

    29.09.2008, 14:26 von joy.peace
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    alditütenkalt ist ein tolles adjektiv...!

    29.09.2008, 09:53 von Blumenbeet
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      @MisterGambit herr poet... so soll's sein.

      28.09.2008, 16:56 von sophietrauer
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    "am feuer schreibt es sich gut.
    die rotbunte katze mag mich nicht.
    ihr bruder gähnt in meinem schoß.
    er duftet nach heu.
    es gibt weit und breit keines.
    der maschendrahtzaun greift traurig in die luft.
    winter sind asphalthart und alditütenkalt.
    schreiben wärmt."

    *

    27.09.2008, 13:20 von iananderson
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