sternenkind 14.08.2011, 20:11 Uhr 3 4

Ich schaue in die Welt....

Was bleibt 10 Jahre nach der Waldorfschule? Nur die Fähigkeit meinen Namen tanzen zu können?

Vor ziemlich genau 10 Jahren endete meine Zeit als Waldorfschülerin. Nach 13 Schuljahren, 8 davon an der Waldorfschule, das letzte Jahr zum Abitur klammere ich an dieser Stelle zunächst einmal aus, denn es hatte mit den üblichen antroposophischen Lernstrukturen wenig gemein. Vorrangegangen waren 5 Jahre voll mit Eurythlatschen, wallenden Gewändern, stundenweise Unterricht an Werkbänken und in Handarbeitsräumen, ohne Schulbücher oder Noten, unzähligen selbst gestalteten Epochenheften, Wachsblöckchen und Ökoaquarellfarben, diversen Praktika, appen Ecken, Sprechübungen, Orchesterproben und Theaterspielen, Pasteltönen und bergeweise Vorurteilen, sobald man die naturgefärbte Märchenwollewelt verließ. Und natürlich stinknormalem Unterricht mit Arbeiten und Vokabeltests.

Die Außenwelt hat ja immer das Bild von „dem Waldorfschüler“. Dieses wird einem oft entgegengetragen wenn man seine schulische Vergangenheit anderen gegenüber offenbart. Wenn ich mir die meisten meiner ehemaligen Mitschüler so anschaue, dann trifft dieses auf sie selten zu. Auf mich dummerweise schon eher. Auch heute noch habe ich die Fingerkuppen von Näh- und Stecknadeln regelmäßig wundgestochen, Farbe auf den Jeans, blaue Flecken an den Beinen von irgendwelchen Werkaktionen, häufiger eingematschte Schuhe vom Gärtnern. Dort wo handfeste Kreativität früher im Stundenplan festgeschrieben war, wird sie nun freiwillig praktiziert. Es erscheint mir fast so, als hätte ich den Drang etwas zu tun, mit meinen Händen, meinem Geist und meiner Seele. Rudi aka the Steiner wäre stolz auf mich. Oftmals reicht es auch, eine Sache zu erzeugen und sie dann anderweitig zu verschenken oder gar in den Müll zu kloppen. Der Prozess ist das wichtige, nicht das Endprodukt. Allerdings hat es schon seine Vorzüge, Klamotten, welche man so nicht bekommt aber unbedingt haben möchte „einfach mal“ selbst zu machen, Marmelade, welche ich mir morgens aufs Brötchen schmiere, ist nicht selten selbstgekocht.

Mein heute praktiziertes Yoga attestiere ich mir selbst als Ausgleichsdroge zur ehemaligen Eurythmie. Sobald ich barfuß gehe, laufe ich im Grunde nicht, sondern „schreite“ so, wie wir es damals vom dem Herrn (!!!) im lila Kleidchen gelernt haben. Bevor eine Party heute ihren humoristischen Tiefpunkt erreicht, ist man als ehemaliger „Waldi“ gut damit beraten, seine Fähigkeiten als Namentanzenkönner zu offenbaren. Die Party ist mit Sicherheit gerettet und diverse Leute ziemlich glücklich, wenn auch sie endlich ihren Namen tanzen können. (Ob sie es am nächsten Morgen noch können ist die anderen Frage)

Waldorfschüler müssen Instrumente spielen können. Das beginnt bei der Blockflöte und endete in meinem Fall mit KlavierSaxophonGitarreMelodika. Zum Profimusiker habe ich es nicht gebracht, dennoch reiste ich mit meinem Saxophon bewaffnet über die Bühnen der Nation. Okay, es war keine Klassik, auch kein Jazz, sondern Indie und endete häufig volltrunken an Theken (damals noch) verrauchter Clubs. Dennoch bleibt die Frage offen, ob es dazu gekommen wäre, hätte die Waldorfschule nicht ihre musikalische Förderung über mir aufgespannt. Mittlerweile verstaubt das gute Stück zwar unter meinem Bett, aber die Gitarre darf des Öfteren noch gezupft werden. Die erfreut sich bei den Nachbarn auch größerer Toleranz.

Irgendwas werden sich meine Erziehungsberechtigten dabei gedacht haben, als sie mir vor vielen Jahren diese kostspielige und ziemlich elitäre Schullaufbahn ermöglichten. Und sei es nur das Abitur, welches in an einer staatlichen Schule wohl nicht geschafft hätte. Vermutlich haben meine kreative Ader, deren Förderung und Möglichkeit zur Ausübung an der Baumschule mir das Überleben zwischen Vokabellisten, Winkelfunktionen und Gedichtanalysen gerettet. Wäre an einer normalen Schule wohl nicht möglich gewesen und ich vor die Hunde gegangen. Viele Talente haben sich in den Jahren zwischen der fünften und zwölften Klasse herauspellen können, erhielten Förderungen, Zuspruch, lernten Techniken und festigten sich zunehmend. Dass sie auch heute noch zur absolut wunderbaren Bereicherung meines Lebens dienen sei an dieser Stelle unbedingt erwähnt. Natürlich rebellierte auch ich als anständiger Teenager gegen die mich umgebenden Systeme, natürlich sah ich schon damals nicht alles als supertoll und nahm die Dinge hin, wie sie mir vorgegeben wurden. Aber welcher anständige Mensch tut das nicht?

. Ich wurde Lehrer, weil ich großartige Lehrer hatte und die Form des Lernens an einer Waldorfschule einem öfter auch andere Seiten seiner Lehrer offenbart, als es eine “normale” Schule kann. Dennoch bin ich keine Waldorflehrerin geworden, da ich die Antroposophie und ihre Inhalte nicht ganz unkritisch betrachten kann. Diese Erkenntnis erlangte ich aber erst nach meiner Schulzeit, als ich begann mich mit den Theorien hinter der Praxis, welche mich jahrelang wie ein rosa- Wolle- Schutzschild umgab, auseinanderzusetzen. Cliquenbildung, Mobbing, Hierarchien und all den anderen üblichen Schulkram gibt es an Waldorfschulen wie an jeder anderen Schule auch. Den Unterschied macht das wie und was gelernt wird und das weiß ich 10 Jahre nach Waldorf immer noch sehr zu schätzen. Man mag der Antroposophie vorwerfen sie sei weltfremd und habe eine Tunnelblick. Mir jedenfalls eröffnete ihre praktische Umsetzung bereits zu Schulzeiten eine Vielzahl von Einblicken in noch mehr Lebensbereiche. Es gibt immer mehr als eine Sicht der Dinge und mehr als eine Art und Weise ein zufriedenstellendes, erfülltes Leben zu führen. Vielfalt in der globalisierten Welt. In Punkto dessen hatte die Waldorfschule den “normalen” Paukanstalten immer etwas vorraus. All diese Fähigkeiten findet man gelegentlich auch bei Menschen, welche normale Schulen besuchten. Allerdings mussten sich diese die vielfältigen Talente mühsam selbst erarbeiten. Ich schaute schon früh in die Welt und mein Blick wurde geöffnet. Ich bekam eine Vielzahl von Talenten und Fähigkeiten vor die Füße geworfen. Darum möchte ich sie nicht mit eben jenen treten, sondern weiter nutzen, ausbauen und genießen, auch wenn ich wohl nie Fußball spielen können werde. Dafür kann ich auch nach 10 Jahren immer noch meinen Namen tanzen und euren auch!

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Kommentare

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    Musste beim Lesen an vielen Stellen schmunzeln... 6 Jahre Waldorfschule, und in einer Studi-WG sagte man mir mal vor Jahren, ich 'male' den Putzplan. (Schöne, geschwungene Buchstaben mit verschiedenen Farben, fand ich netter so!)
    Ich bin jedoch sehr viel kritischer mit Waldorfschulen. Steiner sagte selbst, seine Theorien müssen mit der Zeit weiterentwicklet werde, mit der Zeit gehen, und leider passiert dies an vielen Waldorfschulen nicht. Festgefahren in längst überholten Mustern und weltfremd tun es sich einige Anthroposophen schwer mit dem Leben in der heutigen GEsellschaft. Und hey, wir durften kein Fussball spielen, das wurde uns verboten, denn davon lernt man treten. Aha.
    Aber es stimmt, ich habe viel gelernt, was an anderen Schulen nciht unterrichtet wird und bin froh darum. Eine ganze Schullaufbahn an der Waldorfschule würde ich meinem Kind jedoch nciht antun. Naja, kommt darauf an, welche.

    15.08.2011, 14:54 von miss_mel
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